
Thomas Barfuss: Mordslandschaften. Der Krimi in Graubünden. Herausgegeben vom Institut für Kulturforschung Graubünden. Chronos Verlag, Zürich 2024. 312 Seiten, 79 Farbabbildungen, 29 CHF/ 29 Euro.
(AM) Eine Ehrenrettung des Regionalkrimis, eine mustergültige, mit großem Vergnügen zu lesende Studie der Kriminalliteratur aus und in Graubünden, ein sorgfältig und mit viel Sachverstand, Erkenntnisinteresse, Lust und Liebe gemachtes, gestaltetes und ins Haptische gebrachtes Buch, das ist dieser exzellente Band aus dem Zürcher Chronos Verlag, der viel Aufmerksamkeit – und ja vielleicht auch Nachahmung – verdient. Eine ausführliche Besprechung folgt in unserer Dezemberausgabe. Hier präsentieren wir Ihnen mit freundlicher Genehmigung von Autor, Institut und Verlag das Einleitungskapitel. Autor ist der Literatur- und Kulturforscher Thomas Barfuss, ermöglicht hat seine Arbeit und dies Buch das Institut für Kulturforschung Graubünden. Chapeau!
Siehe hier nebenan in dieser Ausgabe auch Thomas Wörtche: Provinz – nicht provinziell. Nicht nur zu Thomas Knüwer und „Das Haus in dem Gudelia stirbt“.
Der Regionalkrimi – Die Exotik des Nahen
«In dieser wunderschönen Bergkulisse hatten sich mal wieder die schlimmsten Verbrechen ereignet.» Diese scheinbar banale Äusserung, mit der ein erfolgreicher Krimiautor den Abschluss eines weiteren Falls markiert, führt mitten hinein ins Thema dieses Buchs. Die Zeilen legen eine Spur zu jenen Mordslandschaften, die an der eigenen Haustür beginnen und sich ins Unbekannte und Unheimliche erstrecken. Es soll deshalb zu Beginn dieser Untersuchung etwas vom detektivischen Spürsinn, der in den Krimis so reichlich vorhanden ist, darauf verwendet werden, den Satz genauer unter die Lupe zu nehmen.
In dieser wunderschönen Bergkulisse: Der Hinweis deutet auf eine ganz bestimmte Geografie. Sie wird gleich schon im Titel des betreffenden Kriminalromans benannt, er lautet: Bündner Abendrot. Es sind hier also alpine Landschaften mit ihrer typischen Witterung gemeint, und die Mordskulissen, die sie liefern, sind wunderschön: «Hinten, tief im Oberland, drückte die Sonne ein letztes Mal durch die dichten, grauen Wolken und tauchte das Bündnerland in ein gelboranges Abendrot. In dieser wunderschönen Bergkulisse …» Fast meint man, eine Ansichts-karte vor sich zu haben: Blick in die Surselva bei Sonnenuntergang. Und tatsächlich spielen Regionalkrimis mit den Versatzstücken spektakulärer Kulissen und verschicken ihre literarische Post aus allen Regionen Graubündens: Grüsse von der einzigartigen Engadiner Seenlandschaft (blaue Seen, gelbe Lärchen) oder aus der wildromantischen Rheinschlucht (Schlauchboot, schäumendes Wasser). Gruss aus dem weltberühmten Davos (das Kongresszentrum, dahinter Schneeberge). Weitere Kartenkulissen aus Bündner Krimis: Gletscherblick, kühne RhB-Viadukte, Gruss aus der Bündner Herrschaft (Weinlese) oder Baci aus Soglio (Bergansicht von Giovanni Segantini). Der Regionalkrimi bereitet Wetter und Landschaft, Architektur und Kulinarik, Land und Leuten eine literarische Bühne.
«… mal wieder», heisst es weiter. «In dieser wunderschönen Bergkulisse hatten sich mal wieder die schlimmsten Verbrechen ereignet.» Das klingt einfach, setzt aber vieles voraus. Denn allein in den gut zwei Jahrzehnten, die das Jahrtausend alt ist, haben sich bereits über hundert solcher schlimmen Verbrechen «mal wieder ereignet». So viele Kriminalromane mit Bündner Verortung sind in dieser Zeit erschienen. Das ist eine ungeheure Zahl, wenn man sie mit dem 20. Jahrhundert vergleicht, wo es insgesamt nicht mehr als 25 waren. Das «mal wieder» verweist aber auch auf seriell produzierende Krimiautor:innen. Sie fallen nicht vom Himmel, sondern bilden sich in biografischen Suchprozessen heraus.

