Geschrieben am 24. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Katrin Doerksen: Berlinale 2024 – Logbuch #3

Katrin Doerksen hat auch dieses Jahr – dieses Mal im Tandem mit Thomas Groh – für uns wieder die Berlinale beobachtet und in lockerer Folge davon berichtet. Hier nun ihr Abschlussbereicht, bewusst einige Stunden vor der Preisverleihung abgeschlossen. – Der gemeinsame Vorbericht für 2024 hier. Katrins Logbuch #1 hier (Zwischen Bußgang und Befreiungsschritt liegt manchmal nur ein Gegenschuss), Folge 2 hier: Menschenaffen auf einem Stein im All. Thomas Grohs Berlinale-Log (1) und (2) hier nebenan.

Dahomey, FRA, SEN, BEN 2024, Regie: Mati Diop, Wettbewerb 2024 
© Les Films du Bal – Fanta Sy

Die verrücktesten Geschichten sind immer wahr

Zwei Filme im diesjährigen Berlinalewettbewerb benutzen das selbe auffällige Stilmittel. In Mati Diops Dahomey, einem sehr klugen Dokumentarfilm über die Rückführung royaler Kunstwerke aus dem heutigen Benin, wird zwischendurch immer wieder der Bildschirm schwarz und eine tief dröhnende, verzerrte Stimme ertönt. Sie gehört einem der sechsundzwanzig Artefakte, der Skulptur eines uralten Gottes aus Holz und Metall, die im November 2021 in einer Holzkiste verschraubt die Reise von Paris nach Cotonou antreten. Der Klang der Stimme lässt Zorn und Groll erwarten und diese Emotionen schwingen gewiss auch mit, aber was sich dann offenbart, sind vor allem Selbstzweifel. Nach Jahrzehnten in der Fremde, von den Kolonialisten seines eigenen Namen beraubt und stattdessen nur „26“ genannt, fragt sich der Gott, was ihn wohl in der Heimat erwarten wird. Als Zuschauer können wir ihm seine Frage letztlich beantworten: Meinungsverschiedenheiten.

Ein Großteil von Dahomey folgt einer Diskussionsveranstaltung mit Studenten, die den europäischen Diskurs um Restitution völlig ausblendet und beninische Perspektiven in den Blick nimmt, die gegensätzlicher kaum ausfallen könnten: Wut über die zögerlich rausgerückten 26 Kunstwerke, obwohl einst um die 7000 entwendet wurden, Dankbarkeit über den ersten Schritt in die richtige Richtung, Kritik an der werbewirksamen Symbolpolitik, obwohl hunderte Baustellen mit unmittelbaren Auswirkungen auf das Leben der Menschen klaffen bleiben.

Pablito, in: Pepe, DOM, NAM, DEU, FRA 2024, Regie: Nelson Carlos De Los Santos Arias, Wettbewerb 2024 © Monte & Culebra

Einen ähnlichen Weg wählt der dominikanische Regisseur Nelson Carlos De Los Santos Arias in Pepe, einem schwer in Kategorien zu fassenden Film über ein namibisches Nilpferd, das sich in Kolumbien wiederfindet. Die verrückte Geschichte ist wahr: Ende der 1970er Jahre ließ Pablo Escobar vier Flusspferde für seinen Privatzoo einfliegen, die sich erwartungsgemäß vermehrten und im nahegelegenen Río Magdalena ausbreiteten. Bis heute ist die invasive Spezies (von den Einheimischen cocaine hippos genannt) eine Gefahr für die lokale Flora und Fauna – und nicht zuletzt für die Fischer der Region. 2009 wurde bei einer Jagd schließlich ein Flusspferd erlegt, dass die kolumbianischen Medien auf den Namen Pepe tauften. Auch hier wird der Bildschirm schwarz und Pepes tiefe Stimme in einem Kauderwelsch aus Afrikaans, Spanisch, Mbukushu und schleppendem Gelächter versucht sich einen Reim auf seine neue Realität zu machen.

Nun kann man das sicher bitter finden: Dass die Stimmen all jener von diesen spezifischen und strukturellen Problemen Betroffenen anscheinend all die Jahrzehnte nicht ausgereicht haben und das Kino erst auf fantastische Gestalten zurückgreifen muss, denen ein internationales Publikum bereitwillig zuhört. Aber in Pepe gibt es eine sehr bezeichnende Szene, in der ein weißer Touristenführer eine Reisegruppe auf Safari im früheren Südwestafrika auf beiläufig herablassende Weise über den Glauben der lokalen Bevölkerung unterrichtet, der den Tierarten verschiedene symbolische Bedeutungen zuweist. Von „der blühenden Fantasie der primitiven Stämme“ ist da die Rede.

