Posted On 15. Mai 2017 By In Bücher, Crimemag, News With 1251 Views

Roman: Veit Etzold: Dark Web

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Die Welt, according to Frodo Beutlin

Veit Etzold ist ein Bestseller-Autor. Bestseller sagen eine Menge aus, nicht nur über den Autor, was relativ uninteressant ist, sondern über die jeweiligen Strategien, die solche Texte verwenden. Sein neues Buch, „Dark Web“ hat sich Thomas Wörtche genauer angesehen.

Seit ein paar Jahren hört man immer wieder, der Krimi sei politisch. Das ist, angesichts einer langen Tradition „politischer“ Kriminalliteratur eine ziemlich lustige These, die jüngst auch von einem Funktionär der Vereinigung „Das Syndikat“ zu hören war. 1929, als Hammetts „Red Harvest“ erschien, ist ja kaum 90 Jahre her, der französische Polar, die lateinamerikanische novela negra und andere explizit politische Formationen von Kriminalliteratur sind auch erst seit 60, 70 Jahren dabei.  Unklar ist dabei sowieso, was das genau heißen soll: Ist die „meaning of structure“ schon per se politisch? Oder ist damit eher gemeint, der „Krimi“ solle politische Themen behandeln und politische Standpunkte haben oder „politische“ Botschaften? Oder haben beide Optionen etwas gemeinsam, sind sie voneinander unabhängig gar nicht zu denken? Tatsächlich gab es ja schon immer die Überlegung, eine anscheinend schlichte oder „einfache“ Form nur mit den richtigen Inhalten zu füllen – und schon sei alles gut. Sjöwall/Wahlöö hatten das in den 1960er und 1970er Jahre mit ihrem Beck-Zyklus vorgeführt (und griffen am Ende zur Groteske), der deutsche „Soziokrimi“ verstand sich als „links“, die frühen Sisters-in-Crime besetzten den „männlichen“ Privatdetektiv-Roman, in dem sie die Rollen neu verteilten und gerade habe ich als Echo darauf auf einer Konferenz die ungarische feministische Soziologin Andrea Petö erlebt, die die „Formel“ Mord-Untersuchung-Aufklärung mit „feministischen“ Inhalten auffüllen möchte, um das Genre neu auszurichten. Sjöwall/Wahlöö hatten immerhin in ihren letzten beiden Romanen des Zyklus die Ahnung, dass es sinnvoll sein könnte, die narrativen Schemata zu durchbrechen – d.h. deren Naivität aufzubrechen und die ordnungspolitischen Implikationen zu beachten, die genau in dieser Formel „Mord-Untersuchung-Aufklärung“ stecken, die dann, so gesehen, den wirklichen Charakter von „politisch“ ausmachen. Denn wenn „Kriminalliteratur“ (auch da, wo sie andere Formeln benutzt wie „Welt wird bedroht – Rettung naht – Rettung kommt“ oder „Das Böse tötet – wird gejagt – wird zur Strecke gebracht“) meint, man müsse nur die gut/böse-Verteilung politisch „richtig“ gestalten, dann sei schon etwas gewonnen – oder wenn sie meint, harmlos „nur unterhalten“ zu wollen, sieht sie von der banalen Einsicht ab, dass Form & Inhalt immer und unhintergehbar nicht zu trennen sind.

hahn_bEs gibt keine unschuldige Unterhaltung

Unschuldige Kriminal- oder Spannungsliteratur gibt es nicht, das ist eine fromme Illusion, selbst im ödesten Irgendwas-Krimi oder Hau-drauf-Thriller stecken eine Menge Ordnungspolitik und tausend andere Ideologeme der vielfältigsten Sortierungen. Das gilt für die „Inhaltsebene“, egal, was man in das „Muster“ einfüllt und wenn man damit Kriminalliteratur als „Form“ resp, als Set von „Formen“ begreift. Das Politische steckt also zu nicht unwichtigen Teilen darin, ob die ästhetische Inszenierung der Erzählung diese „Form“ erfüllt, gar übererfüllt oder sie bricht, sabotiert, dementiert oder demontiert (um an dieser Stelle das wohlfeil gewordene „dekonstruiert“ zu vermeiden). Dahinter verbirgt sich das in der Tat hochpolitische Problem von Komplexität und Komplexitätsreduktion, das weit in den Alltag und in die politischen Großkonstellationen unsere Tage (und jeder historischen Zeit) hineinreicht. Kriminalliteratur ist, wie sollte es anders sein, auch an diesen makrostrukturellen Kontext gebunden. Nur nebenbei bemerkt, markiert die Unterschätzung oder Ausblendung der ästhetischen Autonomie und Autorität von Texten die Defizite rein soziologischer Betrachtungen zur Kriminalliteratur, auch wenn sie, wie Luc Boltanski zum Beispiel, eine Menge erhellender Aspekte beitragen können.

