Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Robert Brack, Jochen Brunow

Robert Brack: Katholische und andere Pappenheimer

Kleine Gedanken zu Monika Geiers großem Kriminalroman „Antoniusfeuer“

Nicht in einer Mönchszelle beginnt der neueste Roman von Monika Geier, sondern in einer Gefängniszelle im Jugendknast, wo ein Häftling tot aufgefunden wird. Der Afghane (!) hatte ein Altarbild bei sich, das die Versuchung des Heiligen Antonius zeigt. Und schon stecken wir (und die Teilzeitkommissarin Bettina Boll) bis zum Hals im Schlamassel: Denn das schwer fassbare christliche Motiv von der Versuchung des Heiligen Antonius treibt diesen Kriminalroman voran – und führt die Leserinnen und Leser ironischerweise (Agatha Christie lässt grüßen) ins Pfarrhaus, in die Kirche und in eine Kapelle im Wald.

Im Jugendhaus der katholischen Gemeinde Frohnwiller wird LSD im Gewürzregal gefunden. In der Liebfrauenkirche wird das Jesus-Kind, das eine Madonna im Arm hält, schwarz übermalt. Ein Pfarrer stirbt beim Autounfall. Ein wichtiger Zeuge entpuppt sich als freischaffender Exorzist. Eine Psychologin arbeitet offiziell als Gutachterin für Teufelsaustreiber. Eine jugendliche Streunerin verbrennt in ihrem Zelt. Eine Mutter versklavt ihre Kinder auf perfide Weise. Und so weiter. Willkommen in der Pfälzischen Provinz, wie Monika Geier sie sieht. 

Willkommen auch bei den betriebsinternen Intrigen der Kripo (inklusive Mobbing und entscheidungsschwachen Chefs und im Privatleben orientierungslos gewordenen Kollegen). Willkommen auch in Bettina Bolls eigenem Heim, wo nicht nur (ganz real) eine Leiche im Keller liegt, sondern auch ein Poltergeist (ebenso real, wie sich später herausstellt) sein Unwesen treibt, und die eigenen Kinder mit falschen Versprechungen von einer Art Hexer ins Nachbarhaus gelockt werden. 

In Monika Geiers Romanen ist die scheinbar solide Realität nur eine Kulisse. Dahinter findet das wahre Leben und Sterben statt. Und hier erkundet sie Roman für Roman düstere und verquere Aspekte der Normalität, die uns jedes Mal wieder eiskalt erwischen. In diesem Roman dauert es circa hundert Seiten, in denen wir auf das herrlichste eingelullt werden, bis die Erzählerin zur ersten schallenden Ohrfeige ausholt, und bei der bleibt es nicht, von da an geht es Schlag auf Schlag, in kunstvoller Dramaturgie.

Die Autorin kennt ihre Pappenheimer (die klösterlichen und die verbrecherischen) und da sie auch den Geist des Katholizismus verstanden hat, ist es ihr gelungen, einen Roman über menschliche Irrwege zu schreiben, bei dessen Lektüre uns die Ahnung beschleicht, dass wir das Mittelalter (das Finstere!) nie verlassen haben, jedenfalls nicht in der katholischen Provinz. Die Dialektik der Detektion will es, dass wir am Schluss glauben müssen, wir hätten verstanden, was hier „in Wirklichkeit“ vorging, weil eine klare wissenschaftliche Beweisführung nicht möglich ist. (Als sie sich entschließ, bei ihren Ermittlungen die Pfade der Vernunft zu verlassen, ähnelt die Teilzeitkommissarin Bettina Boll auf verblüffende Weise Sara Grans Detektivin Claire DeWitt.)