Und auch die Serialität hat ihre Geschichte: Die ersten Reihenhelden des Krimis tauchen in Graubünden in den 1980er-Jahren auf. Sie heissen Linard Lum und Pater Ambrosius. Entspringt Ersterer der romanischen Sprachpflege, so erinnert Letzterer an den berühmten Father Brown des Briten G. K. Chesterton. Zu diesem «mal wieder» gehört offenbar eine lange Krimigeschichte mit Innovationen, Interventionen und internationalen Verbindungen. Weiter gehört zu den Voraussetzungen des hundertfachen «mal wieder» der letzten Jahre zwingend auch ein funktionierendes verlegerisches Geschäftsmodell. Nach der pionierhaften Vorarbeit des Orte-Verlags, der von einem Krimiautor geführt wurde, werden Krimis heute in Graubünden mit stetig steigender Tendenz von spezialisierten Krimiverlagen vor allem aus Deutschland und der Schweiz auf den Markt gebracht. Sie erreichen damit eine Leserschaft, die über das angestammte literarische Lesepublikum hinausreicht – Leserinnen und Leser, die das Nahe und Bekannte im Durchgang durchs Unheimliche neu erleben wollen, und ein Publikum, das den Krimi als touristischen Führer für sich entdeckt hat.
Schliesslich ist die Rede von den «schlimmsten Verbrechen». Diese Verbrechen führen die Ermittlungen zumeist über die engen regionalen und nationalen Grenzen hinaus und bringen die Welt ins Tal. Sie verleihen den langlebigen menschlichen Lastern wie Gier, Hass und Eifersucht ein zeitgemässes Gesicht und inszenieren sie vor regionaler Kulisse. Die wunderschöne Kulisse ist ohne all diese schrecklichen, theatralisch in Szene gesetzten Verbrechen überhaupt nicht zu haben. Gäbe es nur die schöne Seite, wir hätten es mit einem Prospekt zu tun, vielleicht sogar mit blankem Kitsch – zumindest läge der Kitschverdacht nahe. Es sind erst die «schlimmsten Verbrechen», welche es möglich machen, dass wir uns unauffällig zwischen Naturidyllen, Heimatkulissen und Touristenparadiesen bewegen – unterwegs in detektivischer Mission.
Der Detektiv – und inzwischen natürlich auch sein weibliches Pendant – sucht hinter einem Vorhang aus Täuschung und Verstellung nach der Wahrheit. Im Regionalkrimi gesellt sich noch eine andere prototypische Figur der Moderne dazu: der Tourist. Auch er (oder sie) ist ständig in Bewegung, unterwegs durch die Region. Tourist:innen suchen das Typische, das Einzigartige und Unverwechselbare einer Gegend mit ihren Landschaften und Wetterlagen, mit ihrer Architektur und Kulinarik. Aber weil in einer entwickelten Dienstleistungsgesellschaft auch der Tourist immer schon von Kulissen erwartet wird, tritt im Regionalkrimi die enge Verwandtschaft mit dem Detektiv besonders deutlich zutage.
Auch Tourist:innen suchen hinter den Kulissen nach einer Wahrheit, die sie Authentizität nennen. Zugleich verwandelt sich das Authentische vor ihren kritischen Augen immer wieder in Kulissen zurück. Dieser Spur wird nachzugehen sein. Sie führt zum Erfolgsgeheimnis des regionalen Krimis: Er bringt die Suche nach der gesellschaftlichen Wahrheit mit der Suche nach lokalen Wahrheiten zusammen – nach Zugehörigkeit, Verortung und Authentizität.
Erstens der geografische Aspekt der Mordslandschaften, zweitens die geschichtliche Entwicklung des Krimigenres vom Detektivroman zum Regionalkrimi und drittens eine literatur- und kulturwissenschaftliche Analyse der derzeitigen Krimikonjunktur – das sind die Teile, mit denen im Folgenden eine Annäherung an das Phänomen Krimi in Graubünden unternommen wird. Es handelt sich um die (meines Wissens) erste Arbeit, welche die Entwicklung des Genres in einem bestimmten Gebiet flächendeckend – das heisst unter Berücksichtigung sämtlicher mir greifbaren, öffentlich zugänglichen Kriminalromane – und kohärent – das heisst über eine Spanne von hundert Jahren – herausarbeitet. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei das Verhältnis zwischen Kulisse und Realität.
