Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Sebastian Knauer: Medien und KI, Beispiel »DER SPIEGEL«

KI-Journalismus: Statt »Sagen, was ist« bald »Verkaufen, was ist«?

In der Verlagsbranche und Redaktionen wird das Thema Künstliche Intelligenz als Revolution einer ganzen Branche – auch der eigenen – gehypt. Die tieferen Ursachen für die Ablösung des SPIEGEL-Chefredakteurs führen in Richtung Produktmanagement des Nachrichtenmagazins. Soll es nach Rudolf Augstein Diktum »Sagen, was ist« jetzt bald dort heißen: »Verkaufen, was ist«? Und das mit künstlicher Intelligenz? – Ein Text anlässlich der Medientagung des MVFP (Medien Verband Freie Presse), dieses Jahr passenderweise mit dem Motto „Blick nach vorn – 75 Jahre Pressefreiheit“, vom ehemaligen SPIEGEL-Redakteur Sebastian Knauer, 1998 bis 2004 einer der fünf gewählten Geschäftsführer der Redaktion in der Mitarbeiter-KG.

Zerstörerischer Tsunami ChatGPT

Ein KI-Programm wie das derzeit schicke ChatGPT hätte vielleicht einen anderen Einstieg für diesen Beitrag gewählt: Der Produktmanager Stefan Ottlitz, Jahrgang 1976, des SPIEGEL-Verlages betritt 2023 in Berlin am Spreeufer entlang der Köpenicker Strasse gegenüber der East Side Gallery das Podium der Jahreskonferenz des Medien Verband Freie Presse (MVFP) und schaut in den Saal.

Von seiner erhöhten Position blickt der Träger eines Rundhals-Shirts etwas süffisant auf die gut 200 Manager, Verleger und Publizisten der führenden Verlagshäuser der Republik, die sich im Eventcenter »Spindler&Klatt« am Sommerbeginn zum Jahreskongress getroffen haben.

Es ist angenehm tropisch warm. Die schwarzen Jackets der Medienverantwortlichen, relativ hohe Krawattendichte, hängen über den Stuhllehnen, die zahlreich vertretenden Medienfrauen haben vorsorgend leichte Blusen für ihren Auftritt gewählt.

Impuls-Geber Ottlitz wird versuchen, die gediegenen Vertreter der alten Print-Welt, die sich nun in der digitalen Transformationen befindet, gleich mit einer alarmistischen Power-Point Präsentation zu schocken, die nur ein einziges Thema hat: KI – Künstliche Intelligenz. Die Botschaft: Eigentlich seid ihr ein Auslauf-Modell – wir wollen ran an die Fleischtöpfe.

Bester Freund von Elon Musk

Große Wellen weltweiter Tsunamis erscheinen animiert bedrohlich auf der Leinwand, offenbar als Sinnbild für die kommenden Umwälzungen.

Große Welle beschreibt auch ganz gut den aus Hamburg angereisten SPIEGEL-Mann. Im Marketing-Digital-Denglish-Sprech erläutert der Redner, welche Chancen der Optimierung und Umwälzung die Generierung von Journalisten-Inhalten durch den Kollegen schlauer Roboter hat: ChatGPT, ein selbstlernendes Programm, das  zuvor eingegebene Inhalte neu zusammen baut (deshalb die Abkürzung Generated, Prelearning, Transformer GPT).

Die Debatte hat nach mehreren Jahren GPT-Entwicklung in den USA und Kommerzialisierung insbesondere durch Tech-Experten mit asiatischem und auch US-Latino-Hintergrund – mit dem IT-ler Samuel Stockmann, Firmengründer und Geschäftsmann aus dem Umfeld des sprunghaften Tech-Pioniers und des politisch derzeit rechts-auslegenden Twitter-Inhaber Elon Musk, an der Spitze – nun die europäische Kultur-Elite erreicht.

Große Welle

In der Kulturzeitschrift Merkur beschreibt die Autorin Paola Lopez, Doktorandin in Philosophie, Recht und Digitalisierung an der Universität Wien, differenziert die beiden Gesichter der KI: Segen für die Menschheit oder Sprengsatz für freiheitlich verfasste Demokratien. (Siehe Merkur-Augustausgabe 2023: ChatGPT und der Unterschied zwischen Form und Inhalt, hier als PDF.)