Trotzdem ist „Antoniusfeuer“ ein solider Whodunnit, nur dass die kriminalistische Aufklärung unangenehme Leerstellen zurücklässt. Zwar wissen wir, wer warum und wie grässliche Dinge getan hat, aber uns befällt gleichzeitig eine Ahnung, dass das menschliche Handeln von Gesetzen bestimmt wird, die lange vor der philosophischen Aufklärung festgelegt wurden und im 21. Jahrhundert wirksamer sind denn je. In dieser Hinsicht ist „Antoniusfeuer“ ein hochaktueller Roman, der am Ende zu einem verblüffenden Ergebnis kommt: Aberglaube führt in die Dunkelheit, Glaube ins Licht – aber umgekehrt funktioniert es genauso gut! Wo Mystik und Magie im Alltag fest verankert sind, wird der traditionelle Instrumentenkasten der Kriminalistik wirkungslos. Ob das gut oder schlecht ist, wird in dieser katholischen Versuchsanordnung nicht entschieden. Mit Gottvertrauen hat Bettina Bolls Lösung ihres vertrackten Falls allerdings nichts zu tun, denn bekanntlich muss man nicht an Gott glauben, um katholisch zu sein.

Monika Geier „Antoniusfeuer“, Ariadne/Argument Verlag, 432 Seiten, 24 Euro

Von Robert Brack erschien 2023 der historische Kriminalroman »Schwarzer Oktober«, hier bei uns von Alf Mayer besprochen. Robert Bracks Texte bei uns.

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Jochen Brunow: Weiterhin blinde Sklaven …

Alle Jahre wieder geschieht es in der Vorweihnachtszeit. Viele meiner Freunde stellen zum Jahresende Listen auf, Filme, Bücher, Bundesliga, Tennis. Filmzeitschriften rufen mich zur Teilnahme an jährlichen Ranglisten auf. Manchmal von den besten zehn Werken des zurückliegenden Jahres, manchmal auch von den besten aller Zeiten. Diese absolute Rang­liste gibt es dann natürlich auch von Jahr zu Jahr immer mal wieder neu. Und dann tauscht im Ranking wie vor kurzem in einer internationalen Filmzeitschrift plötzlich „Citizen Kane“ von Orson Welles den ersten Platz mit „Jeanne Dielmann“ von Chantal Akermann. Was wiederum viele Kommentare oder einen Shitstorm an Widersprüchen auslöst. Und natürlich eine Diskussion über MeToo und die Präsenz von Frauen in den Medien. Ich bin kein Mann der Listen. Auch wenn ich sie gelegentlich gerne lese, diese Listen – vor allem wenn sie die Kategorie enthalten „bester Dialogsatz“. Etwas in mir sträubt sich gegen dieses streng hierarchisierte Sammeln und Betrachten, dieses Einordnen. Deshalb nehme ich an diesen Freuden der Freunde oder auch den Aufforderungen von Filmzeitschriften eigent­lich nicht teil. 

Und jetzt kommst Du Alf mit Deiner Anfrage für CrimeMag, Highlights des Jahres. Ich lese doch viel zu wenig. Habe auch nicht so viele Filme gesehen dieses Jahr wie früher. Und dann beeindrucken mich auch noch die vielen wundervollen humorvollen Rückblicke dieser tollen Autoren, die ich im Archiv von CulturMag unter Highlights zu finden sind. Aber an Deiner Anfrage komme ich dieses Jahr wohl nicht vorbei. Du schreibst, ich solle dem Jahresrückblick „die Schwere und die Last“ nehmen. Bei diesem zurückliegenden Horrorjahr wahrlich nicht ganz einfach. 

Um „Oppenheimer“ von Christopher Nolan gab es einen riesigen Medienhype und der Film war trotz seines Themas ein erstaunlich großer Publikumserfolg. Wahrlich das Highlight des Filmjahres zusammen mit „Barbie“, den ich nicht gesehen habe, auch wenn es einen sehr interessanten Text zu diesem Marketing Werk gibt, das sich als Autorenfilm tarnt. Samira El Ouassil in Übermedien wurde gerade für ihren Essay mit dem Michael Althen Preis 2023 ausgezeichnet, der an den 2011 verstorbenen Kollegen und Freund erinnert. Der Text, der den Film und seine Rezeption öffentlich und privat dekonstruiert, ist sicher ein Highlight der Filmkritik.

