Geschrieben am 1. Oktober 2026 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2026

Frank Göhre »Sterne im Staub«, so etwas wie eine Autobiografie

Zeitgenosse Göhre – Das Andere schmecken

Ein Salut von Alf Mayer

Frank Göhre: Sterne im Staub. Vom Lesen, Leben und Schreiben. CulturBooks Verlag, Hamburg 2026. Klappenbroschur, 184 Seiten, 18 Euro.

Was dieses Buch angeht, sind Thomas Wörtche und ich befangen. Wir sind mit Frank Göhre befreundet und »backstage« generell auf der gleichen Wellenlänge. So ist es, wenn man die gleichen Autoren schätzt. Jetzt legt Frank Göhre, der im kommenden Dezember 83 wird, so etwas wie eine Autobiografie vor, reist zu den Büchern, Figuren und Schauplätzen, die ihn geprägt haben – von den ersten Krimis seiner Jugend bis zu den Stoffen seiner eigenen Romane. Sein neues Buch ist, so fassen es seine Verleger Zoë Beck und Jan Karsten zusammen, »eine Biografie in Lektüren, ein persönlicher Streifzug durch die Kriminalliteratur und das eigene Leben und Schreiben«.

»Sterne im Staub. Vom Lesen, Leben und Schreiben« ist das fünfte Buch mit dem unverwechselbaren vertikalen GÖHRE-Schriftzug aus dem CulturBooks Verlag. Dort sind auch die zusammen mit mir verfassten Bände über Ed McBain und seine Romane von 87. Polizeirevier (Cops in the City, 2016) sowie über Elmore Leonard (King of Cool, 2019) erschienen, dazu weitere acht Göhre-Bücher als E-Books. Man kann von Heimat sprechen.

Nun Der Große Heimatfilm. Als Buch. Ein ganzes Schriftstellerleben. Auf 170 Seiten. Irres Drehverhältnis, hätte auch eine zwölfteilige Serie werden können. Aber nicht bei Göhre. Der hat sein eigenes Schnitt- & Montage-Diplom. Er hat nicht nur Carl Schenkel (»Abwärts«), Theodor Kotulla, Horst Königstein, Ulrich Waller, Dominik Graf und anderen Könnern über die Schulter geschaut und in einem Leben voller Bücher-, Kino-, Tatort- und Fernsehliebe von den Besten gelernt (siehe meinen Text Frank und seine Filmarbeit, samt Filmografie). Er war auch immer schon ein Bewunderer von Cut-Up-Meistern wie Jürgen Ploog und William S. Burroughs, ist selbst ein toller Cutter. Master Class, Reggae-Rhythmus bevorzugt. In einer Liga mit Elmar Podlasly, der als Schnittmeister mit souveräner Materialbewältigung ZEIGEN WAS MAN LIEBT (die Filme der sogenannten Münchner Schule, Drehbuch Frank G.) in Form gebracht hat.

Göhre kann das mit Texten, ich habe es selbst bei zwei gemeinsamen Büchern erlebt: 55 Romane und 20 Filme im Ed McBain-Buch – auf 292 Seiten dargestellt. 44 Romane, 20 Drehbücher und 20 Filme in unserem Buch über Elmore Leonard, auf 238 Seiten auf den Punkt gebracht.

Jetzt also sein eigenes Leben, wichtige Begegnungen, Reisen, Inspirationen und Lektüren, die ihn geprägt haben, alles in einem Buch. Fünf Kapitel, 33 Stationen, 21 andere Autorinnen und Autoren und deren Orte, ganz nah. Larry Alan Morse, Eugene Izzi, Edward Bunker, Linda Barnes, Anne LeClaire, Jim Thompson, Ross Macdonald, Sue Grafton, Blaise Cendrars, natürlich Friedrich Glauser, Janwillem van de Wetering, Tony Hillerman, Ed McBain, Jerry Oster, William Boyle, Chester Himes, Victor Headley, Tom Kakonis, Elmore Leonard, Charles Willeford und ein paar andere. Unfassbar viel Schnittmaterial auf dem Boden im Schneideraum. Vermeide Prologe. Benutze nie ein Adverb, um das Verb »sagte« zu modifizieren. Wenn es wie geschrieben klingt, schreib es neu, zitiert er Elmore Leonard auf S. 130.

Gute Schriftsteller definieren die Realität, verwandeln Fakten in Wahrheit, meinte Edward Albee: »A good writer turns fact into truth.« Die Sache mit Fakten und Recherchen aber hat ihre Widerhaken. »The more you know, the harder it is to write«, bekannte Tim O’Brien. Nun, Frank Göhre lässt einen das niemals merken. Ein Karton voller Akten und Hintergrund zum Hamburger Kiez, mit einer Kisten guten Weins gekauft, dann in ein paar schlanke, schnelle Romane destilliert. Sein Stil ist bergbachklar. Da gibt es keine Faxen, keine Locken auf der Glatze. Und wie nur wenige andere Schriftsteller vermag er auch noch etwas anderes – nämlich anderen Autoren gerecht zu werden. Weltweit kenne ich im Genre der Kriminalliteratur nur eine Handvoll Autoren, die es in größerem Umfang auf sich genommen haben oder nehmen, über Kolleginnen und Kollegen zu schreiben. Die sich die Mühe machen, Werk und Meisterschaft anderer zu ergründen und Leser dafür zu werben. Mir fallen hier ein:

Craig McDonald: Rogue Males. Conversations & Confrontations about the Writing Life (2009) und „Art in the Blood“(2006);
Jean-Patrick Manchette: Chroniques. Essays zum Roman noir (1996, 2005 im Distel LiteraturVerlag);
Julian Symons: Am Anfang war der Mord. Eine Geschichte des Kriminalromans (1972);
Bill Pronzini und Marcia Muller: 1001 Midnights (1986);
John Williams: Into the Badlands (1991) und Back to the Badlands (2007);

Stuart Kaminski: Behind the Mystery (2005);
Barry Gifford: The Cavalry Charges. Writings on Books, Films and Music (2007) oder sein Film-Noir-Buch The Devils Thumbs A Ride (1998);
John Connolly, Declan Burke: Books to Die For. The World’s Greatest Mytery Writers on The World’s Greatest Mystery Novels (2012).


