Geschrieben am 1. November 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag November 2025, News

Georg Seeßlen & Alf Mayer: (Don’t) Print the Legend

Die Geschichtsleugnung bei der »Frankfurter Rundschau«, populärkulturell eingenordet

Von Georg Seeßlen & Alf Mayer

Zu den schäbigsten Dingen beim Niedergang der Demokratie gehört das Versinken der bürgerlich-liberalen bis linksliberalen freien Presse, die zwar, beim heiligen Karl Kraus, nie die heroisch-kritische Intelligenz besaß, die sie sich selber zuschrieb, aber doch irgendwie als »Vierte Macht« in der Gewaltenteilung funktionierte. Noch ein bisschen schäbiger ist die allgemeine Verleugnung dieses Versinkens, und am schäbigsten ist, es sich mit der eigenen Legende gemütlich zu machen.

Am 1. August 2025 ist die »Frankfurter Rundschau« 80 Jahre alt geworden. Die glorreichen Tage sind vorbei, das Personal von einst über 1.500 auf unter 100 abgebaut, die Besitzer so oft gewechselt, dass heute alles mehr Nostalgie als Inhalt ist, nur noch eine Hülle, die dem Medienkonzern Ippen gehört, wo man, nach den vorsichtigen Worten des Hessischen Rundfunks »eine sehr kritische Haltung gegenüber einer organisierten Arbeitnehmerschaft« pflegt. Die verbliebenen Redakteure schreiben ihre Texte »medienneutral«, ein Euphemismus für Verwertungszwang in anderen »Mänteln« und Formaten. Autor und Medium haben ihre intensive Bindung längst verloren. So wie man einst um zu überleben, Druckaufträge für die rechte Springer-Presse übernahm, schreibt man jetzt keine Texte mehr, sondern produziert Content.

Umso wichtiger der Markenkern, und umso notwendiger aber auch Rückschau und Selbstbesinnung. Aber nicht nur bei John Ford hieß es: »Print the Legend«. Der Gründungsmythos der »Rundschau« ist leider nur das: eine Legende. Nicht die Wahrheit. Jetzt im Sommer/ Herbst 2025 konnte man dabei zusehen, wie diese lang gehegte und pathetisch gepflegte Geschichtsklitterung zerbröselt. Die »Rundschau« hat in ihrem 80. Jubiläumsjahr ein massives Problem mit ihrer Geschichtsschreibung – und die ihr als Zentralorgan der Legendenproduktion übergeordnete Karl-Gerold-Stiftung erst recht.

Ein angeblich großer »Blattmacher«, eben Karl Gerold (der aber ganz oft gar nicht da war), wird in die Rolle eines Haus-Gottvaters hoch stilisiert, zwei Gründer, die diesen Namen viel eher verdienen und als Antifaschisten den Geist einer links-demokratischen Zeitung wahrhaftiger repräsentieren könnten, Emil Carlebach und Karl Anders, werden dagegen in der Selbstfeier so gut wie nicht erwähnt und natürlich nicht abgebildet. Das hat, wie bei allen Tyranneien, einen sehr persönlichen und einen sehr politischen Aspekt: Der offenbar vererbte Narzissmus des Alleinherrschers paart sich mit dem Machiavellismus eines Macht-Systems, das sich seine eigene Wahrheit macht. Und partout davon nicht abrücken will. Und kann (?).

Die »Dreifaltigkeit« sitzt zum Zeitungsjubiläum immer noch auf ihrer Säule: Jubiläums-»Frankfurter Rundschau« vom 1. August 2025, man beachte den Eintrag bei der Jahreszahl 1954 – und hier bei uns den Artikel Der »starke Mann« war gar nicht mehr kreditwürdig. »Alleinig« war Gerold auch nicht, damals. Er hatte 1954 sich in seiner Not Karl Anders als Mitherausgeber geholt. Der packte an, brachte einen Zwei-Millionen-Mark-Kredit von der SPD- und Gewerkschaftsbank BfG mit und stellte die Zeitung nachhaltig tragfähig auf. Als der Laden lief, gab Gerold ihm einen Fußtritt und sorgte dafür, dass der Name aus den Zeitungsannalen gelöscht wurde – bis heute. Siehe auch: Auch du, Brutus: Wie es zur Entsorgung von Karl Anders kam, CulturMag 10_2025.

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Ausgerechnet eine als autoritäts-kritisch geltende Zeitung verehrt auf ihrem Hausaltar einen cholerischen, zum Vorbild nur bedingt tauglichen Despoten. Der Konformitätsdruck in der doch so liberalen FR-Redaktion war über Journalisten-Generationen so hoch, dass dort bis heute niemand das seltsame Selbstbild zu hinterfragen wagte. Gerhard Zwerenz beschrieb Gerold als „hochexplosiv“. In Frankfurt aber imaginierte man sich das Verlegerformat eines Augstein oder Bucerius, nennt ihn 2025 noch immer allen Ernstes »Die Dreifaltigkeit«. So zuletzt in der Zeitschiene »80 Jahre Frankfurter Rundschau – eine Chronik« zum Jubiläumstag 1. August 2025 online und in Print geschehen.

