Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023, Musikmag, News

Rolf Barkowski: Ein Interview mit Charlie Musselwhite

Seit über 50 Jahren auf der Bluesbühne

Geboren in Mississippi, Kindheit in Memphis, als Teenager in den 60ern zu Hause auf der South Side in Chicago, neben Muddy Waters, Howling Wolf, Little Walter, um nur einige zu nennen. Enger Freund von John Lee Hooker. Nominiert für zwölf Gramy Awards, davon einen zusammen mit Ben Harper für das Beste Bluesalbum 2014 gewonnen („Get Up!“). Ersparen wir uns die Aufzählung der langen Liste von Superlativen zur Person und Musik von Charlie Musselwhite. Ich hatte Gelegenheit, den „elder statesman of the blues“ in Clarksdale/ Mississippi zu treffen und ein Gespräch mit ihm zu führen.

Frage Rolf Barkowski: Guten Morgen, Charlie Musselwhite, und vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Ich habe ein paar Fragen vorbereitet. Darf ich anfangen?

Charlie Musselwhite: Guten Morgen. Na klar leg’ los!

Du triffst eine Person, die dich nicht kennt, dich noch nie gesehen hat. Du musst dich vorstellen. Was würdest du sagen?

Was sage ich jemandem, wer ich bin? Nun nicht viel. Ich bin Musiker. Nur das würde ich sagen. Das reicht. War noch nie mein Ding, für mich selbst Werbung zu machen.

Rückblickend – wie war das Jahr 2023 bisher?

Ich war sehr beschäftigt. Mehr als ich wollte. Ich bleibe einfach gerne zu Hause. Andererseits ist es wirklich schön, das Lächeln und die Gesichter zu sehen, wenn man Musik spielt. Aber beides zusammen klappt leider nicht. Also versuche ich, das Gleichgewicht zu halten. Reisen, Konzerte geben und zu Hause bleiben.

Normalerweise bist du ja viel international unterwegs.

Nun ja, seit COVID war ich nicht mehr wirklich außer Landes. Außer vielleicht in Kanada. Aber nächstes Jahr fliege ich nach Australien. Keine Pläne für Europa bisher.

Im Vergleich zur COVID-Zeit?

Es ist nicht mehr dasselbe wie früher, als ich lange Touren gemacht habe. Einfach die Straße entlang von Stadt zu Stadt, täglich an einem anderen Ort. Das mache ich nicht mehr. Insofern habe ich wirklich genossen, während COVID zu Hause sein zu können. Soviel Freizeit hatte ich seit Jahrzehnten nicht mehr.

Du bleibst gerne zu Hause?

Ja. Ich bin seit meinem zwanzigsten Lebensjahr unterwegs. 50 Jahre, mehr als 50 Jahre auf der Straße. Zuhause bleiben zu können, das ist wirklich eine große Veränderung für mich. Ich bin jetzt alt genug. Koffer ein- und auspacken und dann zum Flughafen fahren. All das ständige Reisen und das Leben aus dem Koffer – sehr mühsam. Da vermisse ich wirklich nichts.

Hast du COVID ohne Probleme überstanden?

Ich bin einmal krank geworden. Es gab hier in der Stadt ein Festival, da habe ich mich wohl angesteckt. Habe etwa vier Tage flach gelegen, aber das war okay. Hat keinen Spaß gemacht, aber ich bin nicht gestorben. 

Vier Tage, das ist gut…

 (lacht) Ja, ich empfehle jedem, sich nicht mit COVID anzustecken.

Alle Fotos © Renate Barkowski/ Rolf Barko

Nächste Frage – vielleicht nicht so einfach zu beantworten. Erinnerst du dich an den schönsten Moment in deinem  Leben?

Heute ist der bisher beste Moment.
Ich bin noch da.
Habe heute meinen Überlebensrekord gebrochen…

Manchmal passieren tolle Dinge, an die man sich gerne erinnert…

Nun, der Moment als ich als Teenager nach Chicago kam und die Stadt und die gesamte Bluesszene entdeckte. Ich und ein Freund fuhren den Highway 51 hinauf nach Chicago in der Hoffnung, einen guten Job in einer Fabrik zu finden. Doch der erste Job, den ich bekam, war als Fahrer für einen Kammerjäger. Ich habe ihn durch ganz Chicago gefahren. Und ich vergesse nie, als ich die 43. Straße entlangfuhr und zu einem Gebäude namens „Pepper`s Loung“ kam. Dort an den Fenstern stand in großer Schrift: Muddy Waters. Er spielte dort. Das war sein Club. Der Club in dem er regelmäßig spielte, wenn er nicht auf Tour war. Ich konnte es nicht glauben. Muddy Waters war hier zuhause. Und von da an entdeckte ich dann die gesamte Bluesszene in Chicago. Das war für mich als Teenager unheimlich spannend. Ich war damals groß für mein Alter und trug einen Anzug, so dass ich wie 21 aussah und in jeden Club reinkam.