Tut man es also den Filmen gleich und löst sich ein Stück weit von der europäischen Feuilletonperspektive, dann ist es ein unwahrscheinlicher Reichtum, dass das auf internationalen A-Festivals vertretene Kino sich zunehmend von westlich geprägten Erzähltraditionen löst, dass die Programme in vorsichtigen Schritten aber doch stetig diverser werden, schwieriger zu kategorisieren. Der Wettbewerb der Berlinale sei in diesem Jahr all over the place, beschwert sich der ein oder andere. Aber in einer Festivallandschaft, in der die ganz großen Auteurs nach Cannes gehen, Hollywood in Richtung Venedig strebt und sich der deutsche Nachwuchs auf Max Ophüls und die Hofer Filmtage verteilt, kann genau das die Nische der Berlinale sein: Neue, originelle Stimmen aus aller Welt zu finden. Diesem mal eben unterstellten Anspruch ist die Auswahlkommission in diesem Jahr gerecht geworden.

Veronica Lucchesi, Galatéa Bellugi, Maria Vittoria Dallasta, in: Gloria!, ITA, CHE 2024, Regie: Margherita Vicario, Wettbewerb 2024 © tempesta srl 

Zumal es auch einige Filme im Wettbewerb gibt, über die es sich hervorragend streiten lässt. Zum Beispiel das Regiedebüt der italienischen Schauspielerin und Sängerin Margherita Vicario. Gloria! spielt mit einer faszinierenden Ausgangssituation, am Übergang von der barocken zur klassischen Musik. Bartolomeo Cristofori baut das erste, von Frömmlern als Teufelszeug verfemte Klavier und die Kompositionen werden ganz im Sinne der Aufklärung simpler im Aufbau, gefühlsbetonter; weg vom sakralen Überbau und hin zum individuellen Ausdruck. In ganz Italien gibt es zu dieser Zeit kirchengeführte Heime für verwaiste Mädchen, in denen diese eine hohe musikalische Ausbildung genießen und an einem eben solchen ist im ausgehenden 18. Jahrhundert vor den Toren Venedigs Gloria! angesiedelt. Teresa (Galatéa Bellugi) wird von allen nur „die Stumme“ genannt und ist als Magd damit beschäftigt Wäsche zu waschen, Getränke zu bringen und Kinder zu bespaßen. Aber Teresa hat auch eine Gabe: Ihr musikalisches Gehör ordnet die Geräusche des Alltags in harmonische Rhythmen und als sie im Keller eines dieser neuartigen Klaviere entdeckt, beginnt sie intuitiv Melodien zu spielen, wie sie in Europa frühestens 100 Jahre später populär werden. Eine Auflehnung gegen die Kirche und das Patriarchat, personifiziert im tatterigen Kapellmeister Perlina (Paolo Rossi).

Super Idee! Gerade weil der überwältigende Großteil der weiblichen Musikerinnen und Komponistinnen der sogenannten Ospedales tatsächlich im Laufe der Jahrhunderte vergessen wurden und es verdient hätten, dass jemand ihre Geschichten erzählt und ihre Stücke neu interpretiert. Dabei gibt es nur ein grundsätzliches Problem: Der Film verwendet nicht diese vergessenen Kompositionen. Und die mit Abstand beste Musik in Gloria! ist das erste in der Kirche zu hörende Stück: Antonio Vivaldis „Gloria in excelsis Deo“ (gelobt sei das wuchtige Soundsystem im Berlinale-Palast!). Danach beschreibt der Film einen musikalischen Abstieg von Vivaldis Genie hin zu sentimentalen Italoschnulzen. Das kann man nicht nur nicht ernst nehmen. Es ist auch hochgradig ärgerlich, denn wer in Vivaldis Barock nichts anderes hört als frömmlerische Gottesanrufungen, der ist wirklich selber schuld.

