
Politthriller gegen Rechts
Der Titel „Operation Machtergreifung“ erinnert an 1933. Allerdings konfrontiert Autor Jörg H. Trauboth in seinem Politthriller den Leser mit einem Staatsstreich, der schon in drei Jahren Deutschland zurück in die dunklen Seiten des Faschismus werfen könnte. Die Partei für Deutschland, man muss nicht lange rate, für wen sie steht, versucht bei der Bundestagswahl 2029 die Macht an sich reißen.
Bleiben wir beim Wort reißen, besser Reißer. Mit einer clever inszenierten Entführung des Bundeskanzlers Joachim Münster durch rechtsradikale Verschwörer in der Wewelsburg bei Paderborn, einst Kultstätte der SS, nimm der Plot kräftig Fahrt auf.
Vera Münster, Frau des Bundeskanzlers, verlässt sich bei der Befreiung ihres Mannes weniger auf offizielle Seiten als auf ihren gemeinsamen Freund, den Ex-Elitesoldaten Marc Anderson, mit dem die Ex-Offizierin und Kampfsportlerin gemeinsam auf die Jagd nach den Entführern geht. Anderson ist in der Krimiwelt kein Novize. Trauboth hat ihn bereits in einer Thriller-Reihe als Problemlöser eingesetzt. Seine Fähigkeiten erinnern an James Bond. Und er kennt sich in der internationalen neofaschistischen Szene aus. Die reicht bis tief in die Nachkommenschaft der über die Nazi-Rattenlinie nach Argentinien Geflüchteten, die eng mit deutschen Neonazis zusammen arbeiten. Verstrickt in den geplanten Staatsstreich sind nicht nur tumbe Nazi-Chargen und -Handlanger, sondern auch höchste Kreise aus der deutschen Politik.
Also ein wichtiges Buch, das gleichermaßen Warnung und Aufklärung in Form eines spannenden Thrillers ist. Plot und Handlung sind sauber entwickelt.
Autor Trauboth, Ex-Generalsstabsoffizier im Rang eines Oberst, hat die über 500 Seiten perfekt durchgetaktet, nimmt den Leser immer wieder auf verwirrende Spuren mit, die sein Zweierteam ständig aufs Neue herausfordern. Man spürt auch, dass eine Menge Kompetenz aus seiner Tätigkeit als Leiter einer Task Force gegen Erpressungs- und Entführungsfälle eingeflossen ist. Zudem erfährt man in so manchem Exkurs viel über den Nationalsozialismus und den Schoß, der in Deutschland immer noch fruchtbar ist und versucht, die Demokratie auszuhöhlen.
Eigentlich nicht zu kritisieren, doch leider ersetzt all das nicht den Hauch des Lebens, der in der raffinierten Konstruktion für mich nicht stark genug durchdringt. Mit den zentralen Personen werde ich nicht richtig warm, bange weder um sie noch um das Leben dieses Bundeskanzlers, der weder Friedrich noch Merz heißt (der Vorgänger von Kanzler Münster, wann der ihn abgelöst hat, wird nicht thematisiert).
Auch bei der Darstellung der Neonazis fehlt es mir etwas an Tiefe. Für den aufgeklärten Zeitgenossen ist klar, dass man 96 Jahre nach 1933 nicht so sein darf wie damals. Aber wie sind diese Neo-Gestrigen, die unter uns leben? Warum finden sie Zulauf und Unterstützung? Eine stärkere inhaltliche Auseinandersetzung, wie sie denken und ticken, um ihre Parolen und ihren Populismus zu entlarven, hätte ihre Gefährlichkeit gesteigert.
Letztendlich spiegelt dieser Politthriller das eigentliche Dilemma in unserer Gesellschaft und ihrer Spaltung wider: Viele Menschen erkennen sich in der aktuellen Politik nicht. Sie spüren, dass ihre Lebensumstände, ihre Probleme und Ängste nicht ernst genommen werden, und dass die Spaltung der Gesellschaft eher ignoriert wird als dass etwas dagegen unternommen würde. Lieber werden Nebenschauplätze bedient, die von der Rechten vorgegeben werden – und die damit sogar gestärkt werden. Kaum wird doch von AfD & Co. ein Stöckchen hingehalten, wird drüber zu springen versucht. Zu oft scheint durch, dass Politik ein Mittel zu Machterhalt und Karriere ist, statt gesellschaftliche Probleme zu lösen.
Thriller-Themen gäbe es hier genug. Es müssen ja gar keine Neonazis sein, die einen hohen Politiker entführen. Es würde schon reichen, wenn eine Spitzenperson aus der Berliner Blase oder den 16 Blasen der Landespolitik mal ein paar Tage ihren Wählern oder Bürgern ausgesetzt würde und denen nicht entkommen kann. Wenn das Teflon, an dem so viel bei Politikern abprallt, einfach nicht mehr funktionieren würde, wenn Fehler eingestanden und Konsequenzen gezogen würden … aber lassen wird das.
Dass es dem Autor sehr ernst mit dem Thema des aufkeimenden Faschismus ist, macht er im Nachspann deutlich. Dort dokumentiert er, welche Teile der Geschichte Fiktion sind und welche auf realen Entwicklungen beruhen, was nicht gerade zur Beruhigung beiträgt. Deutschland könnte mehr Politthriller brauchen, die sich tief hinein in die Probleme der Gesellschaft trauen.
Roland Keller
Jörg H. Trauboth: Operation Machtergreifung — Ein Marc Anderson Thriller. Verlag ratio-books, im Gedankenkunst Verlag, Düsseldorf 2025. 569 Seiten, 28 Euro.
Anm. d. Red.: Traubroths „Zarentod“ wurde bei uns im April 2023 von Peter Münder besprochen: Die riskante „Operation Victor“: Lavieren am Rande des Armageddon. Es wurde einer seiner letzten Texte, es waren über 200 für uns im Lauf der Jahre, deshalb hier mal wieder ein Hinweis auf ihn.
















