Posted On 28. Februar 2015 By In Bücher, Crimemag With 2359 Views

James Lee Burke: Sturm über New Orleans

James Lee Burke Sturm über New OrleansRoman aus einer Kriegszone

– Der Erfolg von James Lee Burkes „Regengötter“ hat schöne Konsequenzen: Das deutschlesende Publikum darf sich endlich an „Sturm über New Orleans“ erfreuen, einem Buch aus der Dave-Robicheaux-Serie aus dem Jahr 2007. Kein bisschen gealtert und immer noch ein wichtiges Buch, findet Alf Mayer.

An die 30 Plünderer habe er in New Orleans in den Nachwehen des Hurrikans Katrina erschossen, prahlte der Scharfschütze und Navy SEAL Chris Kyle, der gerade von Clint Eastwood in dem Oscar-nominierten „American Sniper“ zum Helden verklärt wird – aber das werden Sie dieser Tage, da der binnen kürzester Zeit schon erfolgreichste Kriegsfilm aller Zeiten in unsere Kinos kommt, kaum irgendwo lesen. (Mehr zu diesem Film hier nächste Woche.) Im Irak hatte Kyle offiziell 160 „Wilde“ – „savages“ & „ragheads“ – erlegt, 255 nach eigener Ansage, in New Orleans waren es dann Schwarze. Der sich immer nah beim Herrgott fühlende weiße Texaner, wiedergeboren im rechten Glauben wie sein Bushpräsident, betonte zeitlebens, jederzeit guten Gewissens vor seinen Schöpfer treten zu können. Die Gelegenheit bot sich früher als ihm lieb war, aber das ist eine andere Geschichte; ich erlaube mir klammheimliche Freude über manchmal doch ausgleichende Gerechtigkeit.

Auch Dave Robicheaux dürfte eine Kerze angezündet haben, er und sein Schöpfer James Lee Burke kennen ihr Altes und Neues Testament. Dave und sein in solch klandestinen Dingen gut vernetzter Freund Clete Purcell hatten schon damals eine Ahnung: „Wir hörten Gerüchte, dass Eliteeinheiten, Special Forces, Rangers oder Navy SEALs unter schwarzer Flagge Heckenschützen ausschalteten. Wir hörten, dass ein Alligator im ersten Stock eines überfluteten Hauses am Industrial Canal einen Hirsch gefressen haben sollte …“ So heißt es auf Seite 73 von „Sturm über New Orleans“ aus dem Jahr 2007; aber erst einmal gilt es, eine Vermisstenakte feierlich zu schließen.

bruke crusaderEin Autor, lange vermisst

Zwölf Jahre war er verschwunden. Abgetaucht. Ad acta gelegt. Zwölf verdammte Jahre wurde kein Roman von James Lee Burke in einem deutschen Verlag veröffentlicht. Ein zweifacher Edgar-Preisträger. Wahrlich kein Ruhmesblatt. Hoffentlich schämten sich ein paar Verlagsnasen, während wir anderen uns daran freuten, dass der Deutsche Krimi-Preis 2015 in der Sparte International an „Regengötter“ ging, und zwar eindeutig, mit weitem Vorsprung vor Liza Cody und Oliver Harris. Im deutschen Feld lagen die Preisträger enger beisammen, James Lee Burke hat sie alle an Jurystimmen übertroffen. Überragt ja auch tatsächlich das Feld.

Dennoch brauchte und braucht es Mut, diesen Autor, der im Dezember 78 wurde, unermüdlich schreibt, ungebrochen produktiv ist, wieder bei uns zu etablieren. Eigentlich müssten diesen Zeilen jetzt gerade fette Schiffshörner unterlegt sein, wie man sie von den großen Dampfern bei der Hafeneinfahrt hört, denn mit James Lee Burke legt ein geradezu majestätisch guter Autor wieder bei uns an. Sein literarischer Rang ist unbestritten.

