Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Sebastian Knauer: True Eco-Crime mit Jürgen Resch

Druck erzeugt Gegendruck

Der langjährige Natur- und Umweltschützer Jürgen Resch hat ein Sachbuch über seine Erfahrungen mit knapp 50 Jahre Umweltpolitik vorgelegt. Es ist ein wahrer Öko-Krimi geworden mit echten Namen, Akten und knüppelharten Gegnern. Al Capone ist auch in Berlin zu finden. Die Umweltpolitik habe mit den Regierungsgrünen an Wumms verloren, analysiert Resch. Trotzdem bleibt der Autor optimistisch, weiterhin vor Gerichten Natur und Umwelt wirksam verteidigen zu können. – Siehe auch das aktuelle Urteil des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg, das auf zwei Klagen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gerade urteilte, dass die Bundesregierung gegen das Klimaschutzgesetz verstößt und gesetzeskonforme Klimaschutz-Sofortprogramme in den Sektoren Gebäude und Verkehr vorlegen muss. (DUH-Pressemeldung hier.)

Die erste hautnahe Begegnung mit Vögeln hatte das Baby Jürgen, Jahrgang 1960, in der elterlichen Wohnung im schwäbischen Plochingen mit einem frei herumfliegenden Wellensittich namens „Bubi“. Sonntägliche Ausflüge in die Vulkankegel-Landschaft des baden-württembergischen Hegau nahe des Schwäbischen Meeres, dem Bodensee, prägten den Sohn eines naturbegeisterten Drogeristen. 

Später kümmerte er sich um verletzte und elternlose Jungvögel, die er im Frühjahr im Schuhkarton mit in die Schule brachte um sie in der Fünf-Minuten Pause zu füttern. Vater Resch bot in seine Laden gesunde Teemischungen an aus den bei den Ausflügen selbst gesammelten Kräutern. „Die Mitarbeit in der elterlichen Drogerie machte mehr Spaß, als in den Kindergarten zu gehen“, schreibt Jürgen Resch in seine neuen Buch „Druck machen!“, das jetzt im Verlag Ludwig, München erschienen ist.

Das Werk hat das Zeug, zum Bestseller unter den vielfältigen Öko-Büchern zu avancieren.

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Denn was so harmonisch und friedlich am Bodensee beginnt entwickelt sich in der der Person Jürgen Resch, heute Geschäftsführer der „Deutschen Umwelthilfe (DUH), zu einer True Eco-Crime Story, die die Bundesrepublik mit prägen sollte. Knapp fünfzig Jahre Umweltpolitik werden hier kenntnisreich und gut geschrieben lebendig – mit allen Höhepunkten und Niederlagen.

In mehreren tausend Gerichtsverfahren hat die DUH mit dem renommierten Verwaltungsjuristen Remo Klinger der Berliner Kanzlei Geulen & Klinger sich auch mit den Branchengiganten für Automobile, Chemie, Lebensmittel, Pharma oder auch mit Landesbehörden, Landesregierungen und ebenso der Bundesregierung angelegt und die Gesetzgebung pro Umwelt- und Menschenschutz vorangetrieben. „Ich habe erfahren müssen“, urteilt Resch, „mit welcher Macht vor allem Konzerne gegen Natur-, Umwelt, Klima-und Verbraucherschutz agieren und wie eng sie mit den politischen Akteuren im „Raubtier-Lobbyismus verflochten sind. Und dass selbst der Staat heute immer häufiger zur Beachtung von Recht und Gesetz gezwungen werden muss.“

Der Weg zu dieser Erkenntnis gleicht der Rolle des guten Cops, der im  Chicago der Dreißiger Jahre gegen die vermeintlich übermächtig erscheinende Mafia Organisation Al Capones antritt.

Bespitzelung, Erpressung, Nötigung, Lügen, Androhung der persönlichen Existenzvernichtung durch teure Prozesse und Strafzahlungen, Korruption, willfährige Landespolitiker. Selbst Kanzler – vom Merkel bis Scholz – erlebte er auf Schmusekurs mit der Industrie genauso wie Bestechungsangebote, gegen Geldzahlung den Protest aufzugeben. Jürgen Resch hat das in 47 Jahren aktiven Umwelt-und Naturschutzes alles kennengelernt. Und zwar hautnah.

