Geschrieben am 1. November 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag November 2025, News

Bildband »Casinoland – Tired of Winning“ von Michael Rababy

All that glitters … Einmal Panzerknacker sein

Alf Mayer über den Bildband »Casinoland – Tired of Winning« von Michael Rababy

I earned a pretty penny
I’ve turned a head or two
I’ve learned you let your guard down
When somebody’s good for you
I’ve seen some miracles
Been flown across the world
To learn firsthand what they say
All that glitters isn’t gold

One time, for the money
Two times, for the love
Three times, for the beauty
These are the things that dreams are made of
One timе, for my body
Two times, for my soul
Three times, for my honey
All that glittеrs isn’t gold

(Kate Earl, All That Glitters, 2017)

»Das Einzige, was sich zu tun lohnt, ist das Unmögliche«, heißt es in Dostojewskis Roman »Der Spieler« (1866). Als ich Anfang der 1990er Redakteur der Lufthansa Kulturförderung war, gab es manchmal VIP-Gäste aus Moskau, deren sehnlichster Wunsch es war, einmal in einem der Casinos zu spielen, in denen Dostojewski persönlich sein Geld verloren hatte. Selbst zu setzen trauten sie sich nicht, das musste ich in dem nahe bei Frankfurt gelegenen Bad Homburg für sie übernehmen. So aufgeregt und entrückt waren sie. (Ein bekannter Filmregisseur war darunter.) Den Gesichtsausdruck dieser Menschen habe ich nie vergessen, er hatte etwas Somnambules.

Diesem entrückten, traumwandlerischen Blick, als würde man auf der Erde über den Mars wandern oder eben dem Schatz am Ende des Regenbogens entgegen, bin ich im Fotoband »Casinoland – Tired of Winning« von Michael Rababy oft begegnet. Satteste Farben. Nicht von dieser Welt. Die Regeln des Glücks, der Schwerkraft und der Realität sind außer Kraft zu setzen, diese Verheißung tragen die Gesichter bei aller Erschöpfung im Blick. Dafür gibt es kleine und große Münze. »Prime Rib $ 7.95« verspricht eine Neonreklame im Buch. Andere Versprechungen tragen keine Preisschilder, außer den absurd hohen Jackpot-Angaben auf den Neonlaufstreifen der Spielautomaten. Alles aber in der Casino-Welt ist das, und nur das: Versprechen. Verheißung. Sogar die Röte des Rots von Technicolor im Wüstenlicht von Nevada und Kalifornien. Alles ist Traum. Alles ist möglich. Überdimensioniert. Unreal. Surreal. Außerirdisch. – Einmal selbst ein Panzerknacker sein, darum geht es. (Im Carl Barks-Universum zum ersten Mal 1951 in der Geschichte Terror of the Beagle Boys, dt. Der Selbstschuss, aufgetaucht).

Wir sind im Casino. Der libanesisch-amerikanische Dokumentarfotograf Michael Rababy ist in Kalifornien mit Eltern aufgewachsen, die ihn schon als Kind zu ihren Spiel-Ausflügen mitnahmen. »I Hated going to Las Vegas as a child«, lautet der erste Satz in seinem Nachwort. Das Projekt »Casinoland« beschäftigte ihn seit 30 Jahren. Saturierte Farben. Neon, Glitz und Glamour. Straß und Talmi. Gold und Fake-Fake-Fake. Donald Trump kommt aus dieser Kultur, in den Casinos von Atlantik City manifestierten sich erstmals seine Größenphantasien.

WE WANT EVERYONE TO FEEL LIKE A WINNER.
WE HAVE WHAT YOU ARE LOOKING FOR.
WHAT ARE YOU WAITING FOR?
EVERY VISIT IS A WIN!
EVERY DAY CAN BE YOUR LUCKY DAY.