Muddy Waters war dir ein Begriff?

Ja, ich hatte ihn schon vorher in Memphis getroffen. Er eröffnete immer für Chuck Berry im Ellis Auditorium. Ich ging hinter die Bühne und traf dort Muddy, James Cotton und Otis Spann. Muss so um 1960 gewesen sein.
Andere schönste Momente: 
– die Tour mit B.B.King. Ich tourte mit ihm in Europa und den USA – wirklich eine besondere Zeit.
–  die Heirat mit Henrietta war wunderbar und hat mein Leben verändert. Johnny Lee Hooker war mein Trauzeuge.

Wirklich?

Einmal den Grammy zu gewinnen war großartig. Ebenso unvergessen: tausende Glücksgefühle ausgelöst durch die Gespräche, die Kontakte mit den Zuhörern und das Lachen der Menschen. 
Das alles sind tolle Erinnerungen, alles „schönste Momente“ für mich.

Du bist einer der wenigen Musiker, Bluesmusiker, der seine Meinung und seinen politischen Standpunkte sehr klar vertritt. Wie gehst du mit den Reaktionen um? Auf Facebook zum Beispiel lese ich oft Reaktionen wie: Bleib bei deiner Musik und erzähl’ uns nichts von deinen politischen Überzeugungen.

(lacht) Sicher. Ich sage gerne, was ich sagen möchte. Das ist meine Seite. Die Menschen können es lesen oder nicht. Es kann Ihnen gefallen oder nicht. Es liegt an Ihnen. Und wenn sie wollen können sie ja weiter scrollen, wenn sie bestimmte Aussagen nicht lesen wollen. Die Mehrheit der Menschen, die den Blues lieben, sind politisch gleichgesinnt.

Es ist dir also wichtig, deinen politischen Standpunkt zu vertreten und laut zu äußern?

Ich denke, Blues war natürlich schon immer politisch. Er ist Teil des Lebens. Blues ist Teil des Lebens, meines Lebens. Weißt du, ich darf und will meine Meinung äußern und wenn es den Lesern nicht gefällt, ist das nicht mein Problem. Ich kenne andere Leute. Manche Menschen haben Angst, bestimmte Meinungen offen zu äußern. Sie wollen nichts sagen, weil sie Angst haben Freunde und Fans zu verlieren. Das soll jetzt kein Vorwurf sein. Aber mir ist das egal. Das heißt nicht, dass mir meine Freunde und Fans gleichgültig sind. Aber ich werde niemals Angst haben, zu sagen, was ich denke. Bei meinen Auftritten bringe ich selten Politisches zur Sprache, weil jeder – einschließlich mir – einfach eine gute Zeit haben will. Aber in gedruckter Form denke ich ist es mein gutes Recht zu sagen, was mir gefällt.

Wie wichtig ist dir die Familie?

Nun, ich habe Kinder und Enkelkinder und eine Urenkelin. Und sie alle bedeuten mir sehr viel. Über sie Bescheid zu wissen, sich um sie zu kümmern, sich mit ihnen zu beschäftigen gibt mir ein gutes Gefühl in meinem Herzen. Und zu wissen, dass sie gesund und in ihrem Leben erfolgreich sind, gibt mir ebenfalls ein gutes Gefühl. Stärkt die eigene Gesundheit. Kann ich nur empfehlen.  Ich wünschte, wir würden alle näher zusammenleben, damit ich sie alle öfter sehen könnte.

Deine Tochter Layla macht  jetzt ihre eigene Musik…

Ja. Sie hat endlich gute Erfolge. Layla hat lange daran gearbeitet. Zuerst kam sie nicht weiter. Erst als sie nach New Orleans ging, wo sie jetzt lebt. Jetzt startet sie durch.

Du lebst nun in Clarksdale…

Ja, das macht einfach Sinn. Da direkt auf der anderen Straßenseite (zeigt auf die Häuserreihe gegenüber).

Warum bist du zurück gekommen? Es ist eine Rückkehr, nicht wahr?

Nun ich komme von hier. Ich habe dieses Gebäude gekauft, weil ich sehr oft zu Besuch hierher kam. Als Kind besuchten meine Mutter und ich ihre drei Onkel, die hier lebten. Daher ist Clarksdale immer schon Teil meiner frühesten Erinnerungen. In späteren Jahren besuchte ich hier oft Freunde, hörte die Musik. Alles in der Nähe von Memphis, wo ich aufgewachsen bin. Die Verwandten sind mittlerweile alle tot, aber die Erinnerungen sind lebendig. Das Gebäude dort stand zum Verkauf – wirklich günstig. Also habe ich es gekauft.