Für eine linke Zeitung schon eine ziemlich seltsame Begrifflichkeit, bei der es zu Weihwasser und Kniebeugen, blindem Glauben und zum Dogma nicht weit ist; laut Ludwig Feuerbach »nichts anderes als ein ausdrückliches Verbot, zu denken«. Das bei der »Frankfurter Rundschau« seit Generationen zementierte Dogma lautet: Es kann nur Einen geben. Es darf nur Einen geben. Nämlich den dreifaltigen Karl Gerold: Herausgeber, Verleger, Chefredakteur. Alle anderen waren nicht wichtig. Er allein hat unsere Welt erschaffen und als Titan unsere Zeitung zum Hort der Unabhängigkeit gemacht.

Wer da heute nicht erwähnt wird, kann einfach »nicht wichtig gewesen sein«, so mehrere FR-Redakteure 2025 wortwörtlich. So ist es, wenn eine Legende die Macht über Wahrheit und Realität eingenommen hat. John Ford hat so etwas 1962 in seinem Western lakonisch inszeniert (siehe hier ganz unten).

Dass man eine solche Legende aufbaut und bewahrt, hat vielleicht auch damit zu tun, dass despotische »Blattmacher« und »Zeitungszaren« feste Bestandteile der populären Mythologie sind. Wer eine Zeitung macht, vom Citizen Kane bis zum J. Jonah Jameson bei »Spiderman«, muß ein großer Mann sein; ein besonders sympathischer aber kann er nicht sein. Tatsächlich ist es durchaus erstaunlich, dass offensichtlich die mythischen Hüter der Demokratie selber nie demokratisch funktionieren können. Autokratisch geführte Medien samt Personenkult und Tyrannen-Attitüde sollen dafür sorgen, dass die Politik nicht aus dem demokratischen Ruder läuft.

Und der Resonanzraum der populären Mythologie nimmt diese Legende vom „großen Mann“ als Garant der Freiheit und der Transparenz dankbar auf, der selber nur absoluter Herrscher in seinem Reich sein kann. Irgendwas stimmt da nicht. Und in den Krisenzeiten wird es sichtbar: Nach ihrer Funktion zerfällt auch die Mythologie der bürgerlich-demokratischen Presse, nicht obwohl, sondern gerade weil man offensichtlich mit allen Mitteln an ihr festhalten will. So hat die „Frankfurter Rundschau“ sich selbst ein Denkmal gesetzt und eine Geschichte zurecht gelegt, die es wert ist, ein „Gründungsmythos“ genannt zu werden, parallel zum ebenso fragwürdigen Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland. Getilgt wird, was da nicht hinein passt.

Und auch diesie »Unabhängigkeit«, bei der FR so gern beschworen: Der »Gründervater« Gerold hat sie angeblich bewirkt, direkt vom Olymp herunter mitgebracht wie Moses die Gebotstafeln. Die Untiefen der Ökonomie dabei geteilt wie das Rote Meer, keiner kann das Wunder erklären, keiner will wissen, wie es damals wirklich war. Etwa, dass der »Gründervater« gar nicht mehr kreditwürdig war (siehe hier) und dass der von ihm in der FR-Geschichte ausgelöschte Karl Anders es war, der das Geld und damit die Unabhängigkeit besorgte. Legende und Wahrheit kommen 1955 in der Sonderbeilage der »Frankfurter Rundschau« zur Feier ihres neuen Verlagsgebäudes an der Große Eschenheimer auf den Punkt: Gerold faselt über Unabhängigkeit, Karl Anders berichtet »Von dem Drum und Dran«, das täglich zur Produktion von Unabhängigkeit dazugehört. (Typoskripte beider Editorials hier, bitte scrollen.)

So also hat man sich das eigene Geschichtsbild hingebogen und all die Jahrzehnte nicht einen Millimeter hinterfragt. Um die Legende aufrechtzuerhalten, vergisst man alle journalistische Kardinaltugenden: Neugier, Zweifel, Nachfrage und Recherche. Auch aus der Gründungsgeschichte der „Rundschau“ ist jemand gelöscht wie auf dem berühmten Goldstein-Lenin-Foto von 1920, dem Trotzki abhanden kam. Es ist der Widerstandskämpfer, Exilant, Verleger und Publizist Karl Anders. BBC-Berichterstatter von den Nürnberger Prozessen, Autor des Buchs „Im Nürnberger Irrgarten“, später von „100 Jahre SPD“. Als Verleger brachte er Dashiell Hammett, Eric Ambler und Raymond Chandler erstmals ins Deutsche, war dann Wahlkampfleiter von Willy Brandt. Niemand sonst in der Geschichte der „FR“ stand je wieder so herausgehoben neben Karl Gerold im Impressum. Aus guten Grund. Er war es, der 1954/1955 den Zeitungsverlag vom Abgrund rettete, den Betrieb sanierte, für Jahrzehnte nachhaltig aufstellte und zudem viele publizistische Impulse in Richtung überregionaler Bedeutung gab. Er war bestens vernetzt – und er wurde auf ausdrücklichen Wunsch der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft von Gerold selbst in die Geschäftsführung berufen, als Mitverleger, dem er sogar Gesellschafteranteile abtrat.

