
Auch ein Leben in der DDR
In Texten über die DDR wird oft vergessen, dass es neben Funktionären, Karrieristen, Mitläufern und umgeschulten Nazis auch Idealisten gab. Und so wie heute gab es auch vor 80 Jahren Geflüchtete, die sich ihrem Herkunftsland und nicht zuletzt der Muttersprache verbunden fühlten und zurückgingen. Für Kommunisten war Westdeutschland keine Option, denn Antikommunismus gehörte hier zur Staatsräson.
1961, als die Mauer gebaut wurde, war die Autorin dreizehn Jahre alt, so alt wie der „andere deutsche Staat“. Sie hat also einen Großteil ihres erwachsenen Lebens in dem schon verhärteten abgesperrten kleinen Land verbracht, und sie war die Tochter solcher Remigranten. Kommunisten, zumal solche, die von Nazis, Nachbarn und Ariseuren als Juden markiert worden waren, sind nicht in die DDR gegangen, weil sie Ulbricht oder Pieck toll fanden. Sie wollten an einem besseren Deutschland mitwirken, landeten oft auf wichtigen Positionen, und schlossen meist auch die dafür nötigen Kompromisse. Erfahrungen und Ansichten solcher Remigranten waren im Osten wie ja auch im Westen meist weit von deutscher Nachkriegsnorm entfernt. Das ist der Hintergrund, vor dem die Autorin ihre Erfahrungen in und mit der DDR reflektiert und prüft.
Mit 22 Jahren hat sie ihr erstes Kind bekommen und weder den Erzeuger noch den späteren Freund geheiratet. Generell und erst recht in ihrem Umfeld bestand die Frauenrolle nicht primär aus Mutterglück und trautem Heim. Sie probt den Aufstand, lässt die Welt ihrer Eltern hinter sich und zieht nach Prenzlauer Berg, in das jenseits von real existierendem Sozialismus gelegenen Paralleluniversum. Studenten und Künstler suchten dort nach Freiheiten, „Fahnen und Losungen nahm hier niemand ernst.“ Sie verzichtet auf den Komfort der Fünfzimmerwohnung und lebt in einer kleinen geteilten Wohnung, das Außenklo im Halbstock müssen sie sich mit dem alten Krüger teilen. Im Unterschied zum „Haus des Kindes“ (das ihr voriges Buch beschrieb) lernt sie hier „einfaches Volk“ inklusive Gewalt in Nachbarsfamilien kennen, auch die Ablehnung der verordneten Sicht auf eine leuchtende sozialistische Zukunft kennen. Sie erlebt die „normale“ Erziehung im Kindergarten, den ihr Sohn besucht: Drill, militärischer Ton, Zurichtung zu Kollektivwesen. „Jeder wusste, was für unsere Kinder gut war.“ Es sind eine Menge Konflikte und Zwiespälte, die sie zur Außenseiterin machen. Das wird ohne Groll und Polemik beschrieben, eher als Studie einer teilnehmenden Beobachterin.
Die Protagonistin hat Psychologie studiert und in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet. Gehorchen, Eingliedern und postfaschistische Übungen, die im sozialistischen Kanon mit wenig Verfremdung wieder auftauchen, spielen eine zentrale Rolle bei ihrer Arbeit. Natürlich versucht sie, es anders zu machen, und ebenso natürlich stößt sie dabei auf Widerstand von Vorgesetzten. Beim Umgang mit sogenannt auffälligen Kindern oder Nachbarn werden die sehr teutschen Sitten des sozialistischen Alltags deutlich erkennbar. Kein Wunder, dass sie mit den schwierigen Kindern sympathisiert. Bei allen mehr und weniger überheblichen Urteilen über die DDR sei die Anmerkung erlaubt, dass es bis weit in die 1980er Jahre im Westen nicht viel anders aussah. (Gibt es schon vergleichende Studien zur Sittengeschichte hier und da?) Wie in den Schilderungen vom Leben in Prenzlauer Berg, in der Psychiatrie in Herzberge und später in der Sowjetunion liegt die Stärke der Schilderung in unpolemischen Beobachtungen, der Reflexion von Kontext und gelegentlich witzigen oder ironischen Details. Die psychiatrische Station kommt ihr weniger verrückt vor, als die Rückkehr der Eltern aus Großbritannien in die SBZ. Wenn sie nach dem Abwasch noch Notizen machen will, wird ihre Schrift immer unleserlicher „als wollten sich meine Gedanken vor mir verstecken“, und manchmal fühlt sie sich immer noch zu angepasst. Eine entscheidende Erfahrung macht die junge Frau in der Akademikerstadt Dalino, wo Genossen aus vielenSowjetrepubliken leben, die anders denken und reden (und sich vergnügen), als sie das aus Ostberlin kennt. Ihre neuen Freunde schauen kritisch, lebensfroh und mit Humor auf den Sozialismus. Und: „Die im vaterländischen Krieg besiegten Deutschen lebten viel besser als die Sowjetbürger.“ Kein Wunder, dass sie sich in einen Georgier verliebt, der aus dem Land kommt, das für die Ostler jene Vitalität repräsentiert wie Italien für Westdeutsche.