Hokuto Matsumura, Mone Kamishiraishi, in: Yoake no subete | All the Long Nights, JPN 2024, Regie: Shô Miyake, Forum 2024 © Maiko Seo/2024 All the Long Nights Film Partners

Im Berlinaleprogramm verstecken sich zuverlässig Filme eines von mir zärtlich geliebten Subgenres über Außenseiter, die nicht so recht in die auf Raubbau an Körper und Psyche ausgelegte Arbeitswelt Japans passen wollen. Im Forumsfilm All The Long Nights (Yoake no subete) sind es eine Frau mit heftigen PMS-Symptomen und ein Mann, den seine Panikattacken daran hindern auch nur in eine U-Bahn zu steigen. Beide verlassen unabhängig voneinander ihre hochdotierten Bürojobs und fangen in einem Familienunternehmen an, das in bescheidenem Maßstab Wissenschafts-Kits mit Mikro- und Teleskopen für Kinder herstellt. Verloren und missmutig, wie sie sind, haben Misa und Takatoshi nicht den besten Start miteinander, doch mit der Zeit entwickelt sich eine zarte platonische Verbundenheit.

Bestimmendes Element im Drama von Shô Miyake ist die Sorgfalt der Figuren im Umgang miteinander, aber auch mit den Dingen. In einer Szene hält eine Passantin Misa auf der Straße an, die unterwegs eine Mandarine isst. Sie hat die Schale so geöffnet, dass sie bis auf einen Riss in der Mitte intakt bleibt, sich als schützende Hülle um den fleischigen Kern legt. Wie eine seltene Blüte hält Misa die Mandarine in beiden geöffneten Händen und während die Figuren miteinander sprechen, muss ich die ganze Zeit auf die Zitrusfrucht starren, weil sie mir wie ein Emblem erscheint für die kleine Utopie, die All The Long Nights erschafft. Plötzlich ist dieses unscheinbare Unternehmen in einem Vorort von Tokio nicht nur ein Großraumbüro, in dem Teleskope verpackt werden, sondern eine kleine Mikrogesellschaft, in der die Leute aufeinander aufpassen, in der jeder seinen Fähigkeiten und Vorlieben entsprechend seinen Platz finden kann. Zu Beginn des Films stehen die titelgebenden langen Nächte noch für exzessive Überstunden, die in ein paar traumlosen Stunden zusammengerollt auf einem Bürosofa gipfeln. Am Ende ist die lange Nacht eine Einladung, endlich wieder einmal den Sternenhimmel zu betrachten.

Oasis, CHL 2024, Regie: Tamara Uribe, Felipe Morgado, Forum 2024 
© Antonio Luco, Daniela Camino, MAFI

Noch ein paar sehenswerte Filme in aller Kürze: Oasis von Tamara Uribe und Felipe Morgado (Forum) ist ein dokumentarisches Porträt Chiles im auf halbem Wege gekippten Umbruch. Im Oktober 2019 wachsen sich dort gewaltsame Proteste gegen Preissteigerungen für die öffentlichen Verkehrsmittel zu einer breiten Bewegung aus, die die noch aus der Zeit des Diktatoren Pinochet stammende Verfassung ändern will. Nun ist bekannt, dass der neue Verfassungsentwurf 2022 abgelehnt wurde. Oasis bietet in der Hinsicht also keine Überraschungen, zeigt aber auf so prägnante wie ernüchternde Weise, wie der das Land ergriffene Elan stockt, sich in Windeseile Desinformationen verbreiten, Gegenproteste und der politische Backlash folgen. Eine ungenutzte historische Chance. Bitter.

Amirhossein Hosseini, in: Khamyazeye bozorg | The Great Yawn of History, IRN 2024, Regie: Aliyar Rasti, Encounters 2024 © Amirhossein Shojaie

Aliyar Rastis The Great Yawn Of History (Encounters) ist formal ganz anders, hinterlässt aber ein ähnlich schales Gefühl. Dem religiösen Beitollah erscheint im Traum eine Höhle voller Goldmünzen. Da er befürchtet, dass das Geld haram sein könnte, rekrutiert er einen jungen Ungläubigen, der sich bereit erklärt die Münzen für ihn zu holen und auf der Suche nach der richtigen Höhle reisen die beiden kreuz und quer durch den Iran. The Great Yawn Of History beginnt als Roadmovie mit lakonischem Humor und wird dann immer mehr zur traurigen Parabel auf lebenslanges Streben, dass dazu verdammt ist ins Nichts zu führen.

