
Tutorial für angehende Möchtegern-Killer
Berta kann nur von Glück reden, dass ihr spießiger Ehemann Hermann vor dem alltäglichen Frühstücksei Rebecca Philipsons „Killing Made Easy“ nicht gelesen hatte, sonst hätte sie wohl schon an demselben Tag das Zeitliche segnen müssen. So aber, sollte die gewünschte Eierkochzeit Hermanns Erwartungen erneut nicht entsprechen, wird sie erst morgen umgebracht. Theoretisch würden ihr deshalb noch einige wenige Stunden bleiben, um sich Philipsons amüsanten Debütroman zu Gemüte zu führen, bevor sie mit dem (zu) harten Ei erschlagen wird.
Als paratextuelle Gattungszuweisung steht auf dem Buchcover mit fett gedruckten Lettern „Thriller“, obwohl der Erstling von Philipson, die, wie man es der kurzen Autorenbiographie auf dem Buchumschlag entnehmen kann, an der Liverpool University ihre Studierenden Kreatives Schreiben lehrt, Züge einer Thriller-Parodie entwickelt. Kreativ – vom Gesamtkonzept her – ist „Killing Made Easy“ auf jeden Fall, denn es handelt sich um eine literarische Tötungsanleitung. Wer eignet sich als Opfer? Wie organisiere ich einen Hinterhalt? Wie vertusche ich alle Blutspuren und Hinweise? Wie verschaffe ich mir ein einwandfreies und glaubhaftes Alibi?
Es ist kein Scherz: „Killing Made Easy“ ähnelt einem humorvollen Crashkurs im Morden bzw. einem YouTube-Tutorial, dass Philipson auf die Schippe nimmt. Karikiert werden auf diese Wege alle möglichen im Netz zu findenden Ratgeber-Kanäle, die nicht nur dabei helfen sollen, die Kurve zu kriegen, sondern auch jederzeit ganz genau wissen, welche Werkzeuge man braucht, um in fünf Minuten das Abflussrohr zu reparieren, um später einen glutenfreien Blechkuchen mit Dosenaprikosen aus dem Hut zu zaubern.
Philipsons unterhaltsamer Roman weist darüber hinaus etliche Schnittstellen mit der „Für Dummies“-Reihe, in der man vor Ewigkeiten schon Schritt für Schritt das Internet oder die deutsche Grammatik erläuterte. Philipson greift noch tiefer in die Trickkiste: sie klärt uns auf, wie professionelles Um-die-Ecke-Bringen läuft. Dies macht sie auf zwei ineinander greifenden Erzählebenen und mithilfe von zwei unterschiedlichen Perspektiven. Den Erzählrahmen bildet der eigentliche Leitfaden fürs Morden, der von einem gewissen Denver Brady verfasst wird, einem „führenden Serienkiller“, wie es auf der Titelseite in der Form eines gefakten Verlagsempfehlung heißt. Dieser Mörder aus Leidenschaft und Berufung, der „erfolgreichste Serienkiller der westlichen Welt“, ist mit sich selbst total im Reinen und hat wegen der Unzahl an Tötungsdelikten keine Gewissensbisse. Brady mordet, weil er es liebt, zu morden und versucht den Leser:innen dieses blutige Procedere schmackhaft zu machen.
Die Brady-Einzelkapitel, in denen die Leserschaft direkt angesprochen wird und in denen er u.a. von seinem persönlichen Werdegang erzählt – ja, ja, diese berichtenden Teile lassen sich sogar durchaus als Entwicklungsroman einstufen, nimm das Goethe! – wechseln sich mit der zweiten Darstellungsebene ab, auf der – wie fast im klassischen Kriminalroman – ermittelt wird. Samantha Hansen wird auf einen Mordfall angesetzt, bei dem ein junges Mädchen ums Leben kann, bei dem man das Bestseller-Handbuch von Denver Brady findet. Hansen stürzt sich in die Polizeiarbeit und jagt einem Serienmörder nach, der zwar mit dem Gewaltmonopol des Staates Katz und Maus spiel, aber letztendlich auch irgendwie geschnappt werden möchte.
In „Killing Made Easy“ wird mehr oder weniger das heutige Influencer- und TikToker-Prominentsein ausbuchstabiert – hier am Beispiel eines Profikillers, der sich über viele Sterne bei Amazon oder Goodreads freuen würden, also alle Daumen hoch!, denn es kann „ja nur besser werden, verstehen Sie“. In der digitalen Welt kann man mit jedem Stuss bekannt werden. Und viel Kohle verdienen.
Zusammenfassend: Philipsons Serientäter-Geschichte ist ein durchwegs vergnüglicher Roman, der wegen seines Aufbaus, des Storytellings und der Hauptidee bei der Lektüre viel Spaß bereitet, den man aber auf diese Art und Weise nur einmal schreiben kann. Welchen Nachfolgeroman und welche kreative Erzähllösung serviert uns Philipson demnächst?
Rebecca Philipson: Killing Made Easy (How to Get Away with Murder, 2026). Aus dem Englischen von Peter Hammans. Piper Verlag, München 2025. 479 Seiten, Paperback, 18 Euro.
** **

Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion.
– Seine Texte bei uns hier.
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) – Textauszug bei uns hier.
Im Februar 2026 erschienen: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit (Vandenhoek & Ruprecht).