Und damit wären wir beim SPIEGEL. Wie weit der unabhängigem Journalismus, der mit Hilfe humaner Intelligenz gut recherchierten Geschichte für den demokratischen Diskurs und als vierte Gewalt auch durch eine gute finanzielle Ausstattung der Verlage für Redaktionen und Vertrieb gestärkt werden muss, beschäftigte 2023 noch Vorredner  und Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt als Keynote-Speaker der letztjährigen MVFP-Jahresversammlung.

Spätestens seit der Auswechslung des SPIEGEL-Chefredakteur Steffen Klusmann im Mai 2023 in einem »Machtkampf der Führung« (Medien Insider, 23.5.2023) zwischen Verlagsgeschäftsführer Thomas Haas und seinem Produktmanager Ottlitz einerseits mit dem bis dahin amtierenden redaktionellen Chef Steffen Klusmann andererseits, wird es Zeit, sich die Strategie für die Zukunft des Nachrichtenmagazins etwas näher anzuschauen.

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 Fehldiagnose Print ist tot

Was veranlasste den Mediendienst Kress in seiner Mai-Ausgabe 2023 die Titelstory »Der Spiegel und das Ottlitz-Problem – Warum sein Sieg das ganze Haus belastet« zu präsentieren? Dazu hilft ein Blick in das  Fachmagazin Der Journalist, Ausgabe Jan./Feb. 2020, das in der Rubrik »Werkstatt« Ottlitz das Wort gab, und zwar unter der Überschrift »Wie wir den SPIEGEL entwickeln«.

»NextGen« heiße demnach die neue digital gestützte Frischzellen-Kur für das von Rudolf Augstein und (nach dem ersten Impressum von damals) insgesamt 43 Redakteuren, Verlagsangestellten und Archivmitarbeitern am 4. Januar 1947 gegründete Nachrichtenmagazin.1

Zugegeben, inzwischen gehört das Magazin im beständig orangeroten Rahmen zu den Langstrecken-Läufern in der Senioren-Klasse der deutschen Nachkriegsmedien. Dafür immer noch ziemlich gut trainiert und sprint-sicher im größer gewordenen Konkurrenzfeld auf dem dichtesten Zeitschriftenmarkt der Welt. Vor allem Dank einer überwiegend gut ausgebildeten und professionellen Redaktionsmannschaft in der x-ten Generation – nicht nur ehrgeizige »NextGen«-, sondern auch gut vernetzte »PresentGen«-Redakteure und Mitarbeiter der Entscheidungsträger der Republik mit lange aufgebauten persönlichen Kontakten im Adressbüchlein oder Telefonspeicher des Smartphones.

Eine Redaktionsmannschaft, die im Kern ihre grundgesetzliche Privilegien wie aber auch ihre Verantwortung als Vierte Gewalt im Staat kennt, einen verlässlichen Kompass auch in stürmischen Zeiten vom Kerngeschäft »AFFÄRE« besitzt und über eine kritisch-konstruktiven Grundhaltung zur Demokratie verfügt.

Ohne zu vergessen, dass man sich das auch leisten können muss.

Als häufig angegriffenes »Scheiss-Blatt« (Willy Brandt), »Schmierblatt« (Konrad Adenauer), »Lese ich nicht« (Helmuth Kohl), »Wegelagerer« (Gerhard Schröder), »Fünf-Mark-Nutten« (Joschka Fischer), »Nestbeschmutzer« (Franz Beckenbauer) ebenso im Gegenwind wie beispielsweise auch durch frühere, finanziell schmerzhafte Anzeigenboykotts der Industrie wegen kritischer Umwelt-Berichterstattung oder wegen einer stets wechselwendischen Werbewirtschaft angesichts der inzwischen 150 Jahre alten Fehlprognose »Print ist tot«.

Das 2011 bezogene, inzwischen teilweise fremdvermietete Gebäude an der Ericusspitze/ Signatur des SPIEGEL Gründers Rudolf Augstein © wiki-commons

SPIEGEL-Artikel auf Nutzernachfrage?