„Oppenheimer“ habe ich zweimal gesehen, an zwei Tagen direkt hintereinander. Zuerst in der 70 mm Version mit Originalton im großen Delphi Kino, und am folgenden Tag sofort noch einmal in einem der kleineren Säle des Delphi Lux die deutsche Synchronfassung. Ich bin kein Fan von Christopher Nolans Kino, auch wenn für ihn der Kinosaal der perfekte Ort ist, um Filme zu präsentieren, weil er meint, dort herrsche eine einzigartige Mischung aus Konzentration und Empathie. Eine Haltung, die ich teile. Das Blockbuster Kino jedoch, für das Nolan steht, lässt mich eigentlich kalt, und wenn er noch so brillant mit verschiedenen Zeitebenen spielt. Aber dieser Film hat mich bewegt. Es gab jede Menge Rezensionen in den Feuilletons und eine lebhafte Diskussion mit nicht immer einheitlichen Bewertungen des Werks. Immer wieder wurde vor allem im Vorfeld die Frage gestellt, warum sich ausgerechnet Nolan diesem politischen Thema widmet? Ich denke, er sah darin die Herausforderung das Unsichtbare zu filmen, die Kernspaltung und ihre Folgen sichtbar zu machen …  besser sie und ihre Folgen erfahrbar zu machen. Es war die Herausforderung, unter die reine Oberfläche der Abbildung zu tauchen. Was ihm gelang durch eine absolut faszinierende Gestaltung der Tonebene, wenn z.B. das Ticken des Geigerzählers die Idylle des Bildes zerknattert, sie in der Wahrnehmung spaltet. Wenn was Grollen der trampelnden Füße auf dem Holzboden des Hörsaals die damit eigentlich zum Ausdruck kommende Ovation zerdonnert, sie spaltet. Es gelingt Nolan, die universelle Veränderung spürbar zu machen, die mit dem Bau der Bombe einherging. Die Welt ist nicht mehr die gleiche nach der ersten erfolgreichen Explosion und dem ersten Auftauchen des ikonisch gewordenen Atompilzes. 

Für mich sprengte der Film auf wundersame Weise einen Raum der Erinnerung auf. Die Ära des kalten Krieges mit all ihren politischen, sozialen und kulturellen Facetten wurde in einem Strom der Bilder lebendig. Die Formen von Little Boy und Fat Man tauchten im Bewußstseinsstrom auf, ohne im Film zu sehen zu sein. Die Atmosphäre bei den Diskussionen auf dem Gymnasium um die drei verrückten Physiker Einstein, Newton und Gödel, nachdem Friedrich Dürrenmatts Stück im Fernsehen gezeigt wurde. Wie die darin zum Ausdruck kommende Hoffnungslosigkeit auf die Weiterent­wicklung der Wissenschaft auf die Technikgläubigkeit der Zeit traf.

Ich erinnerte mich an die Ausgaben von „Hobby“, die mein Vater abonniert hatte und in denen ich immer stöberte. Der Geruch der glatten Blätter im vielfarbigen Hochglanzdruck. Das „Magazin der Technik“ war eine Zeitschrift, die von Mai 1953 bis September 1991 erschien. Wesentlicher Teil waren Artikel über die neuesten Errungen­schaften der damaligen Technik, mit aus heutiger Sicht skurrilen Zukunfts­visionen, die in einem technikverliebten Stil geschrieben waren. Rundflügler sollten die Luftfahrt revolutionieren, und radioaktive Bestrahlung sollte Korn vor Schädlingen schützen und zu ungeahntem Wachstum anregen. Später im Germanistischen Seminar die Auseinandersetzungen über Heinar Kipphardts „In Sachen Robert Oppenheimer“. Vieles von der Handlung in Nolans Film wird auch in diesem Theaterstück verhandelt, sodass bei Sehen des Films das Gefühl aufkam, das alles schon einmal gewusst, aber vergessen, verdrängt zu haben. Nie war ich in Kino auf so vielfältige Weise mit gleichzeitigen Eindrücken, Empfindungen und Überlegungen beschäftigt, ohne dabei aus dem Flow der Handlung, der Immersion in das Film Bild auszusteigen. 

