Zeit außerhalb der Zeit: Raoul Ruiz‘ „Le Temps retrouvé“ In der Kunstgeschichte gibt es wenige Werke, die derart hartnäckig den Ruf der Unverfilmbarkeit genießen wie Marcel Prousts monumentale Romanreihe „À la recherche du temps perdu“. Die besondere Zeitkonzeption, die Vielschichtigkeit der Erzählebenen und die subtile Verflechtung von Erinnerung und Gegenwart scheinen jedem Versuch einer filmischen Adaption zu widerstehen. Und doch wagte der chilenische Regisseur Raoul Ruiz 1999 genau dies – nicht mit einer konventionellen Literaturverfilmung, sondern mit einer radikal eigenen kinematografischen Interpretation von Prousts Zeitverständnis. Das unmögliche Unterfangen Die Beziehung
Read More Gibt es den „Point of Return“? Eine Besprechung von Constanze Matthes Wir müssen die Zeit weit zurückdrehen für diesen Roman, der in der Gegenwart angesiedelt ist. Vor etwa 40.000 Jahren existierte der letzte Neandertaler. In Europa und Asien ansässig, lebten die urzeitlichen Menschen mit dem kräftigen Körperbau und dem markanten Schädel zuletzt an der Seite ihres „Verwandten“ – unseres Vorfahrens, des Homo sapiens. Doch was wäre, wenn der Neandertaler nicht ausgestorben wäre? Wäre die Welt eine bessere – nicht Kriegen und Umweltzerstörung ausgesetzt? Dieser Frage geht Rachel Kushner in ihrem
Read More Gesicht geben. Zum Buch von Ernst Volland „Warum kennt ihr mich nicht? Frauen im Widerstand gestern und heute“. Wenig Text und verschwommene Bilder – das entspricht der Erinnerung an und dem Wissen über Frauen des Widerstands. Seit einigen Jahren haben widerständige Frauen zwar mehr Beachtung gefunden, einige Namen sind bekannt, es gibt sogar ein paar Plaketten und Stolpersteine. Ernst Volland ist Künstler, kein Wissenschaftler und sein Band ist auch keine feministische Arbeit, die auf Vollständigkeit oder eine repräsentative Darstellung aus ist. Seine Auswahl ist subjektiv. Die ersten Bilder mit Kurzbiographien
Read More Männer und Frauen, in der Ehe gefangen Eine Besprechung von Frank Schorneck „Woher weiß eine Frau, die drei Kilometer entfernt, auf der anderen Seite der Bucht lebt, aus dem Fenster schaut und ein bisschen Rauch sieht, dass das Feuer absichtlich gelegt worden ist?“ – Niemand ahnt im Oktober 1994, dass Izzy Keaveney nur ein halbes Jahr später mit dieser Frage eines Detectives konfrontiert werden wird – am wenigsten sie selbst. Izzy ist die Gattin eines Lokalpolitikers, der aus Idealismus die Interessen der eigenen Familie – und vor allem die seiner
Read More Christoph Hein – „Das Narrenschiff“ Alles beginnt mit einer Begegnung: Das kleine schüchterne Schulmädchen Kathinka trifft auf den großen Präsidenten Wilhelm Pieck. Verewigt auf einer Postkarte, die Jahrzehnte später die nunmehr erwachsene Kathinka zerreißen und im Papierkorb entsorgen wird. Da ist das Land namens DDR fast von der Karte verschwunden – und das Leben vieler meist nicht mehr, wie es einst war. Egal aus welcher Schicht sie stammten, ob sie Arbeiter oder eben jene Funktionäre waren, denen sich Christoph Hein in seinem neuesten voluminösen Roman „Das Narrenschiff“ zuwendet. 750 Seiten
Read More Hommage an Franz Kafka, und noch mehr Eine Besprechung von Frank Schorneck Joris jobbt in einem Baumarkt, doch er sieht sich als Schriftsteller. Das ist gar nicht so vermessen, wie es klingt, schließlich hat er vor ein paar Jahren tatsächlich einen unterhaltsamen Bestseller auf den Markt gebracht. An dessen Erfolg hat er aber nie mehr anknüpfen können: Nun haust Joris in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz am Rhein, wo er sich vor seinen Gläubigern versteckt. Sein ganzer Stolz sind mehrere Regale voller Kafka-Bände – Romane, Erzählungen, dazu Biographien und Sekundärliteratur.
Read More 3 x 11 Spielworte (41) –Lippen, Fehler, Huhn Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten. Spielwort: Lippen Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo Vielleicht hätte sich Edwin noch ein wenig
Read More Bundeslied der Galgenbrüder O schauerliche Lebenswirrn,wir hängen hier am roten Zwirn!Die Unke unkt, die Spinne spinnt,und schiefe Scheitel kämmt der Wind. O Greule, Greule, wüste Greule!»Du bist verflucht!« so sagt die Eule.Der Sterne Licht am Mond zerbricht.Doch dich zerbrachs noch immer nicht. O Greule, Greule, wüste Greule!Hört ihr den Huf der Silbergäule?Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!da tauts, da grauts, da brauts, da blauts! (Christian Morgenstern, 1895/1905)
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