Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024, News

Georg Seeßlen über die schwarzen Seiten des Geldes

Steve McQueen und Ali MacGraw in „Getaway“, Sam Peckinpah, 1972

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Georg Seeßlen: Das Geld. Wie es uns in Leib, Seele und Gemeinschaft überspringt. Bibliothek des Alltags 4, herausgegeben von Wolfgang Paterno. bahoe books, Wien 2023. 378 Seiten, 24 Euro. – Textauszug mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

Piraten, Räuber und Gangster

Die Schattengestalten der Geld-Erzählung 

Wenn ich Geld habe, erst einmal gleichgültig woher, durch das Erbe, als Arbeitslohn, als Geschenk oder Spielgewinn, zerfällt es in mehrere Optionen des Umgangs. Man kann Wünsche damit befriedigen, man kann sich Freiheit erkaufen (Freiheit von einer Familie, einem Ort, Arbeitsverhältnissen oder Abhängigkeiten), man kann Sicherheit erwerben (ein Haus bauen, eine Versicherung abschließen), nicht zuletzt aber erwirbt man dabei einen sozialen Status. So hat es Georg Simmel untersucht: «Das Geld hat die vorhin betonte Scheidung zwischen dem Menschen als Persönlichkeit und als Träger einer bestimmten Einzelleistung oder -bedeutung auf den Gipfel gehoben; sein Besitz gewährt jedem, der ihn erobern oder irgendwie erwerben kann, eine Macht und eine Stellung, die mit dem Innehaben dieses Besitzes, nicht aber mit der Persönlichkeit und ihren Eigenschaften auftritt und verschwindet. Die Menschen traversieren durch die Positionen, die bestimmten Geld-Besitzen entsprechen, wie rein zufällige Ausfüllungen durch feste, gegebene Formen hin- durchgehen.»66 

Die Spaltung des Menschen in Persönlichkeit und Besitz ist seinerseits ein Schuldzusammenhang. Man ist beständig damit beschäftigt, als Einzelner zu belegen, dass man den Besitz von Geld verdient hat, und dass man ordentlich damit umgeht, und als Kollektiv eine Gerechtigkeit dritter Ordnung herzustellen: Es müssen nicht alle gleich viel haben, und selbst wenn wenigstens die Chancen darauf nicht gleich verteilt sind, so muss doch jeder eine Beziehung herstellen zwischen seiner Person-Seite und seiner Geld-Seite. Die Gesellschaft muss sich darauf einigen, dass es «gute», «lässliche» und «böse» Formen der Beziehung gibt. Ein Extrem mag dann eine Gesellschaft bilden, die den Erwerb und den Besitz an strenge Regelungen und Traditionen bindet und daher einen Teil der Gesellschaft kategorisch von nennenswertem Geld-Besitz ausschließt, wie jede Art von Feudalismus. Und das andere Extrem mag eine Gesellschaft sein, in der (beinahe) jedes Mittel akzeptiert ist, zu Geld zu kommen, weil die einzige wirklich allgemeine Schmach nie etwa in unmoralischem Verhalten, sondern nur in dem Umstand liegen kann, über kein Geld zu verfügen. So ähnlich funktioniert die libertäre Gesellschaft, die selbst den Kapitalismus in seiner neoliberalen Phase noch einmal zuzuspitzen gedenkt und die eine mehr oder weniger neue Klasse der kleptokratischen «Bonus»-Manager hervorgebracht hat. Da nun jede Art des Umgangs mit Geld zugleich auch ein Schauspiel ist, also Überhöhung und Satire gleichermaßen, haben alle diese performativen Versuche, eine Beziehung zwischen Person und Besitz herzustellen, bis hin zur Wahl von Krawatten und Rasierwasser, modellierenden Charakter: Gesellschaft entsteht also nicht zuletzt durch die Bilder und Narrative, die zum Zusammenhang von Geld und Charakter erzeugt werden. 

Daher ist es nicht ein für alle Mal ausgemacht, welche Mittel zum Geld-Erwerb legitim und welche Beziehung von Persönlichkeit und Geld akzeptabel sind. Beides ist nicht vollständig synchron miteinander; immer gibt es Methoden des Geld-Erwerbs, die vom staatlichen Gesetz verboten, von der sozialen Übereinkunft her aber geduldet sind – und umgekehrt. Und immer gibt es Personen, die eine ganz besondere Beziehung zum Geld haben, das sie mit unerlaubten Mitteln, Raub, Gewalt, Betrug und Erpressung etwa, erwerben, deswegen aber nicht ohne weiteres den Status des «Bösen» erhalten. Im Extremfall sind es die Räuber, Mörder, Betrüger, Wilderer, Banditen, Gangster, die zugleich zu Staatsfeinden und zu Volkshelden werden.

