Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Thomas Wörtche: Provinz – nicht provinziell

Nicht nur zu Thomas Knüwer und „Das Haus in dem Gudelia stirbt“

Aus zeitlicher Distanz gesehen, ruckeln sich die Dinge manchmal anders als gedacht zurecht.  Man sieht klarer. Vor nunmehr fast zwanzig Jahren erschien einer der irrationalsten Bucherfolge der neueren Zeit – Andrea Maria Schenkels „Tannöd“ (Nautilus, 2006). Eine finstere, bösartige Geschichte aus der Steinpfalz, der Gegend um Regensburg. Der kleine, millionenfach verkaufte (Startauflage damals 1000, wenn ich mich recht erinnere) Roman wirkte wie ein Booster für den allmählich aufkommenden „Regio-Krimi“. Auch wenn die Autorin danach mehr und mehr als „one trick pony“ sichtbar wurde, glaubte man in „Tannöd“ die ideale Formel für deutsche Krimis gefunden zu haben. Regionalität lautete die Zauberformel.

Der Begriff „Regio“ hatte aber seine Macken. Bis auf wenige Ausnahmen müssen ja auch Kriminalromane irgendwo spielen – so kamen dann auch Kommentare auf, dass schließlich Raymond Chandler Los-Angeles-Krimis und Dashiell Hammett San-Francisco-Krimis geschrieben habe. Das war deshalb so lustig, weil dann irgendwelche Verfasser von Mittel-Mosel-Krimis daraus eine absurde Selbstlegitimation bezogen. Aber „Regionalität“ bzw. „Lokalität“ waren gefährlich erstickende Begriffe.

Wir erinnern uns weiter: Alfred Komareks Romanserie um den Polizisten Polt, die im Weinviertel spielten, Robert Hültners historische Kriminalromane aus München oder die Tabor-Süden-Krimis von Friedrich Ani, auch sie ohne München nicht denkbar, konnten somit leicht für die Regio-Welle reklamiert werden (für Frank Göhres St. Pauli-Romane hat man dergleichen bemerkenswerterweise nie geltend gemacht). Aber gegen die Flut der Produktion, die als einziges Kriterium nur „Regionalität“ zu kennen schien und zunehmend nach der touristischen Attraktivität der behandelten Regionen platziert wurde (vermutlich gibt es mehr Hiddensee-Krimis als die Insel Einwohner hat, und Narrative aus Krisenregionen wie der Gegend um Demmin zum Beispiel sucht man vergebens) war kein Kraut gewachsen. Deswegen, nebenbei bemerkt, nach dem die deutschsprachigen Länder so allmählich abgegrast erschienen, tauchten die Destination-Krimis auf, die der Deutschen beliebtesten Urlaubsziele systematisch abarbeiteten. Sie sind lediglich Verlängerungen des klassischen Regio-Krimis. Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Sondern um die Stichhaltigkeit von Regionalität als „Qualitätskriterium“, oder als Text-Dominante. Das fiel mir bei der Lektüre von Thomas Knüwers Roman „Das Haus in dem Gudelia stirbt“ (Pendragon) auf.

Zunächst scheint alles wie gehabt. In dem Dorf Unterlingen wütet eine Sturzflut wie weiland im Ahrtal. Die Einwohner werden evakuiert, nur die 81jährige Gudelia weigert sich ihr Haus zu verlassen. Ihr Sohn war 1984 getötet worden, ihr Mann Heinz zum Alkoholiker geworden und Jahre später gestorben. Nur sie ist übrig geblieben und trägt offensichtlich an einer schweren Schuld, ohne großes Schuldbewusstsein zu demonstrieren. So entsteht peu à peu das vielschichtige Porträt einer ganz „normalen“ Frau – fromm, konventionell, bieder und ganz und gar un-intellektuell. Aber eine Frau, die sich durchzusetzen weiß, in einer kleinbürgerlichen dörflichen Welt, inmitten lauter „anständiger Leute“. Auch sie gehört zu diesen anständigen Leuten, auch wenn sie ein – man ahnt es früh im Roman – ein grusliges Geheimnis hütet, das sie am Ende, wie schon der Titel andeutet, sterben lassen wird. 

Aber nichts wäre falscher, diesen Roman, an dem alles nach „Regio-Krimi“ zu schreien scheint, als einen solchen einzuordnen. Im Gegenteil: Knüwer verwischt sehr geschickt den genauen regionalen Standort des Roman. „Das Haus in dem Gudelia stirbt“ ist ein Psychogramm einer Frau in ihrer Zeit – auf allen Zeitebenen: 1984 – 1998 – 2024, unter genauen soziologischen und gesellschaftlichen Auspizien, also ein genau beobachteter Roman über die bundesdeutsche Gesellschaft jener Jahre, außerhalb der Metropolen. Also genau das, was Schenkel, Komarek und viele andere auch getan hatten. Nur spielt eine spezifische Regionalität bei Knüwer sehr explizit keine Rolle. Damit erweitert er keineswegs „die Grenzen des Genres“ (laut Cover-Spruch), sondern stellt sich in eine Reihe von Autorinnen und Autoren, bei denen Regionalität ebenfalls nur ein schwache bis keine Rolle spielen, die aber ihre Gesellschaftsanalysen dennoch im ländlichen/kleinstädtischen Raum ansiedeln, von Georges Simenon bis Lisa Sandlin. Und zwar mit literarischen Mitteln und nicht mittels einer kleinteiligen, oft muffigen regional korrekten Pinselarbeit. Deutschsprachige Kriminalromane können beruhigt in der Provinz spielen, ohne deshalb provinziell zu sein.

© 11/2024 Thomas Wörtche – siehe auch unser Special.
Und siehe auch Thomas Barfuss hier nebenan mit seinem Buch zur Kriminalliteratur in Graubünden. Sowie: Alf Mayer: Küchenkrimis – 400 Cover klagen an und »Outback Noir«, die neue Seuche. Streifzug durch ein wüstes Land – von Alf Mayer.

Thomas Knüwer: Das Haus in dem Gudelia stirbt. Pendragon Verlag, Bielefeld 2024. Klappenbroschur, 290 Seiten, 20 Euro.

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