Geschrieben am 20. Februar 2025 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2025

Katrin Doerksen: Berlinale-Logbuch (2)

Endlich wieder – Berlinale. Es ist die Fünfundsiebzigste. Unsere Filmkritiker Katrin Doerksen und Thomas Groh sind live vor Ort und berichten hier in ihren Journalen unregelmäßig vom Festivalgeschehen. Schauen Sie also wieder bei uns vorbei. – Hier die zweite Lieferung von Katrin Doerksen. Die erste finden Sie hier. Die von Thomas Groh finden Sie hier. Zu den Logbüchern unserer beider geschätzten Korrespondenten aus 2024 geht es hier.

Berlinale 2025 – Logbuch 2

La Tour de Glace © 3B-Davis-Sutor Kolonko-Arte-BR

Die Berlinale der Close-Ups

Da habe ich mir von den Filmen des Berlinale-Jahrgangs mehr Dringlichkeit gewünscht und dann hat’s mir If I Had Legs I’d Kick You derart eingeschenkt. Diese Hauptfigur, ach was, der ganze Film ist eine einzige offene Wunde auf der Suche nach Salz. Dabei beginnt er fast ganz genau wie einer meiner bisherigen Wettbewerbs-Tiefpunkte: Mit dem extremen Close-Up eines Gesichts. Aber während Ari dieses Mittel nutzt, um eine aufdringlich wirkende Intimität zu behaupten, setzt dieser Film hier die extreme Nähe eher ein, um genau das Gegenteil zu erzeugen: Stress, Abstoßung, sogar Ekel. Und das, obwohl zugleich auch seine Empathie für Linda (darstellerinnenpreisverdächtig: Rose Byrne) nicht zu leugnen ist.

Sie ist die Mutter eines schwer kranken Kindes: Wegen eines nicht konkret benannten Leidens irgendwo zwischen chronischer Verdauungskrankheit und Essstörung muss ihre Tochter per Magensonde künstlich ernährt werden und in einem strengen Behandlungsprogramm kaum zu schaffende Gewichtsziele erreichen. Als dann auch noch die Apartmentdecke einstürzt und ein nässendes und schwarz klaffendes Loch im Schlafzimmer zurücklässt, beginnt Lindas ohnehin kaum persönliche Freiräume lassende Welt immer mehr auf sie einzustürzen.

If I Had Legs I’d Kick You © Logan White / © A24

Die aus dem Mumblecore-Umfeld stammende Regisseurin Mary Bronstein arbeitet in If I Had Legs I’d Kick You von Anfang an mit den Mitteln des Horrorkinos: Die enge Kadrage nimmt einem die Orientierung, das schrille Sounddesign treibt den Stresslevel in die Höhe und das mit der Zeit wachsende, organische Ausformungen annehmende Loch in der Decke sensibilisiert die Wahrnehmung für Lindas existenzielles Grauen. „Wahrnehmung ist Realität“, hatte die Familientherapeutin in der ersten Szene noch gesagt, und If I Had Legs I’d Kick You ist die Manifestation dieser psychologischen Tatsache. In Lindas Wahrnehmung ist sie mutterseelenallein: mit den unfähigen Bauarbeitern in ihrem Apartment, mit den Klienten in ihrer eigenen psychotherapeutischen Praxis, dem pedantischen Parkplatzwächter der Klinik, mit dem über Wochen abwesenden Ehemann, der als Kapitän zur See die meiste Zeit des Films nur eine ungeduldige Stimme am Telefon ist. Und vor allem mit dem Kind, das Bronstein sich nicht scheut als die Zumutung zu zeigen, die es ist.

Wobei ‚zeigen‘ eigentlich nicht richtig ist. Bronstein vermeidet es tunlichst, das Gesicht der namenlosen Tochter ins Bild zu setzen. Mal sehen wir ein Ohr, mal eine Hand, einmal auch den Bauch mit angeschlossenem Schlauch. Abgesehen davon ist das hervorstechendste Merkmal dieses Mädchens seine durchdringend hohe Stimme, die mal das Essen bemäkelt, mal nach einem Hamster bettelt und dann hochfrequent zetert, als das Tier nicht die kindlichen Erwartungen erfüllt; eine Sequenz, die die Regisseurin mit entschiedenem Spaß am Chaos eskalieren lässt. Die mitleidigen Gefühle, die in den meisten Filmen dieses Themas dem kranken Kind gölten, werden hier komplett auf die durchdrehende Linda umgelenkt — und das macht If I Had Legs I’d Kick You zu einem der furchtlosesten Filme über Mutterschaft (und damit verbunden ambivalente Gefühle), die ich kenne.