Der Titel des Buchs rekurriert auf ein Treffen mit Eva, einer Freundin ihrer Mutter, die von Moskau nach Ostberlin gezogen war. Sie war in der Nazizeit in die Sowjetunion geflohen und musste, wie viele der deutschen Genossen, die vom Brudervolk deportiert wurden, zehn Jahre im Gulag, zehn in der Verbannung ausharren. Bei einem Besuch in Moskau konnte die Autorin Briefe von Evas Mann, der in die Tundra verbannt worden war (und nicht überlebt hat), abschreiben und aus der Sowjetunion schmuggeln. Bei der Weltzeituhr kommt es zu einem Wiedersehen Evas mit ihrer Schwester Hannah, die sich nach Südafrika gerettet hatte. „Moskau gegen Kapstadt. Gulag gegen Apartheid“. Sie konnten einander nicht verstehen.
Kurzchalia bildet in verschiedenen Szenen einen Zeitgeist ab, der nicht nur die DDR geprägt hat. Anhand einiger Fallgeschichten erzählt sie von ihren Erfahrungen zwischen Ostberlin, Moskau und Georgien. Die Berichte über Konflikte, Freunde, Schikanen und Selbstbehauptung zielen nicht auf eine politische Positionierung, sie haben auch wenig mit verlorenen Illusionen zu tun. Es ist eine Art Prüfung und Überprüfung, vielleicht auch Vergewisserung. Was war das und wer war sie?
Helga Kurzchalia: Weltzeituhr. Roman. Friedenauer Presse, Berlin 2026. 146 Seiten, 22 Euro.
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Nachsatz zur palästinensischen Linken
Vor einiger Zeit schrieb ich eine kurze Besprechung zu dem Band „Die Linke in Palästina“ und nannte es „eine traurige Geschichte“. Inzwischen fiel mir das Buch von Hamza Abu Howidy „Muscheln am Strand von Gaza“ in die Hände. Ein wichtiges kluges Buch, Lehrmaterial für all jene propalästinensischen Demonstranten (oder stille Fans), die Freiheitskampf und Hamas gleichsetzen. Howidy, selbst Palästinester und im Gazastreifen aufgewachsen, differenziert. Und er klärt über den Terror der Hamas auf, der sich eben nicht nur gegen Israelis und Juden, sondern auch gegen Palästinenser richtet, die sich den Methden, Glaubenssätzen und Hierarchien nicht fügen. Howidy hat gegen den Terror im Gazastreifen – den der Hamas – protestiert, ist von den „Kämpfern“ gefoltert worden, hat mehrere Freunde verloren. Er beschreibt seinen Lernprozess vom Schüler einer islamistischen Schule, der den Koran auswendig lernt, zu einem Humanisten, der mit Andersdenkenden, sogar mit Israelis diskutiert und auch zwischen Regierung und Zivilisten im Nachbarland unterscheidet. Aber ich will hier nicht primär Howidys Buch besprechen. Der Autor lebt mittlerweile in Deutschland, er tritt bei Veranstaltungen auf,die das Schwarz-Weiß-Schema Israel-Palästina unterlaufen. Man kann ihn leicht finden.
Howidys Buch hätte man vor vielen Jahren vielleicht einen Entwicklungsroman genannt. Er hat gelernt, sich mit unterschiedlichen Menschen unterhalten, hat Bücher gelesen und sich verändert.
Ich frage mich auch, warum in dem Band über die Linke in Palästina die Gruppen und Individuen nicht vorkommen, die nicht mit der Hamas einverstanden sind, die trotzdem für ein friedliches, auch freies (und auch von Islamismus freies) Palästina kämpfen. Links ist dort nur, was dem Autor kommunistisch dünkt samt allen Streits und Abspaltungen. Ich fürchte, das ist ein Symptom.
Hamza Abu Howidy: Muscheln am Strand von Gaza. Erinnerungen an ein zerstörtes Land | Eine Geschichte von Verlust, Mut und der ungebrochenen Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten. Unter Mitwirkung von: Judith Poppe. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2026. 240 Seiten, 24 Euro.
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- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.
- Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
- Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung. Die Freude an der Unzugehörigkeit. – Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“
Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.











