
Hommage an Franz Kafka, und noch mehr
Eine Besprechung von Frank Schorneck
Joris jobbt in einem Baumarkt, doch er sieht sich als Schriftsteller. Das ist gar nicht so vermessen, wie es klingt, schließlich hat er vor ein paar Jahren tatsächlich einen unterhaltsamen Bestseller auf den Markt gebracht. An dessen Erfolg hat er aber nie mehr anknüpfen können: Nun haust Joris in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz am Rhein, wo er sich vor seinen Gläubigern versteckt. Sein ganzer Stolz sind mehrere Regale voller Kafka-Bände – Romane, Erzählungen, dazu Biographien und Sekundärliteratur. Eines Tages bemerkt Joris etwas Seltsames: Niemand scheint von Franz Kafka je gehört zu haben: Das Kanon-Schaufenster des engagierten Buchhändlers weist weder „Das Schloss“ noch „Der Process“ auf, auch „Die Verwandlung“ fehlt. Der Buchhändler kann mit dem Namen nichts anfangen – und als Joris zu seinem Wohnwagen zurückkehrt, sind die Regale leer. Nach anfänglichem Schock kommt Joris die geniale Idee: „Der Process“ ist seine persönliche Bibel, er kennt das Buch von vorne bis hinten auswendig. Er wird diesen Meilenstein der Weltliteratur neu schreiben und damit unweigerlich zum Star der Literaturszene werden. Die Rechnung hat er allerdings ohne den heutigen Literaturmarkt zwischen Booktok und Promikult gemacht.
Die Grundidee eines Werkes, das plötzlich nicht mehr existiert, erinnert an den Film „Yesterday“ von Danny Boyle. Dort wird ein junger Beatles-Fan nach einem Unfall mit einer Welt konfrontiert, die von den Liverpoolern noch nie gehört hat und bringt es mit seinen Beatles-Covern zu Weltruhm. Doch Oliver Uschmann geht in seinem Roman „Ausgefranzt“ andere Wege. Nicht nur, dass der von Joris fest einkalkulierte Erfolg ausbleibt: Mit dem Verschwinden Kafkas brechen Motive aus Kafkas Werken in das Leben Joris‘ ein.
Oliver Uschmanns literarisches Werk kommt auf den ersten Blick sehr locker-flockig und hochkomisch daher, auch „Ausgefranzt“ besticht durch einen direkten Tonfall abseits Bachmannpreis-verdächtiger Satzkonstrukte. Doch Uschmann thematisiert nicht zuletzt eben jene im deutschen Feuilleton fest verankerte Trennung von „ernster“ und „Unterhaltungsliteratur“. Schon in seinem Roman „Feindesland“ aus der „Hartmut und ich“-Reihe hat er diese aufs Korn genommen: Damals trennte in einem Verlagshaus eine hermetisch verriegelte U-Boot-Schleuse die Abteilungen für Unterhaltung von der für „hohe Literatur“. Vor einer solchen Tür stehend fühlt sich auch Joris, als ihm von Lektoren klar gemacht wird, dass er, der frühere Unterhaltungsautor, sich an diesem verkopften Manuskript wohl verhoben habe.
Bis zum runden und vielleicht ein wenig vorhersehbaren Ende schlägt die Geschichte zwischen Verlagskorrespondenz und Messebesuch einige überraschende Volten. „Ausgefranzt“ kann auf vielerlei Arten gelesen werden: Als unterhaltsame Satire auf den heutigen Literaturbetrieb, als humorvolle Hommage an Franz Kafka, als Chronik einer Midlife-Crisis. Kafka-Fans finden jede Menge Easter-Eggs im Text, von denen Uschmann einige in einem Glossar dann doch freundlicherweise auflistet. Nicht nur Kafka wird ein würdiges Denkmal gesetzt, auch die Namen zeitgenössischer Autoren blitzen immer mal wieder auf und erfreuen den Literaturkenner. Sven Amtsberg, Michael Weins, Adrian Kasnitz, Benedict Wells… – hier skizziert Uschmann einen „modernen Kanon“ zeitgenössicher deutschsprachiger Autoren (Autorinnen fehlen). Wem diese Namen nichts sagen, dem werden hier Leseempfehlungen frei Haus geliefert. Zudem finden sich in „Ausgefranzt“ auch Querverweise auf andere Werke Uschmanns, bis hin zu seinen Romanen für junge Leser. Auch die Hui-Freunde werden mit diesem Buch hundertprozentig auf ihre Kosten kommen. Und wer weiß, vielleicht wirft manch einer auch mal wieder einen Blick in die Kafka-Bände, die irgendwo im Bücherregal vergilben und erkennt den Humor in ihnen, der sich damals nicht so zeigen wollte, als es sich um Schullektüre handelte.
Frank Schorneck
Oliver Uschmann: Ausgefranzt. Adakia Verlag, 278 Seiten, 16 Euro.



