Das letzte Haus hatten wir über 30 Jahre in Kalifornien, im Sonoma County, in einer kleinen Stadt, in Geyersville. Aber wir hatten auch diese Brände, die jedes Jahr näher kamen.Und aufgrund der globalen Erwärmung gab es dann jedes Jahr Feuer. In einem Jahr  kam das Feuer so nah an unser Haus heran, das – wenn der Wind seine Richtung nicht geändert hätte – unser Haus fast niedergebrannt wäre. Deshalb habe ich beschlossen, dass wir dieses Haus verkaufen sollten, solange wir noch ein Haus zu verkaufen haben. Wir hatten ja dieses Haus hier in Clarksdale bereits. Das machte Sinn. Also packten wir einfach alles zusammen und zogen um.

Ja, die beste Entscheidung – willkommen in Clarksdale! Ein Blick nach vorn: Wie geht es weiter? Du hast gesagt, dass du nach Australien fliegst?

Später in diesem Monat steht die Blues Cruise an. Dann habe ich noch weitere Auftritte mit Elvin Bishop. Ben Harper spricht davon, nächstes Jahr ein weiteres Album aufzunehmen. Ich bin mir nicht sicher, wann. Vielleicht im März, ich weiß es nicht. Wir haben es im Januar versucht. Da konnte er, aber ich war beschäftigt. Wir wollten es im Februar in den Royal Studios in Memphis machen, doch da war er beschäftigt…. Wir werden  weiter nach einem gemeinsamen Termin suchen. Es wird auf jeden Fall  interessant sein. 
Zudem habe ich auch ein neues Album. Es wird gerade gemischt. Wird wohl im nächsten Jahr herauskommen. Und der Film (Scorseses „Killers of the Flower Moon“) läuft gerade an.

Ja, wir haben von dem Film gehört.

Habt ihr die Szene mit mir darin gesehen? (holt sein Smartphone heraus und zeigt uns die Filmszene) Schaut euch das an. Ich spiele nur einen Cowboy. In der Szene spreche ich mit einem Detektiv. Der hat gehört, dass ich etwas weiß. Ich packe gerade aus….

Eine neue Karriere wartet auf dich…

Ich habe schon in einigen Filmen mitgewirkt. Das ist der erste wirklich große Film. Aber ich betrachte mich nicht als Schauspieler.

Ich weiß nicht, ob du die Hintergrundgeschichte kennst, das Buch, auf dem der Film basiert.

Das Buch ist eine wahre Geschichte über Morde und die 1920er Jahre in Oklahoma. Im Buch gibt es das Foto eines Gesetzlosen. Sein Name: Al Spencer. Ich habe das Gewehr von Al Spencer. Mit seinem eingravierten Namen und mit fünf Kerben im Schaft für die fünf Männer die er getötet hat. Der Grund, warum ich das Gewehr habe ist, dass Al Spencer  bei einer Schießerei mit meinem Großvater ums Leben kam. Der Name meines Großvaters war auch Charlie Musselwhite!
Ich habe das Martin Scorsese erzählt. Er war wirklich erstaunt, dass Charlie Musselwhite wieder genau da auftaucht, wo alles passiert ist. Er erzählte mir: Wissen Sie, ich drehe mit den Nachkommen vieler einheimischer indianischer Familien hier in der Gegend, zum Beispiel mit der DeNoya-Familie. Und ich antworte: Mr. Scorsese, meine Tante Mary DeNoya ist gleich hier die Straße runter  in Pawhuska begraben… Später, als ich mit einer der Casting-Frauen spreche, sagte sie mir: Marti erzählt jetzt allen diese Geschichte …

Hast du Scorsese zum ersten Mal getroffen?

Oh ja. Er ist ein wirklich netter Kerl. Sehr unkompliziert. Er lacht gerne. Und er weiß viel über Musik. Ein großer Musikfan. – Für mich war es sehr interessant, diese Rolle genau dort zu spielen, wo es alles passiert ist. Eine echte Geschichte, die Scorsese da erzählt, gedreht an den Original-Schauplätzen.

Was denkst du über die jungen Musiker von heute?

