

alle Fotos © Tina Schmid 
So möchte man die Welt gezeigt bekommen, genau so. In diesem Fall sind es die Museen von Zürich, wunderbar aufgeblättert und porträtiert. Das Buch ist stringent minimalistisch gestaltet. Tina Schmidt, Zürcher Kunstlehrerin und Illustratorin, hat ihren eigenen Stil und ihr eigenes Konzept gefunden. Es wäre absolut exportfähig (»skalierbar« sagen die Markenexperten dazu), aber das würde solch eine editorische Arbeit – Chapeau! auch für den Verlag Scheidegger & Spiess – weniger einzigartig machen.
»Grund für einen Ortswechsel« überschrieb ich meine Besprechung für Tina Schmids 2024 erschienenes »Zürikinobuch«. Dem vorausgegangen war das »Züribadibuch«. Jetzt also das »Zürimuseumsbuch«. Alle drei Bände zeichnen klar, luftig, übersichtlich und selbstbewusst je ein breitwand-großes Stück Zürcher Kultur und Kulturgeschichte. So übersichtlich und appetitlich dargestellt, ohne je anbiedernd zu sein, ist das noch nicht geschehen. Allen drei Büchern eigen: Man könnte sich aus der Ferne sogleich in diese Stadt verlieben.
Das Buchdesign wartet mit übersichtlicher Gliederung, Karten, Tabellen, Zeitstrahlen, Kärtchen, Skizzen, witzigen Übersichtskarten, eigens aufgenommenen Fotos (ebenfalls Tina Schmid), vielen Details und über allem mit begeisternder Klarheit auf. Die Texte sind durchkomponiert, schnörkellos kurz, informativ und lebenswarm. Alles in allem ein Vorzeigebuch, auch für einen so arrivierten Verlag wie Scheidegger & Spiess – im Ländli führend in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur.
Um die Zürcher Museen erstmalig umfassend zu erzählen und darzustellen, hat Tina Schmid in mühseliger Kleinarbeit unzählige Quellen und Archive durchforstet: Stadt- und Stiftungsarchive, Sammlungen, Bibliotheken, Websites, Akten, Zeitungen, Baupläne. Und natürlich Gespräche geführt. Auch das kann sie meisterlich. Sie hat Ohr und Auge für Zwischentöne und Details, für das Spannende, Brisante und Kuriose. Geschmack davon gibt schon das Vorwort der Kunsthistorikerin Viviane Mathis. »In Zürich wimmelt es von Krokodilen«, heißt es darin. Nun, das Krokodil steht seit jeher für das Böse in Form des Unwissens, das durch das gesammelte Wissen gebändigt wird, klärt Mathis uns auf. Schon in der Antike erschien der ägyptische Gott Horus als Bändiger des Krokodils, auch im Christentum lebte die Bildidee weiter: Die biblische Schlange hatte vor dem Sündenfall noch Beine, war einem Krokodil also nicht unähnlich, und auch nicht der Drache, den der Heiligen Georg tötet. In all diesen Darstellungen geht es um die Angst vor dem Unbekannten und um den Versuch, ihr mit Wissen, Bildern und Geschichten zu begegnen. Ausgestopfte Krokodile gehörten zum Inventar der frühen Kunst- und Wunderkammern. So zeigt auch gleich das erste Museumsbild auf Seite 8, ein Kupferstich aus Venedig und in der ETH aufbewahrt, solch ein ausgestopftes Tier an der Decke der Wunderkammer des Ferrante Imperato.
Der Blick in die Sammlungen gehört zu einem durchgehenden Bildmotiv im Buch, das 67 Museen im Porträt behandelt und etwa 30 weitere, darunter 20 ehemalige, erwähnt. Zürich zählt momentan über 60 Museen. 14 widmen sich primär der Kunst, drei außereuropäischen Kulturen, je fünf der Literatur, der Architektur und der Archäologie. Acht Museen haben ihren Fokus auf Naturwissenschaft und Medizin, zehn auf Technik- und/ oder Kulturgeschichte, acht sind Ortsmuseen und je zwei gibt es für Geld, Uhren und Fußball. Weggezogen ist ein Spielzeugmuseum, auf Standortsuche eines für Flipperautomaten.
Tina Müller unterscheidet in Klein- und Institutsmuseen, in dezentrale und monumentale. Die Geschichte der Zürcher Museen beginnt für sie im Jahr 1550 mit der Sammlung des Arztes und Naturforschers Conrad Gessner. 1629 entstand die erst Bürgerbibliothek, 1634 kam eine Kunstkammer hinzu. 1834 wurde die Museumsgesellschaft gegründet, sie zog in das heutige Literaturhaus am Limmatquai ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg, vermerkt die chronologische Übersicht, »geht es mit den Museen erst so richtig los. Im Zürcher Adressbuch, wo 1879 noch neun Sammlungen unter ‹Sehenswürdigkeiten› aufgezählt wurden, sind es jetzt 24.« Für 1998 heißt es: »Alle paar Jahr wurde ein neues Museum eröffnet, so dass mittlerweile im Zürcher Adressbuch 50 Adressen angegeben sind.«




alle Fotos © Tina Schmid
Das sensationell schön gestaltete Buch (Tina Schmid; Lithographie: Marjeta Morinc) versammelt neben der heutigen Illustrationsebene eine große Vielfalt an historischen Fotos und Dokumenten, geht in seiner Gliederung konzentrisch vor. Beginnt mit der Stadtmitte, dann mit Örtlichkeiten in der Ersten Eingemeindung (von 1893, Kreis 2-8 genannt) und dann der Zweiten (1934, Kreis 9-12). Zwischen ganz drinnen und ganz draußen finden wir zum Beispiel das Museum Rietberg, das Tram-Museum, den Pavillon Le Corbusier, das Museum für Gestaltung, die gta-Ausstellungen der ETH oder das Flippermuseum in der Fuchsiastraße.
Zürich nämlich war in den 1980er-Jahren ein Eldorado für Fans von Spielautomaten. Nirgends in Europa war die Dichte an Flippern und Glücksspielautomaten grösser. Allein in der Stadt konnte in 68 Spielsalons an eigens für den Kanton Zürich entwickelten Slotmaschinen gezockt werden. Doch es regte sich Widerstand. Innerhalb von kurzer Zeit kam es zu vier Volksabstimmungen, in deren Folge die Geldspielautomaten schließlich verboten wurden. Heute gibt es in Zürich keinen einzigen Spielsalon mehr.
Der im Zürcher Seefeld aufgewachsene Architekt Ivo Vasella restaurierte und sammelte als Hobby seit gut vierzig Jahren alte Flipperkästen und Spielautomaten. Sein Museum ist privat, seit etlicher Zeit wird ein Standort gesucht.
Nicht nur für diese Sammlung gilt, womit Viviane Mathis ihr Vorwort abschließt: »Museen leben nicht von ihren Exponaten allein. Sie leben davon, dass wir sie betreten; dass wir uns einlassen, verweilen, weitergehen und zurückkehren; dass wir unsere eigenen Fragen mitbringen und vielleicht mit neuen nach Hause gehen.«
Alf Mayer
Tina Schmid: Zürimuseumsbuch. Scheidegger & Spiess, Zürich 2026. Format 19 x 25 cm, gebunden, 265 farbige und 108 s/w-Abbildungen. 232 Seiten, 49 Euro/ 49 CHF.
