Zu den Arbeitsbedingungen des Kulturwissenschaftlers gehört es, dass er selbst Teil dessen ist, was er erforscht. Das beginnt bei der eigenen Faszination für Krimis. Ich lese gerne Kriminalromane. Und während der Arbeit hat mir auch immer wieder die Vorstellung geschmeichelt, dass ich als Forscher selbst zum Detektiv werde, der mehr über diese eigenartige Faszination und ihren Gegenstand herausfinden möchte. Aber natürlich geht es bei der Arbeit schliesslich darum, Sichtweisen herzustellen, die neue Erkenntnis ermöglichen. Das ist nur möglich, indem Konzepte und Begriffe entwickelt werden. Dazu gehört für dieses Buch zum Beispiel ‹Regionalität› in der spezifischen Bedeutung, die das Wort seit den 1980er-Jahren angenommen hat – nämlich als Verwaltungs- und Vermarktungseinheit, die zugleich mit dem utopischen Potenzial eines guten Lebens aufgeladen ist. Oder der ‹authentische Realismus› als eine Art Vertrag zwischen Krimiautor:innen und Leser:innen, Orte, Bräuche und Situationen wiedererkennbar zu schildern – seien sie nun typisch (wie eine bestimmte Wetterlage) oder begehbar (wie die vielen prominenten Punkte der Landschaft). Wichtig wurde im Verlauf der Arbeit auch der Begriff eines ‹Authentizitätsmarkers›, der Regionalität mithilfe von Sprache, Kulinarik oder Geschichte überhaupt erst glaubhaft produziert. Ich habe mich bemüht, solche Begriffsbildungen möglichst transparent vorzunehmen. Dabei bin ich mir bewusst, dass Begriffe nicht nur bestimmte Dinge sichtbar, sondern zugleich andere unsichtbar machen. Ich habe mir in dieser Situation damit beholfen, dass ich Begriffe einsetze, aber darüber hinaus auch immer wieder die Breite des Materials für sich sprechen lasse.
Teil eins präsentiert das gesamte Material geografisch und gleichsam im Vorübergehen. Er ist als Krimiführer angelegt, der durch die verschiedenen Regionen Graubündens leitet. Dieser Teil bleibt am stärksten noch der unmittelbaren Faszination des Autors am Krimi verbunden und bietet sich an für Spaziergänge durch verschiedene Mordslandschaften, die überraschende Funde ermöglichen und einen ersten Eindruck von der Fülle und Charakteristik des Materials vermitteln. Hier treffen Krimis aus verschiedener Zeit und mit ganz unterschiedlicher Ausprägung aufeinander. Auch geben die Spaziergänge Gelegenheit, en passant kleine Besonderheiten herauszustellen, Kontraste zu beleuchten oder einem regionalen Ensemble in seiner Eigentümlichkeit nachzuspüren.
So zeigt sich im Prättigauer Krimi eine Nähe zum Bauern- und Gewerbemilieu; im Oberengadin trifft der Thriller aus Italien oder Deutschland mit globalen Plots und ungeheuren Destruktionsfantasien auf eine romanische Krimitradition, die das Terrain der Sprach- und Kulturpolitik bespielt; und der Detektivroman aus der Frühzeit steht neben dem boomenden Regionalkrimi der Gegenwart, der sich gerade im Engadin auf ein reges verlegerisches Interesse abstützen kann. Ganz anders wiederum im Puschlav, wo sich der Schmugglerroman oder die True-Crime-Ermittlung in eine literarische Tradition eingliedern, um die Geschichte des Tals neu durchzuarbeiten. In Davos haben sich sowohl der Sanatoriumsbetrieb als auch die Wintersportsaison im Krimi niedergeschlagen. Dreh- und Angelpunkt des gegenwärtigen Davoser Krimis bildet jedoch das Weltwirtschaftsforum (WEF) – es sind mit Vorliebe Entführungsfantasien, mit denen die Autor:innen eine empörende globale Unrechtsordnung thematisieren, die eine klare Unterscheidung zwischen kriminell und gesetzlich nicht mehr zulässt. Das Churer Rheintal befindet sich in einer dynamischen Phase des Übergangs zu städtischen Formen. Der Krimi dokumentiert hier dörfliche Verlusterfahrungen und vergegenwärtigt eine Traditionspflege, die sich in die Identitäten der Bewohner:innen mitunter defensiv einschreibt.