Leonardi di Caprio in „The Wolf of Wall Street“ von Martin Scorsese, 2013

Von Robin Hood über Jennerwein zu Al Capone, sind es lebende Kommentare zu den beiden Grundbeziehungen der in Charakter und Besitz gespaltenen Person, einerseits, weil sie das Geld jenen nehmen, die es vorher selber ungerecht erworben haben, andererseits weil sie für einen Ausgleich sorgen. Und dann ist auch ihr Umgang mit dem Geld von Bedeutung. Vielleicht verteilen sie es doch nicht so freudig unter den Armen wie ihre Legende will, aber jedenfalls spalten sie wiederum das Geld in den Anteil von Lust und Tod. Sie verprassen das Geld. Oder sie verstecken es. Sie verwandeln es also vollständig in Leben oder vollständig in den Tod (der nicht nur in des toten Mannes Kiste lauert); sie durchbrechen die Verwandlung von Schuld in Schulden und drehen die Beziehung um, indem sie für das Geld, das sie sich nehmen, ohne es wieder in Ökonomie zu verwandeln, indem sie heroisch, dramatisch oder auch komisch das Geld wieder als Schuld auf sich nehmen. Am Ende müssen sie tot oder gefangen sein. 

Der Volksheld ist in aller Regel eine Reaktion auf eine durch den Staat oder die gesellschaftliche Hegemonie verursachte finanzielle Pein; die Gewalt der außergewöhnlichen Persönlichkeiten richtet sich gegen Steuereintreiber, korrupte Sheriffs und Polizisten, Großgrundbesitzer, Banken und technische Entwicklungen, die die Arbeitsmöglichkeiten der «kleinen Leute» verändern. Die eine Variante ist die rächende Gewalt, die andere, wie, sagen wir die des Till Eulenspiegel, Schabernack und Betrug. Die Tragödie des klassischen Banditen besteht darin, dass er nach seinen ersten, «gerechten» Taten und nach den ersten Erfolgen seiner Raubzüge, nicht mehr zurück ins bürgerliche Leben finden kann, selbst wenn er sich danach sehnte. Daher wird er (und in etlichen Fällen auch sie) zur so romantischen wie tragischen Außenseiterfigur und erhält als solche einen Platz in der bürgerlichen Geld-Erzählung: Der Räuber ist das Echo auf das Verschwinden der Tugenden in der Gleichung von Besitz und Person. Der Bürger muss ihn allenthalben fürchten, erzeugt ihn aber auch immer wieder.

Aber mehr noch als gegen Unmoral kämpfen Banditen im Status des Volkshelden gegen die Modernisierungen, so wie Jesse James und seine Bande im Namen eines alten Südens gegen die Industrialisierung und Kapitalisierung durch den Norden antraten, oder Salvatore Giuliano gegen die Italianisierung des Bauern- und Hirtenlandes von Sizilien. Der Mythos des Volkshelden mag sich bei den Betroffenen als klammheimliche Freude an den Verlusten der Peiniger festsetzen, zu einer allgemeinen Wirkmacht aber kommt er erst in den bürgerlichen Medien, dem Theater, dem Roman, der Zeitung. Er repräsentiert am Ende die Zerrissenheit des Kleinbürgers, der zwischen Aufstiegshoffnung und Abstiegsangst (vergebens) nach einer stabilen Verbindung von Person und Geld sucht.

So kann der Bandit und Räuber auch nur als Scheiternder zum Helden werden, eine Traumfigur, die zugleich der inneren Zensur anheimfällt. Ganz anders der Gangster und seine Organisation, die keinen Aufstand gegen eine ungerechte Verteilung des Geldes unternehmen, sondern eine Parallel- und Unterwelt zur bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Ökonomie errichten, deren Basis die «verbotenen Wünsche» eben dieses Bürgertums sind: Drogen, Glücksspiel, Prostitution und Mord. Bei alledem (darin wird die verborgene Sehnsucht zu einem manifesten Zeichensystem): Stil, Haltung, Coolness, sogar eigene Kunst.