Der SPIEGEL hat diese Krisen unter wechselndem Spitzen-Personal, auch mit schmerzhaften Einschnitten, geschickt zur positiven Erneuerung genutzt, wie es aussieht. Das Wort seines Gründers Augstein, »Sagen, was ist«, erinnert daran in metall-glänzenden Lettern im Foyer des angemieteten Neubaus der SPIEGEL-Gruppe auf dem ehemaligen Festungsgelände Ericusspitze 1 am Rande der ebenfalls auf Zukunft getrimmten Hafencity der Freien-und Hansestadt.

Der Vorbote des Ottlitzschen Digital-Tsunamis ist die Vermietung mehrere Stockwerke der Redaktionszentrale an Anwaltskanzleien und andere Drittfirmen, da die Digitalisierung plus Corona-Pandemie auch beim SPIEGEL das home-office salonfähig gemacht hat. Auf den von Verbindungstreppen durchzogen 13 Etagen des lichten Gebäudeinneren müssen die Redakteurszimmer jetzt sicherheitshalber verschlossen werden, wenn es in die Kantine oder Snackbar geht.

Und diese Festung des soliden Journalismussoll jetzt nach Meinung der Autoren des journalist nun geschliffen werden mit dem »größten Produkt-Reformprojekt seit Jahrzehnten«. (Warum nicht gleich in der Geschichte der Menschheit?) Nicht mehr »Sagen, was ist«, sondern »Verkaufen, was ist«. Die Big-Data-Nutzernachfrage soll über Artikel entscheiden.

So müssen jedenfalls die Ausführungen des Produktchefs Ottlitz, nach Impressum zwischenzeitlich »Handlungsbevollmächtigter« und heute Geschäftsführer der SPIEGEL-Gruppe, und seiner Mitautoren, der Entwicklungsredakteure des SPIEGEL, Christina Elmer sowie Matthias Streitz, im Journalist interpretiert werden.

Zitat: »Ausgerichtet sind die Anstrengungen nicht allein auf die Erlöse, sondern letztlich auf unabhängigen Journalismus«, heißt es da noch für einen Vertreter des Alte-Schule-Journalismus beruhigend im Kapitel 1. Doch mit dem Reaktionsumbau (hier »Teams« im »Work-Flow« genannt) soll »ein Netzwerk von Produktionsteams« entstehen, »die fokussiert sind auf Nutzerorientierung, Lösungsorientierung, Markentreue«. 

Dafür seien Teams zu bilden, die in »Retro-, Canvas-Sessions und anderen agilen Methoden zu professionalisieren« seien. »Agil« scheint sowieso ein Lieblingswort in der Sprache der »NextGen«-Missionare zu sein, der den Gebrauch von rund zwei Dutzend englischen Worten auf vier Druckseiten des selbigen Artikels im journalist auch als Ausweis des Anbruchs einer neuen Zeit und Sprache im Spiegel wertet. Zitat: »Eine Kulturreform, systematisch, agil und interdisziplinär.«

  Der Journalist, Ausgabe Jan./Feb. 2020, Rubrik »Werkstatt«

Turbo zum Redaktionsschluss

Darüberhinaus sollen sich die »NextGen«-Redakteure der SPIEGEL-Gruppe konzentrieren auf den, Zitat:

– Kern unserer digitalen Angebote

  • Neugeschäft/Nebenprodukte/Print
  • Bezahlangebote
  • Video/Audio/Suchmaschinenoptimierung (SEO)
  • Research.

Die »Quartalsziele« seien – wie in einer börsennotierten Aktiengesellschaft – dabei nach einer im journalist nicht weiter erläuterten »OKR-Methode« zu erreichen, »bei der die Mitarbeiter nicht mehr mit den Chefs sondern auch mit den Kollegen abstimmen« sollen. (Zur Erklärung: OKR steht für Objectives, Keys, Results, eine Managementmethode der  Computerfirma Intel aus den 70er Jahren, die von einem Investor 1999 zu Google Ltd. gebracht wurde. Die Münchner Beratungsfirma Murakmy erläuterte auf ihrer Website die Anwendung von OKR am Beispiel der flächendeckend, teilweise von der Insolvenz bedrohten E-Roller-Branche in Deutschland. Ein häufig schlecht behandeltes teures Wegwerfprodukt. Ausgerechnet.)