Der erste Schiffshornstoß gilt Markus Naegele, der für die im Oktober 2014 erschienenen „Regengötter“ beim Heyne Verlag seinen Kopf hingehalten hat (CM-Besprechung). Das zweite Schiffsignal geht Richtung Bielefeld. Dort, beim Pendragon-Verlag, ist mit 576 Seiten backsteindick gerade der erste Dave-Robicheaux-Roman seit 1993 erschienen. In Deutschland, wohlgemerkt. Schande auf Memmen, Ignoranten und Pfeffersäcke. Zuhause ist James Lee Burke all die Jahre mit seiner Figur unterwegs gewesen, er begleitet seinen Südstaaten-Polizisten nun schon 20 Bücher lang. Nur zwölf von ihnen sind bisher übersetzt. Der jüngste Robicheaux-Roman „Light of the World“ von 2013 hatte 548 enge Seiten in der Originalausgabe, eine deutsche Ausgabe wird locker auf 250 Seiten mehr kommen. Die vom 2011 verstorbenen Georg Schmidt besorgte Übersetzung von „Tin Roof Blowdown“ lag Jahre in der Schublade. Weitere Daves sollen bei Pendragon folgen. Ich weiß von „Neon-Regen“ und „Dixie City Jam“. KRIMI MACHEN 2, der Kongress in Frankfurt, trägt hier gewisse Früchte.

burke black cherry vgdBiblischer Zorn

Nun also James Lee Burke und „Sturm über New Orleans“ aus dem Jahr 2007, ein dem Autor wichtiger Roman. Es geht um Hurrikan Katrina & New Orleans – um eine Stadt, die mehr als nur im Stich gelassen, ja deren schwarzer Bevölkerung, siehe oben, geradezu der Krieg erklärt wurde. (Weiter unten dazu mehr.) Biblischer Zorn ergreift James Lee Burke, wenn die Rede auf das Thema kommt. Als ich ihn für eine Vorbemerkung zur deutschen Ausgabe von „Tin Roof Blowdown“ ansprach, sagte er mir – so steht es jetzt auch in seinem „Gruß an meine deutschen Leser“:

„Was damals in New Orleans geschah, das war nicht nur eine Naturkatastrophe, das war das größte Versagen einer Regierung, der denkbar größte Verrat an der eigenen Bevölkerung. Es war ein Verbrechen. Eine nationale Schande. Eine Wunde, die in den Geschichtsbüchern auf immer festgehalten bleiben wird. Manche sagen, dies sei mein politischstes Buch. Sicher ist es mein wütendstes. Nichts davon habe ich zurückzunehmen.“

Bei Marcus Müntefering äußerte Burke sich vor kurzem noch härter: „The abandonment of New Orleans by the Bush administration during Katrina was, in my opinion, the greatest crime comitted in our country’s history, with exception of the attacks on 9-11.“ (zum Interview). In der Zeit von Katrina arbeite Burke an „Pegasus Descending“, es dauerte bis Ende Januar 2006, ehe er – immer noch geschockt von den Ereignissen – im Epilog des dann im Juli 2006 erschienenen Robicheaux-Romans auf die Verheerungen einging, seine beiden Helden wenigstens einen kleinen Lichtstreif am Horizont sehen ließ:

„But as Clete suggested, you don’t surrender the country of your birth to either the forces of greed or natural calamity. The songs in our hearts don’t die. The spring will come aborning again, wether we’re here or not. Clete Purcell always understood that and as a consequence was never defeated by his adversaries.“

Robicheaux, der dunklere Charakter des Gespanns, würde nie die Stimmen der im Stich Gelassenen vergessen können, jene Sammlung aufgefangener Notrufe, von Dachböden und Hausdächern, all die Verzweiflung, als das Wasser stieg und zu wenig Hilfe kam, heißt es in der Schlussbemerkung.

