
Reichlich Großwild
Was würde wohl passieren, wenn plötzlich Elefanten durch Berlin spazierten? Nicht nur ein paar, sondern 20.000. Schließlich sind es Tiere, die Platz brauchen, sich Raum nehmen, und zwar ausgerechnet dort, wo es schon ziemlich voll ist. Und: So ein Elefant braucht pro Tag etwa 200 Kilo Grünfutter, dazu 100 Liter Wasser. Zu welchen gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen die Anwesenheit solcher Tiere führen könnte, dem geht die belgische Autorin Gaea Schoeters in ihrer bissigen Satire „Das Geschenk“ nach und greift dabei auch einige Themen ihres grandiosen Vorgängerromans „Trophäe“ unter anderen Vorzeichen nochmals auf.
Das Angebot steht – ganz real. Mokgweetsi Masisi, Präsident von Botswana, hat Deutschland bereits vor drei Jahren 20.000 wilde Elefanten angeboten. Sein Nachfolger Duma Boko hat dieses Angebot auch gegenüber der neuen Bundesregierung bekräftigt. Denn Botswana ärgert sich über ein EU-Gesetz, das unter anderem die Einfuhr von Elfenbein beschränken soll, Deutschland will dieses Gesetz noch verschärfen. Botswanas Elefantenpopulation hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durch Schutzprogramme stabilisiert, wächst und sorgt für Unruhe. Rund 130.000 Tiere sollen es aktuell sein. Auch wenn Botswana im Süden Afrikas dünn besiedelt ist, kommt es doch immer wieder zu Konflikten, wenn die Tiere etwa ganze Ernten vernichten. Wenn nun die EU den Abschuss über ein Gesetz erschwert, verschärft sich für Botswana das Problem stetig.
Bei Gaea Schoeters nun macht Botswanas Präsident Ernst. In Berlin materialisieren sich nach und nach Tausende Elefanten. Wie genau sie dorthin kommen? „Magic“, lässt sie ihn am Telefon sagen. Und: „Viel Spaß damit.“ Ein Kanzler namens Hans Christian Winkler – der gerne Rat bei seiner Vorgängerin sucht – muss nun mit seinem Krisenstab entscheiden, wie man dem Problem Herr werden könnte. Abschießen, die Armee schicken? Unschöne Bilder und ungünstig dazu, wo man genau das doch im rund 10.000 Kilometer entfernten Botswana verhindern will. Verteilen, verschenken? Wohin genau und will die überhaupt jemand? Einhegen? Schwierig beim größten Landsäugetier mit reichlich Bewegungsdrang. Dann also ein Imagewechsel, die positiven Seiten betonen, auch wenn es hie und da zu Zwischenfällen kommt, die Bevölkerung beruhigen, eine Ministerin für Elefantenangelegenheiten ernennen, die aufgebrachten Müllwerker besänftigen, die jeden Tag Tonnen an Elefantendung abtransportieren müssen, Futter organisieren, Spenden eintreiben, nur nicht nervös werden. Und dazu dem politischen Gegner möglichst wenig Angriffsfläche bieten, steht doch bald die nächste Wahl an.
Gerade die politische Dimension dieses Naturereignisses spielt Schoeters pointiert und vergnüglich durch. Der aufstrebende AfD-Politiker nutzt jede Steilvorlage. „Und so muss“, lässt Schoeters ihn im Bundestag mit allen erwartbaren Stichwörtern poltern, „der durchschnittliche, hart arbeitende Deutsche für den Schaden geradestehen, für den invasive afrikanische Arten als Folge irgendeines woken Gesetzes verantwortlich sind.“ Die Regierung kommt mehr und mehr unter Druck, zumal ein zunächst vielversprechend wirkendes Geschäft mit dem zu Dünger verarbeiteten Dung auch wieder Geld in die Kassen zu spülen verspricht – bevor es in einem weiteren Fiasko endet. Bleibt nur die Abschiebung, ein Drittstaatendeal, um das Problem erstmal aus der deutschen Welt zu schaffen, die Wogen vor der Wahl zu glätten. Und währenddessen stößt Schoeters mit den Elefanten, die da plötzlich in der Spree baden, die Bäume im Park kahl fressen und Autobahnen blockieren eine ganze Reihe größerer Fragen an, ganz offensichtlich das schwierige Verhältnis zwischen Mensch und Natur etwa, mit all seinen widerstrebenden Interessen, aber auch und vor allem den Rechtsruck in Europa. Ein paar Elefanten sind hier in der Lage, gerade politisch einiges aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Frank Rumpel
Gaea Schoeters: Das Geschenk (Het geschenk, 2025). Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Zsolnay Verlag, Wien 2025. 142 Seiten, 22 Euro.
Anm. d. Red.: Gaea Schoeters Buch „Trophäe“ hier bei uns im Februar 2025 von Sonja Hart besprochen.