Er nennt die Namen der Akteure und Firmen, zitiert aus internen Akten und lässt den Leser an einem knüppelharten Kampf für den Klimaschutz teilnehmen.

Es ist so spannend wie die Mafia-Geschichten aus Chicago. Nur das die Toten in diesem Krimi keine durchsiebten Gangster, sondern die jährlich allein in Deutschland 40.000 geschätzten durch mutmaßlich industrielle, chemische und verkehrsbedingte Abgase an Atemwegserkrankungen vorzeitig gestorbenen Bundesbürger sind. Oder die ungezählten Opfer des Artensterbens der Fauna und Flora, die verstummten Insekten und Vögel mit Pestiziden im Leib, die Resch schon in seiner Zeit als Zivildienstleistender beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland sprichwörtlich vom Himmel fallen sah.

Damals erkannte er schon welch scharfe Waffe die Justiz für die Durchsetzung von umweltpolitischen Zielen sein kann. Schon früh vertraute der halb-gelernte Verwaltungswissenschaftler Resch dem pro bono erteilten juristischen Rat des pensionierten Richters des Oberlandesgericht Stuttgart, Klaus Roth-Stielow. Ob den knapp verlorenen Bürgerentscheid gegen den Bau einer überdimensionierten Kongresshalle in Friedrichshafen (die dann doch kam  und heute als unrentables Denkmal eines größenwahnsinnigen Bürgermeisters zu besichtigen ist), die Verhinderung einer Werksweiterung für das militärische US-Raketenprogramm der Flugzeugfirma Dornier in die geschützten Uferzone des Bodensees (die verhindert werden konnte). 

Später kamen dann die letztendlichen juristischen Siege for Pestizid-Verbote, der erfolgreiche Einsatz für den Erhalt des weltweit größten Mehrweg-Getränkesystems durch die Durchsetzung des Dosenpfands oder die Lebensmittel-Sicherheit vor behördlich geduldeten Schadstoffen. Und zusammen mit dem Automobilexperten Axel Friedrich der größte Coup der Gnadenlosen in Grün: die Aufdeckung des Abgas-Schwindel im Dieselgate Skandal durch Audi, Volkswagen, Daimler, BMW und alle anderen Diesel-Pkw Hersteller, die vorsätzlich gegen die Abgasnormen verstießen. Haftstrafen für CEOs, Milliardenverluste in den USA und schließlich eine – jedenfalls verbal erklärte – Umkehr einer Branche mir rund 780 000 Angestellten war die Folge. 

Aus David wurde Goliath.

Schon so mächtig, dass Teile der CDU und FDP die DUH finanziell austrocknen wollten und ihr die Gemeinnützigkeit, die Klagerechte vor Verwaltungsgerichten und den Zugang zu staatlichen Zuschüssen entziehen wollen. Kurzerhand warfen Regierungspolitiker ihr ausgerechnet bei der erfolgreichen Verfolgung der Umweltverstöße der Industrie vor, dies rein aus finanziellen Interessen als „Abmahnverein“ zu tun. Ein Vorwurf, den ausgerechnet der Bundesgerichtshof in aller Form zurückwies. Resch war endgültig zur lästigen Stechmücke der deutsche Großindustrie geworden. Der Vorstoß scheiterte schließlich. Keine Klatsche half gegen den hartnäckigen Schwaben.

Heute sucht die Auto-Branche im Umbruch zur Elektromobilität das Gespräch mit der DUH – allerdings ohne ernsthaft an weniger überdimensionierten Großraum-Pkws for die Mobilitätswende zu arbeiten. Ähnlich wie im Energie-, Chemie- oder Pharmabereich wird versucht mit hübschen Nachhaltigkeits-Etiketten zu verkleistern, dass im Spätkapitalismus die Rendite entscheidend ist für Investoren. Und guter Umweltschutz gibt es eben nicht zum Nulltarif.

