
Natürlich die Juden
Die Infantin von Spanien bringt ihren Leibarzt mit, als sie 1668 von Madrid nach Wien reist um an der Seite Leopold I. zur Kaiserin Margarita Teresa zu werden. Pedro ist Marrane, also einer dieser notgedrungen christlich gewordenen Juden, die ihren alten Glauben bei Lebensgefahr heimlich pflegen. Der Arzt hilft ihr nicht nur bei ihren vielen Geburten, er ist auch ihr Vertrauter. Die künftige Kaiserin weiß um sein Geheimnis. Wer (wie ich) das Nachwort vorweg liest, weiß, dass sowohl Pedro de Rojas wie die Hebamme Esther aus dem jüdischen Viertel erfunden sind. Gut erfunden.
Vertlib hat getreulich zusammengetragen, was es an Verdächtigungen und Zuschreibungen gegenüber Juden gab. „Wucherer sind sie, Diebe und Hehler, Giftmischer, Ehebrecher, Gotteslästerer und Mörder. Sie vergiften Brunnen und töten christliche Kinder“, sagt der Bischof. „Geistliche wettern von der Kanzel herab gegen die elenden Gottesmörder vor den Toren unserer Stadt, die insgeheim mit den ungläubigen Türken paktieren“. Und auch die Kaiserin ist entschlossen, die Juden aus der Umgebung von Wien zu vertreiben. Sie weiß ja, dass „die verfluchten Juden an allem Unglück schuld“ sind. Sie lässt Esther, die Hebamme, die ihr bei der Geburt des dringend erwarteten Thronfolgers helfen soll, prüfen: „Ihr wißt genauso gut wie ich, sagt die Kaiserin, dass Juden an ihrem rechten Fuß einen Huf und am Steißbein einen Schweif besitzen.“
Man merkt dem Autor das Vergnügen an, wenn er die abstrusen Schimpfworte und Unterstellungen zitiert, die seinerzeit über Juden ausgegossen wurden. Und natürlich meint er nicht nur das 17. Jahrhundert.
Manchmal gehen die Pferde bzw. Tasten mit Vertlib durch, wenn er von Skandalen, Grobheiten und Arroganz erzählt, manche Szene wird mit Augenzwinkern vorgetragen, wer will, kann die Anspielungen mitlesen. „Niemand hasst die Juden mehr als die Universitätsstudenten, das war früher so und wird wohl in Zukunft so bleiben.“ Im 21. Jahrhundert denkt man bei den Schilderungen der Informationsbeschaffung am Wiener Hofs an Stasi, CIA und aktuelle Überwachungsmethoden, die im Verhältnis zur Spionage damals wie Kinderspiel erscheinen.
In vielen Facetten und dokumentarisch belegt werden die Verhältnisse am Wiener Hof, die Rolle von Kirche und Geistlichen und die Bedingungen in der Judenstadt am Unteren Werd geschildert, wo Juden übrigens weder spitze Hüte noch den gelben Fleck tragen müssen. Die Abwehr der „modernen“ Maßnahmen, die Pedro vorschlägt (Sauberkeit und frische Luft) die kruden Vorstellungen von dem, was gesund sei, die verdorbenen Zahnstummel und die berühmte hängende Habsburgerlippe des Kaisers, Krankheiten und Schmutz gehören zum Zeitgeist des barocken Wien. Der Autor macht sich auch einen Spaß daraus, all die aus dem Leben des Hofs gegriffenen Regeln, Intrigen, Arroganz und Bösartigkeiten darzustellen und erzählt von Normalitäten, die wir heute Verbrechen nennen und die damals keine waren.
Die Zustände sind historisch verbürgt, und vermutlich hat Vertlib die Passagen über sexuelle Ausschweifungen von Bischöfen, Priestern und sonstigen „schwarzen Vögeln“ gut recherchiert. Die Perversitäten der Geistlichkeit, Morden, Vierteilen, Rädern, Türkenkrieg, Not und Hunger, unerträgliche Hitze und lebensbedrohlicher Frost vervollständigen das Bild der Zeit.
Man fühlt sich an Romane von Lion Feuchtwanger oder Stefan Zweig erinnert, weil historisches Wissen so schön mit Aufklärung verbunden wird, und zwischen den Zeilen wird vermittelt, wie glücklich wir sein dürfen, dass es diese Allmacht des Adels nicht mehr gibt, sodomitische Geistliche sich nicht ungestraft an Jugendlichen vergreifen dürfen und Juden als Menschen angesehen werden.
Das muss man sich erst einmal trauen, Figuren wie den Arzt Pedro und die Hebamme Esther zu erfinden. „Der historische Hintergrund … ist zu einem großen Teil authentisch“ heißt es im Nachwort, in dem der Autor seine Unterstützer und Quellen nennt. Ein gewagtes, kluges und stellenweise auch lustiges Buch. Nur das grelle Rot am Cover hat mich gestört.
Vladimir Vertlib: Der Jude der Kaiserin. Residenz Verlag, Salzburg 2026. 416 Seiten, Hardcover, 28 Euro.
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- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.
- Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
- Neu von ihr: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung. Die Freude an der Unzugehörigkeit. – Die Autorin: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“
Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.