Bei den trivialen Dingen wie der Schutz-Geld-Erpressung scheint das parasitäre Wesen des Gangstertums auf, doch wird auch immer wieder der Yakuza, der Mafioso, der Unterweltboss als Held gefeiert, der paradoxerweise wiederum «Tugenden» (die patriarchale Organisation, den Familiensinn, die Ehre oder das System der gegenseitigen Verpflichtung) verkörpert, die im Bürgertum selbst verloren gehen mussten. Auch hier ist es der Zwang zur Modernisierung, der die Ungeheuer gebiert, so wie der Cyber-Gangster schließlich ein finsteres Idol der Digitalisierung werden musste. Das Auftreten der Banditen, Gangster und Betrüger (in der populären Kultur) scheint darauf hinzudeuten, dass etwas mit der Geld-Verteilung nicht stimmt, und dass die Beziehung von Geld und Person zu vage geworden ist.

Volkshelden und Medienfantasien stellen diesen Zusammenhang mit Gewalt wieder her. Ihrem Wesen nach sind es Menschen, die über das Geld der Reichen, das sie ihnen gestohlen haben, nur lachen können, wie Cartouche der Bandit (in Gestalt von Jean-Paul Belmondo), der nie etwas anderes im Sinne hat, als das Spiel mit seinen Gegnern und ihrem Fetisch. Er verwandelt, stellvertretend für die frustrierten Bürgerkinder, das Geld wieder in Lust und Abenteuer. Oder anders gesagt: Der Volksheld bringt die toten Schätze der Bourgeoisie wieder ins Leben zurück. Der «Sozialbandit» ist seinem Wesen nach «proto-politisch»; er erscheint, zumindest in der Fiktion, einerseits als «links», insofern er gegen die Reichen und für die Armen agiert (sehr häufig ist er selbst ein ungerecht Verarmter), andererseits als «rechts», insofern er fast immer im Namen einer alten gegen eine neue Ordnung (wenn nicht gar gegen «Besetzungen») agiert. Sie sind im übrigen deshalb so leicht in einen Zusammenhang mit dem Nationen-Bilden und dem Nationalismus zu bringen, als sie eine andere als die feudale Organisation vorwegnehmen. Am Ende mögen Banden und Gangsterorganisationen mehr faschisierte Züge aufweisen, als es der bürgerlichen Romantik recht sein kann. 

Auch der Räuber als radikaler Außenseiter vermag nichts ohne seine bürgerlichen Helfer und Kunden. «Die Banditengemeinschaft ist angewiesen auf eine externe Gemeinschaft aus Hilfeleistenden, Schutzempfangenden oder Zuschauenden, mit denen eine andere Kollektivkultur gepflegt werden muss. Diese externe Dimension der Heroisierung ist wichtig für den Erhalt der Autonomie der Banditengemeinschaft sowie ihre Mythenbildung über Zeit und Raum. Weil aus dem Banditentum selten eine gesellschaftliche Rückkehr oder Rehabilitation in die Normalität ohne Straffolgen möglich ist, besteht eine Grenze zwischen den Banditen und ihren externen Unterstützern. Die legale und lebensweltliche Grenzüberschreitung ist wesentlich für die externe Heroisierung, weil nicht jeder diesen Weg gehen kann. Der Bandit ist nah und fern zugleich.»67 

Jenseits der Heroisierung oder Entheroisierung ist die praktische Wirkung des Banditen- und Gangstertums in eben den Grenzregionen zwischen der Außenseiter- oder Unterwelt und dem Bürgertum zu erkennen. Hier greift das sündhafte Korrektiv zur bürgerlichen Geld-Erzählung, an die eine Vielzahl von Bürgern nicht wirklich glaubt. Ohne Räuber und Gangster würde diese bürgerliche Erzählung vom Geld in sich vertrocknen. Daher muss der Mythos geschaffen werden, der den Widerspruch in sich aufhebt: die verbotenen Wünsche und die Sicherung von System und Klasse. Es muss den Räuber geben, damit das Räuberische des Systems verborgen bleibt, und es muss Gangster geben, damit die mafiose Struktur der Wirtschaftsbeziehungen verborgen bleibt. 