Das werden erfahrene, ehemalige und heutige SPIEGEL-Chefredakteure und -Vize, selbst meist ehemalige Ressortleiter wie Erich Böhme, Werner Funk, Werner Kilz, Wolfgang Kaden, Georg Mascolo, Matthias von Blumenkorn, Wolfgang Büschner, Stefan Aust, Martin Doerry, Joachim Preuss, Clemens Höges, Barbara Hans, Dirk Kurbjuweit, Klaus Brinkbäumer oder auch der bisherige, offenbar von der digitalem Machtergreifung der nächsten Generation überrollte Steffen Klusmann nicht gerne lesen. Im »NextGen«-Kauderwelsch heisst es: »Hierarchien überflüssig machen, Konflikte der Nutzerorienietierung depolitisieren«.

Diesen Aufsatz für den journalist muss der derzeitige Verlagsgeschäftsführer Thomas Hass, früher selbst einer der fünf Geschäftsführer in der Mitarbeiter KG, die mit 50,5 Prozent Gesellschafteranteil das Haus kontrollieren, ja wohl vor Druckfreigabe abgesegnet haben.

Eigentlich wissen altgediente SPIEGEL-Chefs ziemlich gut, was alles an journalistischer Kompetenz gut geführte Ressorts mit fachkundigen Redakteuren in Koordination mit einem dichten Korrespondentennetz im In-und Ausland und findigen freien Mitarbeitern mit Engagement und Professionalität und guten Honoraren auf den Weg bringen können. Manchmal auch in Tagesfrist für einen aktuellen Titel. Die »Strafgaleere des deutschen Journalismus« (so ein ehemaliger Ressort-Kapitän) zeichnete sich schon immer durch einen gut geölten Turboantrieb aus, wenn knappe Redaktionszeiten bei aktuellen Themen den Takt vorgaben. Das nennt man motivierende Führung eines Haufens von Individualisten mit diversen Begabungen: Erkennen, Recherchieren, Schreiben, Interviewen, Redigieren, Produzieren, Netzwerken, Vermarkten und manchmal alles in einer Person.

Fake News, Datenverkauf, PR-Dominanz

Die Journalisten der »NextGen« sitzen dagegen nach den Ausführungen der Autoren »wöchentlich in Produktentwicklungskonferenzen«, in denen sich »30 bis 60 Menschen aus allen Bereichen« treffen, um »Ziele für das Quartal« zu erörtern.

Die Zeit bei Kaffee und Keksen aus der SPIEGEL-Kantine geht aber dann blöderweise vom Recherchieren und Produzieren neuer Geschichten für das Heft oder die Webseite ab.

Die Quittung ist ein schleichender Qualitätsverlust der journalistischen Darbietungen seit Verschmelzung von Spiegel-print mit online. So hat die Zahl der »Hinweise oder Korrekturen der Redaktion« am Ende der überarbeiteten SPIEGEL-Artikel online nach dem eigenen SPIEGEL-Suchsystem sich auf über 1000 in den letzten Jahren deutlich erhöht – manchmal Kleinigkeiten, manchmal richtige Klopper: Name des Hauptbeschuldigten falsch, unzutreffende Berufsbezeichnung, verwechselte Ortsangabe etc, da aus Kostengründen keine Dokumentation aller SPIEGEL-Artikel stattfindet und bei der Fusion der beiden Redaktionen versäumt wurde, einen gemeinsamen Standard für die Dokumentation alle SPIEGEL-Produkte verbindlich zu machen. Irritiert äußern sich auch Leserbriefschreiber an den SPIEGEL, »ob es denn zweierlei Maßstäbe« für die redaktionelle Qualitätskontrolle gäbe. Ja, gibt es.

Hier könnte die KI in der Tat vielleicht helfen. Wo SPIEGEL draufsteht sollte auch SPIEGEL drin sein – sonst wird es geschäftsschädigend. Ein Abo ist schnell abbestellt.