Die Hauptstadt schliesslich, wo Friedrich Dürrenmatt einst zwischen Nebel und Schneegestöber den Kriminalroman zu Grabe getragen hat, feiert im Regionalkrimi der Gegenwart Auferstehung als kriminalistisches Zentrum von «Blaubünden». Von hier schwärmen die Detektive in die Kulissen aus, um sie mit dem Zauberstab des Unheimlichen zu neuem Leben zu erwecken.
Teil zwei folgt der Spur des Krimis chronologisch, entlang verschiedener Beispiele und Krimimuster, Innovationen und Verlagsmodelle. Das ist nur möglich, indem die alpinen Kriminalromane vor dem Hintergrund einer internationalen Entwicklung gesehen werden. Gerade die frühen Detektivromane der 1920er- und 1930er-Jahre kosten das Reisen, die Temposchocks und eine verblüffend kurzgeschlossene Welt aus, und es ist natürlich kein Zufall, dass sie in Graubünden nicht etwa in der provinziellen Hauptstadt spielen, sondern in den Kurorten von Welt: Arosa, Davos und St. Moritz.




TB 1974 
TB 2011 
Schöffling 2009/2020 
TB 2022 






Nach dem Krieg setzt Dürrenmatt mit »Das Versprechen«, seinem in und um Chur angesiedelten «Requiem auf den Kriminalroman», eine literarische Orientierungsmarke, die wegführt vom seriellen Genre. Mit »Die Gegenspieler« von Katharina Hess oder »Hannes« von Oscar Peer entstehen in der Folge einige eindrückliche literarische Solitäre. In diese Reihe gehört auch Ulrich Bechers »Murmeljagd« von 1969 – ein Roman, der sämtliche Genregrenzen sprengt und mit der damaligen Konjunktur des Spionageromans ebenso kommuniziert wie mit Thomas Manns »Zauberberg«. Becher nimmt darin die Suche nach Lokalkolorit vorweg, die für den Regionalkrimi so wichtig werden wird – allerdings ist sie bei ihm eingebettet in eine globale Polyphonie der Stimmen und Sprachen.
Ab den 1980er-Jahren erfreut sich der Kriminalroman schweizweit steigender Beliebtheit. In der Surselva und im Engadin treten mit Pater Ambrosius und Linard Lum erste seriell angelegte Detektivfiguren auf den Plan. Hinter dem Bündner Pseudonym Jon Durschei verbirgt sich der Orte-Verleger Werner Bucher, der auf »Mord in Mompé« zahlreiche weitere Krimis mit Pater Ambrosius in verschiedenen Schweizer Regionen folgen lässt. Als Verleger bietet er zudem einer neuen Generation von Schweizer Krimiautor:innen die Möglichkeit zur Veröffentlichung. Die Entstehung der Lokalradios lässt Regionalität auf einem weiteren Feld zum Wettbewerbsfaktor werden: Hörspiele bringen in den 1990er-Jahren populäre Krimihelden hervor – während das Krimi-Pastiche in einem schweizerischen Kontext bei einem vorwiegend jüngeren Publikum mit Roger Grafs Maloney-Reihe Kult wird, bespielt in Graubünden Daniel Badraun mit seinem Antihelden Claudio Mettler verschiedene Sender und Regionen. Der in zwei Sprachen arbeitende Engadiner Badraun wird seine Radiostoffe später gleich mehrfach auch ins Regionalkrimiformat übertragen.