Der Epilog ist auf einen bestimmten Tag datiert, selten genug bei Burke – der sich in jedem Buch jede Freiheit nimmt, wie er an Früheres anknüpft oder aus der Vergangenheit erzählt, was schon manchen Fährtensucher zur Verzweiflung trieb. Burke schreibt ohne Outlines, er ist kein Buchhalter seiner selbst, ihm ist wichtiger, wohin die Stimmung ihn und seine Protagonisten treibt. Er ist kein Uhrwerksmechaniker, er ist Maler. Seine Bücher haben stets viel Himmel. In den wunderbarsten Farben.

burke_Jesus out to SeaJesus, aufs Meer geschwemmt

Am 29. Januar 2006, als der Ich-Erzähler Dave sein „Pegasus Descending“ abschließt, liegt die Zahl der Todesopfer in New Orleans bei über 1000, offiziell vermisst werden noch 3400 Menschen. Ein guter Nachrichtenmann, ein guter Schriftsteller, gibt seine Stimme denen, die keine haben, sagte James Lee Burke einmal. Für New Orleans & Katrina fühlte er sich geraume Zeit zu klein. „Ich habe nicht geplant, darüber zu schreiben. Ich fühlte mich dem nicht gewachsen. Ich dachte, diese Geschichte ist vermutlich zu groß für dich.“

Als das Magazin „Esquire“ bei ihm für eine Kurzgeschichte anfragte, schrieb er „Jesus Out to Sea“ (Jesus, aufs Meer geschwemmt). Sie erschien im März 2006. In einer mit seinem Hausverlag Simon & Schuster ohnehin verabredeten Kurzgeschichtensammlung avancierte sie zur Titelgeschichte, das Cover zeigte einen überfluteten Friedhof. Es war eine der allerersten fiktionalen Bearbeitungen der Katastrophe. Das Buch erschien am 5. Juni 2007. Motive aus dem 32 Tage später herausgekommenen „Tin Roof Blowdown“ scheinen darin bereits auf: Die Vergleiche mit dem Vietnamkrieg, ein ausgeplünderter mächtiger Gangster, der auf einem Baum im Wasser treibende Priester, ein Baby in Windeln, Gestank überall, eine vorbeischwimmende Christusfigur, die Erinnerungen an frühere Zeiten. „New Orleans was a poem, man, a song in your heart that never died“, sagt der Erzähler.

„New Orleans war ein Song gewesen, keine Stadt. Wie San Francisco gehörte sie nicht zu einem Staat, sie gehörte einem Volk“, heißt es in Kapitel 19 von „Sturm über New Orleans“. James Lee Burke wollte, meinte er später, „die Geschichte so gut es nur ging, mit den Augen meiner Charaktere erzählen, mit denen ich nun schon so lange zusammen bin“. James Lee Burkes großer Roman über Katrina & New Orleans war sein 16. Buch mit Dave & Clete. „Tröstlich“ nannte er es mir gegenüber, „sie an der Seite zu haben, als ich mir den Schmerz, den Schock und die Schande von Katrina ein wenig von der Seele schrieb.“

burke creole belleAls hätten die Vögel keinen Platz zum Landen

In „Pegasus Descending“ liegt Clete angeschossen im Krankenhaus, als Katrina wütet. In „Tin Roof Blow Down“ ist davon keine Rede mehr, Clete arbeitet für einen Kautionszusteller und will noch einen Job erledigen, eher er sich erweichen lässt, vielleicht die Stadt zu verlassen und bei Dave ins sichereren Iberia unterzuschlüpfen. Dave fährt schließlich nach New Orleans hinein, um ihn zu holen – dann sind beide mitten drin. Mitten im Sturm, mitten in Gewalt, Verbrechen, Anarchie. Zwei schwarze junge Plünderer wurden erschossen, ein dritter grausam zu Tode gefoltert, die drei hatten einen sadistischen Gangster ausrauben wollen, haben vielleicht die Tochter eines Versicherungsmannes vergewaltigt. Daves Familie wird von einem Soziopathen terrorisiert, in der überschwemmten und verwüsteten Stadt regiert das Faustrecht, während die Menschen Fürchterliches erleiden.