Die Raubfantasien zwischen Gier und Angst 

Räuber, Piraten und Banditen sind Gestalten aus einer Kindheit der Geld-Moral und einer Kindheit des Geld-Verkehrs. Das, was sie erbeuten, muss einen durch und durch realen Wert haben; mit Symbolen, die immer mehr in diesem Verkehr Verwendung finden, können sie nichts anfangen. Hotzenplotz raubt der Großmutter die Kaffeemühle, die ihr nicht nur notwendiges Gerät zur Herstellung eines Heißgetränks, sondern auch besinnliche Meditationsübung war. Der Räuber gibt dem Geld die Sinnlichkeit zurück, die der Bürger ihm rauben wollte. Wenn er vor allem eine Projektion dieses Bürgers ist (schließlich waren Räuber einmal Bürger und/oder wollen Bürger werden, vor allem waren Bürger einmal Räuber, sonst hätten sie diesen Status gar nicht), dann als Aufstand der Sinnlichkeit gegen den Verstand. (Nicht umsonst wohl nannte Kant die Sinnlichkeit den «Pöbel», der erst durch den Herrscher namens Vernunft zur Ordnung kommt.68) Erst wenn es der Räuber hat, darf Geld wieder unvernünftig werden, sich also entweder in den Schatz oder ins kannibalische Vergnügen verwandeln. 

Räuber verspotten die Präsenz des Fürsten im Geld und verlangen ausschließlich seinen materiellen Wert. Umgekehrt versucht der «legale» Geld-Verkehr sich immer mehr unsichtbar zu machen. 

Die Geschäfte, das ist unsere Geschichte, sind immer heimlicher geworden, die Geheimnisse wurden nicht nur unabdingbarer Teil des Handels, sondern auch zur gesetzlichen Grundlage. Es gibt Verträge, die zwischen Partnern gelten und in die sonst niemand Einblick hat, die Banken verpflichten sich, die Geld-Geschäfte ihrer Kunden geheimzuhalten, Schecks und Buchgelder vertuschen die numerischen Abmachungen. Die «Kompromierbarkeit» von Geld, durch die aus dem Haufen Geld, den wir noch aus dem Märchen kennen, eine unscheinbare Anweisung wird, was etwas ganz anderes scheint, als die frühere Angewohnheit, Geld «unter dem Tisch» zu übergeben, erzeugt schließlich die Sehnsucht danach, Geld wieder sichtbar zu machen. Was also auf den Banditen und den Gangster folgte, war jener Mensch, der in den populären Ikonografien verbotenerweise mit Säcken oder Koffern voller Geld unterwegs ist. Wird Geld sichtbar, wie in den Filmen diverser Genres, so ist es auch schon als kriminell oder «schmutzig» sichtbar.

Als im Jahr 2022 die Korruption etlicher Europaabgeordneter ruchbar wurde, sorgte die bizarre Menge von Bargeld, die bei den Schuldigen zu finden war, für den größten Aufruhr. Tatsächlich ist es das Verbrechen, das Geld wieder körperlich und sinnlich zu machen, es gleichsam zu entblößen, es in seiner ursprünglichen, obszönen Gestalt zu horten. Jenseits des Alltags soll Geld unsichtbar sein. Wer Geld sichtbar macht, verletzt die Regel. Er oder sie zeigen, dass es sich um so etwas Archaisches wie «Beute» nur handeln kann. 

Doch auf die alten Räuber, Piraten und Banditen sind jene Gangster und Betrüger gefolgt, die sich die Heimlichkeiten des Geld-Verkehrs zu Nutze machen. In aller Regel ist dieser Charakter weniger an seine Legende gebunden, da er dem «legalen» Kontrahenten zu sehr ähnelt. Die Unsichtbarkeit des Geld-Verkehrs bedeutet auch Beschleunigung, und auch die kann sich der Betrüger zu eigen machen. Und schließlich wurde das Geld in der Modernisierung des Geld-Verkehrs entgrenzt, es kann in Fernen reichen, die dem normalen Menschen unerreichbar erscheinen. Womit freilich die dritte Schwachstelle für den modernen Gangster und Betrüger offen steht: Die neuen Transportwege des Geldes, die sich nicht mehr nach alten Handelswegen richten, haben Knotenpunkte auf ihren Transitwegen. Kurz wird das Geld sichtbar, und da heißt es zuschlagen. 

Aber wie in den Märchen (und ihren neuen Formen in der Unterhaltungsindustrie), so tauchen wir auch in den Erzählungen von Räubern, Banditen und Piraten zurück in ein Reich der alten Geld-Erzählungen. Diese Räuber zu Lande und zur See machen Geld wieder sichtbar. Aber beinahe noch wichtiger: Sie lachen darüber. 