Aus dem jahrzehntelangen redaktionsinternem, wöchentlichen Ringen im SPIEGEL um die richtigen Themen und deren Mix in den Ressortkonferenzen, der morgendlichen Lage oder dem berühmten Quatschen auf dem Flur (Henri Nannen), am Kantinen-Tisch oder der Raucherzone, soll jetzt nach Ottlitz & Co ein »Workflow« werden, der in  »High-Performance Teams« enden soll. Das kann nicht gut gehen. Vielleicht kann man so ein weiteres erfolgloses Start-up für den Verkauf von Socken, Mode oder Marmelade organisieren. Bestimmt nicht ein aktuelles Nachrichten-Magazin.

Das hatte schon einmal der zwischenzeitliche Verlag- und Medienmanager beim Spiegel, Werner E. Klatten, intern »Erlöser« genannt, Ende der Neunziger Jahre versucht, indem er den ganzen Laden mit Hilfe der Unternehmensberatung Boston Consulting an die Börse führen wollte. Er ist damit gescheitert, vor allem an dem Einspruch der Mehrheitseigentümer. Mit den Erlösen aus neuen Produkten – vom ICE-Newsletter bis zur Kochshow im Privat-Fernsehen oder dem Verkauf von Klingeltönen – blieben die erwünschten Erlöse auch eher mager und die Kassen klingelten auch damit nicht so richtig.

Die Zahlen 2023 aus dem letzten Geschäftsbericht Mai 2024: Die SPIEGEL-Gruppe verzeichnet nach eigenen Angaben ein gegenüber dem Vorjahr gesunkenen Gesamtumsatz von 246 Millionen Euro im Jahre 2023 (Vorjahr: 267 Millionen). Beim Jahresüberschuss der SPIEGEL-Gruppe (Heft print/online, manager Magazin+, Harvard Business manager und das Fußball-Magazin 11 Freunde) ist nahezu eine Halbierung des Gewinns zu verzeichnen: von 42,8 (Vorjahr)auf 24,2 Millionen.

Gingen 2022 noch 60 Prozent auf die Erlöse aus Vertrieb des geduckten Heftes, Anzeigen und Print-Produkte zurück, so kommen jetzt »mehr als die Häfte der Gesamt-Erlöse aus dem „digitale Geschäft« – allerdings bei sich rapide leerenden Kassen. Thomas Hass: »Wir haben kräftig in den Zukunfstbereiche investiert, fokussieren auf unsere Plus- und Premium-Strategie und können so unsere journalistische wie wirtschaftliche Unabhängigkeit festigen.« Und: »Die SPIEGEL-Gruppe ist nun ein überwiegend digitales Unternehmen.« Schleierhaft bleibt die Aussage des SPIEGEL-Geschäftsführers, dass man »solide durch das Krisenjahr 2023« gekommen sei. Solide ist jedenfalls der Gewinneinbruch.

Von Geschäftsführer Ottlitz, so die Pressemitteilung der SPIEGEL-Kommunikation zum neuesten Geschäftsbericht, wird weiter angestrebt, bis 2025 den »Vertriebsumsatz Digitaler Angebote« auf 75 Millionen Euro zu erhöhen (heute 56,5 Millionen print und digital).

Bei der Print-Auflage halfen Corona und Krieg dabei mit, dass seit 2020 die SPIEGEL-Heftauflage wieder steigt – auf heute knapp 730 000 Exemplare wöchentlich, bei einem weitern Anzeigenrückgang von minus 6 Prozent. Bei der harten Währung aus der nebeligen Welt der Klick-Statistiken für das Internet verteidigt der SPIEGEL mit rund 20 Millionen sogenannter »unique users« einen vorderen Platz unter den Nachrichtenportalen.

Es zahlt sich jetzt aus, dass humane Intelligenz sich über Jahrzehnte – zunächst im Hamburger Pressehaus, der Brandstwiete, wie dann auch an der Ericusspitze – relativ frei und gut geführt entfalten konnte.  Die SPIEGEL-Gruppe hat frühzeitig digitale, journalistische Angebote wie Online vorausschauend und auch mit unternehmerischen Risiko finanziert und ausgebaut. Damit erreicht das Nachrichtenmagazin heutzutage eine respektable bundesweite und internationale Reichweite, von dem die Gründungsväter im zerbombten Hannover damals nur träumen konnten. – Derweil müssen verdiente SPIEGEL-Kollegen ihre Talente anderswo entfalten. So wechselt der herausgedrängte ehemalige Chefredakteur von manager magazin und SPIEGEL jetzt gerade als journalistischer Berater zum reichweiten-starken Newsanbieter und EMail-Provider web.de/gmx.de.