So traurig es ist, die heftigen politischen Ereignisse stellten auch im persönlichen emotionalen Haushalt alle Lektüre- oder Filmfreuden in den Hintergrund. Und die Ereignisse im Nahen Osten wiederum rückten den Ukraine Krieg und seine unmenschlichen Folgen nicht nur in der medialen Aufmerksamkeit in den Schatten. Die dffb, die Filmhochschule, deren Drehbuchabteilung ich früher zehn Jahre lang geleitet habe, meinte zu der Situation einen offenen Brief veröffentlichen zu müssen. Offensichtlich ohne die Studenten vorher nach ihrer Einstellung zu befragen, sodass die sich genötigt sahen, einen eigenen offenen Brief zu schreiben, in dem die Empathie für die Leiden der palästinensischen Bevölkerung in Gaza nicht ganz ausgespart war.  

Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland warf der Kultur und speziell der Filmbranche vor, zu wenig Solidarität mit den jüdischen Opfern des islamistischen Massakers der Hamas zu zeigen und rief zu Unterschriften unter einem entsprechenden Brief auf. Der enthielt leider auch faktische Fehler. Über 1000 Filmschaffende haben unterschrieben. 

In der aufgeheizten Debatte werden zurzeit Haltung, Klarheit oder eindeutige Positionen rigoros eingefordert. Im Feuilleton des Tagesspiegels wird gefragt, spaltet die Debatte den Berliner PEN? Jede Menge Preisverleihungen werden verschoben oder ausgesetzt auf Grund von Äußerungen der Preisträger zum Nahostkonflikt. Es trifft jüdische Intellektuelle wie Masha Gessen, der wegen dem Vergleich der Situation in Gaza mit den jüdischen Gettos der Nazi in den besetzten Gebieten, eine angemessene Veranstaltung zur Übergabe des Hanna Ahrend Preises verweigert wurde. Der Spiegel gewährte ihr zumindest Platz ihre Position differenziert zu erklären. »Natürlich ist ein 1:1-Vergleich absurd. Aber wenn es potenzielle Vergleichbarkeiten gibt, müssen wir uns doch fragen, was wir tun können, um den Tod weiterer Zivilisten zu verhindern.« Wer so tue, sagte sie, als sei der Holocaust mit nichts vergleichbar und könne sich folglich auch nicht wiederholen, könne eine erneute Katastrophe nicht verhindern.

In der Kunstszene, an Theatern, Schulen, Universitäten werden die Leute zunehmend in eine Dichotomie gezwungen: bist du für Israel, bist du gegen die Palästinenser. Zeigst du Ver­ständ­nis für die Palästinenser, bist du gegen Israel oder gleich ein Antisemit. Mich erschüt­tern die Bilder des zerstörten Gazastreifens und das Leiden der dortigen Zivilbevölkerung genauso wie die Schreckensvideos, die die Hamas von ihren furchtbaren terroristischen Greultaten verbreitet hat. Wieder soll ich hierarchisieren, das eine als schlimmer bewerten als das andere. Es will mir – auch mit der Shoa im Gedächtnis – nicht gelingen. Mitleid habe ich auch mit mehr als der Hälfte der israelischen Gesellschaft, die Geiseln der radikalen ultraorthodox getriebenen Regierung sind, die den Konflikt nie ernsthaft lösen wollte und in ihrer Koalitionsvertrag die jüdische Inanspruchnahme und Besiedlung weit über das aktuelle israelische Staatsgebiet hinaus zum offiziellen Regierungsziel erklärt hat. Kann jeder nachlesen. „Das jüdische Volk hat ein exklusives und unbestreitbares Recht auf alle Gebiete des Landes Israel. Die Regierung wird die Besiedlung alles Teile des Landes in Galiläa, dem Negev, dem Golan, Judäa und Samaria ausbauen.“ Ich werde mich hüten, israelische Stimmen anzuführen, die genau hierauf verweisen, denn dann heißt es sofort, es sind die Antisemiten, die Alibi­jüdinnen wie Deborah Feldmann in die Diskussion einführen. Auf der anderen, der palästinesischen Seite ist es aber keines­wegs besser, dort singen sie „From the river to the sea.“ Und ihr Traum von einem Palästina von Jordan bis zum Mittelmeer ist eine schreck­liche, grauenvolle Horrorvision von der terroristischen Aus­löschung Israels. 