Beim Übergang zum Regionalkrimi setzt die vorliegende Publikation einen Schwerpunkt. Die Krimikonjunktur im neuen Jahrtausend wird vermittels Autorenbiografien dargestellt. Dabei zeigen sich Suchbewegungen, die im Krimigenre nicht nur auf eine interessierte Leserschaft stossen, sondern gebündelt werden durch ein verlegerisches Geschäftsmodell. Die grossen nationalen und internationalen – vor allem deutschen – Krimiverlage tragen mit ihrem Absatzmodell viel bei zur plötzlichen Präsenz des Bündner Regionalkrimis in den Buchhandlungen und im Online-Handel ab den 2010er-Jahren.
Mit mehreren Autor:innen wurden Interviews geführt, um ihre Intentionen, Inspirationen und Kooperationen genauer zu ergründen. Ein auf den ersten Blick verblüffendes Resultat dieser Befragungen zeigt, dass sich einige der derzeit erfolgreichsten Krimiautor:innen im Gespräch vom Genre distanzieren. Das hat einerseits damit zu tun, dass der Krimi und insbesondere der Regionalkrimi auf dem literarischen Feld immer wieder an den Rand gedrängt wird. Als typisches Einsteigergenre und als Schaufenster der Region setzt sich der Regionalkrimi immer neu dem Verdacht aus, nicht «richtige» Literatur zu sein. Wird er von lokalen Medien gern aufgegriffen, so lässt ihn die Literaturkritik zumeist unbeachtet.
Vor allem aber ist der Krimi ein Kooperationsprodukt, das zwischen Verlagen und Autor:innen entsteht, deren Sichtweisen notwendig differieren: Kreative wollen Grenzen überschreiten, literarisches Neuland erschliessen und die ihnen wichtigen Themen zur Sprache bringen; Krimiverlage behalten die erfolgsversprechenden Muster im Auge. Sie sorgen dafür, dass in ihren Produkten das drin ist, was vorne draufsteht – also ein Krimi, der auf dem Markt nachgefragt wird. Jeder hat so seine eigene Agenda, und aus diesem Zusammenspiel – das immer wieder kleine Grenzübertretungen einschliesst und Reibung produziert – entsteht die fortgesetzte Vitalität des Genres.
Der dritte Teil nimmt die Regionalkrimis der letzten zwanzig Jahre mit Bündner Bezug unter die literatur- und kulturwissenschaftliche Lupe. Ausgangspunkt ist eine Beobachtung, die der Soziologe und Journalist Siegfried Kracauer als einer der ersten ernsthaften Erforscher populärkultureller Genres zu Beginn der 1920er-Jahre machte. Was er damals als hartnäckigen Hang des Krimis zum Fernen und Exotischen festhielt, kehrt – so die These – seit den 1980er-Jahren im Regionalkrimi als Exotik des Nahen zurück. Der Krimi wird zu einem Schaufenster der Region mit ihren Landschaften und Eigenheiten, mit ihrer Geschichte und ihrem Menschenschlag. Dazu gehören auch Schattenseiten wie Enge, Vetternwirtschaft und eine kurzsichtige Spekulation. Das kann brisant sein und informativ, und es kann in eine folkloristische und nostalgische Sichtweise münden. Die Exotik des Nahen ist im Krimi als äusserer Rand der kapitalistischen Realität mit ihren ‹Sachzwängen›, ihrer globalen Strukturdynamik und ihrem Destruktionspotenzial angelegt. Der Regionalismus bringt – als Bühne der «schlimmsten Verbrechen» – zugleich eine Reihe alter und neuer Natur-, Heimat- und Sehnsuchtsbilder hervor.
Wenn der Krimi an der «schönsten Kulisse» arbeitet, so muss er dabei doch auch das Versprechen einlösen, das ihn überhaupt erst zum Krimi macht: die Suche nach der Wahrheit hinter der vordergründigen Wirklichkeit, der Blick hinter die Kulissen. Damit etabliert sich ein Spiel zwischen exotischer Nähe und Erfahrung, zwischen schöner Kulisse und Authentizität, das an kein Ende mehr kommt. Hier liegt der entscheidende Unterschied, der den älteren Heimatroman vom Regionalkrimi trennt: Errichtet Ersterer heimatliche Kulissen, die er mit der Autorität von Traditionspflege und etablierten Identitätsmustern als authentisch hinstellt, so begibt sich das Krimigenre auf eine permanente Suche nach der Wirklichkeit, die sich nicht bei einer bestimmten Kulisse anhalten lässt. Entscheidend ist also die Dynamik, nicht die An- oder Abwesenheit bestimmter Inhalte. Denn dass der Regionalkrimi neben Kritik und lokalem Wissen auch folkloristische Klischees und Postkartengrüsse hervorbringen kann, auch daran lässt das vorliegende Material keinen Zweifel.