Im Jahre 1990 erreichte der SPIEGEL als Heft durch Mehrfachnutzungen schon rund 12 Prozent der gesamten deutschen Bevölkerung über 14 Jahre. Und heute? Statistisch gut 8 Millionen von 84 Millionen Bundesbürgern. Print tot? Bedeutungsverlust als eines der meist zitierten Magazine der Republik?

Die Verabschiedung von Print-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer 2018 wegen angeblich leicht sinkender Print-Auflage aus dem Amt, so damals die Begründung der Verlagsgeschäftsführung und Gesellschafter, mutet da befremdlich an. Die Grundrichtung »Journalismus zuerst« gehört zur DNA des Hauses – digital wie auf Papier. Heute heisst es offiziell »Digital first«.

Ob etwas militärisch gedrillt als »Sturmgeschütz der Demokratie« tituliert (O-Ton WK-II Leutnant der Reserve und gelernter Kanonier Augstein) oder als Pionier eines Nachrichtenseite im Internet, zeitgleich mit dem Time Magazine in den USA. Die Internet-Entwickler von SPIEGEL Online (SPON) waren – das nur zur Erinnerung –  Anfang der Neunziger Jahre der Technik-affine Print-Redakteur Uly Förster aus dem Ressort Deutschland zusammen mit dem SPIEGEL-Dokumentar Ulrich Booms.

In der sogenannten Mitarbeiter KG haben die Redakteure, die Dokumentare sowie die Verlagsangestellten des Hauses eine Mehrheit von 50,5 Prozent; das Verlagshaus Gruner+Jahr 25,5 Prozent, die Augstein-Familie 24 Prozent. Sie werden auch über die Umsetzung der jetzt eingeleiteten Richtungsänderung zu einer Produkt-Redaktion »Digital first« entscheiden.

Das Gremium Mitarbeiter KG des Mehrheitsgesellschafter, das derzeit über 650 Stille Gesellschafter aus dem Haus und möglicherweise demnächst auch die ehemaligen Online-Mitarbeiter vertritt, wird immer wieder verdächtigt, der große Bremser zu sein, um die Gewinnausschüttungen nicht zu gefährden. Aber: Mit gutem Journalismus und kaufmännischem Sachverstand lässt sich eben auch in digitalen Zeiten Geld verdienen. Das haben die SPIEGEL-Urväter und Urmütter schon in den analogen Zeiten richtig erkannt, als gerade die DM nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt wurde und die ersten Handelsbilanz des SPIEGEL 1948 noch »15 Fahrräder« als Aktiva auflistete. Es muss mit dem Journalismus nur richtig gemacht werden.

Das SPIEGEL-Grundgesetz

Ja, der SPIEGEL steht in in der Wahrnehmung von News natürlich in  Konkurrenz zu den sogenannten sozialen Medien und sogenannten News-Anbietern, die eher dem deutschen Werberat als dem Presserat unterliegen, dies in einer von der Digitalisierung durchgerüttelten Medienlandschaft. Aus politischen, gesellschaftlichen und geschäftlichen Gründen sind die Asozialen & Sozialen Medien nun aber stetig dabei, sich selbst als reine Produkt- Profitmaschinen zu entzaubern und sich damit letztendlich selbst als journalistische Wettbewerber abzuschaffen.  Fake News, Datenverkauf, PR-Dominanz, Hass-Helfer sind die Stichworte dazu. Das Vertrauen der Nutzer in die journalistischen Angebote der sogenannten »sozialen Medien« ist, wie alle Mediennutzungs-Studien belegen, im Keller.

Das sogenannte SPIEGEL-Statut der Gründungsjahre aus der Feder des Augstein-Weggefährten und Verlagsleiters Hans-Detlev Becker ist ein historischer Text – und gleichwohl brandaktuell. Er könnte heute als eine Art Grundgesetz für die Ericusspitze gelten. Der Hamburger Verfassungsrechtler und langjährige SPIEGEL-Verlagsmanager, Justiziar und Rechtsanwalt Michael Nesselhauf sorgte Anfang der Siebziger Jahre dafür, dass die Grundlagen der Mitarbeiter-KG sich daran orientierten. Gerade auch angesichts der überschaubaren hauseigenen Pannen in immerhin sieben Jahrzehnten wöchentlicher Redaktionsarbeit (z.B. gefälschtes Waldheim-Telegramm, Relotius-Affäre) ist die Lektüre lohnend – vor allem angesichts des im journalist angekündigten Kurswechsel zu einer Art amazon-SPIEGEL.