Wer also naiv behauptet, der Krimi sei politisch, muss auch mit folgender Konstellation rechnen:

dämon1Der Russe kommt

Die Russen wollen ihre alte Sowjet-Herrlichkeit wieder herstellen, und am liebsten gleich den ganzen Planeten als Hegemonialmacht beherrschen. Deswegen tun sich Mafia, Geheimdienst und große Politik zusammen und bauen eine Supermegagigasuchmaschine namens Holos, die die Kontrolle über die ganze Welt haben soll, weil sie auch das Darknet im Griff haben wird. Denn im Darknet nistet nicht etwa das freiheitlich verstandene Subversive, Oppositionelle, Anarchische, das Widerständige – bzw. das tut es auch, aber das passt den Russen erst recht nicht. Aber weil sie das Darknet zu ihrem Nutz und Frommen brauchen, freuen sie sich, dass dort das Böse pur sich tummelt: fiese Drogen, Miet-Killer und unfassbar grausames Sexzeug. Aber ein paar brave und tapfere Leute aus BKA und BND wollen dagegen halten, stoßen aber an ihre Grenzen, weil sie politisch ausgebremst und behindert werden. Das ist grob skizziert die Story von Veit Etzolds „Dark Web“, dessen offenes Ende deutlich auf ein Sequel angelegt ist. Der Kalte Krieg, revisited, sozusagen, bei dem die „schwache“, dekadente, weil auf demokratische Legitimation bedachte (wenn diese auch nur scheinhaft praktiziert wird) westliche Welt den machiavellistischen Russen a priori unterlegen ist, weil die keine Skrupel haben.

Gewissheiten

Dem Nachweis dieser eher unterkomplexen Konstellation als de facto Ist-Zustand dient der Roman, der damit formal dem Diktum von Eric Ambler (der das allerdings angesichts seiner Methode des radikalen Zweifels, ironisch meinte), zu erzählen, „wie es zu geht auf der Welt“ folgt. Wo aber Ambler (und die ihm folgende „Schule“ des Polit-Thrillers, etwa Ross Thomas, Robert Littell etc.) Zweifel und Verwirrung säen, weil man eben nie genau weiß, wie es zugeht auf der Welt, bietet Etzold Sinn und Konsistenz an. Er offeriert Eindeutigkeiten.

vladUm sicherzustellen, dass diese Eindeutigkeiten auch wirklich verstanden werden, erhebt er das Prinzip der Unterkomplexität zum Generierungsmuster des Romans. Ein wichtiges Tool dabei ist die Redundanz: Damit das Lesevolk ja nicht überfordert wird, ist zunächst einmal ein Personenverzeichnis beigebunden, eine alte, unselige Tradition der Entmündigung, die zeitweise verschwunden war, aber wieder fröhliche Urständ feiert. Sei´s drum – unzählige Male werden die handelnden Figuren im Text selbst immer wieder stereotyp eingeführt: „Vladimir Kowaljow, der Chef der Solnzevskaja-Mafia, die von Moskau aus den ganzen ehemaligen Ostblock kontrollierte“, genannt „Vlad der Pfähler“; „Alexander Michalew, Chefstratege des Kreml und Stabschef des Präsidenten der Russischen Föderation“; „Victor Iwanow, der Chef des FSB“ … ad infinitum, selbst auf S. 515 noch tritt „der Chef des FSB, Victor Iwanow“ auf und als bei „Vlad“ auf Seite 493 das Telefon klingelt, ist es „Victor Iwanow, der Direktor des FSB“.  Zwischen der ersten Einführung und dem Ende des Romans kann nie der geringste Zweifel aufkommen, dass Victor Iwanow der Chef des FSB ist und wo es einmal nicht extra erwähnt wird, reden andere Figuren Ivanov grundsätzlich mit „Direktor“ an.  Man kann dieses Prinzip mit fast allen Figuren des Romans durchdeklinieren.

