Nun ist sie vorbei: die Berlinale. Es war die Fünfundsiebzigste. Unsere Filmkritiker Katrin Doerksen und Thomas Groh waren live vor Ort und haben in ihren Journalen unregelmäßig vom Festivalgeschehen berichtet. Die erste Lieferung von Katrin Doerksen finden Sie hier, die zweite Lieferung hier. Von Thomas Groh finden Sie die erste Lieferung hier und die zweite Lieferung hier. Zu den Logbüchern unserer beider geschätzten Korrespondenten aus 2024 geht es hier. Und den dritten Teil lesen Sie direkt auf dieser Seite.

Das Beste zum Schluss
Womöglich ist der südkoreanische Festivaldauergast Hong Sang-soo in einen neuen Werkzyklus eingetreten. In seinen Filmen wird viel getrunken; so gut wie immer gibt es eine Szene, in denen die Figuren rund um einen Tisch sitzen, es mit dem Soju übertreiben und irgendwann alle sozialhierarchisch gebotene Höflichkeit fahren lassen, sich anschreien oder benommen in ihrem Sitz zusammensacken. Aber eben: Meist floss dabei der Soju. Neuerdings ist es vor allem Makgeolli, ein fermentiertes Reisgetränk mit niedrigem Alkoholgehalt, das sich in Südkorea seit einigen Jahren wieder steigender Beliebtheit erfreut. Schon 2024 war Isabelle Huppert als Sprachlehrerin in A Traveler’s Needs ganz scharf darauf und nun in What Does That Nature Say To You dient er ebenfalls als soziales Schmiermittel und Katalysator einiger Momente, die den Film zum wohl komödiantischsten in Hongs jüngerem Schaffen machen. Früher wurde Makgeolli häufig selbst gebraut, galt als Getränk der Arbeiter und Bauern — und das sind Junhees Eltern ganz dezidiert nicht. Ihr Vater hat an der Küste ein großzügiges Stück Land auf einem Hügel gekauft und darauf ein für koreanische Verhältnisse riesiges Haus errichtet. Kein Wunder, dass Donghwa eingeschüchtert ist. Eigentlich hatte er seine Freundin Junhee nur zu ihren Eltern fahren wollen, doch die Eltern laden ihn ein, den ganzen Tag mit der Familie zu bringen.