Hans-Detlev Becker, SPIEGEL-Urgestein © wiki-commons

»Ohne Zeigefinger und Zaunpfahl“

Hier der Text von Hans-Detlev Becker im Wortlaut:

Der »Spiegel« ist ein Nachrichten-(Neuigkeiten-) Magazin. Darum muss der »Spiegel«

1. aktuell sein,

2. einen hohen Nachrichten-(Neuigkeits-)Gehalt haben. Dabei muss er andere, d.h. persönlichere, intimere, hintergründigere Nachrichten (Neuigkeiten) mitteilen und verarbeiten, als sie die Tagespresse darbietet,

3. interessant sein. Das heißt: Er muss mit sicherem journalistischen Instinkt die aktuellen Vorgänge erkennen, von denen sofort angenommen werden kann, dass sie einen breiten Kreis normal interessierter Laien berühren, angehen, beschäftigen.

Alle im »Spiegel« verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen. Jede Nachricht und jede Tatsache ist vor der Weitergabe an die Redaktion peinlichst genau nachzuprüfen. Quellen sind in jedem Fall informativ mitzuteilen. In Zweifelsfällen ist eher auf eine Information zu verzichten, als die Gefahr einer falschen Berichterstattung zu laufen.

Die Form, in der der »Spiegel« seinen Nachrichten-(Neuigkeits-)Gehalt interessant an den Leser heranträgt, ist die Story. Damit ist gemeint, dass der Bericht über ein aktuelles Geschehen in Aktion (Handlung) umgesetzt werden sollte. Der Leser soll dadurch den Eindruck gewinnen, dass er selbst bei dem Geschehen dabei ist, es in allen Phasen miterlebt. Er soll dabei aber auch mehr miterleben, mehr sehen, mehr Eindrücke und Perspektiven gewinnen, als es dem normalen Zuschauer möglich ist. Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Darum sollten alle »Spiegel«-Geschichten einen hohen menschlichen Bezug haben. Sie sollten von dem oder den Menschen handeln, die etwas bewirken. Der Idealfall: An einer Person wird eine ganze Zeitströmung (das ganze jeweilige Geschehnis, der ganze Vorgang, die aktuelle Begebenheit) in ihren Hintergründen, Ursachen, Anlässen, bewegenden Momenten und Auswirkungen aufgezeigt.

Jede »Spiegel«-Geschichte soll auf einer möglichst großen Zahl von Tatsachen, Begebenheiten, Nachrichten, Neuigkeiten aufbauen. Sie hat diese Tatsächlichkeiten so zu geben, wie sie sich dem gutwillig Unvoreingenommenen darbieten. Sie hat sie nicht mit dem Zeigefinger oder mit dem Zaunpfahl auszudeuten, d.h. der »Spiegel« stellt die Dinge einfach in ihrer Wirklichkeit dar, so wie er sie durch das Auge seines Korrespondenten selbst sieht.

Er versucht, die Tatsächlichkeiten widerzuspiegeln, er tut das in möglichst vielen Bezügen, in Vordergrund und Hintergrund, im Detail und im größeren Zusammenhang. Er beurteilt die Dinge zwar, aber die Bewertung soll möglichst in der Schilderung enthalten sein. Sie soll möglichst nur in dem verschiedenen Schwergewicht der nebeneinander gestellten Argumente zum Ausdruck kommen. Die direkte Schlussfolgerung, den Kommentar, überlässt er dem Leser. Die Wirkung des »Spiegel« ist indirekt, er dient keiner Partei, keiner Konfession, keiner Interessentengruppe. Er ist, auch finanziell, unabhängig. Der oberste Zweck: Die richtig eingeordnete Information, die einfach geschrieben, klar verständlich, angenehm lesbar, journalistisch fesselnd, ja unterhaltend und ausgesprochen amüsant dargeboten werden soll.“ 2