Nicht alle, aber viele der legendären Räuber und Piraten kommen «aus gutem Haus» und schicken sich an, ein Erbschaftsunrecht zu rächen oder eine Usurpation rückgängig zu machen. Andere sind Repräsentanten enteigneter und verjagter Besitzer bescheidener Anwesen, und am Ende der Hierarchie steht der Proletarier oder Bauer, der sein Elend dem bürgerlichen Pfeffersack und seinen Schergen zuschreibt. Er will die andere Rolle, die das Elend vorsieht, die des Bettlers, der an die Barmherzigkeit oder Gottesfurcht des Reichen appelliert, auf keinen Fall annehmen, aber ebenso schwierig ist für ihn eine andere Transformation, nämlich die in den politischen Re- volutionär. Da aber die Übergänge fließend sind, steckt immer noch viel vom einen im anderen. Alles in allem ist es immer schwer zu sagen, ob das Geld im Räuber hinauf will (zur bürgerlichen Restauration) oder aber hinunter (zum Pöbel, zur Sinnenfeier und zur ewigen Kindheit), und so repräsentiert der Räuber unserer Träume gleich beide Formen der Unvernunft des Geldes, nämlich die Unvernunft des Pöbels und die Unvernunft der Dekadenz, oder, anders gesagt, die Unvernunft des Kindes und die Unvernunft des Greises im Umgang mit dem Geld. 

Vom Volkshelden führt der Weg zur bürgerlichen «Räuberromantik», die einen neuen Mythos erzeugt, nicht zuletzt indem sie Elemente des bürgerlichen Familienromans miteinbezieht. Der Räuber dieses Mythos steht vor allem gegen seine eigene Familie und gegen seine Entwertung darin auf. Dabei wird er eher nebenbei auch gelegentlich zu einem Klassenverräter. Aber was wäre der Räuber ohne seine Bande (nicht mehr als der Teufel ohne Großmutter), die nun wieder er mit Macht zur Räson bringen muss. Ist der Räuber erst einmal organisiert, so fängt die Geschichte der Geld-Transformation sogleich wieder von vorne an, ganz so, wie das organisierte Verbrechen ganz ohne Sinn wäre, könnte nicht die verbotene Lust (das «Pöbelhafte») wieder in vernünftiges Geld zurückverwandelt werden, nachdem es sich in den Händen des Gangsters erst einmal ausgetobt und erschöpft hat. Der Räuber hat es neben dem Geld immer auf die Unschuld abgesehen. Und da sitzt er nun, der Pfeffersack, und jammert mehr über den Verlust seines Geldes als über die verlorene Ehre seiner Frau oder seiner Tochter! 

Der Wert des Geldes ist eine Mischung aus Übereinkünften (Markt) und Machtausübungen (Staat), er wird aber immer auch wieder aus der Negation heraus definiert. Der Wert des Geldes ist da so groß wie die Angst des Geld-Besitzenden vor dem Verlust. Die Welt, das wissen nicht nur Molières Geiziger oder unser Dagobert Duck, sie ist voll von Menschen, Instanzen und Ereignissen, die einem das «sauer verdiente» Geld wieder wegnehmen. Sie nehmen nicht nur den Reichtum, als die Hoffnung darauf, Wünsche erfüllen zu können (und sei’s im Jenseits oder in der dynastischen Zukunft), sie nehmen vielmehr den Sinn des Geldes. (…)

Nur der Pirat der Gespenster- und Schatzinselerzählung behält seine Beute. Der gewöhnliche Räuber dagegen bringt das erbeutete Geld oder den Geld-Wert in die Kreisläufe der «normalen» politischen Ökonomie zurück. Eher dabei als beim ursprünglichen Raubmord oder Diebstahl geht er das größte Risiko ein, weshalb eine Arbeitsteilung zwischen Dieb und Hehler eingesetzt hat, der dem Dieb selber erst die Aura der schwarzen Romantik überlässt. Der Räuber spaltet das Bürgertum in einen beraubten und einen am Raub sich bereichernden Teil. Der «technische» Teil eines «großen Diebstahls», wie wir ihn aus unseren literarischen und cineastischen Träumen kennen, der noch so raffiniert eingefädelte Raub, ist ein Kinderspiel gegen den Versuch, die Beute in ein bürgerliches Leben zu überführen. Der Räuber, gerade noch ein anarchischer Volksheld, wird dabei zum tragisch Scheiternden. Er scheitert in den Unterweltfilmen amerikanischer oder französischer Art, nicht am Verteidigungswillen der Bourgeoise, sondern an der toxischen (Wieder-)Aufnahmefähigkeit seiner Zyklen. 