Dass so eine Situation viel Fallstrickpotential bietet, ist universell verständlich, aber Hong Sang-soo wiegt uns fürs Erste in Sicherheit: Der Vater ist begeistert von Donghwas Gebrauchtwagen aus den Neunzigern und überhaupt sind ihm als Sohn eines bekannten Rechtsanwalts mit poetischen Ambitionen einige Vorschusslorbeeren sicher. Aber je mehr die Figuren reden (meist in Zweierkonstellationen über jemand Abwesenden), desto mehr kippt die Stimmung und die Meinung voneinander. Ähnlich wie in seinem 2023 ebenfalls auf der Berlinale präsentierten In Water arbeitet Hong auch in What Does That Nature Say To You mit Unschärfen. Mal mehr und mal weniger knapp verreißt er den Fokus, so dass ein leicht verwaschenes Bild wie von einer alten VGA-Kamera entsteht. Er tut das womöglich in Solidarität mit Donghwa, der trotz Kurzsichtigkeit seine Brille nur selten trägt. Die Schärfe der Welt würde ihn manchmal überwältigen — und ich kann das gut verstehen, denn ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich meine erste Brille beim Optiker abholte und sah, dass Baumkronen aus einzelnen Blättern bestehen. Betrachtet man Donghwa aber als Alter Ego des Regisseurs — und der Verdacht liegt nah, denn Schauspieler Ha Seong-guk ist in seiner Rolle bis hin zum vielfach kommentierten kleinen Bärtchen das Ebenbild des jungen Hong Sang-soo — dann lässt sich diese Unschärfe auch als ziemlich harsche Selbstkritik verstehen. Vielleicht stimmen mich deswegen sogar seine Komödien traurig. Hong scheint mit allen Menschen und Figuren gnädig zu sein außer mit sich selbst. But then again — ist das vielleicht alles nur in meinem Kopf. In der Pressekonferenz auf die Bedeutung einiger seiner Stilmittel angesprochen, wiederholt Hong hartnäckig: Er wisse nicht, was sie bedeuten. Er mache einfach, was sich richtig anfühle. Vielleicht sollten wir also seinen Titel wörtlich nehmen. What Does That Film Say To You?
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Die jeweils erste Pressevorführung des Tages ist nur etwas für den harten Kern der Berlinale-Akkreditierten. Meistens hat man dafür noch vor 9 Uhr im nur mäßig bequemen Berlinale-Palast zu sein. Wer gern die allabendlichen Festivalparties mitnimmt, fällt also ohnehin aus dem Plan. Außerdem laufen in dieser ersten Vorführungsschiene des Tages meist die eher unterm Radar fliegenden Filme ohne große Namen, die gern unter dem nachlässigen Label „Weltkino“ zusammengefasst werden. Im Laufe des Festivals dünnt also das Publikum dieser frühen Filme immer weiter aus, was dafür den Komfort der Anwesenden steigert. Taschen und Mäntel passen auf die leeren Nachbarsitze, auf den Rängen kann man bequem Untertitel lesen ohne sich über vorgelagerte Köpfe recken zu müssen. Da passiert es eben auch leichter, dass man der eigenen Müdigkeit nachgibt, die Augen zufallen lässt, in die Filme hinein- und hinaus driftet. Umso schöner, wenn sie es zulassen, ja, sogar begünstigen. El mensaje von Iván Fund ist so ein Film. Bilder in lichtem Schwarzweiß, ein ausgebauter Van, in dem drei Personen durch die argentinische Provinz schaukeln. Die etwa zehnjährige Anika (jedenfalls ist sie in einem Alter, in dem ihre Milchzähne ausfallen) hat die Gabe mit Tieren zu kommunizieren — was ihre findigen Pflegeeltern als Geschäftsmodell nutzen. El mensaje plätschert die meiste Zeit ohne große emotionale Ausschläge vor sich hin, während das Dreiergespann von Haus zu Haus fährt und das Mädchen mit Hunden, Katzen, einmal auch einem Capybara Verbindung aufnimmt. Ehrlich gesagt war es da nur eine Frage der Zeit, bis der Großteil des Kinos schlief — bis plötzlich ein Song überraschend laut das Ende des Films markierte. „Always on my Mind“ in der Version der Pet Shop Boys. Normalerweise springt mit dem Beginn eines Abspanns der Großteil des Publikums auf, eilt zum nächsten Termin oder zum Kaffeestand. Aber hier: Kein eiliges Aufspringen, kein Applaus, aber auch keine herablassende Stimmung, keine Buhrufe. Es war, wie es sein soll, als wäre das Publikum aus einer kollektiven Trance erwacht. Zögerlich sind wir der Reihe nach aus dem dunklen Saal gestapft, haben noch schlaftrunken eingehüllt in die Traum/Filmbilder der gleißenden Sonne am Potsdamer Platz entgegen geblinzelt und uns für den Rest des Tages gewappnet.
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Einige Dokumentarfilme der Berlinale thematisieren den Krieg in der Ukraine; zwei zeigen, wie der Ausnahmezustand zur unerträglichen Normalität wird. Vitaly Mansky konzentriert sich in seinem dreistündigen Forumsbeitrag Time to Target auf seine Heimatstadt, das westukrainische Lviv, das auf den ersten Blick mit seinen pittoresken Pflasterstraßen, Tramlinien und Straßencafés auch als jede andere mittelgroße europäische Altstadt durchgehen könnte. Schaut man jedoch genau hin, schieben sich die Nationalflaggen vehement ins Straßenbild, immer wieder passieren Veteranen in Rollstühlen oder mit Prothesen und die Musiker des örtlichen Militärorchesters proben für eine Beerdigung. Bis zum Ende des Films werden sie noch auf unzähligen weiteren Beerdigungen spielen und auch Manskys Kamera wird immer wieder zum städtischen Friedhof zurückkehren. Der sei ursprünglich von den Österreichern gebaut worden, berichtet einer der Totengräber, dann habe man dort Weltkriegsgefallene bestattet und nun aus Platzgründen begonnen auf die alten Knochen die Neuen zu schichten. Das sei doch nicht richtig, beeilt sich der Totengräber bei jeder der folgenden Aufeinandertreffen mit Manskys Kamera zu berichten und wahrscheinlich hat er damit recht. Jedenfalls wachsen die Gräberreihen unaufhörlich an, Familien weinen, parallel dazu kommen immer finsterere Nachrichten von der Front und die anfänglich noch recht zuversichtliche, kämpferische Atmosphäre weicht einer immer tieferen Verzweiflung. Die repetitive Dramaturgie in Time to Target ist in dieser Hinsicht sicher gewollt, sie verlangt dem Publikum zugleich aber auch einiges ab.