Durch eine apokalyptische Landschaft fährt Dave in die Stadt hinein, die Zuckerrohrfelder niedergewalzt, die Straßen von Schlamm überkrustet, die Vögel schreiend am Himmel, als hätten sie keinen Platz zum Landen mehr. Einen Anblick notiert Dave, „den ich niemals vergessen werde und der für mich zum Sinnbild all dessen wurde, was ich in New Orleans, Louisiana, am Montag, den 29. August, im Jahr des Herrn 2005 erlebte. Der Leichnam eines fetten Schwarzen trieb, bäuchlings im Wasser schaukelnd, vor einer Verpfählung. Sein Sonntagsanzug hatte sich mit Luft ausgebläht, die Arme waren zu beiden Seiten ausgestreckt. Schmutzig gelber Schaum, von unseren Reifen, aufgewirbelt, schwappte über seinen Kopf. Die Leiche sollte mindestens drei Tage dort bleiben.“

Jim with Love That Santa Fe (Fotoquelle: http://jamesleeburke.com

Jim with Love That Santa Fe (Fotoquelle: jamesleeburke.com)

Burke hielt sich nicht in Louisiana auf, als Katrina wütete, aber er hatte schon Stürme erlebt, nein: durchlebt, einmal 1957 auf einem Bohrschiff vor Galveston, während Hurrikan Audrey wütete, der über 400 Tote forderte. „Jeder, der einen Hurrikan überstanden hat, musste so viel Terror aushalten, wie ein Mensch es kaum ertragen kann. Eine furchtbare Erfahrung, etwas, das dir auf immer in den Knochen sitzt.“ James Lee Burkes eigenes Erleben wird zu dem von Dave Robicheaux, hier nur das erste Fünftel seiner Schilderung des Sturms:

„Ein Hurrikan lässt sich nicht so leicht beschreiben, ebenso wenig wie das Feuerwerk bei einem B-52-Angriff im Zielgebiet. Ich habe Überlebende von Letzterem gesehen. Sie leiden derart, dass man es nicht miterleben möchte. Sie weinen und geben Maunztöne von sich. Ihre Worte sind unverständlich. Ich habe immer vermutet, dass sie sich einer Gruppe angeschlossen haben, die in der Bibel als Gefangene des Himmels bezeichnet wird, auf eine Art und Weise gesalbt, gegen die sich die meisten von uns wehren würden, selbst wenn wir erkennen würden, dass es der Finger Gottes ist, der unsere Stirn berühren will.

Ein Hurrikan der Kategorie 5 besitzt eine Sprengkraft von der mehrfachen Stärke der Atombombe, die 1945 auf Hiroshima abgeworfen wurde. Aber anders als Massenvernichtungswaffen von Menschenhand schafft ein Hurrikan ein Umfeld, das sich unsere Naturgesetze gefügig macht. Zunächst wird die Luft giftig grün und so dicht, dass man sie regelrecht greifen kann. Blitz und Donner stellen sich fast wie verlässliche Freunde ein, verklingen dann im Äther, als ginge nur ein kurzer Sommerschauer nieder. Regenringe sprenkeln die Dünung zwischen den weiß gekrönten Wogen, und der Wind riecht nach Salzgischt und hartem Sand, der sich in der Sonne aufgeheizt hat. Man fragt sich, ob all die Vorbereitungen und Warnungen nicht viel Lärm um nichts gewesen sind.
Dann scheint die Flut vom Land zurückzuweichen, als hätte sich mitten im Golf ein riesiger Abfluss aufgetan …“

burke dixie citySchlimmer als 9/11

Mit bis zu 280 Stundenkilometern fegte Katrina Ende August 2005 über Meer und Land, forderte mehr als 1866 Menschenleben, richtete Schäden von über 125 Milliarden Euro an, setzte 80 Prozent des Stadtgebietes von New Orleans bis zu 7,60 Meter tief unter Wasser. Die wirtschaftlichen Schäden übertrafen die der Anschläge von 9/11 bei weitem. Vier Jahre nach dem Anschlag von New York und mitten im Irakkrieg Bushs wirkten die Fernsehbilder aus New Orleans wie ein Schock. Unfassbare Zerstörung, hilflose Menschen auf Dächern, erbärmliche Flüchtlingskolonnen – und als Regierungs-Geste martialisches Militär und Nationalgarde. Es wirkte, als ob der ferne Krieg plötzlich im eigenen Land angekommen war. (Siehe dazu auch den CM-Artikel zu Ferguson.)

