Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag April 2023, CrimeMag Dezember 2023

Peter Münder: „Zarentod“ von Jörg H. Trauboth

Die riskante „Operation Victor“: Lavieren am Rande des Armageddon

Der Thriller „Zarentod“ von Jörg H. Trauboth schwelgt in dramatischen Kriegs-Szenarien, die vom russischen Überfall auf die Ukraine und Putins größenwahnsinnigen Exzessen inspiriert sind. Eine internationale Brigade befreit Gefangene aus einem russischen Gefängnis, außerdem plant eine kleine Gruppe russischer Oligarchen einen Putsch, um den neuen „Zaren“ Ivan Pavlenko zu beseitigen und einen dritten Weltkrieg zu verhindern. Ein ehemaliger CEO der Ostsee-Pipeline hingegen soll einen geheimen Regierungskontakt zu Pavlenko  herstellen; auch in Washington ist Präsident Summerhill (POTUS) an diesem Kontakt interessiert. Doch Pavlenko ist kaum noch kontrollierbar und will endlich wieder mit etlichen Eroberungskriegen, eine mächtige russische Großmacht aufbauen. Einigen spannenden Thriller-Episoden hat der ehemalige Kampfflieger-Instrukteur  und Generalstabsoffizier Trauboth (Jahrgang 1943) leider zu viel Kolportage-Müll, Love Story-Kitsch und Banal-Lametta beigemischt. Peinlich ist die überdrehte Karikatur des CIA-Chefs  Kryptos, der sich jeden Morgen vor dem Frühstück und bei seiner Zeitungslektüre  von seiner Haushälterin einen Blowjob verpassen lässt. Überraschende Plot-Finessen wie der geplante Oligarchen-Putsch „Operation Victor“ kulminiert in einer brisanten Flugzeug-Entführung und einem Showdown, in dessen Mittelpunkt der Präsident Pavlenko und dessen verblüffender Exitus steht.  – Von Peter Münder

Über den Wolken … sollten Spannung, Inspiration und analytischer Tiefsinn eigentlich grenzenlos sein

Mit zwei alten russischen Mi-8-Hubschraubern steuert eine kleine internationale Legionärsgruppe nachts ein Gefängnis im russische besetzten Luhansk an, um ukrainische Soldaten zu befreien. Der Plan sieht eine Landung auf dem Gefängnishof vor und dann die Flucht mit den geretteten Gefangenen. Mit Nachtsichtgeräten und US-Simulatoren hatte sich das Rettungsteam auf diesen Einsatz vorbereitet. Auf den 26 Seiten des ersten  Kapitels schildert Trauboth  diese Aktion im annektierten Donbass, die er mit Beschreibungen der jüngsten Grausamkeiten und  Zerstörungen durch russische Truppen angereichert hat. So sind wir sofort  mittendrin im aeronautischen Kosmos des Autors: „Ich fliege, also bin ich“, scheint dessen Überlebensmaxime zu sein. Denn sinnvolle Dialoge, eine dramatische Action, kombiniert mit fundierter Analyse oder reflektierten Handlungen gibt es bei Jörg H. Trauboth nur in Kombination mit Flugzeugen. 

Als Generalstabsoffizier hatte er mit 50 Jahren den Dienst quittiert  und sich spezialisiert auf das Krisenmanagement von Unternehmern und  bedrohten Politikern. In seinem Band über „Krisenmanagement in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen“ präsentiert er Erkenntnisse über professionelle Prävention und Reaktion bei sicherheitsrelevanten Bedrohungen. Das hört sich alles ganz vernünftig an, doch Schwerpunkte seiner bisher erschienenen vier E-Book-Thriller sind eher an James Bond  erinnernde Heldenverehrungen, die sich um Marc Anderson drehen, der immer zur Stelle ist, wenn es um besonders brisante Situationen geht, in denen er hilflose Menschen retten muss – wie auch hier im „Zarentod“.

„Es muß doch mehr als alles geben“, scheint Trauboths  Maxime für alle Lebenslagen zu sein. Also reichert er den Plot mit seinem bedrohlich-furchterregenden Potenzial mit pseudo-anarchischen oder dadaistischen Versatzstücken an, die der Autor offenbar für unterhaltsam hält: Wenn der Elitekämpfer Marc Anderson nach der lebensgefährlichen, gut überstandenen  Befreiungsaktion in Luhansk halbwegs wohlbehalten zu seiner Ehefrau Elke ins traute Heim an der Elbe zurückkehrt und sich beide im Liebesstaumel verknäueln, steht der Haushund namens Schröder daneben und beäugt deren Kopulations-Finessen äußerst interessiert. Und  Elkes Versuch, bei einer Spezialistin  fürs Kartenlegen zur inneren esoterischen Ruhe zu finden, um den Stress und die extremen mentalen Herausforderungen ihres heldenhaften Kämpfergatten zu ertragen, mutet doch eher wie überdrehter pseudo-philosophischer Hokuspokus an. 