Und ein Schelm, wem auffällt, dass dieser Karl Anders nach Emil Carlebach (einer der acht FR-Herausgeber 1945-1947) der zweite wichtige Antifaschist in der Geschichte der „Rundschau“ ist, den der durchaus auch als Tyrann zu lesende „Gründervater“ Gerold (was er historisch gar nicht war) verfemt und aus dem Gedächtnis der Zeitung verdrängt hat. Die hässliche Wahrheit ist: Es war auch eine gehörige Portion Missgunst, die 1957 zum Bruch führte. Nach einem Prozess durch zwei Instanzen und krachender Niederlage tobte Gerold dem Vernehmen nach durch die Gänge: „Dieser Name wird in diesem Haus nie wieder genannt!“. Das war vor über 60 Jahren. Aufklärungwille bei Stiftung und Zeitung: bislang nicht gegeben.

Die Antike hatte einen Namen für den Vorgang, man nannte es die „Damnatio memoriae“. Die Verdammung des Gedenkens, oder Die Tilgung der Erinnerung.  Die Namen der so Geächteten wurden aus den Annalen getilgt, alle Bildnisse und Inschriften wurden gesucht und anschließend zerstört, und niemand sollte mehr den Namen aussprechen, wenn er nicht selber dem Fluch anheim fallen wollte. Anschließend sollte es vermieden werden, den Verurteilten öffentlich zu erwähnen, man bringt, wohlgemerkt, den Betreffenden nicht zum wirklichen Verschwinden, sondern lässt die Leerstelle als Mahnung zurück. In George Orwells Roman „1984“ findet man die beste Bezeichnung für einen aus der Erinnerung getilgten Menschen, die „Unperson“. Die Unperson wird aus den Bildern und Texten verbannt, es wird so getan, als habe dieser Mensch nie existiert und jede Spur von ihm soll gelöscht werden. Und doch kehrt sie umso hartnäckiger als Geist wieder, und der Fluch geht weiter. Stalin ließ Trotzki aus den Bildern entfernen, und später wurde Stalin selbst aus den Bildern entfernt. Die Arbeit der Entfernung ist nicht nur handwerklich sondern auch psychologisch mühsam. Jemanden zur Unperson zu machen, weil er dem Despoten nicht passte und weil sein Antifaschismus zu stachelig ist, entspricht einer Form der politischen Paranoia.

Dabei sitzt noch irgendwo Rudi Dutschke in den Büschen, ein Millionenkredit der SPD-nahen Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) im Jahr 1954-folgende und eine ganze Reihe von Dokumenten, die sich gleich neben den Auschwitz-Akten finden – wenn mal jemand recherchiert. Nein, diese Geschichte ist noch nicht zu Ende; vielleicht müssen wir, um zu begreifen, wer wir sind und wo wir sind, den Unpersonen in eine Ungeschichte folgen, den verdrängten Menschen in eine verdrängte Geschichte.

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Alf Mayer hat zur Sache recherchiert und ist fündig geworden, die »Frankfurter Rundschau« hat daran bisher keinerlei Interesse gezeigt. So sind die Ergebnisse nun im Frankfurter „Strandgut“ und hier im CulturMag zu lesen. Georg Seesslen hat zusammen mit Markus Metz in „Blödmaschinen II – Die Fabrikation der politischen Paranoia“ der Ersetzung der Wirklichkeit durch ein Wahnsystem nachgespürt.

Dieser Beitrag erschien modifiziert und komprimiert auch in der »Jungle.World«.

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„This is the West, Sir. When the legend becomes fact, print the legend„, heißt es 1962 im John-Ford-Film „The Man Who Shot Liberty Valance“. – Der Reporter Maxwell Scott (gespielt von Carleton Young) recherchiert die Fakten der zelebrierten Karriere des Senators Ransom Staddard (James Stewart), der in seinen jungen Jahren dadurch berühmt wurde, dass er angeblich den Outlaw Liberty Valance erschoss. Scott realisiert, dass die ganze Reputation des Politikers auf diesem einen Mythos beruht. Er zerreisst seine Notizen, und sagt den berühmten Satz.

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