Indem der Räuber das Geld raubt, bestätigt er seinen Wert und stellt ihn zugleich in Frage. Denn er erzeugt ein Missverhältnis zwischen dem geraubten Geld und dem, was der Räuber selbst damit anfangen kann. Geraubtes Geld ist nicht nur deswegen entwertetes Geld, weil der Hehler oder der «Geld-Wäscher» seinen Anteil steigert, je größer und damit öffentlicher der Raub ausfällt, sondern auch, weil der normale Geld-Kreislauf sich paradoxerweise durch den Raub stärken kann. Immer wieder erleben wir daher den Räuber, der von den Inhabern der Bank, die er beraubt hat, als nützlicher Idiot für viel größere Raubzüge missbraucht wird, als er es sich überhaupt vorstellen kann.

Was ist der Raubüberfall einer Bank gegen den Besitz einer Bank, fragt Brecht, und die nächste Steigerung ist: Was ist der Besitz einer Bank gegenüber ihrer Simulation? Der Geld-Kreislauf schafft sich auf der Basis des Verlustes die Polizei und das Gesetz, den Ranger und die Security, die allesamt auch dazu dienen, den Wert des Gelds zu repräsentieren, das Versicherungssystem, die Bürokratie und die staatliche Verpflichtung. Das Geld ist zunächst so viel wert, wie der Bandit für es zu riskieren bereit ist, und dann ist die tatsächliche oder inszenierte Tapferkeit des Sheriffs ein Maßstab für den Wert (wie wir wissen, haben Banditen es besonders gern auf «Lohngelder» abgesehen, weshalb wiederum Geld nicht nur Wert des Bankbesitzers ist, sondern auch Maßstab für den sozialen Frieden, den der Sheriff mit ihm zu verteidigen hat). 

Räuber aber sind, selbst wenn sie sich den Rang des Volkshelden erworben haben, durch ihre moralische und kognitive Unzuverlässigkeit bekannt. Räuber machen gern gemeinsame Sache mit Bürgern, wobei sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit herausstellt, dass kaum ein Räuber es an Tücke und Hinterlist mit einem besitzenden und geld-gierigen Bürger aufnehmen kann. Aber dabei wird der Weg frei für den dritten, nämlich den Erpresser. Er ist schrecklicher als der Räuber, weil er bereits in eine nächste Dimension des Geldes eingreift, in die der Verschuldung. Der Erpresser macht die Gleichung von Schuld und Schulden, die sich in jeder Form des Geldes noch verbirgt, sozusagen von hinten her auf. Sein Versuch, die Schuld, die in der bürgerlichen Biografie oder in der Institution steckt, zu ökonomisieren (zu re-ökonomisieren) ist deswegen zum Scheitern verurteilt, weil er (oder sie) nie genug bekommen kann. Entweder wird die Schuld offenbar und damit für ihn (oder sie) wertlos, oder der Bürger (oder die Bürgerin) wird zur blutigen Reaktion gezwungen. Sehen wir von «Beziehungstaten» ab (oder sehen wir sie nur ungenau), dann sind in der Tat alle Formen von Mord, Raub, Erpressung und Betrug an der Wertbestimmung des Geldes beteiligt. (…)

Als Volksheld wird der Pirat, der Räuber, Bandit oder Gangster, der sich an das Verbot des Raubmordes nicht hält, zum Darsteller der verdrängten Impulse. Der Raubmord durchbricht das bürgerliche Gebot der Wertsetzung durch das Geld. Das von der «consequenten Ökonomie» verdrängte Subjekt kehrt in seiner gespenstischen und entweder «edlen», oder aber grotesken Gestalt in der Kindheitsfantasie zurück. Im Kasperletheater oder in den Abenteuerromanen dann protestiert sie gegen die Geld-Zurichtung. Ohne Räuber und Banditen wäre die Welt schon in den Kindertagen zu einem toten Ort abstrakter und unglücklicher Tauschvorgänge wie Arbeit/Fleiß/ Verzicht gegen Geld/Wert/Sicherheit erstarrt. Der Räuber (der natürlich früher oder später geopfert werden muss) bringt die schöne Unruhe zurück. Es kommt dabei nicht nur darauf an, dass er dem Bürger das Geld wegnehmen will, sondern darauf, was er damit machen will. In seiner edlen Form verteilt er es unter den Armen, in seiner abenteuerlichen Form bringt er es auf Inseln und in wilde Städte, und in seiner grotesken Form macht er einfach einen glitzernden Haufen daraus, in dem alle verlorene Sinnlichkeit des Geldes wieder zum Vorschein kommt. Als «Schatz» wird es wieder real. Und in einer «Schatzkiste» ist nicht nur das Geheimnis des Geldes verborgen, sondern es zieht magisch und manisch an, was dem Geld-Wert des Bürgers widerspricht, die Geister und Dämonen eingeschlossen. 

