
Die riskante „Operation Victor“: Lavieren am Rande des Armageddon
Der Thriller „Zarentod“ von Jörg H. Trauboth schwelgt in dramatischen Kriegs-Szenarien, die vom russischen Überfall auf die Ukraine und Putins größenwahnsinnigen Exzessen inspiriert sind. Eine internationale Brigade befreit Gefangene aus einem russischen Gefängnis, außerdem plant eine kleine Gruppe russischer Oligarchen einen Putsch, um den neuen „Zaren“ Ivan Pavlenko zu beseitigen und einen dritten Weltkrieg zu verhindern. Ein ehemaliger CEO der Ostsee-Pipeline hingegen soll einen geheimen Regierungskontakt zu Pavlenko herstellen; auch in Washington ist Präsident Summerhill (POTUS) an diesem Kontakt interessiert. Doch Pavlenko ist kaum noch kontrollierbar und will endlich wieder mit etlichen Eroberungskriegen, eine mächtige russische Großmacht aufbauen. Einigen spannenden Thriller-Episoden hat der ehemalige Kampfflieger-Instrukteur und Generalstabsoffizier Trauboth (Jahrgang 1943) leider zu viel Kolportage-Müll, Love Story-Kitsch und Banal-Lametta beigemischt. Peinlich ist die überdrehte Karikatur des CIA-Chefs Kryptos, der sich jeden Morgen vor dem Frühstück und bei seiner Zeitungslektüre von seiner Haushälterin einen Blowjob verpassen lässt. Überraschende Plot-Finessen wie der geplante Oligarchen-Putsch „Operation Victor“ kulminiert in einer brisanten Flugzeug-Entführung und einem Showdown, in dessen Mittelpunkt der Präsident Pavlenko und dessen verblüffender Exitus steht. – Von Peter Münder
Über den Wolken … sollten Spannung, Inspiration und analytischer Tiefsinn eigentlich grenzenlos sein
Mit zwei alten russischen Mi-8-Hubschraubern steuert eine kleine internationale Legionärsgruppe nachts ein Gefängnis im russische besetzten Luhansk an, um ukrainische Soldaten zu befreien. Der Plan sieht eine Landung auf dem Gefängnishof vor und dann die Flucht mit den geretteten Gefangenen. Mit Nachtsichtgeräten und US-Simulatoren hatte sich das Rettungsteam auf diesen Einsatz vorbereitet. Auf den 26 Seiten des ersten Kapitels schildert Trauboth diese Aktion im annektierten Donbass, die er mit Beschreibungen der jüngsten Grausamkeiten und Zerstörungen durch russische Truppen angereichert hat. So sind wir sofort mittendrin im aeronautischen Kosmos des Autors: „Ich fliege, also bin ich“, scheint dessen Überlebensmaxime zu sein. Denn sinnvolle Dialoge, eine dramatische Action, kombiniert mit fundierter Analyse oder reflektierten Handlungen gibt es bei Jörg H. Trauboth nur in Kombination mit Flugzeugen.

Als Generalstabsoffizier hatte er mit 50 Jahren den Dienst quittiert und sich spezialisiert auf das Krisenmanagement von Unternehmern und bedrohten Politikern. In seinem Band über „Krisenmanagement in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen“ präsentiert er Erkenntnisse über professionelle Prävention und Reaktion bei sicherheitsrelevanten Bedrohungen. Das hört sich alles ganz vernünftig an, doch Schwerpunkte seiner bisher erschienenen vier E-Book-Thriller sind eher an James Bond erinnernde Heldenverehrungen, die sich um Marc Anderson drehen, der immer zur Stelle ist, wenn es um besonders brisante Situationen geht, in denen er hilflose Menschen retten muss – wie auch hier im „Zarentod“.
„Es muß doch mehr als alles geben“, scheint Trauboths Maxime für alle Lebenslagen zu sein. Also reichert er den Plot mit seinem bedrohlich-furchterregenden Potenzial mit pseudo-anarchischen oder dadaistischen Versatzstücken an, die der Autor offenbar für unterhaltsam hält: Wenn der Elitekämpfer Marc Anderson nach der lebensgefährlichen, gut überstandenen Befreiungsaktion in Luhansk halbwegs wohlbehalten zu seiner Ehefrau Elke ins traute Heim an der Elbe zurückkehrt und sich beide im Liebesstaumel verknäueln, steht der Haushund namens Schröder daneben und beäugt deren Kopulations-Finessen äußerst interessiert. Und Elkes Versuch, bei einer Spezialistin fürs Kartenlegen zur inneren esoterischen Ruhe zu finden, um den Stress und die extremen mentalen Herausforderungen ihres heldenhaften Kämpfergatten zu ertragen, mutet doch eher wie überdrehter pseudo-philosophischer Hokuspokus an.