Die Karten im ersten Teil geben Aufschluss darüber, welche Krimiregionen wie häufig mit Krimihandlungen bespielt worden sind. Es handelt sich um Visualisierungen, die einen Überblick ermöglichen, ohne dass sie Anspruch auf Vollständigkeit oder Präzision erheben könnten. Ich danke Bettina Gysin Leutenegger für die Gestaltung. Das Titelbild stammt aus Dialog mit Mi Fu von Daniel Rohner. Der Fotograf erhielt anschliessend carte blanche, um die im Buch dargestellten Krimiregionen aus seiner Sicht ins Bild zu setzen.
In Teil eins finden sich ferner 58 Buchcover abgebildet, die zeigen, wie sich die Gestaltung der Krimis über die Jahre und Jahrzehnte verändert hat. Ich habe mich entschlossen, die Bücher so abzulichten, wie ich sie gekauft oder ausgeliehen habe. Zum Teil sind also die Gebrauchsspuren sichtbar und, was wichtiger ist: die Werbekleber. Fremdsprachige Zitate habe ich, wo keine deutsche Übersetzung greifbar war, selbst übertragen. Sie sind daran zu erkennen, dass in diesen Fällen in einer Anmerkung stets der Originaltext beigefügt ist.
Die biografischen Angaben wurden, wo sie nicht direkten Interviewfragen entstammen, wo immer möglich aus Quellen geschöpft, die von den Autor:innen autorisiert sind – also etwa Klappentexten oder Autoren-Websites. Sollten sich Fehler eingeschlichen haben oder Angaben nicht mehr aktuell sein, bitte ich das zu entschuldigen und mir mitzuteilen: thomas.barfuss@kulturforschung.ch.
Ein grosser Dank geht an die Autor:innen Daniel Badraun, Silvia Götschi, Regine Imholz, Rita Juon und Tim Krohn für die Offenheit, mit der sie meine Fragen beantwortet haben. So gut wie der Forscher, indem er den literarischen und kulturellen Spuren nachgeht, zum Detektiv wird, so werden die Krimiautor:innen, indem sie die Region erkunden und Identitäten ausloten, zu Forschenden. Meine Arbeit versteht sich als Teil einer gemeinsamen Reflexion über die Möglichkeiten der Literatur in einer Zeit des Umbruchs. Anregungen und Kritik verdanke ich den Zuhörer:innen, die sich auf meine Überlegungen zum Thema auf dem Krimifestival 2023 in Grenchen, in der Buchhandlung Labyrinth in Basel, im bücherraum f in Zürich und in der Kantonsbibliothek in Chur eingelassen haben. Zu Dank verpflichtet bin ich auch Paul Ott für die umfangreichen Vorarbeiten, die er in seiner Bestandsaufnahme des Schweizer Kriminalromans „Mord im Alpenglühen“ (2020) geleistet hat. Ich habe gerne einige Spuren daraus weiterverfolgt, und ich freue mich, dass mein Buch ebenfalls im Chronos Verlag erscheinen kann.
Ermöglicht wurden die Forschung und das Buch durch das Institut für Kulturforschung Graubünden, wo ich das Thema als Teil eines Projekts Literatur und Tourismus in Angriff nehmen konnte. Cordula Seger, die Leiterin des Instituts, hat mich als Lektorin durch das Projekt begleitet. Ihrem Scharfsinn und ihrem Wissen verdanke ich nicht nur zahlreiche Hinweise, sondern auch den Anstoss, das Buch konzeptionell so zu gestalten, dass es zugleich für Krimileser:innen attraktiv ist und einen Forschungsbeitrag leisten kann.
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Textauszug mit freundlicher Genehmigung von Verlag, Institut für Kulturforschung Graubünden und Autor aus:
Thomas Barfuss: Mordslandschaften. Der Krimi in Graubünden. Herausgegeben vom Institut für Kulturforschung Graubünden. Chronos Verlag, Zürich 2024.



