Baharak Abdolifard, Nima Nazarinia, Nina Wesemann, Zuki Izak Ringart, Alon Bracha, Ludger Lamers, Roman Singh, in: Shahid, DEU 2024, Regie: Narges Kalhor, Forum 2024 © Leonie Huber

Wir bleiben thematisch im Iran. Die in Deutschland lebende Narges Shahid Kalhor will ihren Mittelnamen offiziell streichen lassen. Shahid bedeutet „Märtyrer“, verweist direkt auf einen Vorfahren, der einst bereit war für seinen Glauben zu sterben. Die Regisseurin durchläuft also eine Odyssee durch das bayerische Kreisverwaltungsreferat, sitzt Bürokraten und psychologischen Gutachtern gegenüber, alldieweil ein Tross schwarz gekleideter Märtyrer sie tanzend verfolgt. Shahid ist thematisch schwer, aber formal verspielt und überraschend lustig, eine wilde Mischung aus autofiktionalem Musical und Film im Film. Narges Kalhor lässt sich von einer Schauspielerin verkörpern, die selbst nicht alle Entscheidungen ihrer Regisseurinnen versteht, mehrfach scheint die Zusammenarbeit kurz vor dem Aus zu stehen. Das Ringen um einen Film als externalisiertes migrantisches Schuldgefühl.

Alexandre Desane, in: Chroniques fidèles survenues au siècle dernier à l’hôpital psychiatrique Blida-Joinville, au temps où le Docteur Frantz Fanon était chef de la cinquième division entre 1953 et 1956 | True Chronicles of the Blida Joinville Psychiatric Hospital… DZA, FRA 2024, Regie: Abdenour Zahzah, Forum 2024 
© Shellac / Atlas Film Production

Einen ernsteren Ausdruck wählt der Algerier Abdenour Zahzah im Forums-Film mit dem Rekordtitel: True Chronicles of the Blida Joinville Psychiatric Hospital in the Last Century, when Dr Frantz Fanon Was Head of the Fifth Ward between 1953 and 1956. In elegantem Schwarzweiß zeichnet er Fanon als nachdenklichen jungen Mann, der nach Erscheinen seiner ersten maßgeblichen Schrift „Schwarze Haut, weiße Masken“ in der Psychiatrie im algerischen Blida entscheidende Veränderungen umsetzt, etwa die Hierarchie zwischen Patienten und Pflegern abbaut und körperliche Züchtigungen verbietet. Dabei stößt er im Kollegium wie zu erwarten nicht nur auf Begeisterung.

True Chronicles… bleibt die meiste Zeit innerhalb der Mauern der Psychiatrie, bei deren Darstellung er erfreulicherweise weitgehend auf die Klischees verzichtet, ist aber natürlich trotzdem ein hochpolitischer Film über den Kolonialismus, über entfremdete Subjekte, übrigens auf beiden Seiten der Geschichte. Traumatisierte algerische Widerstandskämpfer sitzen Fanon genauso gegenüber wie französische Foltermeister, die unter dem Druck ihrer Tätigkeit zerbrechen. Und das bemerkenswerte: Empathie ist für sie alle da.

Tú me abrasas | You Burn Me | Du verbrennst mich, ARG, ESP 2024, Regie: Matías Piñeiro, Encounters 2024 © Películas mirando el techo

Als einen der letzten Filme des Jahrgangs schaue ich Matías Piñeiros Tú me abrasas aus den Encounters. Eine ideale Wahl, wenn man sich gegen Ende eines Festivals nur noch intuitiv in assoziative, sinnliche Bilder fallen lassen möchte. Der Film ist eine auf wunderbar körnigem 16mm-Material gedrehte Adaption des Kapitels „Meeresschaum“ aus den „Dialoghi con Leucò“ von Cesare Pavese, in dem sich die antike Dichterin Sappho und die Nymphe Britomartis am Meer über die Liebe und den Tod unterhalten. Piñeiro schreibt ein Gedicht mit den Mitteln des Films: Eine Stimme aus dem Off liest langsam eines von Sapphos Gedichtfragmenten vor. Jedes einzelne Wort steht darin für eine bestimmte Einstellung: Wasser, das aus einem Hahn ins Becken läuft, auf einem Felsen anbrandende Wellen, ein im Schloss hakender Schlüssel. Das wird ein paar Mal wiederholt, bis wir das entsprechende Wort zu jedem Bild kennen. Die Stimme verstummt irgendwann – aber die Bilder laufen in variabler Reihenfolge weiter und man kann gar nicht anders, als die Worte weiterhin zu vervollständigen, Sapphos Fragment immer wieder neu zusammenzusetzen.

Ich beende diesen Text ein paar Stunden vor Bekanntgabe der Preise auf der diesjährigen Berlinale, über die mir Prognosen in diesem Jahr noch unmöglicher abzugeben sind als sonst. Der eigentliche Gewinner ist einmal mehr das aufmerksame Publikum.

Katrin Doerksen

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