Völlig abgehoben und nicht nachvollziehbar wirkt auch der Treueschwur des einzigen echten Zarenfreundes Michael Wussow: Die beiden kennen sich seit alten KGB-Zeiten in der DDR, treffen sich bei geheimen Verabredungen in Russland und fahren nun quer im gut getarnten Sonderzug des Zaren Pavlenko, wie ihn auch der nordkoreanische Diktator schätzt, durchs Land. Sie können also völlig ungestört Wodka trinken, über ihre privaten Kümmernisse und die weltpolitische Lage samt neuer Weltordnung mit den neuen starken Blöcken Indien, westlicher Hemisphäre und China sprechen – und wir vernehmen bei diesem Treffen, wie Wussow dem neuen Zaren, diesem gnadenlosen Schlächter und Diktator mit menschenverachtenden Stalin-Ambitionen auf immer und ewig weiterhin beizustehen schwört. Aberwitzig, unglaubwürdig und pervers wirkt dieses Versprechen, weil der Deutsche bis dahin handfeste, kritische Einwände gegen weitere Annektionen vorgebracht hatte. In diesem Kontext ist auch die Rede davon, „dass das ukrainische Volk inzwischen diesen Mann hasste… Selbst jene Menschen, deren Denken durch die russische Kultur geprägt war, hatten sich von diesem Irren in Moskau abgewandt.“
Vielleicht ist es ja übertrieben, diesen Thriller als ernsthaften Beitrag zum grauenhaften russischen Angriffskrieg in der Ukraine zu verstehen, wie es der Autor in seinem Nachwort mit einem futuristisch anmutenden, auf Hochglanz polierten Happy End fordert. Trauboth beschreibt die nahe Zukunft als pflegeleichtes Wolkenkuckucksheim: Die Ukraine und Russland hätten sich bald auf ein Friedensabkommen geeinigt, in dem die Menschen in den annektierten Gebieten, einschließlich der Krim, selbst über ihre politische Zugehörigkeit entscheiden sollten. Der ukrainische Präsident Bohdan Sapronoff habe dann auch abgedankt und die Leitung des Schauspielhauses in Kiew übernommen, die Ukraine sei dann Mitgliedsland der EU und der NATO geworden usw…

Seine Recherche zu diesem Buch habe ihm gelehrt, dass die Realität die beste aller Geschichten schreibt, erklärt Trauboth. Das Gegenteil ist natürlich richtig, denn nach dem terroristischen Überfall der Hamas und den Tausenden von Toten haben wir nach dem russischen Überfall auf die Ukraine bereits die nächste Phase einer diffusen, undurchschaubaren Zeitenwende erreicht.
Der hochdramatische Budenzauber inklusive eines verwirrenden Stationendramas über Litauen in die Ukraine mit unerwarteten Zwischenstopps und doppeltem Überschall-Knall während des Durchbrechens der Schallmauer liefert auch noch unberechenbare Konflikte mit zwei bewaffneten Entführern, die einen ukrainischen Gefangenen freipressen wollen. Als die Bedenkzeit für die Entlassung des Gefangenen abgelaufen ist und bei einem Flughafen- Zwischenstopp ganz überraschend Zar Iwan Pavlenko auf der Startbahn erscheint, den die Security-Mitarbeiter festnehmen können, gibt es noch Diskussionen über einen geplanten Prozess in Den Haag: Dort soll der Zar vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt und verurteilt werden…
Echt jetzt? Es kommt natürlich anders, denn zuerst müssen noch die Eskapaden der Russen, ihre Affären und Probleme diskutiert werden. Immerhin hatten die Oligarchen ja einen drastischen Putsch geplant und sogar vorgeschlagen, für demokratische Zustände zu sorgen. Dieser phasenweise ganz spannende Thriller gibt im Ganzen aber zu viele irritierende Rätsel auf. Streckenweise werden ernste existentielle Probleme der Ukrainer und der Größenwahn des neuen russischen Zaren angesprochen, aber was sollen dann die eingestreuten überdrehten, dadaistischen Slapstick-Nummern?
Jörg H. Trauboth: Zarentod. Das Ende des Präsidenten. Ratio books, Lohmar 2023, 415 Seiten, 16,90 Euro.