Keiner von ihnen, keiner, aber hat für solche Annäherungen einen derart eigenen Stil entwickelt, wie er Frank Göhre auszeichnet. Soviel Coolness, Lakonie und Lässigkeit, Demut und Sicherheit im scheinbar simplen Strich hat sonst keiner. Zu sehr sind viele dieser anderen Porträtisten und Essayisten einem sozusagen journalistischen Einordnungsmuster verhaftet, kommen nicht aus ohne Superlative, Relativsätze oder gönnerhaftes Lob. Bei Göhre begegnen wir anderen Autoren so selbstverständlich als wären es Naturschönheiten. Da geht es nicht um Hierarchie, sondern um einen klaren Blick. Einfach darum, vom fremden Quellwasser zu schmecken. Göhre schafft es – immer und zuverlässig -, dass sich die Essenz eines Autors vermittelt. Irgendwie ist dabei klar: Er fühlt in die Welt und in sich, er redet über das Selbstverständnis eines anderen und zugleich über sein eigenes. Ohne viel Aufhebens darum zu machen. Ein Zeitgenosse.

Gesten der Zuwendung, so sehe ich all die Nachworte und „Sondertexte“ Göhres. Sie sind über die Jahre Legion. Die Passage hier einen Absatz höher habe ich 2013 geschrieben, als wir uns noch gar nicht persönlich kannten. Und als ich noch gar nicht aus der Nähe wusste, wie er arbeitet. Das habe ich dann bei unserer Porträtarbeit fürEd McBain und Elmore Leonard erleben dürfen. Und wie er sich freuen kann, wenn ein Anderer geniale Passagen schreibt.

Göhre

Zu den schönsten Krimibüchern, die ich besitze, gehört das großformatige, von Hendrik Dorgarthen illustrierte »Frühstück mit Marlowe. Rezepte und Geschichten« (Wunderlich im Rowohlt Verlag) aus dem Jahr 1991, in dem Göhre das Kunststück fertigbringt, 180 Rezepte aus Kriminalromanen zu versammeln und vorzustellen (also eine Geschichte der Kulinaristik im Genre) und gleichzeitig den Anfang der 1990er geltenden avancierten Kanon der Kriminalliteratur kenntnisreich und anschaulich aufzublättern. Die Treffsicherheit der Urteile und Porträts verblüfft noch heute, macht das Buch zu einem Standardwerk. Abgesehen davon, dass es einige wirklich klasse Rezepte hat. Damit meine ich nicht Kaffee mit Eiswasser (Seite 20):

Trinken Sie drei Tassen Kaffee, schwarz und heiß. Wenn Sie diese intus haben, halten Sie ihren Kopf einige Minuten lang unter fließendes, eiskaltes Wasser. Danach sind Sie vermutlich in der Lage, einen ersten Blick auf die Morgenzeitungen zu werfen. – Gut. Ziehen Sie sich jetzt langsam an und kochen Sie zwei Eier – maximal 4 ½ Minuten.

Göhre vermittelt uns darin die Koch- und Schreibkünste von: Jim Thompson, Raymond Chandler, James Ellroy, Sue Grafton, L.A. Morse, Jerry Oster, Chester Himes, Robert B. Parker, Rick Boyer, William Wingate, Anne D. LeClaire und Charles Willeford, dessen Hoke Mosley ein künstliches Gebiss trägt, weil er Geld sparen wollte, er porträtiert Vázquez Montalbán und seinen genußsüchtigen Privatdetektiv José »Pepe« Carvalho, Delacorte und seinen genialer Verbrecher Serge, den gern in Gasthäusern abhockenden, mit einem guten Appetit ausgestatteten Wachtmeister Studer des Friedrich Glauser, der weiß, dass zu einem Mord ein Schuldiger gehört »wie der der Anken aufs Brot, sonst reklamieren die Leute«, dann gibt es noch Poul Orum mit Jonas Morck und Knut Ejnarsen, Mai Sjöwall und Per Wahlöö mit ihren Polizisten von der Rikspolis, Janwillem van de Wetering und seinen Brigadier de Gier sowie die Gelüste des Alfred Hitchcock.

Frank Göhres Engagement bei der Entdeckung von Friedrich Glauser ist sprichwörtlich, kaum ein zeitgenössischer Autor hat sich so sehr und so emphatisch um einen Vorgänger in Geist & Sache verdient gemacht, so viel Herzblut eingesetzt. Das wir alle »unseren Glauser« kennen und zu würdigen wissen, ist in weitesten Teilen Frank Göhre zuzuschreiben.

Er lässt uns, immer wieder, »Das Andere schmecken«. Und jetzt sein Leben. Seinen Weg.

Alf Mayer

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