In seinem lichtdurchflutete Büro am Hackeschen Markt in Berlin kommt Resch zum einem ernüchternden Fazit. Die Umweltpolitik steht selbst an einem der berühmten Kipppunkte zum weiteren „Bedeutungsverlust.“ 

Ausgerechnet durch den Eintritt der ehemalig ökologisch ausgerichteten Grünen in die Regierungsverantwortung innerhalb der Ampelregierung (SPD-FDP-Grüne) entfalle das parlamentarische Korrektiv einer ökologisch eingestellten Oppositionspartei. Resch: „Der Verzicht der Grünen auf „rote Linien“ bei den Koalitionsgesprächen im Herbst 2021 führten zu einem Koalitionsvertrag mit nur wenig inhaltlicher Substanz. SPD und FDP hintertreiben alle Wahlversprechen einer wirksamen  Klima-und Umweltpolitik.“ Aus dem „Umwelt-Musterschüler“ Deutschland sei auch international längst das „Schmuddel-Kind Europas “ geworden. Alleine die  Klimaklagen von DUH und BUND, zuletzt Ende November vor dem obersten Verwaltungsgericht von Berlin-Brandenburg könne wirksam eine weitere Verwässerung der Öko-Ziele Berlins verhindern. 

Zum Verhandlungstermin Ende November habe eine Armada von rot-grün-gelb mandatierten Rechtsvertretern gegen die Umweltverbandsklage an-argumentiert. Eine Woche später, genau zur Eröffnung der Weltklimakonferenz in Dubai, verkündete das Gericht seine Entscheidung und gab den Umweltverbänden Recht: Die Bundesregierung muß Sofortmaßnahmen zum Klimaschutz ergreifen.

Trotz allem Palaver steigen die CO2-Emissionen durch die Braunkohleverstromung, halte die Versiegelung des Bodens an – wenn auch mit gebremsten Tempo- weiter an, sorgten Einweg-Hardliner wie Coca Cola dafür, dass gesetzlich verabschiedete Mehrwegquoten einfach missachtet werde oder Discounter wie Lidl sich ihre eigene heile PET-Kreislaufwelt basteln, mit der Beteiligung eines Showmaster mit ausgeprägtem Erwerbsdrang aber ohne großen Werte-Kompass.

Resch setzt auf das Veränderungspotential der Zivilgesellschaft und die Aktivisten junge Generation von Fridays for Future, Extinct Rebellion oder den vielen Grasswurzel-Initativen, die im Stillen sich lokal engagieren.

Jürgen Resch © privat

Resch ist trotz der dauerhaften Begegnungen mit den gut betuchten Umweltgangstern, die das Greenwashing so gut beherrschen wir Al Capones seine Schwarzgeld-Geschäfte, eine Optimist geblieben. 

Seine persönliche Referentin Claudia bringt ihm noch einen Cappuccino. Die Stimmung unter den Angestellten und Mitstreitern am Hackeschen Markt ist produktiv-beschwingt. Erfolg macht locker.

„So,dann kannst Du den nächsten Besucher rein lassen“, sagt Resch. Mit dem Charme des perfekten, jugendlichen Schwiegersohns mit Schlips aber ohne dickem Schlitten hat Resch als der „Ralph Nader“ (US-Anwalt und Ex-Präsidentschaftskandidat) des deutschen Verbraucherschutz schon viel erreicht. Trotzdem warnt er: Die deutsche Umweltbewegung habe ab den Neunziger Jahren verlor zunehmend an Glanz verloren, durch immer dreisteres „Greenwashing“, „Vereinnahmung der Kritiker“ sowie „immer farblosere Umweltminister“ (Resch). Das mache schlagkräftige NGOs, wie BUND, Nabu, Greenpeace, foodwatch  oder eben die DUH umso wichtiger. Sie verzeichnen allesamt steigende oder stabile Mitgliederzahlen.

Ohne Druck geht es nicht. Genau davon handelt das Buch, das auch Hoffnung macht.

Jürgen Resch: Druck machen! Wie Politik und Wirtschaft wissentlich Umwelt und Klima schädigen – und was wir wirksam dagegen tun können. Ludwig-Verlag, München 2023. 336 Seiten, 22 Euro

Sebastian Knauer, Umwelt-Redakteur bei stern und Spiegel und damit auch einer der Chronisten für eines der wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen im Nachkriegsdeutschland. Dem Umweltschützer und Autor Jürgen Resch verdankte er viele Hinweise und Hintergrundwissen für seine redaktionelle Arbeit. Autor (zusammen mit  Emanuel Eckardt) des Bandes „Kein schöner Land – ein deutscher Umweltatlas“, stern Buchverlag, 1979.

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