Die durch immer radikaler eingeforderte Parteinahme von beiden Seiten liegt wie eine schwarze Decke über dem Jahreswechsel. Die entstandene Spaltung in der deutschen Zivilgesellschaft ist wenig hilfreich, es bleibt nicht nur die Komplexität des Konfliktes auf der Strecke, sondern die Spaltung beflügelt auch den gefährlichen und zum Teil immer heftiger und gewalttätiger werdenden realen Antisemitismus in Deutschland. Das ist zutiefst ver­störend. Mitgefühl und Solidarität mit in Deutschland lebenden Juden, die unter Antisemitis­mus leiden, steht nicht zur Disposition. Solidarität basiert auf Empathie. Empathie aber ist nicht teilbar! Wie da heraus­kommen? 

Das bringt mich zum vor kurzem verstorbenen John Tooby, einem amerikanischen Evolutions­psychologen. Er wurde gerade auf der Website EDGE von John Brockman (EDGE, where you arrive at the edge of the world’s knowlege) gewürdigt und wie folgt  zitiert: 

„Die Menschheit wird weiterhin blinde Sklaven der Programme sein, die die Evolution in unsere Gehirne eingebaut hat, bis wir diese ans Licht bringen. Normalerweise bewohnen wir nur die Versionen der Realität, die sie spontan für uns konstruieren – die Oberflächen der Dinge. Weil wir uns nicht bewusst sind, dass wir uns in einem Theater befinden, in dem unsere Rollen und Textzeilen weitgehend von unseren mentalen Programmen für uns geschrieben werden, lassen wir uns leichtgläubig in diese Stücke hineinziehen (wie zum Beispiel in das Völkermorddrama von „Wir gegen sie“). Endlose Kettenreaktionen zwischen diesen Programmen machen uns zu Opfern der Geschichte – eingebettet in Krieg und Unterdrückung, eingehüllt in Massenwahn und kulturelle Epidemien, verstrickt in endlosen Negativsummenkonflikten.“ 

Wo soll ich unterschreiben, an welcher Demon­stra­tion soll ich mich beteiligen? Oh Mann. Jetzt habe ich nicht auf Dich gehört, Alf, und mich doch hineinziehen lassen in „die Schwere und die Last.“ Ich nehme also noch einmal Anlauf und komme auf zwei Leseerlebnisse, die mich schon in der Vergangenheit beflügelt haben und es auch heute immer wieder aufs Neue tun. 

Es gibt Autoren, die einen als Leser ein Leben lang begleiten. Deren Werk man durch die Zeit hindurch verfolgt und das für das eigene Leben wichtig wird. Es kann passieren, dass man dann die Gelegenheit bekommt, dem Autor in der Realität zu begegnen, den Menschen hinter dem Autor zu treffen und man ist begeistert, fühlt sich bestätigt in dem positiven Bild, das man sich von dem Schreibenden gemacht hat. Was man im Werk glaubt als Haltung, als menschliche Kontur, als Habitus oder Mentalität erkannt zu haben, wird auf das Schönste bestätigt. So ging es mir vor einiger Zeit bei einer Lesung und Diskussion mit Richard Ford an einem Sonntagmorgen in der Berliner Schaubühne. Der Mensch dort auf der Theaterbühne war nahbar, offen.

