Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025, News

Thomas Wörtche: »Unten leben« von Gustavo Faverón Patriau

Der reine Horror

Gustavo Faverón Patriaus gigantischer Roman „Unten leben“ erzählt von der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Ganz grob gesagt: „Unten leben“, der sechshundertseitige Roman des peruanischen Gelehrten und Schriftstellers Gustavo Faverón Patriau, erzählt die Geschichte von George Bennett junior aus Maine. George dreht Filme, für die der Begriff „Avantgarde“ zu harmlos wäre. Zudem ist er ein mehrfacher Mörder, immer in Bewegung zwischen Paraguay, Bolivien, Chile und Peru. George ist auf den Spuren seines Vaters, George Bennetts senior, der ein übler Folterknecht und Psychopath im Dienst der CIA und damit diverser Diktatoren, meist und bekanntlich in inniglicher Zusammenarbeit mit alten Nazis, in Südamerika war.  

Tatsächlich erfasst diese grobe Handlungsskizze nur einen kleinen Teil des gigantischen Werks. Alles andere ist kaum nacherzählbar, geschweige denn geschickt zu pitchen. Was in diesem Fall ein Kriterium für hohe Qualität ist. „Unten leben“ ist virtuos gemacht und von Manfred Gmeiner virtuos übersetzt. Der Roman geht zurück bis in den Zweiten Weltkrieg auf dem Balkan, hält sich für einige Zeit in den USA auf, hauptsächlich in Maine, und mäandert durch Lateinamerika. Tod und Wahnsinn, Gewalt und Verbrechen sind seine Dauerthemen, Personen der Zeitgeschichte wie, unter vielen anderen mehr, Klaus Barbie oder der eher arkane Lyriker Jaime Saenz mischen sich unter das fiktionale Personal des Romans, wobei, wie im Fall Saenz sofort der Zweifel geschürt wird, ob es sich wirklich um den bolivianischen Lyriker handelt oder um jemand, der so tut, als sei er Saenz.

Das wiederum hat mit dem Kompositionsprinzip des Romans zu tun: Bei aller historischen Akkuratesse, was die horrorartige Gewaltgeschichte Lateinamerikas während der Zeit der Diktaturen betrifft, sorgen Perspektivwechsel, unterschiedliche Erzählerstimmen, nicht-lineares Erzählen und die Verwendung von Halluzinationen und Visionen, das permanente Ignorieren von Realitätsebenen dafür, dass so etwas wie „Realismus“ keine Chance gegen das Ungeheure des Erzählten hat. 

Die Realität bei Patriau ist immer gekräuselt, immer instabil und opak. Unglaubliche Grausamkeiten und Brutalitäten, besonders auch an Frauen exekutiert, erzeugen eine alptraumhafte Grundstimmung, konterkariert durch schwarzhumorige Passagen. Alles in „Unten leben“ ist medial vermittelt. Leitmotivisch tauchen immer wieder Hieronymus Boschs Gemälde „Die Extraktion des Steins des Wahnsinns“ auf, ebenso wie die Filme des sowjetischen Avantgardisten Elem Germanowitsch Klimow, die manchmal in Schlüsselszenen, manchmal nur en passant aufgerufen werden. Überhaupt ist der ganze Roman von unfassbarer Gelehrsamkeit. Patriau zitiert souverän beinahe die gesamte Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, spielt funktional auf unzählige Filme, Texte, Bildwelten (natürlich u.a. Roberto Bolaño und Werner Herzog) an, ohne dabei in eitles Namedropping zu verfallen.

Das hat auch den Effekt, dass man es im Grunde bei einer einmaligen Lektüre dieses Mammutwerks nicht belassen kann.  „Unten leben“ bedürfte einer Exegese-Gemeinschaft, ähnlich wie es sie für James Joyce oder Arno Schmidt gibt. Auch als im letzten Teil des Buches ein peruanischer Filmwissenschaftler sich daran versucht, „Aufklärung“ in das ganze Chaos zu bringen und die vielen, verwobenen Erzählstränge in eine einigermaßen rationale Ordnung zu fügen, besteht dann doch wieder der Zweifel, ob die erzählte Realität nicht eine weitere fiktionale Variante sein mag.

Patriaus Welt ist ein großer, menschengemachter, oft politisch gewollter und intendierter Irr- und Wahnsinn, den zu sezieren vermutlich nur mit den Mitteln der Kunst und Literatur möglich ist – wenn man sie nur als Antidot einsetzt. Auch wenn das nichts besser macht, denn Bildung und Kultur, so darf man Patriau verstehen, dämpfen keinesfalls die Grausamkeit der Welt, so bringt doch seine Methode in diesem Fall ein literarisches Meisterwerk zu unserem Ergötzen hervor. Wir delektieren uns ob der schieren Brillanz des Erzählens an dem Erzählten, und sei es noch so abscheulich. Sehr dialektisch.

10/2025 Thomas Wörtche

Gustavo Faverón Patriau: Unten leben (Vivir abajo, 2019). Deutsch von Manfred Gmeiner. Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 2025: . 594 Seiten, 34 Euro.

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