Stringenter und formal pointierter kommt der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb daher, Timestamp von Kateryna Gornostai. Gedreht in den Jahren 2023 und 2024 begleitet die Regisseurin den Schulalltag in verschiedenen, besonders hart getroffenen Gemeinden und an Schulen in verschiedenen Stadien des Kriegszustandes: Funktionale Schulgebäude, Ausweichräume in der Kiewer U-Bahn, Unterricht per Zoom, zerbombte Schulen, Schulen im stockenden Wiederaufbau. Der Krieg schlägt sich schon im Alltag der Jüngsten nieder: Die Erstklässler lernen patriotische Lieder und ein Mädchen wird von der Lehrerin getröstet, als es um seinen gefallenen Vater weint. Die älteren Kinder lernen den Umgang mit Waffen und wie sie sich richtig den Arm abbinden, um nicht zu verbluten, sollte ihnen die Hand abgerissen werden. Ein abgetrennter Finger gelte noch nicht als signifikante Blutung, erklärt der Militärausbilder, und macht damit einmal mehr deutlich, wie sich die Grenzen der Normalität in der Ukraine, aber in vielerlei Hinsicht auch über die Landesgrenzen hinaus verschoben haben. Auch Kateryna Gornostai fängt in Timestamp immer wieder den Moment ein, in dem Luftalarm den Alltag unterbricht. Schüler und Lehrer packen dann geordnet zusammen, brechen in Richtung Keller auf, selbst bei den Jüngsten keine Spur von Panik. Die Anpassungsfähigkeit der Leute ist beeindruckend und erschreckend zugleich.
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Dieser und ähnliche Konflikte sind auch in Palliativstation eingeschrieben, Philipp Dörings vierstündigem Forums-Dokumentarfilm über die Palliativstation eines Berliner Krankenhauses. In dem einen Bett liegt ein Russe und ein paar Zimmer weiter ein Ukrainer, der mit seiner Familie vor dem Krieg geflüchtet ist. Der offensichtlich an den Filmen von Frederick Wiseman geschulte Döring thematisiert das nicht weiter, lässt die Beobachtung einfach so stehen, eine nüchterne Erinnerung daran, dass die Welt außerhalb der sechzehn Betten umfassenden Station weitergeht. Das ist auch den Patienten bitter bewusst: Eine Frau schaut aus dem Fenster, registriert den frühsommerlichen Sonnenschein. Normalerweise wäre sie jetzt mit ihre Partner wandern gegangen, erzählt sie dem Oberarzt. Was für eine Scheiße.

Ist es wirklich, dagegen kann und will ein Film wie Palliativstation auch nichts machen. Hier liegen schwer kranke Menschen, bei deren Behandlung es nicht mehr vorrangig darum geht eine langfristige Besserung herzustellen, sondern kurzfristig ihr Leid zu verringern. Viele gehen von der Station direkt weiter ins Hospiz, Tod und Sterben gehören zum Alltag dazu. Es ist alles andere als einfach sich dem auszusetzen, zumal die lange Laufzeit des Films dazu führt, dass man selbst eine Bindung zu den Patienten aufbaut, ihren Lebensgeschichten lauscht und über ihre Sprüche lacht, sie für ihren Pragmatismus bewundert, ja, regelrecht einen eigenen Trauerprozess durchläuft. Gleichzeitig liegt in der viele kleine Rädchen umfassenden Organisation der Station aber auch etwas unwahrscheinlich Tröstliches, weil der Film zeigt, dass es selbst in der ultimativ angstbesetzten Situation einer fatalen Krankheit noch Leute gibt, die wissen was zu tun ist, die Handlungsoptionen aufzeigen, Linderung verschaffen, ein paar Minuten am Bettrand zuhören.
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Was für ein wunderbarer Abschied, mit dem mich ein weiterer Forumsfilm aus dem diesjährigen Berlinale-Jahrgang und damit auch endgültig aus dem den Standort am Potsdamer Platz verlassenden Kino Arsenal entlässt: Fwends von der australischen Regisseurin Sophie Somerville fühlt sich an, als hätte Hong Sang-soo einen Klaus-Lemke-Film gedreht. Flughafen Melbourne: Jessie nimmt ihre alte Schulfreundin Em aus Sydney für einen Wochenendbesuch in Empfang und obwohl nach einer kurzen Umarmung sofort das lockere Geplänkel losgeht, fragt man sich, wie diese beiden Freundinnen eigentlich zusammenpassen. Em als dauergestresste, dauererreichbare, dauerpolitisierte Karrieredurchstarterin und Jessie, die Slackerin, die im letzten Jahr vor allem Nintendo Switch gespielt hat, no thoughts, just vibes. Jetzt zeigt sie Em die Stadt, in der wie die Laune auch das Wetter — classic Melbs — innerhalb von Minuten zwischen Regen und Sonne switcht, und aus einem langen Tag wird anschließend dank eines vergessenen Schlüssels noch eine lange Nacht.

Fwends ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass wenig Budget in der Welt des Films manchmal auch maximale Freiheit bedeuten kann. Die meiste Zeit folgt die Kamera den Freundinnen einfach Guerilla-Style durch die Stadt, die Mikrofone nehmen neben ihren Gesprächen auch die alltäglichen Sounds einer modernen Metropole mit auf, die Durchsagen des Tramfahrers, Sirenen aus der Parallelstraße. In einer Schlüsselszene sorgt ein billiges Nachtlicht mit Weltallprojektor, wie man sie auf jeder x-beliebigen Billigshoppingwebsite bekommt, für eine magische Atmosphäre. Derweil auch hier: Gen-Z-Befindlichkeiten, Smartphonesucht und Klimawandel, Vereinsamung und Sinnsuche. Aber mit einer organischen Nebensächlichkeit erzählt, die den Film zum ultimativen Anti-Tykwer macht. Und so schließt sich der Kreis aufs Schönste.










