
Gibt es den „Point of Return“?
Eine Besprechung von Constanze Matthes
Wir müssen die Zeit weit zurückdrehen für diesen Roman, der in der Gegenwart angesiedelt ist. Vor etwa 40.000 Jahren existierte der letzte Neandertaler. In Europa und Asien ansässig, lebten die urzeitlichen Menschen mit dem kräftigen Körperbau und dem markanten Schädel zuletzt an der Seite ihres „Verwandten“ – unseres Vorfahrens, des Homo sapiens. Doch was wäre, wenn der Neandertaler nicht ausgestorben wäre? Wäre die Welt eine bessere – nicht Kriegen und Umweltzerstörung ausgesetzt? Dieser Frage geht Rachel Kushner in ihrem neuesten Roman „See der Schöpfung“ nach, der auf faszinierende wie eindrückliche Weise das Gestern mit dem Heute sowie Spannung mit Philosophie und Geschichte verknüpft.
Wir lernen Sadie kennen. Es ist nicht ihr richtiger Name. Sie ist Amerikanerin und Agentin, die nach einem missglückten Einsatz von der CIA gefeuert wurde und nun von zwielichtigen privaten Auftraggebern auf Undercover-Mission entsendet wird – auch nach Europa. Diesmal soll sie im Südwesten Frankreichs die Moulinarden – eine selbst versorgende Kommune und Gruppe von Öko-Aktivisten – infiltrieren. Sie sollen einen Anschlag auf den Bau riesiger Wasser-Reservoirs für die industrielle Landwirtschaft planen. Sadie, 34 Jahre alt und Weinliebhaberin, hat sich dafür per sogenannten „Kaltaufriss“ Lucien in einer Bar angenähert. Beide werden ein Paar. Während er sie liebt, verfolgt sie einen ausgeklügelten Plan. Der Filmemacher ist zwar nicht Mitglied der Gruppe, aber der beste Freund von Pascal, dem Kopf der Moulinarden.
Während Lucien einen Film dreht, nistet sich Sadie in dessen Haus in Vantome samt der nötigen Technik für ihren Auftrag ein und macht es zu ihrer Operationsbasis. Das ganze Tun der Heldin, die zugleich Ich-Erzählerin ist, ist berechnend und skrupellos ohne Rücksicht auf Verluste. Sie nähert sich den Mitgliedern der Kommune an, nimmt den Staatssekretär Platon aufs Korn und liest sich durch den E-Mail-Verkehr zwischen den Moulinarden und Bruno, dem geistigen Kopf der Gruppe, ein ehemaliger 68er, der sich, nach dem Höhenflug des Kapitalismus, aufgrund der weltweiten Umweltzerstörung und privaten Schicksalsschlägen desillusioniert, von der Zivilisation weitestgehend zurückgezogen hat und in einer Höhle lebt.
Brunos Mails – der Mentor der Gruppe taucht nie wirklich in der Handlung auf – geben einen Einblick in seine faszinierende Gedankenwelt, in der er sich der Menschheitsgeschichte widmet und fragt, weshalb der heutige Mensch zu dem geworden ist, der er ist: dem stetigen Konsum hörig, gewalttätig gegenüber der Natur und seinesgleichen. Wären wir als Nachkommen des Neandertalers, der einige Zeit parallel zum Homo sapiens existierte, anders geworden? Vielleicht empathischer, friedvoller, umgänglicher? Diese Frage und Ausführungen zu Themen wie Migration, Technik und Kunst, Tradition und Moderne machen diesen Roman zu einem großen Gedankenspiel, ohne dass die Spannung darunter leidet, die nicht mit dem großen Hammer aus reichlich Blutvergießen und wilden Verfolgungsjagden daherkommt, sondern in dieser komplexen Handlung eher untergründig zu spüren ist.
Nicht die Mega-Bassins, die der industriellen Landwirtschaft als künstliches Wasserreservoir dienen, für die allerdings der natürliche Grundwasserbestand für die Umwelt folgenreich angezapft wird, sind letztlich das Ziel der Kommune, doch Sadie hat den Auftrag, die Moulinarden zu illegalen Machenschaften zu treiben, damit die Behörden die Gruppe auflösen können. Kushner widmet sich einer konkreten Entwicklung, die vor wenigen Jahren auch hierzulande für Schlagzeilen sorgte. In Frankreich kam es zum Streit und zu Protesten angesichts der Pläne, mehrere künstliche Wasserbecken für die Landwirtschaft zu errichten, um damit den Wassermangel zu begegnen.
Kushner stand mit ihrem neuesten Streich 2024 auf der Shortlist des renommierten Booker-Prize. Regelmäßig beschäftigt sich die US-amerikanische Schriftstellerin, 1968 in Eugene (Oregon) geboren und heute in Los Angeles lebend, den Außenseitern der Gesellschaft und verbindet Spannung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen und Problemen. In „Ich bin ein Schicksal“ erzählt sie von den Zuständen in einem Frauengefängnis, in „Flammenwerfer“ verbindet sie anhand der Erlebnisse einer jungen Frau die Kunst- mit der Motorradszene.
„See der Schöpfung“ ist zweifellos ein Buch der Stunde, das es lohnt, wiederholt zu lesen, um all die Gedanken über die Rolle und Verantwortung des Menschen und die Frage, gäbe es denn einen „Way of Return“ und wie sähe dieser aus, noch einmal im Kopf durchzuspielen und auch die facettenreiche Sprache zu genießen. Am Ende wird Sadie von ihrer Vergangenheit eingeholt, ein Nachdenken setzt ein. Hat sie womöglich Brunos Philosophie verinnerlicht und ist sie zu einer gewissen Einsicht gekommen? Die Gründe des Aussterbens des Neandertalers sind im Übrigen bis heute ungeklärt. Die Ankunft des modernen Menschen und die Umweltbedingungen infolge veränderter Klimaverhältnisse sowie folgend Trockenheit und Dürre werden indes als Ursachen vermutet – womit sich der Kreis zum Heute nahezu schließt.
Rachel Kushner: See der Schöpfung (Creation Lake, 2024). Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt, Hamburg 2025. 480 Seiten, 26 Euro.
Constanze Matthes – ihre Texte bei uns hier. Ihr Blog trägt den Titel Zeichen und Zeiten.