Mondänität

Verstärkt wird es noch durch die pausenlose Ortsangabe, wo wir uns gerade befinden, obwohl die Topographie wenig aussagekräftig ist: „Oslo, im Taxi zum Flughafen“, „Berlin, Oranienstrasse, Kreuzberg“, „Moskau, Hilton Moskau, Stalin Tower“, „Prag, Mandarin Oriental Hotel“, „Moskau, Lubjanka, Sitz des russischen Geheimdienstes FSB“, ad infinitum. Das, so könnte man sagen, ist Etzolds Antwort auf den „spacial turn“, der local knowledge andeutet und behauptet, damit natürlich auch eine Mondänität der Handlung – noch mehr Luxushotels, ominöse, geheime Zentralen, Flughäfen etc. – signalisiert, die – zum neuen Kalten Krieg passend – eine Art James-Bond-Anmutung kreieren, ohne den jeweiligen Schauplätzen eine eigene Semantik zuzugestehen – bzw. eine Semantik, die binär funktioniert: Die Bösen wohnen und bewegen sich durch mondäne (mehr oder weniger abstrakte) Räume, während die wackere BND/BKA-Frau, Jasmin Walters, die „Heldin“ des Buches, in der beschaulich-biederen Choriner Strasse im Prenzlauer Berg wohnt und zwischen den Einsätzen auch mal ihr Kind betüttelt und ihren unnützen Gatten (Künstler, insofern leicht bescheuert) aushält, auch das mehrfach betont und wiederholt.

Das Böse

prag

„Prager Frühling“

Zweites Tool: Überbietungsästhetik. Dahin gehört natürlich die Omnipotenz der Bösen, die mit Milliarden um sich werfen, alles wissen, alles können, also eine ungeheure Gefahr für die Welt darstellen. Dazu gehören aber auch unfreiwillig komische Realitätsbeugungen: Bei Etzold ist es das Normalste der Welt, dass innerhalb von Stunden (oder Minuten) eine schwerbewaffnete, helikopterbewehrte Eingreiftruppe aus KSK, GSG 9, BFE+ und ein paar „US-Elitetruppen“ oder so, mal schnell organisiert ist (mittels eines Telefonanruf einer freiberuflichen, benevolenten Killerin, die man später ganz leicht umlegen kann) und flugs in die Tschechische Republik einfliegt und ein Gemetzel anrichtet (den zynische Kommentar, dass die Tschechen das schließlich schon gewöhnt sind, verkneife ich mir hier mal nicht). 

Und vor allem gehört dazu, Grausamkeit, Sex und Modder. Da lässt es Etzold krachen: Im bösen Darknet bietet der „Puppendoktor“ seine Dienste an. Der ist ein Mad Scientist, ein irrer Chirurg namens Dr. Jacub Czerny, der lebendige Sexdolls herstellt. Zu diesem Zweck kauft er günstig Mädchen und junge Frauen aus osteuropäischen Waisenhäusern und afrikanischen Krisengebieten ein und baut sie um. Er amputiert ihnen Arme und Beine, macht sie taub und stumm, lässt letztendlich nur die Körperöffnungen am Rumpf übrig und sorgt für partiale Bewusstseinsveränderung, sie sollen schließlich spüren, was puppe3ihnen widerfährt, aber sie sollen nicht darauf unpassend reagieren. So etwas kann man im Darknet kaufen, kostet ca. 30.000 Euro pro Stück und natürlich ist der, der eine Sexdoll kauft, damit in den Fängen der Russenmafia und muss fortan tun, was verlangt wird, so wie Dr. Jürgen Rudolf „Direktor der Abteilung für Informationstechnologie und IT-Sicherheit, Europäische Zentralbank (EZB), Frankfurt am Main“, der das auch freudig macht. Das ist übel genug, aber interessant ist, dass diese angesichts des globalen Szenarios läppische Fußnote breiten Platz im Roman einnimmt. Einlässlich und minutiös wird die Herstellung der Sexpuppen geschildert, das möchten Sie bitte selbst ab Seite 339 nachlesen. Es ist in der Tat ein starkes Vomitiv, nachgerade perfide aber ist, dass der irre Doktor seine Gräuel wollüstig einem Hacker (der hat der Mafia seine Dienste angeboten, weil er Kohle machen will, sich aber vermutlich gedacht, die sei im Grunde nett – was will uns Etzold da eigentlich erzählen?) erklärt, der sich dann stellvertretend für den normalen Leser maßlos echauffiert, als könne er sich gar nicht vorstellen, dass es so viel Böses gibt auf der Welt. Besonders signifikant sind solche Passagen bei Etzold, weil sie recht eigentlich für seinen Grossplot irrelevant sind: Wer mit Milliarden wirft braucht keine 30.000 Euro-Deals und als Erpressungsstoff könnte man sich tausend andere Varianten ausdenken – aber es geht eben darum, den Voyeurismus eines vermuteten Lesepublikums mit möglichst sensationellen Thrills zu bedienen. Das ist zutiefst durchschaubar und trivial, passt aber in seiner dreisten Unverfrorenheit genau zum Programm der Unterkomplexion. Die Weltverschwörung, würde Etzold seine eigene Logik ernst nehmen, wäre also ein schöner narrativer Vorwand für erlesene Gräuel und Gewalttaten.