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Was Marielle Weiß © Alexander Griesser

In eine nicht völlig unähnliche Kerbe schlägt Frédéric Hambaleks Was Marielle Weiß, wenn der Wettbewerbsfilm auch in einem gänzlich anderen Tonfall daherkommt. Nachdem eine Freundin sie im Streit ohrfeigt, entwickelt die Teenagerin Marielle telepathische Fähigkeiten und hört und sieht alles, was ihre Eltern erleben. Die Mutter (Julia Jentsch) beim heimlichen Dirty Talk mit ihrem Kollegen und im Gespräch mit einer Freundin, die sich hemmungslos über die Kinder auskotzt. Der Vater (Felix Kramer), der nicht mit der Kritik eines Mitarbeiters umgehen kann und in einer Spirale aus Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit feststeckt. Plötzlich fallen die Geheimnisse, die vorgelebten Werte und Lebenslügen der Kernfamilie in sich zusammen. Was Marielle Weiß ist eine Koproduktion des Kleinen Fernsehspiels des ZDF und auch formal streng genommen eher ein Fernsehfilm, aber mit seinen schmalen 86 Minuten ein erfreulich straff und präzise erzähltes Gedankenexperiment — und übrigens der erste witzige Film des Wettbewerbsjahrgangs.

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Zur Halbzeit pflügt die Berlinale in die glitzernden Untiefen der Genrefilme. Vor allem sticht im Wettbewerb Reflet dans un diamant mort des französischen Regieduos und Ehepaars Hélène Cattet und Bruno Forzani heraus, der sich in einem wilden Bilderstrom und mit B-Movie-Legende Fabio Testi als Sean-Connery-Verschnitt auf die Eurospywelle der 1960er Jahre, auf Fumetti à la Guido Crepax und das Mittelmeersonnenlicht in den Filmen von Jess Franco bezieht. Ein Film, der mehr zum Gucken und weniger zum Verstehen da ist, im Mittelteil womöglich etwas repetitiv in seiner endlosen Aneinanderreihung blutiger Hau- und Stechszenen. Am Ende doch nicht ganz meine Tasse Tee aber wie toll, dass das hier im Wettbewerb stattfindet.

Eher die Bilderwelten der 1970er Jahre ruft hingegen La Tour de Glace von Lucile Hadžihalilović auf, speziell die der sowjetischen und jugoslawischen Märchenfilme mit ihren kristallinen Schneelandschaften und überirdischen Prinzessinnen. Marion Cotillard spielt in Krone und Glitzerlidschatten angetan die Hauptrolle in einer Verfilmung von Hans Christian Andersens Die Schneekönigin und zieht mit ihrer statuesken Eleganz sofort die Aufmerksam von Jeanne auf sich, die aus einem Kinderheim in die Stadt geflohen und im Keller des Filmstudios untergeschlüpft ist. Aber ach, die Schneekönigin fordert nun einmal stets einen vorhersehbar grausamen Tribut für ihre Liebe. Und La Tour de Glace erstarrt förmlich selbst unter seiner hermetischen Kunstfertigkeit.

Girls on Wire © L’Avventura Films

Ein kurzes hoffnungsvolles Aufflackern: Wuxia im Berlinale-Wettbewerb? Aber dann ist es doch leider kein neuer Hero und das klassische Wuxia beschränkt sich auf kurze Szenen am Anfang und Ende des Films. Vivian Qus Girls On Wire erzählt unter Rückgriff auf Flashbacks in die 1990er Jahre die Geschichte einer wegen der Drogensucht des Vaters schwer verschuldeten Familie. Den höchsten Preis dafür bezahlt seine Tochter Tian Tian, die in die Fänge der rachsüchtigen Mafia gerät und es irgendwann schafft zu ihrer Cousine Fang Di zu fliehen, die zwar den Kontakt längst abgebrochen hat, aber weiterhin dazu gezwungen ist mit ihrem Job als Stuntfrau die Schulden der Familie zu begleichen. Leider ist Girls On Wire ein sehr unebener Film geworden, der sich weder auf eines der vielen in seinem Plot hineingezwängten Dramen, noch auf einen Tonfall einzupendeln schafft. Dafür findet Vivian Qu einprägsame Bilder für die Ausbeutung weiblicher Körper und Kapazitäten. Vor allem am Filmset: Wenn die unter akuten Periodenbeschwerden leidende Fang Di in voller Montur aus Kostüm und Langhaarperücke immer und immer wieder an Drahtseilen in einen eiskalten Fluss hinabgelassen wird, die Luft anhalten und im allerletzten Moment für ihren pedantischen Regisseur aus dem Wasser hervorschießen muss, dann möchte man, diese zitternde, schmale Frau am liebsten in den Arm nehmen und ihr eine Decke umlegen. Aber sie ist eine Kriegerin.