War er auch, in gewissem Sinne. Die Überflutungskatastrophe war von Wissenschaftlern längst vorausberechnet, es war ausreichend gewarnt worden. Aber über Jahre wurden Bundesmittel gestrichen, die Reagan-Regierung unterminierte im Namen der unternehmerischen Freiheit systematisch das Gemeinwesen. Als es darauf ankam, wurden Evakuierungspläne nicht in Kraft gesetzt. Ein Hurrikan der Stufe 3 hätte den „Southeast Louisiana Hurricane Evacuation and Sheltering Plan“ vom Januar 2000 und eine Zwangsevakuierung auslösen sollen. Aber nichts geschah, Hunderte von Schulbussen versanken ungenutzt in den Fluten. Eine Million Menschen wurden obdachlos, alle Versorgung brach zusammen.

Mehrere hundert kommunale Polizisten verließen ihre Posten, sie waren damit für den Zusammenbruch der Sicherheitslage mitverantwortlich, sollen sich sogar in Einzelfällen an Plünderungen beteiligt haben. Weitgehend passiv blieb die Gouverneurin Kathleen Blanco, Präsident Bush schaute am dritten Tag auf dem Rückflug von seiner Ranch kurz vorbei, hielt, wie die „New York Times“ fand, eine der schlechtesten Reden seiner Amtszeit, grinste in die Kameras und scherte sich ansonsten wenig. Was aber ging, war die Gesetze in den Staaten Louisiana und Mississippi so zu biegen, dass der Ausnahmezustand erklärt und das Kriegsrecht verhängt werden konnte, was die Gesetze der beiden Staaten eigentlich nur im tatsächlichen Kriegsfall zugelassen hätten. Dennoch wurde in der Stadt New Orleans am 1.September 2005 das Kriegsrecht verhängt, die Gouverneurin von Louisiana forderte die Nationalgarde auf, Plünderer zu erschießen.

burke electricjpgFeuer frei für Blackwater & Co.

Die Evakuierung des Superdome, wo viele tausend Menschen Zuflucht gefunden hatten, wurde ausgesetzt, nachdem angeblich ein Hubschrauber beschossen worden war. Solche Berichte wurden zwar wieder dementiert, aber Stimmung und Richtung waren klar. Da wütete ein schwarzer Mob – und auf den hatten Leute wie Chris Kyle, der „American Sniper“, Feuer frei. Noch vor Nationalgarde und Militär waren Blackwater und andere private „Sicherheitsdienste“ bereits in der Stadt aktiv, um die Liegenschaften einiger Wohlhabenden zu schützen. Jeremy Scahill, den wir später als Autor von „Schmutzige Kriege. Amerikas geheime Kommandoaktionen (Dirty Wars: The World is a Battlefield) lesen konnten, war vor Ort (dazu AM bei CM). Er sprach mit diesen Söldnern, die in unmarktierten SUVs herumfuhren, aufgerüstet waren wie im Irakkrieg, ihr Hauptquartier an der Ecke von St. James und Bourbon eingerichtet hatten und stolz berichteten, sie seien von der Homeland Security „deputisiert“, zu Verhaftungen ebenso ermächtigt wie zum Einsatz tödlicher Gewalt:

„Blackwater set up an HQ in downtown New Orleans. Armed as they would be in Iraq, with automatic rifles, guns strapped to legs, and pockets overflowing with ammo, Blackwater contractors drove around in SUVs and unmarked cars with no license plates. When asked what authority they were operating under, one guy said, ‚We’re on contract with the Department of Homeland Security.‘ Then, pointing to one of his comrades, he said, ‚He was even deputized by the governor of the state of Louisiana. We can make arrests and use lethal force if we deem it necessary.‘ The man then held up the gold Louisiana law enforcement badge he wore around his neck. The Blackwater operators described their mission in New Orleans as „securing neighborhoods,“ as if they were talking about Sadr City. When National Guard troops descended on the city, the Army Times described their role as fighting „the insurgency in the city.“ Brigadier Gen. Gary Jones, who commanded the Louisiana National Guard’s Joint Task Force, told the reporter, „This place is going to look like Little Somalia. We’re going to go out and take this city back. This will be a combat operation to get this city under control.“

