
Eine fast untergegangene Welt
Für manche Bücher wird´s aber Zeit. Sie müssen einfach sein. Das gilt ganz besonders für eine Werkschau des Fotografen Wolfgang Krolow, den die Assoziation A veranstaltet. Krolow (1950 – 2019) hat als der südwestdeutschen Provinz entlaufener Mensch die Bilder von Kreuzberg geprägt, die „man irgendwie kennt“. Es ist das Kreuzberg der 1970er und 1980er Jahre – die Zeit, als die Mauer noch stand, als Kreuzberg der place to be war, wenn man „anders“ leben wollte, das Hassobjekt von Ordnungspolitik und miefiger Piefigkeit, Freiraum und Utopia zumindest als Vorstellung und Vorschein.
Ich versuche eigentlich, nostalgische Gefühle zu vermeiden, aber angesichts von Krolows Fotos kann ich ein paar Seufzer nicht unterdrücken. Da mixt sich Biographisches mit Zeitgeschichtlichem, auch wenn ich damals noch eher ein Berlin-Besucher als fester Berlin-Bewohner war, mit einem Stronghold in der Nostitz-Straße. Gleich eines der ersten Bilder des schön gemachten, fein editierten Bandes hat mich gepackt: Die Mittenwalder Straße im Herbst oder Winter. Diesig grau, irgendwo ins Nichts führend, spärlich geparkte Autos (mit 2CV), wenig Leute unterwegs. Das war genau die Stimmung, die ich mit Berlin verband, als ich in den 1970er und den frühen 1980er immer im November zum Jazz-Festival anreiste und dort bei irgendwelchen Kumpels hauste, die den Sprung nach Berlin schon geschafft hatten. Den typischen Geruch der Kohleheizungen kann ein Foto zwar nicht transportieren, aber aus der Erinnerung abrufen schon, heftig und sofort. Und mit diesem Bild und diesem Geruch hat sich verfestigt, was mich auch heute noch an diese Stadt fesselt. Kreuzberg war, wie der Titel richtig sagt, die Welt.
Natürlich ist das Kreuzberg von heute nicht mehr das Kreuzberg von damals, aber ein paar Dinge haben sich dennoch nicht geändert: Auch wenn ich inzwischen schon lange in Charlottenburg wohne, der Chamisso Platz ist immer noch mein Lieblingsplatz, in der „Marktwirtschaft“ an der Marheineke-Markthalle sitze ich auch heute noch einmal in der Woche beim Kaffee, wenn es irgendwie geht, aus der Markthalle selbst komme ich eigentlich nie heraus, ohne ein bekanntes Gesicht zu treffen und ein wenig geplaudert zu haben, und hätte ich noch die Zeit und die Kondition mich nachts herumzutreiben, würde ich immer noch im „Heidelberger Krug“ landen.

Ich neige sogar dazu, die einschlägigen Fotos von Krolow, der natürlich alle diese Orte festgehalten hat, mit der Lupe zu studieren, ob da vielleicht jemand drauf ist, den ich kenne oder gekannt habe (vergeblich, natürlich). Ein Foto gibt es sogar, bei dem ich weiß, dass ich genau an diesem Tag und zu dieser Zeit dort war: Von einer der berühmten Straßenschlachten am Winterfeldtplatz im September 1981, als ich furchtbare Prügel bezog (und ausgeteilt habe) weil ich mich aus dem belagerten „Slumberland“ absetzen wollte und in eine außer Rand und Band geratenen Polizeitruppe hineinlief. Mon dieu, was konnte ich damals noch rennen. Und natürlich finden wir auch den Heinrich-Platz (heute: Rio Reiser Platz), dessen Atmosphäre vor ein paar Jahren Johannes Groschupfs grandioser Text „Heinrichplatz Blues“ so eindrücklich noch einmal festgehalten hat. Es ist heute extrem sinnvoll, wenn man die Gegend kennt, den heutigen, gerade baulichen Zustand der Stadt, mit dem von damals zu vergleichen. Wie zum Beispiel den Oranienplatz, da wo heute das furchtbare „Hotel Orania“ steht. So werden Krolows Fotos zur Architekturgeschichte und gleichzeitig zur Kritik von Architektur.