Der Aufsatz im journalist unter Verantwortung des heutigen »Produktchefs« in der SPIEGEL-Gruppe »Wie wir den SPIEGEL entwickeln« (auf welcher technischen Plattform auch immer, das Internet ist ja nicht das Ende der technischen Fahnenstange) kommt ohne ein paar Begriffe aus, die mit dem von Becker & Co skizzierten Journalismus zwingend verbunden sein sollten: Themenfindung, Recherche, Informanten, Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Faktenprüfung, Gegenseite anhören, Vertrauen, Zuverlässigkeit, Fehlerkorrektur, Schlagkraft, Gewinne und auch Selbstbewusstsein und Standfestigkeit.

Die jetzt neuerdings in ihrer Image-Krise von den Internet-Konzernen wie Facebook Ltd./ whatsapp, Google Ltd. oder You-Tube und anderen Technik-Giganten (»Print kann einpacken«) auch im SPIEGEL oder der Süddeutschen Zeitung, FAZ, Handelsblatt etc. geschalteten und gut bezahlten Print-Anzeigen belegen doch sinnfällig, wer langfristig publizistisches Vertrauen geniesst.

Die Medienplaner ahnen offenbar, wie sehr das gedruckte Wort und Bild in einem gepixelten PR-Kosmos der Bildschirme unter dem Deckmantel »Journalismus« wirkt. Deshalb braucht der SPIEGEL auch eine professionelle »NextGen«, die relevante und exklusive Geschichten journalistisch produzieren kann.

Die Produkt-Verkäufer der Ottlitz-Schule tragen schwarze Kapuzen-Pullis mit der Aufschrift »SPIEGEL« als Arbeitskleidung für die uniformierten »NextGen«-Kollegen. Sie ähneln den nicht gerade sonderlich beliebten Hilfskräften der Polizei, die in deutschen Großstädten als »Parkraum Management« Strafzettel austeilen.

Digital first soll die neue Marschrichtung des SPIEGEL sein, verlautet jetzt nach dem Chefwechsel. Kann man machen, nur ist das wie bei der Springer SE unter US-Hedgefonds Kontrolle der Abschied eines 75-jährigen Verlagshauses für die Pressefreiheit in Deutschland. Bei den Solidaritäts-Protesten für Augsteins Mannen in der SPIEGEL-Affäre 1962 wurde auch ein handgemaltes Schild hochgehalten mit der Aufschrift: »SPIEGEL tot – Freiheit tot«.

Als Ottlitz bei der Tagung der Verleger in der großen Halle am Spreeufer zum Ende kommt, herrscht eine gewissen Ratlosigkeit im Raum. Ist das wirklich die Zukunft? Oder wird hier wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben, wie es der Hesse Erich Böhme, langjährig in der Chefetage des SPIEGEL, ausdrückte. Wer weiß.

Jedenfalls warten draußen ein sommerlicher Drink, ein starker Espresso oder ein frisch Gezapftes und kleine Snacks von Spindler & Klatt am Spreeufer. Die historischen Backsteingebäude haben früher die  Heeresbäckerei beherbergt. Da ist die KI plötzlich ganz weit weg.

Quellen:
1. Wikipedia, Der Spiegel
2. Klaus Brinkbäumer (Hrsg.): 70. Der SPIEGEL 1947-2017; Deutsche Verlags-Anstalt, München. 34,99 Euro.

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Sebastian Knauer, Jahrgang 1949, Diplom-Volkswirt, Journalist und Autor, war von 1988 bis 2010 SPIEGEL-Redakteur im Ressort Deutschland II, Schwerpunkt Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Von 1998 bis 2004 vertrat er als einer der fünf gewählten Geschäftsführer die Redaktion in der Mitarbeiter-KG. Bis 2015 nahm er die Interessen des SPIEGEL in der verlagsübergreifenden Initiative »Haus der Pressefreiheit« in Hamburg wahr. Zuvor arbeitet er als seit 1977 als Mitglied des Politik-Ressorts beim Magazin stern und gehörte dem Redakteursausschuss zur Verhandlung über ein (gescheitertes) Redaktions-Statut bei Gruner+Jahr an. Diverse Bücher. Lebt in Hamburg.

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