Jetzt gehört der Abschluss der Frank Bascombe Reihe zu den heraus­ragenden Leseerlebnissen dieses Jahres. In „Valentinstag“ geht Frank mit seinem zum Tode kranken Sohn auf eine letzte Reise. In einem klapprigen Wohnmobil soll es zur Mayo Klinik und zum Mount Rushmore gehen. Wieder sind wir – inzwischen zum fünften Mal – im Kopf von dem jetzt 74-jährigen Frank, den wir schon auf seinen Stationen als Immobilienmakler und als Sportreporter begleitet haben. Reflexionen zur Lage der Nation und zu allen Fragen des Lebens und Überlebens waren immer eingebettet in nur sparsame äußere Handlung. Dabei war Frank in „Der Sportreporter“, „Unabhängigkeitstag“, „Die Lage des Landes“ und „Frank“ eigentlich immer so in etwa in meinem Alter als Leser, begleitete die eigene Entwicklung als Mensch.  Gedanken über Krankheit, über die Endlichkeit des Lebens bestimmen das aktuelle Buch. Als Frank nach dem Tod seines Sohnes nach Kalifornien zieht, erwacht er aus einem Zustand der Amnesie. Er glaubt, eine Stimme zu hören, die ihn ruft, es gäbe da noch etwas ganz anderes zu erfahren. Frank Bascombe scheint dazu bereit.

Richard Ford wird wohl keinen Roman mehr schreiben, er wisse nicht, woher er die Energie nehmen solle, sagte er in einem Interview. Und wie er die Phase der Überarbeitung und vor allem das „Sensibilitäts­lektorat“, dem man sich heute als Autor zu unterziehen habe, über­stehen solle. 

Genauso wie positiv zu enden kann die persönli­che Begegnung mit einem geliebten Autor auch schief gehen, wie es für mich bei einem Auftritt von John Berger im Literaturhaus in der Berliner Fasanenstraße geschah. Seine Essays zur Bildinter­pretation und zur Foto­graphie hatten mich schon während des Studiums beeinflusst und wie in einer Schule des Sehens mein Film­verständnis stark geprägt. Seine Drehbücher für den Schweizer Regisseur Alain Tanner waren Meilensteine meiner Kinoerfahrung und auch seine Romane habe ich mit Gewinn gelesen, trotz ihrer manchmal etwas schweren, me­la­n­cholischen Sprache. Berger nahm die Perspektive der Ausgestoßenen, der Zu­kurz­gekommenen ein, er sprach und erzählte schon früh über die Zerstörung von Natur und Umwelt und der Bedeu­tung, die dies für den Menschen hat. 1926 in London geboren, war Berger nicht nur Schriftsteller, Drehbuchautor, Essayist und Kunst­kritiker, sondern auch Maler und Zeichner. Bereits 1972 erhielt er den Booker Preis. Er lebte lange Zeit Jahre in einem abgelegenen Berg­dorf in der Haute Savoie, teilte das harte Leben der Bergler, beobach­tete den Wechsel der rauen Natur in den Jahres­zeiten. Schon die Titel wie „Von ihrer Hände Arbeit“ oder „Sauerde“ vermittel­ten einen Eindruck von seiner Sicht der Welt. Seine klare soziale Haltung erschien mir immer bewundernswert. 