Womit wir bei dem erheblichen historischen Wert von Krolows Fotos wären. Er ist ja nicht nur der Chronist einer bestimmten Kreuzberg-Romantik, die auch heute noch leicht schaudernde Touris anzieht, sondern der Dokumentarist der Kämpfe um das Thema „wem gehört die Stadt“. Die gesellschaftlichen Konflikte spitzten sich zu – die Hausbesetzer-Szene war das rote Tuch für die Stadtregierung. Es sprach nicht gerade für den Edelmut des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker, ausgerechnet den rechtsaußen Law & Order-Mann Heinrich Lummer (nebenbei ein früher Vordenker des „Großen Austausch“-Geschwurbels) zum Innensenator zu machen, genau wissend, dass die Parole dann „Knüppel frei“ hieß. Den Widerstand gegen diese Politik bildet Krolow ab – wie überhaupt viele andere Aktivitäten der „linken“ Szene. Und natürlich Punks – auch wenn Krolow selbst keiner war, seine Fotos sind von großer Sympathie und Empathie geprägt, mit denen er diese Menschen ins Bild setzt. Sehr beredt ist ein Begleittext von Mustafa Akça (heute in der Kulturpolitik der Stadt aktiv), der erzählt, wie er als kleines migrantisches Kind immer wieder froh waren, wenn Punks in der Nähe waren, denn das bedeutet, „dass Linke und Anarchos hier das Sagen hatten und es frei von Nazis, frei von Fremdenfeindlichkeit und rassistischen Übergriffen war“.
Überhaupt die Kids – ein Lieblingsthema von Krolow. Kinder, die fröhlich auf der Straße spielen, Kinder, die Multikulti zusammen leben (eines meiner Lieblingsfotos: ein Mädchen mit Kopftuch und ein blondes Mädchen haben sowas von Spaß miteinander), Kinder, die deutlich nicht aus reichem Hause kommen, migrantische Kinder, misstrauische Kinder, freche Kinde, lebendige Kinder …. Und am anderen Ende der Lebensskala: Alte Menschen, die aus den Fenstern pocken- bzw. einschussnarbiger Häuser hängen (was nebenbei daran erinnert, dass es auch hier eine lange Gewaltgeschichte gab), oder die wie verloren durch die Gegend schreiten …
Dass nebenbei auch ein paar Fotos von Promis anfallen – David Bowie, Heiner Müller, Chet Baker – fällt fast nicht ins Gewicht, das ist eher anekdotischer Beifang. Wenn Krolow außerhalb von Kreuzberg fotografiert hat, gelingen ihm prägnante sozialkritische Kommentare: Im schicken, reichen Charlottenburg fotografiert er malochende migrantische Arbeiter, die in glühender Sonne ohne Schutzausrüstung schuften (am Savigny Platz) und, besonders pointiert, einen Obdachlosen, der auf der Straße schläft. Solche Fotos sind politische Ansagen.
Wolfgang Krolow war aber keinesfalls „nur“ ein Kiez-Fotograf (gewohnt hat er lange am Chamisso-Platz), er hat auch andere Locations in anderen Ländern fotografiert. Dieser Band fokussiert sich allerdings auf Berlin und Kreuzberg. Eine fast untergegangene Welt, die er festgehalten hat – so intensiv, dass daraus ikonographische Bilder entstanden sind. Für die Ewigkeit.
© 06.2025 Thomas Wörtche
Sigrid Heger/Andreas Homann/Rainer Wendling (Hg): Fotografien von Wolfgang Krolow. Kreuzberg die Welt. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2025. 280 Seiten, 44 Euro. – Zur Homepage von Wolfgang Krolow.