Mit dem Beginn des Handelskapitalismus am Ende des Mittelalters, der den Eroberungskapitalismus weniger ersetzt als vielmehr ergänzt, erscheint eine ihm inhärente Krankheit, der Raub. Handelswege werden von Räubern bedroht, die reisende Kaufleute ausplündern und töten, und die oft genug von der Bevölkerung geduldet, wenn nicht gar als Volkshelden verehrt werden, die an diesem neuen Reichtum keinen Anteil hat. Aus dem Räuber, der dem Steuereintreiber die Beute wieder abjagt, wird jener, der zum Symptom der neuen Wirtschaftsordnungen und zum dunklen Begleiter der neuen Klasse wird.

Räuber zwingen Ökonomie und Politik wieder näher zueinander und werden dadurch paradoxe Beschleuniger des neuen Systems. Sie zwingen dazu, Handelswege und Handelsmenschen mehr oder weniger militärisch oder polizeilich zu schützen. Im Handelskapitalismus ist der Besitz in Form des Geldes auf neue Weise beweglich geworden. Das Schlüsselbild dafür ist die Truhe mit den Geld-Münzen. Um sie geht es, wenn wir von Räubern und Piraten träumen. Sie ist der Fetisch, und deswegen wird diese Truhe (später der Koffer mit dem Geld) auch zum Zentrum der Verwechslungskomödien: Der Reichtum und sein Besitzer sind, anders als im klassischen Feudalismus, nur noch lose miteinander verbunden. Man kann das Geld selber ebenso wie seine Besitzer leicht verwechseln. Der Anspruch auf das Geld versteht sich nicht mehr von selbst und lässt sich auf kein göttliches Gebot allein beziehen. Daher wird neben der Sicherheit auch die Identität im Handelskapitalismus bedeutend. Das Geld und seine Besitzer und Besitzerinnen müssen ausgewiesen werden. Nicht um den glücklichen, sondern um den rechtmäßigen Besitzer geht es. 

Der Pirat ist mithin einer, der nicht nur gern Gold und Geschmeide raubt, sondern auch Identitäten. Er segelt erst einmal «unter falscher Flagge», denn im Merkantilismus, dem er so sehr entspricht, ist der Reichtum immer auch an Nationalität und Gesellschaftsordnung gebunden, und so folgt auf die falsche Flagge auch die falsche Identität. Der Räuber ist ein Edelmann, der sich wiederum gern als Bürger verkleidet. Piraten sind die entwurzelten der neuen Wirtschaftsordnung, Menschen, die Heimatrechte und Lebensgrundlagen verloren haben, ihre Anführer aber gehören, was den Mythos anbelangt, den höheren Ständen an. Sie sind nicht nur Vaterlands-, sondern auch Klassenverräter – oder eben auch gerade nicht, wenn sie in Wahrheit im Dienst konkurrierender merkantilistischer Machtzentren stehen. 

Der Pirat ist nicht nur ein Räuber auf See, oft genug ist er gar kein Räuber, der den reichen Männern das Geld wegnimmt, sondern ein Herzensdieb, der andere Schleusen öffnet als die des Geld-Speichers. Während die Panzerknacker (eng. Beagle Boys)70 immer nur die Masse des Geldes von Dagobert Duck haben wollen, was sich folgerichtig oft in wahren Geld-Fluten ausdrückt, hat es die Hexe Gundel Gaukeley auf den zentralen Fetisch, den ersten selbst ver- dienten Zehner abgesehen (angeblich soll er Glück bringen, aber wir nehmen an, dass das nur eine Ausrede dafür ist, das WESEN des Reichtums zu ergründen: Dagobert würde immer den ganzen Reichtum für diesen einen Zehner geben). Gundel setzt dabei immer wieder auch Verführungskraft ein, sei es in Form von Traumgiften, sei es in erotischer Verkleidung. Charlie Brown scheitert indessen bei dem Versuch, seinen ersten selbst verdienten Dollar in einem Glasrahmen aufzubewahren; stattdessen endet der Strip mit einem Luftballon und der Einsicht, dass Dummheit und Geld sich stets schnell trennen. Die Spaltung des Geldes in den numerischen und den Fetischwert hat etwas quälend komisches an sich; der Pirat beginnt immer so fröhlich wie der Burt Lancaster des «Crimson Pirate» – und endet so deformiert wie der Long John Silver der «Schatzinsel». 