Völlig abgehoben und nicht nachvollziehbar wirkt auch der Treueschwur des einzigen echten Zarenfreundes Michael Wussow: Die beiden kennen sich seit alten KGB-Zeiten in der DDR, treffen sich bei geheimen Verabredungen in Russland und fahren nun quer im  gut getarnten Sonderzug des Zaren Pavlenko, wie ihn auch  der  nordkoreanische Diktator schätzt, durchs Land. Sie können also völlig ungestört Wodka trinken, über ihre  privaten Kümmernisse und die weltpolitische Lage samt neuer Weltordnung mit den neuen starken Blöcken Indien, westlicher Hemisphäre und China sprechen – und wir vernehmen bei diesem Treffen, wie Wussow dem neuen Zaren, diesem gnadenlosen Schlächter und Diktator mit menschenverachtenden Stalin-Ambitionen auf immer und ewig weiterhin beizustehen schwört. Aberwitzig, unglaubwürdig und pervers wirkt dieses Versprechen, weil der Deutsche bis dahin handfeste, kritische Einwände gegen  weitere Annektionen vorgebracht hatte. In diesem Kontext ist auch die Rede  davon, „dass das ukrainische Volk  inzwischen diesen Mann hasste… Selbst jene Menschen, deren Denken durch die russische  Kultur geprägt war, hatten sich von diesem Irren in Moskau abgewandt.“

Vielleicht ist es ja übertrieben, diesen Thriller als ernsthaften Beitrag zum grauenhaften russischen Angriffskrieg in der Ukraine  zu verstehen, wie es der Autor in seinem Nachwort mit einem futuristisch anmutenden, auf Hochglanz polierten Happy End fordert. Trauboth beschreibt die nahe Zukunft als pflegeleichtes Wolkenkuckucksheim: Die Ukraine und Russland hätten sich bald auf ein Friedensabkommen geeinigt, in dem die Menschen in den annektierten Gebieten, einschließlich der Krim, selbst über ihre politische Zugehörigkeit entscheiden sollten. Der ukrainische Präsident Bohdan Sapronoff habe dann auch abgedankt und die Leitung des Schauspielhauses in Kiew übernommen, die Ukraine sei dann Mitgliedsland der EU und der NATO geworden usw…

Seine Recherche zu diesem Buch habe ihm gelehrt, dass die Realität die beste aller Geschichten schreibt, erklärt Trauboth. Das Gegenteil ist natürlich richtig, denn nach dem terroristischen Überfall der Hamas und den Tausenden von Toten haben wir nach dem russischen Überfall auf die Ukraine bereits die nächste Phase einer diffusen, undurchschaubaren Zeitenwende erreicht.    

Der  hochdramatische Budenzauber inklusive eines verwirrenden Stationendramas  über Litauen in die Ukraine mit unerwarteten Zwischenstopps und doppeltem Überschall-Knall während des  Durchbrechens der Schallmauer liefert auch noch unberechenbare  Konflikte mit zwei bewaffneten Entführern, die einen ukrainischen Gefangenen freipressen wollen. Als die Bedenkzeit für die Entlassung des  Gefangenen abgelaufen ist und bei einem Flughafen- Zwischenstopp ganz überraschend Zar Iwan Pavlenko  auf der Startbahn erscheint, den die Security-Mitarbeiter festnehmen können, gibt es noch Diskussionen über einen  geplanten Prozess in Den Haag: Dort soll der Zar vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt und verurteilt werden…

Echt jetzt? Es kommt natürlich anders, denn zuerst müssen noch die Eskapaden der Russen, ihre Affären und Probleme diskutiert werden. Immerhin hatten die Oligarchen ja einen drastischen Putsch geplant und sogar vorgeschlagen, für demokratische Zustände zu sorgen. Dieser phasenweise ganz spannende Thriller gibt im Ganzen aber zu viele irritierende Rätsel auf. Streckenweise werden ernste existentielle Probleme der Ukrainer und der Größenwahn des neuen russischen Zaren angesprochen, aber was sollen dann die eingestreuten  überdrehten, dadaistischen Slapstick-Nummern?   

Jörg H. Trauboth: Zarentod. Das Ende des Präsidenten. Ratio books, Lohmar 2023, 415 Seiten, 16,90 Euro.

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