Posted On 15. April 2017 By In Bücher, Crimemag With 505 Views

Roman: Andreas Pflüger: Operation Rubikon

51V5BnvW-0L._SX309_BO1,204,203,200_Wenn die Mafia mitregieren will

Ein Maulwurf im BKA, verdeckte Ermittler im Einsatz bei mafiösen Banden, Feuergefechte mit vielen Toten, eine kriminelle „Spätzle-Schiene“ im Kanzleramt: Andreas Pflüger dreht im 800 Seiten starken Thriller „Operation Rubikon“ das ganz große Rad. Von Peter Münder.

Bei einem Waffen-Deal in Polen werden zwei italienische Mafia-Bosse umgebracht, nachdem die Übergabe an russische Waffenschieber aus dem Ruder gelaufen war: Irgendwer hat den von verdeckten Ermittlern begleiteten Deal verraten, die deutschen BKA-Leute können sich gerade noch retten. Das eigentliche Problem ist aber, dass danach die große Waffenlieferung an ein bolivianisches Drogenkartell, die über den Rostocker Hafen abgewickelt werden soll, auffliegt: Vor dem Zugriff explodiert ein Container, es gibt etliche Tote. Für BKA-Präsident Richard Wolf, der im Zentrum von „Operation Rubikon“ agiert, ein gigantisches Desaster: Wie soll er in seinem Riesenapparat den Maulwürfen auf die Spur kommen, die sich bei ihm eingenistet haben? Dass man ihm seine völlig entfremdete, verstoßene Tochter Sophie als Oberstaatsanwältin der Generalbundesanwaltschaft ins Nest gelegt hat, ist für ihn noch die geringste Sorge: Wem kann er noch trauen, wenn es überall undichte Stellen gibt und sogar der Innenminister ein ganz dubioser Player ist? So entsteht die von Wolf zusammengewürfelte Geheimoperation „Rubikon“, in der natürlich auch noch ein Rest von Mißtrauen herumwabert – wer ist denn überhaupt noch loyal und vertrauenswürdig? Das erweist sich dann erst bei Attentatsversuchen auf Wolf, bei Operationen gegen das bolivianische Kartell, bei einem tolldreisten Putschversuch der schwäbischen „Spätzle-Mafia“, die vom skrupellosen ehemaligen Schatzmeister Krupka dominiert wird. rafDer hatte während der Jagd auf RAF-Terroristen mit schwarzen Kassen den Wahlkampf der konservativen  Skandalpartei finanziert und will mit seinen erpressbaren Spezis nun das Geldwäschegesetz „novellieren“, was die direkte Unterwanderung durch mafiöse Banden von Drogen- und Waffenhändlern ermöglichen würde.

Darin erweist sich die große Klasse von Pflüger: Er reiht in diesem zuerst 2004 veröffentlichten Thriller nicht einfach reißerisch explodierende Szenen zwischen Berlin und Bolivien aneinander, sondern behält die Meta-Ebene im Blick: Was wäre, wenn die an den Hebeln der Macht sitzende Politkaste selbst mafiös ist und tatsächlich über Leichen geht, um alle bisher akzeptierten Regeln außer Kraft zu setzen ?       

„Meine Familie sind nicht die Corleones, es ist das BKA…“

Fünf Jahre hat der Drehbuchautor Andreas Pflüger, 60, an diesem Stoff gearbeitet, über tausend Seiten mit Notizen hat er nach ausführlichen Gesprächen mit dem ehemaligen BKA-Präsidenten Zachert angefertigt. Der hatte berichtet, dass zu seiner Amtszeit der BKA-Präsident tatsächlich zum politischen Beamten mutieren sollte und bei unbotmäßigem Verhalten jederzeit ausgebootet werden konnte. Das war Pflügers Grundidee für den Plot, außerdem hat er ein Faible für den Coppola-Streifen „Der Pate“ und dessen Familienstruktur: „Nur ist meine Familie Corleone keine Verbrecherfamilie, sondern meine Familie heißt BKA“, erklärte er. Es gibt also den Patriarchen Wolf, seine verstoßene Tochter und zwei bka1BKA-Agenten-„Söhne“: Von denen ist einer sein eigenes Leben aufopfernde treue Gefährte und der andere ein Verräter. Der harte, selbstkritisch für klare Verhältnisse kämpfende Wolf ist eine wunderbar komplexe, vielschichtige Figur, die in keins der üblichen Raster passt, was für seine störrische Juristen- Überflieger-Tochter Sophie auch zutrifft. Die hat bei ihrem ersten großen Fall nicht nur die von mafiösen Kartellen ausgehenden Gefahren richtig einzuschätzen, sondern muss ihren Profilierungsdrang, das gnadenlose Power Play mit spöttischen Macho-Typen, die eine Jungdynamikerin in einer Führungsposition nur grotesk und aberwitzig finden, richtig justieren. Fehlentscheidungen, die auf profilsüchtigem „Euch werde ich es zeigen“ basieren, liegen bei dieser Konstellation auf der Hand.

„Tatort“-Autor Pflüger weiß natürlich, wie man Budenzauber und Rambazamba mit James Bond-Elementen zum ultimativen Kick hochkitzelt – das hat  er jetzt ja auch im Thriller „Endgültig“ gezeigt, dessen blinde Agentin Jenny Aaron sich  im 007-Stil durchkämpft – was von Tobias Gohlis ganz zu Recht als „deutsche Antwort auf James Bond“ gelobt wurde. Aber Pflügers Motto „Es muß doch mehr als alles geben“ gilt eben auch für seine subtilen, komplexen Psychogramme, für verästelte Sub-Plots, die sich sozusagen subkutan entwickeln. Und nebenher lässt er uns noch souverän als kritischer „Sachbearbeiter“ und „Behördenversteher“ eintauchen in einen gigantischen Beamten-Apparat, in dem kaum jemand noch die Übersicht behält – bis auf das Rubikon-Quartett mit dem alten Haudegen Wolf an der Spitze. Die Ermittlungen zu all den Intrigen, Täuschungsmanövern und Putschversuche im internen Apparat reichen zurück in eine Vergangenheit, die von gefälschten Akten und Lebensläufen verschleiert wird – hier werden eben keine diffusen Verschwörungstheorien zusammengerührt, sondern ein knallharter Plot als eiskaltes Kalkül mit viel Spannung und Tiefgang durchgezogen. Einfach grandios!

Peter Münder

Andreas Pflüger: Operation Rubikon. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 799 Seiten, 14,95 Euro.

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