Minus-Literatur

Damit einher geht auch der Verzicht auf alles, was man Literarizität nennen könnte. Was beim Don Winslow der mittleren Phase noch kunstvoll arrangiert ist, dient bei Etzold der „intellektuellen Barrierefreiheit“: Kurze Kapitel, kurze Sätze, manchmal untereinander gesetzt, Dialoge, die keine Unterhaltungen zwischen den Figuren sind, sondern einzig zur Information des Lesepublikums (auch hier unfreiwillige Komik, wenn sich alte russische Haudegen gegenseitig Jelzin und den Verfall der Sowjetunion erklären) dienen. Dazu schon die genannten Dauerredundanzen, plus ausführlich erklärte Filmzitate, in diesem angeblich hoch explosiven Klima kindische, aber breit kommunizierbare Vergleiche (so fühlt sich eine Figur angesichts eines House-of-Horrors an den „Herrn der Ringe“ und Frodo Beutlin erinnert) und eine einzige Grundmetapher: Victor Iwanow, Sie erinnern sich?, der „Chef des FSB“, hat in seinem Büro ein Aquarium mit einem fishTiefseeangelfisch“, ein „unheimlicher Raubfisch mit einem riesigen, zahnbewehrten Maul“ und spricht zu dem Kreml-Mächtigen, der ihn auf einen (britischen) Wodka besucht also: „Lass uns so sein wie dieser Tiefseeangelfisch“. Und sollte es jetzt noch Menschen geben, die es nicht gemerkt haben: Der Hobbes´sche Leviathan ist wieder da, was wir natürlich auch noch ausführlich erklärt bekommen. Homo hominis lupus, sagte schon Thomas Hobbes in seiner Schrift Leviathan, so erklärt uns Etzold noch einmal in einem erklärenden Nachwort, ab Seite 567. Und für die, die´s immer noch nicht kapiert haben, auch wenn die Metapher schief wird, aber immerhin, im Roman, auf Seite 552, haben sich schon die „Reiter der Apokalypse“ (auch die natürlich weidlich erläutert) aufgemacht. Metaphorische Konsistenz darf man vermutlich auch nicht erwarten, denn Etzold war auch schon in früheren Büchern mit unschlagbaren Formulierungen wie „tiefer als bodenlos“ und „älter als die Zeit“ aufgefallen.

Das Strickmuster von „Dark Web“ scheint klar, auch wenn man noch weitere Beispiel für die oben genannten Punkte sammeln könnte. Ein Amalgam aus blutgierigem Thrill und moral panic, für die „breite Masse“ möglichst bequem auf konsumierbar getrimmt. Die Bedrohung der Menschheit muss gigantisch sein, um alle Arten von Gegenwehr zu legitimieren. Und gleichzeitig nicht so schlimm als dass man ihr nicht mit Frodo Beutlin literarisch beikäme. Das ist in der Tat politisch. Und zwar massiv.

Moralische Urteile

Aber es geht auch nicht darum, irgendeinen bestsellenden Titel zu zerlegen. Das geschieht nur exemplarisch, um die Emphase zu dämpfen, dass in der Redefigur, der „Krimi sei politisch“ ein Vorteil oder eine innovative Erkenntnis stecke: Im Gegenteil, sie birgt eine unbehagliche Gefahr: Das Politische, das solchermaßen im Krimi verhandelt wird, kann man von „links“ und von „rechts“ besetzen, man kann es „feministisch“ aufladen oder muchomacho-haft, man kann es mit obskuren Ideologien spicken, verschwörungstheoretisch besetzen oder rational-aufklärerisch – egal, akzeptiert man derartige Besetzungen ohne die ästhetische Inszenierung als konstitutiv für den „Bedeutungsaufbau des literarischen Werkes“ zu verstehen, dann fällt man im Grunde nur noch moralische Urteile, die sich an den jeweiligen ideologischen Ausrichtungen der jeweiligen Botschaft orientieren müssen. Das Politische aber liegt in der literarischen Machart, in der sich die Akzeptanz oder eben Nicht-Akzeptanz von Ordnungsprinzipien dieser Welt manifestiert. Man kann Veit Etzold wegen seines vermutlichen politischen Standorts geißeln. Das wäre Ideologiekritik, und die geht davon aus, dass man selbst die „richtige Einstellung“ hat. Oder man kann seine literarische Qualität analysieren und dann daraus die epistemologischen Schlüsse ziehen, ohne eine Gegenbildlichkeit aufzumachen. Das wäre dann Literaturkritik.

Thomas Wörtche

Veit Etzold: Dark Web. Wenn alles umsonst ist, bist Du der Preis. Roman. München: Droemer 2017, 569 Seiten, € 9,99

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