burke feast daypgGuantanamo in New Orleans

New Orleans als Kriegsgebiet, als Little Somalia. Das Kriegsrecht machte den Übergang fließend vom Krieg gegen die Armen und Verzweifelten zum Krieg gegen den Terror. Dave Eggers erzählt in „Zeitoun“ (2011) von einem syrischen Einwanderer, der in New Orleans bleibt, um sein Eigentum zu beschützen, Leuten hilft und manche mit einem Kanu rettet, bis er von vermummten Schwerbewaffneten ergriffen und im Camp Greyhound interniert, dort wie ein Terrorist verhört wird. „Guantanamo in New Orleans“, betitelte Die Zeit ihre Besprechung. Dave Eggers meinte über sein Buch:

„Zeitoun was among thousands of people who were doing „Katrina time“ after the storm. There was a complete suspension of all legal processes and there were no hearings, no courts for months and months and not enough folks in the judicial system really seemed all that concerned about it. Some human-rights activists and some attorneys, but otherwise it seemed to be the cost of doing business. It really could have only happened at that time; 2005 was just the exact meeting place of the Bush-era philosophy towards law enforcement and incarceration, their philosophy toward habeas corpus and their neglect and indifference to the plight of New Orleanians.“

Nicht wenige republikanische Politiker wehrten sich in der Folgezeit gegen Hilfs- und Aufbaumaßnahmen für die zerstörte Stadt. Zuschüsse für die Instandsetzung von Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser wurden verschleppt. Drei Jahre später lebten von den ursprünglichen 450.000 Bewohnern noch 120.000 irgendwo in den USA, die meisten von ihnen in Notunterkünften. In New Orleans stiegen die Mieten um 50 Prozent und mehr. Mit den Dämmen brachen viele andere Hemmungen, eine Stadt entzog dem armen Teil ihrer Bevölkerung den Lebensraum – eine große, hässliche Säuberung. Siehe dazu auch Christian Jakob & Friedrich Schorb: Soziale Säuberung. Wie sich New Orleans seiner Unterschicht entledigt (Unrast-Verlag, Münster 2008).

burke light of the worldfEin zweites Bagdad

Bei James Lee Burke wird das zerstörte New Orleans zu einem archetypischen Ort, zu einem Schauplatz jenes gesellschaftlichen Konflikts, den Burke wieder und wieder in seinen Romanen dekliniert: die Schwachen gegen die Mächtigen. 70 Jahre alt war er bei Erscheinen des Roman, in einem Interview betonte er: „Das wird sich nie mehr ändern bei mir. Ich traue Leuten nicht, die Macht und Autorität über andere wollen. Zu denen halte ich Abstand soweit es nur geht.“
Aus dem sieht man bekanntlich besser. Noch einmal Burke:

„New Orleans wurde systematisch zerstört, und dieses Zerstörungswerk begann Anfang der 1980er Jahre, als die Bundesmittel für die Stadt um die Hälfte gekürzt wurden und gleichzeitig zu Crack verbackenes Kokain Einzug in die Wohlfahrtsviertel hielt. Dass man es versäumt hat, vor Katrina die Deiche zu reparieren und hinterher Zehntausende von Menschen ihrem Schicksal überließ, hat Ursachen, die ich andere ergründen lassen will. Aber meiner Ansicht nach steht unwiderruflich fest, dass wir mitangesehen haben, wie eine amerikanische Stadt an der Südküste der Vereinigten Staaten zu einem zweiten Bagdad wurde. Wenn in unserer Geschichte jemals etwas Ähnliches vorgefallen ist wie das, was New Orleans widerfuhr, ist es mir entgangen“, sinniert Dave Robicheaux im Epilog.

