Geschrieben am 1. Dezember 2024 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2024, News

Thomas Wörtche: Helmut Newton »Berlin, Berlin«

Alle Bilder mehrfach codiert

Helmut Newton: „Berlin, Berlin“. Herausgegeben und kommentiert von Matthias Harder. Taschen Verlag, Köln 2024. Format 21 x 27.5 cm, Gewicht 1,64 kg. 245 Seiten, 50 Euro. – Verlagsinformationen: taschen.com

Eine Liebesgeschichte mit langen Unterbrechungen nennt Matthias Harder, Direktor der Helmut-Newton-Stiftung in Berlin und Herausgeber des gerade erschienenen Bandes „Berlin, Berlin“, das Verhältnis von Helmut Neustädter alias Helmut Newton und seiner Geburtsstadt Berlin. In den 1930er Jahren lernte Newton sein Handwerk bei der legendären Yva, die schon damals Mode-, Poträt- und Aktfotografie zusammendachte – sie hatte übrigens ihr Atelier in der Schlüterstraße in Charlottenburg, in dem Gebäude, das später als „Hotel Bogota“ berühmt wurde.

Im November 1938 musste sich Newton, weil Jude, dringend absetzen und begann seine Wanderungen rund um den Globus. Von den „australischen Sümpfen“ bis nach London, New York, Los Angeles und Paris. Erst 1959 kam er nach Berlin zurück, dann aber regelmäßig bis zu einem Bruch: 1963 fotografierte eine Modestrecke für die „Vogue Europe“ und erwischte versehentlich im Hintergrund eine Gedenkplakette für Peter Fechter, einer der ersten DDR-Flüchtlinge, der an der Mauer ermordet wurde. Die Berliner Presse tobte, zeterte und geiferte, und so dauerte es bis 1977, bevor er sich wieder in die Stadt traute. Dann aber regelmäßig bis ein paar Jahre vor seinem Tod 2004, nicht ohne vorher noch die Helmut Newton Stiftung und das Helmut Newton Museum initiiert zu haben.

Sein Blick auf Berlin ist zu seinen Lebzeiten letztmalig in einer Fotostrecke für das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ mit dem schönen Titel „Schaut auf diese Stadt“ dokumentiert. All dieses und viel mehr erzählt Matthias Harder im Store des Taschen-Verlags in der Schlüterstraße. Ein nachgerade magisch passender Ort für die Buchpräsentation des „Berlin, Berlin“-Bandes. Denn Helmut Newtons Berlin nach dem Krieg ähnelt dem vor dem Krieg, mit Charlottenburg und überhaupt dem „alten Westen“ als Drehscheibe. Nicht nur das „Hotel Bogota“ ist ein paar Meter entfernt, auch das „Bovril“, das „Diener“, der „Askanische Hof“, das „Eden“, alles Lieblingsspots von Newton. Dazu das „Exil“, die Kneipe von Oswald Wiener im Kreuzberg, die Keimzelle der „Paris Bar“. Und wenn Sie bei mir nostalgische Untertöne spüren, dann liegt das durchaus am Charakter dieses Bandes. Irgendwie erinnert er mich an ein Foto-Album aus vergangenen Zeiten. Das hat auch mit der gelungenen Auswahl der Bilder und deren Stimmung zu tun.

Der Newton, der uns hier – erstmals gebündelt – erwartet, scheint weit weg von den Klassikern wie den „Big Nudes“ und seinen anderen ikonischen Arbeiten aus den 1970er und 1980er zu sein. Porträts wie das vom jungen Wim Wenders, von Otto Sander, von Hanna Schygulla, Nadja Auermann oder David Bowie (und der jungen Nan Goldin, btw) unterstützen diese familiäre Anmutung. Die gedämpfte Farbigkeit, das berühmte Berlin Grey tut sein übriges. Zum Vergnügen des Buchpräsentation trug auch die Anwesenheit von Jenny Capitain bei – das Foto von ihr mit Gipsbein und Krücke in der „Pension Florian“ und im „Exil“ vor Günter Brus´ Gemälde „Der Herzinfarkt“ gehören zu Newtons bekanntesten Bildern. Jenny Capitain erzählte ein paar nette Anekdoten, schade, dass die ebenfalls anwesende „Sabine“ – das Model vom Backcover, auf dem sie den Typus des preußischen Monokel-Trägers ironisiert, nicht noch ein paar Stories aus „jenen Jahren“ preisgegeben hat. Denn schließlich galt für Newton-Models: „Wer von ihm fotografiert wurde, konnte Honorare verlangen, die Newton nicht mehr bezahlen konnte.“

Aber bevor wir uns es allzu gemütlich machen – nur ein kuscheliges Memoir ist „Berlin, Berlin“ auf keinen Fall. Alle Fotos von Helmut Newton sind mindestens doppelt codiert. Das liegt u.a. daran, dass er meistens die Genres überblendet: Mode, Reisebild (besonders die Arbeiten für die „Constanze“), Akt, Potrrät, so wie er es bei Yva gelernt hatte. Und meistens schleicht sich eine kleines oder größeres Narrativ ein, auch wenn es verdeckt sein mag. Newton hatte eine Vorliebe für hard boiled Kriminalromane und Spionageromane. Insofern sind alle seine Fotos von der Glienicker Brücke alles andere als absichtslos und unschuldig, vermutlich hätte ihm Andreas Pflügers Roman „Wie sterben geht“ sehr gut gefallen. Wenn er am Grunewaldsee ein Pärchen in verzweifelter Umarmung fotografiert, mit deutschem Schäferhund und einem dritten Mann im schwarzen Ledermantel ist die deutsche Vergangenheit keinesfalls vergangen. Und 1991 arrangiert er in der Präsidentensuite des Grand Hotels in Ostberlin ein Still, das aus jedem James-Bond-Film stammen könnte (dort allerdings wäre die Frau züchtigt bedeckt, ein kleiner Klaps für den miefig-spießigen Ian Fleming?)

Das beste Beispiel ist jedoch die Fotostrecke „Mata Hari“, 1963 für die „Vogue Europe“, die man schon beinahe einen „Fotoroman“ nennen kann. (Ob Newton die italienische Tradition der fotoromanzi kannte oder darauf anspielt, ist mir nicht ganz klar). Er transponiert die mythische Figur des Ersten Weltkriegs in den Kalten Krieg, und beginnt mit einem Blick über die Mauer. Und endet mit einer elegant gekleideten, verhafteten Spionin im Griff zweier Polizisten in klumpiger Garderobe (VoPos?), nachdem wir ihr ausführlich beim Spionieren und Konspirieren zugeschaut haben.  Der dem Beruf der Spionin konstitutive, permanente Identitätswechsel wird einfach auf die Kleidung von Mata Hari übertragen – schließlich war die „Vogue“ ein Modemagazin.

Zudem bietet der Band noch andere Seiten von Newton: Urban landscapes zum Beispiel sind ein Thema, zu dem der Band auch bisher unveröffentlichtes Material bietet. Und wer sich das alles und mehr noch konzentrierter anschauen möchte, kann das bis zum 16. Februar 2025 im Museum für Fotografie tun. Ausstellung und Buch ergänzen sich perfekt.

Thomas Wörtche

Siehe auch CrimeMag November 2009: Sex and Crime: Tinge Of Noir. Helmut Newton: SUMO.

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