FIND YOUR WOW MOMENT.
YOU’RE GOING TO NEED A BIGGER WALLET.
AND WHEN YOU’RE READY TO CALL IT A DAY JUST MAKE IT A NIGHT.
THE FUN NEVER STOPS.

Solche Casino-Weisheiten ziehen sich wie Zwischentitel durch das glitzernde Buch, das zusammen mit der US-amerikanischen Glücksspielkultur auch unser Verhältnis zum Geld dokumentiert. Georg Seeßlen schreibt in seiner zu wenig bekannten Studie »Das Geld. Wie es uns in Leib, Seele und Gemeinschaft überspringt« folgendes: »Ohne Räuber und Gangster würde die bürgerliche Erzählung vom Geld in sich vertrocknen. Daher muss der Mythos geschaffen werden, der den Widerspruch in sich aufhebt: die verbotenen Wünsche und die Sicherung von System und Klasse. Es muss den Räuber geben, damit das Räuberische des Systems verborgen bleibt, und es muss Gangster geben, damit die mafiose Struktur der Wirtschaftsbeziehungen verborgen bleibt.« Im Casino haben die Banditen ganz offiziell Aufenthaltsrecht.

Einmal selbst ein Panzerknacker sein. Tauchen Sie ein in unsere kollektive Psyche. Nur weil das Leben keinen Sinn hat, heißt nicht, dass man es nicht genießen kann, zitiert Scotty Hendricks im Buch-Epilog Albert Camus.

COME IN, ENJOY.
TRUST YOR LUCK.
WE CAN’T WAIT TO WELCOME YOU.

Ein alter, wüstenverbrannter Nudist in einem Borat-Mankini an einer Hotelrezeption. Ein sonnengeätztes Paar auf Liegestühlen am Pool. Das Las Vegas Welcome Center von einer Industriebrache her fotografiert. Elvis einsam vor drei einarmigen Banditen. Eine Croupière mit Halsmanschette. Ein Rentner mit zwei Showgirls. Eine Silikon-Oversize-Milf mit Dollarscheinen im BH und ein als Indianer verkleideter Stripper mit Federschmuck. »Only Jesus« auf einem Schild, das ein älterer Mann hochhält. »Weed … Coke« und eine Telefonnummer als Grafitti. Der »Heart Attack Grill«. Filmfiguren, Substitute. Ein altes, erschöpftes Zimmermädchen. »Freedom« auf einem T-Shirt. Einmal selbst ein Panzerknacker sein.

Mat Gleason fühlt sich in seinem Nachwort an zwei Giganten der Fotografie erinnert: An Brassai und an Dorothea Lange. Sie dokumentierte die Vertriebenen der Großen Depression, er war der Erste, der Paris völlig ungeschminkt zeigt. »Casinoland« zeigt tonnenweise Schminke. Aber das ist die nackte Realität.

Alf Mayer

Michael Rababy: Casinoland – Tired of Winning. Englische Ausgabe. Kehrer Verlag, Heidelberg 2024. Format 24,5 x 26 cm. 160 Seiten, 115 Farbfotos, 45 Euro. – Internetseite von Michael Rababy hier. – Verlagsinformationen hier.

P.S. Das Motto des Fotobandes zitiert aus den »Rum Diaries« von Hunter S. Thompson: »…And beneath his pessimism, his bleak conviction that all the machinery was rigged against him, at the bottom of his soul was a faith that he was going to outwit it, that by carefully watching the signs he was going to know when to dodge and be spared. It was fatalism with a loophole, and all you had to do to make it work was never miss asign. Survival by coordinatiob, as it were. The race is not tot he swift, nor the battle to the strong, but to those who can see it coming and jump aside.«

Lesehinweis:
Georg Seeßlen: Das Geld. Wie es uns in Leib, Seele und Gemeinschaft überspringt. Bibliothek des Alltags 4, herausgegeben von Wolfgang Paterno. bahoe books, Wien 2023. 378 Seiten, 24 Euro. – Textauszug bei uns hier.


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