Seinen Auftritt bei der damaligen Lesung fand ich allerdings ent­täuschend. Ich mochte den impo­santen Löwenkopf, der mit seinen Falten und den ungebändigten Grauhaar auf den Innenseiten der Buchumschläge so kraftvoll und zugleich so fragil und sensibel wirkte. Bergers Er­scheinung an diesem Abend hatte aber für mich nicht nur etwas Widerspenstiges, sondern auch etwas Trotziges, Orthodoxes. Im Gespräch mit dem Pub­likum erschien er mir mit einem Mal wie ein starrer Ideologe, wie ein Kommunist alter Schule. Es lag wahr­scheinlich auch an mir, die persönliche und emotionale Nähe, die ich zum Werk empfand, konnte ich zum leben­di­gen Autor und auch der ihn um­schwärmen­den Entou­rage in diesem Moment nicht entwickeln.  Mein Inter­esse an den Büchern und die Bewun­derung für den Autor blieb davon unberührt, immer wieder greife ich mal zu seinen Werken. Und wenn ich ein Buch wie „Begegnungen und Abschiede“ mit meisterlichen Essays „über Menschen und Bilder“ aus dem Regal nehme, stoße auf einen Satz wie „Alles was er gesehen hat, vertiefte seinen Sinn für die Rätsel des Lebens. Für diese Rätsel findet er nur Teilantworten – jede Geschichte ist eine Antwort, aber jede Antwort, jede Geschichte wirft eine weitere Frage auf. So kommt er nie zum Ziel, und das hält seine Neugierde wach.“ So beschreibt Berger am Beispiel einer Bildbetrachtung die Viel­deu­tig­keit und Offenheit von Erfahrungen und hat mich sofort wieder gefesselt, hält mich als Leser wieder gefangen und an seiner Seite.

Berger starb zu Beginn des Jahres 2017 in Paris. Sein letztes Buch mit Essays, kleinen Beobach­tungen, Skizzen und Geschichten heißt nach einem der Beiträge „Ein Geschenk für Rosa“. Der vom Hanser Verlag in der Reihe Akzente im folgenden Jahr in einer sehr sorgfältigen französischen Bro­schur mit schönem gestrichenem Papier produzierte schmale Band enthält auch Reproduktionen von Bergers Zeichnungen und Bildern, die trotz des kleinen Formats absolut nichts von ihrer Strahlkraft einbüßen. Der Verlag bewirbt das Werk als Testament des Autors Berger. In dem „Selbstporträt“ betitelten Text zu Beginn des Buches heißt es: „Ich schreibe seit über achtzig Jahren. Zuerst Briefe, dann Gedichte, Reden, Aufsätze und Bücher, nun diese Skizze. Für mich gehört Schreiben zum Leben; es hilft mir, einen Sinn zu entdecken und weiter zu machen. … All die Jahre über hat mich eine Ahnung zum Schreiben getrieben, dass etwas erzählt werden muss, das, falls ich es nicht versuche, unerzählt bleiben wird.“

Ein wahres Kleinod von Buch, das als Begleiter jederzeit in die Jackentasche passt. Ich liebe dieses Buch und habe es immer wieder mal in meiner Jackentasche. Weil Berger in den Skizzen mit seinem unverwechselbaren Scharfsinn über Musik, über Lieder und den Gesang schreibt. Texte, die Trost spenden können, in this really troubled times. So wie die Zeilen von Woody Guthrie, die Berger dort zitiert:

Takes a worried man to sing a worried song
Takes a worried man to sing a worried song
Takes a worried man to sing a worried song          (ja dreimal)
I´m worried nowwww
But I won´t be worried long.

Also, lieber Alf und alle anderen, keep moving, keep the faith und alles Gute für ein weiteres Jahr CrimeMag. 

»Der Raum stets mehr als nur der Ort der Handlung« überschrieb Alf Mayer seine Besprechung von Jochen Brunows erstem Kriminalroman »Verdeckte Spuren«. Schon einen Monat setzte er in einem »Reading ahead« über Brunows zweiten Roman »Die Chinesin« nach: Beckmann trägt – Eine neue Figur etabliert sich.

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