Geschrieben am 1. November 2026 von für Crimemag, CrimeMag November 2026

Hazel Rosenstrauch: James Marriott, Das Ende des Lesens

Das Abendland geht schon wieder unter

Dies ist ein Buch über das Ende des Lesens, das nur Leute lesen werden, die lesen. Es pfeifen ja nicht Spatzen von den Dächern, sondern  Journalisten, Autoren, Moderatoren und andere –toren beklagen längst den neuen Analphabetismus. James Marriott – laut Klappentext „einer der führenden Intellektuellen Großbritanniens“ – formuliert es dramatisch: „Die Weitergabe von Wissen […) bricht vor unseren Augen zusammen.“ Der Hauptschuldige ist für ihn das Smartphone und im größeren historischen Bogen gedacht der Bildschirm, schon das Fernsehen hat süchtig gemacht. Der Rückgang von Lesekompetenz bedroht nicht nur Verlage und Printmedien (Buchhandlungen, Schriftstellerinnen und Journalisten sowieso), sondern die Demokratie, um nicht zu sagen, unsere bisherige vernunftbasierte Welt: „In der fragmentierten, flachen und zornigen vom Smartphone geprägten Welt der Bildschirme und Displays breiten sich Verschwörungstheorien und irre Ideen mit erschreckender Geschwindigkeit aus.“ Die Geräte machen süchtig, Unordnung und Unvernunft sind die Folge. Der Autor klagt 250 Seiten lang über das „stupide Inferno der sozialen Medien“ und sieht das Ende der bisherigen Kultur durch das „digitale Bombardement“ kommen oder schon eingetreten.

Mit viel Pathos und vielen ausführlichen Zitaten erzählt er erst einmal von den Segnungen der Druckerpresse und den Errungenschaften der Aufklärung. Da der Autor fast ausschließlich englische Literatur zitiert, fehlen in seinem Hohelied auf die Vernunft all die Gruselgeschichten und Verschwörungsstories, die Walter Benjamin in seinem Essay „Was die Deutschen lasen, während unsere Klassiker schrieben“ aufgeführt hat.

Unter Berufung auf die großen klugen Männer wie Samuel Johnson, Montaigne, Voltaire etc. idealisiert James Marriott die gute alte Zeit, in der noch gelesen wurde. Seine Untergangsprophetie stützt er auf Neil Postman und andere früh gewarnt habende Wissenschaftlerinnen. Lange Tiraden beklagen die „blendende Welt der Oberflächen“. Die Redundanz seiner Warnungen und Argumente verführt gelegentlich zum Zappen.

Zwischen das Lob von einst belesenen Politikern wie Churchill oder Truman streut Marriott seine eigenen Empfindungen, Bekenntnisse und Gefühle. „Auch ich bin der Ansicht, dass Lesen Spaß macht. Einige der glücklichsten Augenblicke meines Lebens habe ich mit einem Roman auf dem Sofa oder im Bett verbracht“. Da er laut Klappentext – ganz im Sinne der Superlativitis, die man aus den asozialen Medien kennt – „einer der meistgelesenen Autoren“ ist, beherrscht er auch die Kunst der Sprach-Bilder, streut Sinnliches ein und spitzt zu. Wir treffen „nach Aufmerksamkeit gierende Opportunisten“, die „mit ihrer geistesgestörten Lust auf Clicks, Likes und Views“ die Demokratie zerstören, er berichtet von dem Kongressabgeordneten, „der seine Koteletten und die riesige Brille eines Serienmörders aus seiner Zeit als Universitätsprofessor ablegt hat“, eine Schwiegermutter starrt fasziniert auf den Bildschirm, Voltaire ist „vom Alter gebeugt, ein Ironiker und Workaholic“. Statistiken, Zitate, fremde und eigene Überzeugungen untermalen seinen Befund.

Wahrscheinlich und leider stimmen seine Beobachtungen, vieles von dem, was er Trump & Co vorwirft, trifft leider auch auf ihn zu – das Buch ist  weitschweifig und repetitiv. Lesen, heißt es in einem der Zitate, ist „die Brücke zu Erkenntnis und neuem Denken“, ein Anspruch, den diese Lektüre nicht erfüllt. Für Lehrerinnen und Nachwuchswissenschaftler sind die Literaturempfehlungen am Schluss sicher nützlich, nur scheint mir die Schlussfolgerung „Wo das Lesen verschwindet, steht die Demokratie am Abgrund“ doch ein bisserl zu monokausal.

James Marriott: Das Ende des Lesens. Über die allmähliche Zerstörung des Denkens, der Demokratie und der Gesellschaft, wie wir sie kennen (The New Dark Ages: The End of Reading and the Dawn of a Post-Literate Society, 2026). DuMont, Köln 2026. Hardcover, 256 Seiten, 20 Euro.

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Anm. d. Red.: Während Lessing, Goethe oder Schiller schrieben, las das breite Publikum etwas völlig anderes – nämlich Trivialliteratur wie Liebesgeschichten, Gruselromane, Ritter- und Räuberromane (zum Beispiel Rinaldo Rinaldini von Christian August Vulpius). Walter Benjamin verfasste unter dem Titel „Was die Deutschen lasen, während ihre Klassiker schrieben“ im Februar 1932 ein Hörspiel (sowie den dazugehörenden Aufsatz „Zweierlei Volkstümlichkeit“) für die Berliner Funk-Stunde. Benjamin nutzte ein fiktives Gespräch in einem Berliner Kaffeehaus um 1800, um zu zeigen, wie die Literatur den Alltag, die Masse und die gesellschaftliche Realität prägte, fernab des akademischen Hochkulturbildes.

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  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.
  •  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
  • Neu von ihr: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung. Die Freude an der Unzugehörigkeit. – Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“

Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Zuletzt von ihr: Weinend verstoße ich meine Bücher. Hazel Rosenstrauch trennt sich von ihren Büchern – oder will es.

 Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.

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