PS: Kriminalromane aus New Orleans nach Katrina, das ist zu einem Topos geworden. James Lee Burke setzte den Eckstein, er war der Erste, vielleicht der Berufenste. Viel Herzblut spricht aber auch aus Sara Gran und ihrer „Stadt der Toten“ (von 2011), sie räumte damals 2005 ihre Wohnung und kehrte wieder zurück (zur CM-Rezension). Der interessante Bill Loehfelm hat ein angeknackste Polizistin, die nun schon zwei Romane in New Orleans verbringt („The Devil in Her Way“ und „Doing the Devil’s Work“). Zu Endzeitmetaphern greift Joy Castro mit „Hell or High Water“, ebenso wie Ethan Brown in seinem non-fiktionalen „Shake the Devil Off. A True Story of the Murder That Rocked New Orleans“. Eine Liste von Katrina-Bearbeitungen findet sich hier, eine noch längere von Romanen und Kriminalromanen, in denen die Stadt eine Rolle spielt, hier.

Alf Mayer

Die Dave-Robicheaux-Romane:
The Neon Rain, 1987, Neonregen, dt. von Hans H. Harbort; Ullstein 1991
Heaven’s Prisoners, 1988, Blut in den Bayous, dt. von Jürgen Behrens; Ullstein 1991; auch als Mississippi-Delta – Blut in den Bayous, gleiche Übersetzung, Ullstein 1996
Black Cherry Blues, 1989, Black Cherry Blues, dt. von Ulrich von Berg; Ullstein 1992
A Morning for Flamingos, 1990, Flamingo, dt. von Oliver Huzly; Goldmann 1993
A Stained White Radiance, 1992, Weißes Leuchten, dt. von Oliver Huzly; Goldmann 1994
In the Electric Mist with Confederate Dead, 1993, Im Schatten der Mangroven, dt. von Oliver Huzly, Goldmann 1996
Dixie City Jam, 1994
Burning Angel, 1995, Im Dunkel des Deltas, dt. von Georg Schmidt; Goldmann 1998.
Cadillac Jukebox, 1996, Nacht über dem Bayou, dt. von Georg Schmidt; Goldmann 1999
Sunset Limited, 1998 , Sumpffieber, dt. von Christine Frauendorf-Mössel; Goldmann 2000
Purple Cane Road, 2000, Straße ins Nichts, dt. von Georg Schmidt; Goldmann 2002
Jolie Blon’s Bounce, 2002, Die Schuld der Väter, dt. von Georg Schmidt; Goldmann 2003
Last Car to Elysian Fields, 2003, Crusader’s Cross, 2005
Pegasus Descending, 2006, The Tin Roof Blowdown, 2007
Sturm über New Orleans, dt. von Georg Schmidt; Pendragon 2015
Swan Peak, 2008, The Glass Rainbow, 2010
Creole Belle, 2012, Light of the World, 2013

Die Billy-Bob-Holland-Reihe:
Cimarron Rose, 1997, Dunkler Strom, dt. von Georg Schmidt; Goldmann 1999
Heartwood, 1999, Feuerregen, dt. von Georg Schmidt; Goldmann 2002
Bitterroot, 2001, Die Glut des Zorns, dt. von Georg Schmidt, Goldmann 2004
In the Moon of Red Ponies, 2004

Die Hackberry-Holland-Reihe:
Lay Down My Sword and Shield, 1971
Rain Gods, 2009, Regengötter, dt. von Daniel Müller; Heyne 2014
Feast Day of Fools, 2011

Andere:
Half of Paradise, 1965
To The Bright and Shining Sun, 1970
Two for Texas (Western), 1982
The Convict (Erzählungen), 1985
The Lost Get-Back Boogie, 1986
White Doves at Morning, 2002
Jesus out to Sea (Erzählungen), 2007
Wayfaring Stranger, 2014

Hinweise:
„But there’s an even harsher truth, one some New Orleans residents learned in the very first days but which is only beginning to become clear to the rest of us: What took place in this devastated American city was no less than a war, in which victims whose only crimes were poverty and blackness were treated as enemies of the state.“ Artikel in Mother Jones, 2009.
Jeremy Scahill: „Blackwater Down“.
Die Bush-Rede: Waiting for a leader.
It Was as if All of Us Were Already Pronounced Dead.“

Und die ultimative Serie zum Thema – Treme

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