Es gibt viele junge Leute, die gerade Gitarre lernen. Aber für lange Zeit wollten alle nur Rock spielen, Blues Rock. Wie viele Noten kannst du spielen? Wie schnell kannst du spielen? Aber jetzt lernen die jungen Musiker wieder die traditionellen Formen und versuchen nicht, Gymnastik zu machen. Kommen zurück zur old folk Musik. Und das ist wirklich erfrischend. Ich bin ein großer Freund von Menschen, die deine Tradition weiterführen.

Eine letzte Frage. Immer wenn ich mit Menschen spreche, ist meine letzte Frage die sogenannte „Crossroad-Frage“: Es ist Mitternacht und du stehst wie Robert Johnson an der berühmten Kreuzung und sprichst mit dem Teufel. Du musst deine Seele nicht verkaufen, aber du hast einen Wunsch frei. Was wäre das?

Wenn ich an der Crossroad stände, ein Wunsch? – Noch einmal 18 Jahre alt sein mit dem Wissen und den Erfahrungen von heute, das wäre mein Wunsch. Denn dieses Mal im Leben würde ich nicht die Fehler machen, die ich beim ersten Mal gemacht habe. Viele Dinge, die ich verpasst habe, würde ich dann nicht verpassen. Im Gegenteil: ich könnte sie viel besser genießen.

Könnte das nicht vielleicht etwas bisschen langweilig sein…?

Nein, ich denke, es wäre aufregender. Ich weiß nicht, was alles passieren wird, aber ich würde viele Fehler einfach nicht mehr machen. Ich hätte mehr Spaß. Ich hätte nichts dagegen, es noch einmal zu tun. Ich bin nun schon lange auf der Welt, aber noch einmal leben, das wäre schon toll. Eine Reise in die Vergangenheit mit dem Wissen von heute. – Und wer weiß? Vielleicht könnte ich einige Änderungen machen, so dass auch die Zukunft dann eine bessere wäre als die, die uns jetzt erwartet.

Das erinnert mich an das Gespräch mit Scott Barretta, das ich im letzten Jahr geführt habe. Seine Antwort auf die „Crossroad-Frage“ war: Ich würde gerne in die 30er Jahre zurückkehren und sehen, was dort los war. Das war eine aufregende Zeit und ich könnte all die Musiker erleben, die ich so sehr liebe.

Genau – wie oft habe ich gesagt, ich wünschte, ich könnte an einem Samstagabend zurück nach Dockery gehen und Charlie Patton spielen hören. Das wäre großartig. In etwa so was, was Scott gesagt hat. Wie aufregend könnte es sein, Charlie Patton in seiner Blütezeit zu sehen?

Vielen Dank für die freundliche Unterhaltung.

Gern geschehen, ich hoffe, meine Antworten waren interessant.

Auf jeden Fall. Genauso interessant wie deine Musik und die Persönlichkeit, von der wir heute einen kleinen Einblick bekommen haben. Hoffentlich sehen wir uns bald in Deutschland.

Ich würde gerne zurückkommen, auf Tour durch Deutschland. Ich hatte dort eine tolle Zeit. 

Ich liebe das Essen auf dem Land. Die Hausmacherküche. Ich erinnere mich, wie wir einmal in einem Restaurant landeten, in dem es typische Landgerichte gab. Das war so gut. Ich habe die ganze Mahlzeit verputzt. Habe das Gericht zweimal hintereinander gegessen, konnte mich einfach nicht bremsen. Ich war damals mit einem Musiker aus Köln unterwegs. Er nennt sich der Howling Wolf von Köln: Richard Bargel.

Ja, wir kennen ihn.

Du kennst Richard? Ich nannte ihn immer „Spargel“, weil er so groß und dürr ist.

Du warst mit ihm auf der Bühne? Ihr habt zusammen Aufnahmen gemacht?

Wir sind gute Freunde. Wir waren zusammen auf Tour.  Ja,ja. Damals habe ich noch viel getrunken. Wir fingen schon morgens an. Saßen in Richards Küche, tranken Champagner und lachten und lachten und lachten. Tolle Erinnerungen an die 80er……

Es wäre toll, wenn Du nach Deutschland auf Tour kommst. Du könntest Richard treffen und wir könnten dich auf der Bühne sehen, idealerweise mit deiner Tochter Layla.

Unser Gespräch wurde am 9. Oktober 2023 im Meraki (Cafe und Kaffeerösterei) auf der Sunflower Ave in Clarksdale/ Mississippi geführt. (Am Bleistift: Rolf, am Fotoapparat: Renate Barkowski.)

Wer Charlie Musselwhite bisher nicht kennt, sollte am besten das letzte Album Mississippi Son“ anhören. Für dieses Album hat Charlie Musselwhite 2023 den Blues Award für das „Acoustic Album of the Year“ gewonnen. 
Auflegen und genießen!

Rolf Barkowski

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