Die Frage ist also stets: Was will der Räuber eigentlich haben? Denken wir an das Lied der beiden Räuber in «Das Wirtshaus im Spessart», die von einem «Häuschen mit Garten» träumen, in dem sie in Ruhe ihre Rosen begießen könnten. Der Räuber selber will natürlich überhaupt nichts von dem Geld. Sondern vielmehr Gerechtigkeit. So wird er zum Volkshelden. Er raubt nicht nur, um dem Reichen zu nehmen und dem Armen zu geben, er raubt mit dem Fetisch den Mächtigen die Seele, er lässt ihnen die größtmögliche Demütigung zuteilwerden. Das eigentliche Ziel ist freilich der andere Schatz, das Geschlecht der Bürgerfrau, der Tochter allemal (die Rose). Andererseits müsste natürlich der Reiche den Räuber auch erfinden, wenn es ihn nicht gäbe. Nicht nur, um den Gendarmen als Machtmittel zu erhalten. Sondern vor allem um den Wert seines Gegenstandes erst wirklich zu definieren. Im Begehren des Räubers vollendet sich die Gleichung des Bürgers von Geld und Geschlecht. Der Wert des Geldes bemisst sich im Begehren des Räubers, der eben jene Geld-Kiste erbeuten will, mit der der Reiche sich eigentlich (außer Macht) gar nichts kaufen kann, weil er ja schon alles hat. 

Umgekehrt sehen wir selten, was ein Pirat, außer einer netten kleinen Sauferei, mit dem erbeuteten Geld eigentlich anfangen will. Deshalb treibt es ihn ja dazu, die Kiste mit dem Schatz zu vergraben. Er entzieht das Geld dem Kreislauf, indem er es verschwinden lässt. Aber eben damit macht er aus der Beute auch das Gespenst. Die Schatzsucher begegnen ja nicht nur Konkurrenten, sondern immer auch den Geistern der Piraten oder ihrer Opfer. Der Räuber vergräbt mit der Schatztruhe die verborgene Lust des Bürgers. Ja, der Räuber und der Bürger sind zwei Seiten ein und derselben Gestalt. 

Immer sehen wir die beiden Kräfte als Widerparts, die sich wechselseitig zu neuen technologischen und sozialen Ideen anstacheln: Piraten, die schnellere Schiffe haben als die Handelsleute, Gangster die schnellere Autos haben als die Polizisten, Cyberkriminelle, die bessere Programmierer haben als die Überwachungskräfte, aber eben auch Polizisten, die genau so skrupellos sind wie die Gangster. Schutz und Diebstahl wachsen aneinander; sie generieren gemeinsam «Fortschritt». Und sie generieren Macht.

Das Geld, um das es geht, drückt nun eben genau diese dialektische Einheit aus. Unrecht und Verrechtlichung (primäre und sekundäre Akkumulation) zeigen sich noch in jeder einzelnen Münze, weshalb wir in einem Piratenfilm den Piraten den Schatz ohne Weiteres gönnen; was wir ihnen nicht verzeihen ist hingegen die Verletzung bürgerlicher Ehrencodes. Sie verkörpern daher den Bruch zwischen der ersten und der zweiten Akkumulation des Reichtums; niemand glaubt in einer Piratengeschichte an «rechtmäßig erworbenes Geld». (…)

Anm:
66 Georg Simmel: Soziologie – Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Kindle-Version.
67 Alp Yenen: Banditen, https://www.compendium–heroicum.de/lemma/ banditen (abgerufen am 27.10.23)
68 Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Einleitung, Hamburg 1956.
69 Moses Hess, Über das Geldwesen (1845), in: Kursbuch Nr. 36, Berlin 1974, S. 2.
70 Im Carl Barks-Universum tauchen die Panzerknacker zum ersten Mal 1951 in der Geschichte Terror of the Beagle Boys (dt. Der Selbstschuss) auf.

Georg Seeßlen bei uns mit seinen Texten.