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Auf Filmfestivals passiert es immer wieder, dass man völlig ohne Vorwissen und Erwartungen ins Kino geht und als anderer Mensch wieder herauskommt. So ist es mir mit Richard Linklaters Blue Moon ergangen. Der berühmte Jazzstandard Blue Moon stammt vom Songwriter Lorenz Hart, aus dessen Leben Linklater hier erzählt, wobei er sich allerdings auf einen einzigen Schauplatz und einen einzigen Abend in dessen Leben konzentriert, und zwar nicht gerade auf einen der Höhepunkte. Am 31. März 1943 feiert das Musical Oklahoma! Premiere, die erste Zusammenarbeit seines Komponistenpartners Richard Rodgers mit einem anderen Autor. Der um Fassung bemühte aber tief verletzte Hart (Ethan Hawke, der optisch immer mehr zu John Malkovich wird) verbringt den Abend in der Bar, in der später auch die Premierenparty Einzug halten wird, trinkt, obwohl er dem Alkohol eh schon den Bruch mit Rodgers verdankt, monologisiert und versucht sich seine ihm wohl bewusste Bitterkeit mit Humor und gnadenloser Schärfe von der Seele zu reden; doch ihn umgibt die geballte Traurigkeit eines sensiblen Intellektuellen in Kriegszeiten, eines Homo- (oder Bi-?)sexuellen in einer konservativ-restriktiven Gesellschaft, eines Sohnes deutsch-jüdischer Immigranten in einer antisemitischen Welt.

Blue Moon © Sabrina Lantos / Sony Pictures Classics

Blue Moon ist eine Art Film, wie ich sie meistens nicht mal sonderlich mag: Kammerspiel, ausstattungstechnisch ziemlich auf Hochglanz poliert, hollywoodeske Close-ups, Dialoge ohne Ende. Aber meine Güte, wie bravourös gelingt es Linklater und dem Drehbuchautor Robert Kaplow (Ich & Orson Welles) auf das anzustoßen, was Hart allem Anschein nach am wichtigsten war: die Sprache. Wohlüberlegte Aneinanderreihungen ein paar kleiner Worte, die im Idealfall ihren Schöpfer überdauern. In einer Szene schließt sich Hart mit seiner vergötterten Protegé Elizabeth (Margaret Qualley) in die Garderobe der Bar ein und bettelt sie geradezu an, ihm von ihren jüngsten Abenteuern zu berichten. Was sie dann erzählt, ist im Grunde die älteste Geschichte der Welt, boy meets girl, aber die Worte (und Qualleys/Hawkes Spiel) lassen alles detailgenau vor dem inneren Auge ablaufen, ganze Welten entstehen. Dafür kann man das Kino nur lieben.

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Zwischendurch noch ein Abstecher ins Forum, wo Gerd Kroske seinen neuen Dokumentarfilm Stolz und Eigensinn präsentiert. Noch ein Film, in dem das Reden der Schlüssel zum Verständnis ist, aber auf eine völlig andere Weise. Kroske hat alte Filmaufnahmen ausgegraben, mit denen der DDR-Piratensender Kanal X in den frühen 1990er Jahren die Abwicklung ostdeutscher Großbetriebe dokumentierte. Damals wurden vor allem Frauen interviewt, die in traditionellen Männerberufen arbeiteten: Als Lokführerin in den Leunaer Chemiewerken oder als Brückenführerin im Lausitzer Braunkohletagebuch (Letzteren sieht man heute vor allem in Dokumentarfilmen über den Klimawandel. Hier eine differenzierte Innenperspektive zu bekommen, ist also im doppelten Sinne eine Rarität.) Rund dreißig Jahre später macht Kroske diese Frauen noch einmal ausfindig und befragt sie zu ihren damaligen Erlebnissen. In Splitscreens stellt er beide Zeitebenen nebeneinander: Die alten VHS-Aufnahmen und die Frauen heute, die auf die Interviews reagieren.

Monika Schurmann in Stolz und Eigensinn (c) realistfilm

Das Ergebnis ist unerwartet berührend. Da sind zum einen die individuellen Schicksale dieser Frauen, die ihren sprichwörtlichen Mann stehen, sich qualifizieren und über sich hinauswachsen, um schließlich von den westdeutschen Firmen doch nicht mehr übernommen zu werden, die nicht zu ihren Wunschprüfungen zugelassen werden oder allerhand andere Steine in den Weg gelegt bekommen. Aber vor allem fasst mich die Sprache in Stolz und Eigensinn an, nicht nur auf ganz persönlicher Ebene, weil mich als Einheitskind ostdeutscher Eltern viele der Formulierungen und Sprichwörter an Menschen aus meiner Kindheit erinnern. Der zeitliche Abstand macht so viele Nuancen sichtbar: Frauen, die in den 1990er Jahren ostdeutsch sozialisiert mit völlig selbstverständlichem Selbstbewusstsein vor der Kamera stehen und denen dreißig Jahre später ganz deutlich die Brüche in ihren Leben, die Verletzungen und Zweifel anzuhören sind. Die zuerst einsilbig so manche Nachfrage wegwedeln und, je länger sie im Gespräch bleiben, sich doch öffnen, sich immer mehr möglicherweise auch absichtlich verschüttete Erinnerungen neu erschließen, manche Verletzungen überhaupt erst als solche erkennen und benennen. Stolz und Eigensinn zeigt auf beeindruckende Weise, wie sich Geschichte in die Sprache einschreibt — und welch heilsame Wirkung sie dadurch entfalten kann.

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