Posted On 3. Juni 2017 By In Litmag, News, Reise Special 2017 With 537 Views

Reisespecial 2017: Drei Wüstenschriftsteller: Aicher, Abbey, Bowden

c9703fbfb0d5d5439443d449f29aceecDie Wüste lebt – über drei Wüstenschriftsteller

Otl Aicher, Edward Abbey und Charles Bowden

Drei Autoren sind es, die mir – jenseits von Karl May und T.E. Lawrence – die Liebe zur Wüste lehrten. Einige ihrer Bücher seien hier kurz vorgestellt. Mein erster Wüstenausflug begann als junger Journalist auf einer Wiese mit japanischen Atelierhäusern im Allgäu. Otl Aicher, den zu kennen und als Mentor gehabt zu haben ich mich glücklich schätze, zeigte mir die Fahnen seines Herzens-Buches „gehen in der wüste“. Oft hatte er mir von seinen Wüstenfahrten erzählt, jetzt verdichtete er das zu einem Buch (S. Fischer, 1982). Längst ist es ein Klassiker der Wüstenliteratur. 

wüste_otl aicher_81mfq6W8zGLDer radikale Grafiker und Gestalter, der zusammen mit Max Bill die Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) gegründet und für die Olympiade 1972 in München die Piktogramme erfunden hatte, liebte die Wüste als Denklandschaft, zog sich gerne dorthin zurück. „Ist mein Jungbrunnen“, sagte er immer. Der westdeutschen Gesellschaft war er, mit Inge Aicher-Scholl verheiratet, deren Bruder und Schwester von den Nazis als „Weiße Rose“ ermordet wurden, eher fern. Die Sahara, die Gobi, die Namib, das radikal Einfache, das brachte er mir nah. Er war eine asketische Erscheinung, vielleicht sogar so etwas wie ein Zen-Meister. Er schrieb stets ohne Großbuchstaben: „in die wüste zu gehen ist in den hochkulturen ein akt der reinigung, selbstvermessung, der verhaltensdisziplin und der schärfung des denkens. jede zivilisation vernachlässigt den körper. wir leben wie tiere, die nie aus dem stall herauskommen.“

Der Umschlagtext seines A4-großen Buches hält sich knapp: „Vor Jahren musste ich einmal ein Stück Wüste durchqueren, das kann einen für sein ganzes Leben fesseln. Ich habe damals den schönsten Ort der Erde gefunden, den ich kenne, mitten in der Wüste, so fing es an. Die Faszination ist geblieben.“

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Überall schon da gewesen, egal wie abgelegen

Mich selbst traf der Wüstenblitz, als ich 1984 bei Sonnenuntergang auf dem Tafelberg der Dritten Mesa stand, im Hopi-Land, am Rand von Oraibi, der ältesten noch bewohnten Siedlung Nordamerikas (seit 1100 n. Chr.), und es nicht fassen konnte, wie weit man in der Wüste tiefenscharf sieht. Wie heilig das ist. Gute 180 Meilen waren es an diesem Abend, purpurgolden standen die Vermillion Cliffs zum Greifen nah in der Sonne. Heute noch kommt Gänsehaut, so sehr hat sich das eingebrannt. Ich war damals mit einem Freund aus Albuquerque unterwegs, Uni-Assistent und Outdoor-Man. Wir machten ein paar Gipfel im amerikanischen Südwesten. In jedem verdammten Gipfelkreuzbuch, meist in einer wetterbeständigen und nagetierfesten Kiste verwahrt, fand sich der immer gleiche Name, den Jeff mir mit stets größter Ehrfurcht zeigte, als wären wir auf seinen Spuren: Edward „Ed“ Abbey. Überall schon da gewesen, so abgelegen und einsam der Platz auch war.

Längst weiß ich mehr über ihn, habe alles, was er je veröffentlicht hat. Er ist der Wüstenphilosoph schlechthin, aber bei uns unbekannt. Einen Wüsten-Anarchisten nannte er sich selbst. Edward Abbey (1927 – 1989) hat das allerschönste, das allerreinste Buch über die Wüste geschrieben, das ich kenne – es macht überhaupt nichts, dass es jetzt erst fünfzig Jahre später bei uns erschienen ist. Denn es ist der perfekte Verlag dafür, Judith Schalanskis Reihe „Naturkunden“ bei Matthes & Seitz. Dort gehört es hin. Dort steht es richtig. Und ist sogar noch schöner gemacht als die Jubiläumsausgabe der University of Arizona, die ich hüte.

wüste abbey cover-9783957573551wüste abbey solitaire 115976„Desert Solitaire. A Season in the Wilderness. A Celebration of Living in a Harsh and Hostile Land“, heißt das Buch im Original, und ich beneide jeden, der diesem Buch zum ersten Mal begegnet. Weil sich da eine Welt und eine Sicht auftun, wie sie eben nur die Wüste bietet. Abbey schreibt über seine Zeit als Parkranger im Arches National Park.

„Erst wenn Blut Ihren Weg markiert, werden Sie vielleicht etwas zu sehen bekommen. Eher nicht. Und zweitens ist vieles, worüber ich in diesem Buch schreibe, bereits nicht mehr vorhanden oder geht viel zu rasch unter. Das Buch ist kein Reiseführer, sondern eine Elegie. Ein Denkmal. Sie halten einen Grabstein in der Hand. Ein blödes Stück Fels. Geben Sie acht, dass es Ihnen nicht auf den Fuß fällt – besser, Sie werfen damit auf etwas Großes, Gläsernes. Was haben Sie schon zu verlieren?“, fängt es an.

Und auch er hat gesehen, was Otl Aicher beschrieben hat: „Das ist der schönste Ort auf Erden.
 Orte wie diese gibt es viele. Ob Mann oder Frau, jeder trägt das Bild eines idealen Ortes in seinem Herzen und in seinen Gedanken, das Bild des richtigen Ortes, des einen wahrhaftigen Zuhauses, ob es nun bekannt oder unbekannt ist, echt oder vorgestellt…“. Für Edward Abbey war es Moab in Utah. Nicht das Städtchen selbst, sondern das Land, das es umgibt – das Canyonland. Die Slickrock-Wüste. „Der rote Staub, die ausgeglühten Felswände und der einsamen Himmel – all das, was am Ende der Straße liegt.“

wüste bowden desierto7209Nichts mit sanfter Ruhe 

Charles Bowden lernte ich kennen, als ich 1991 in einer Buchhandlung in Phoenix, Arizona, sein Buch „Desierto“ aufschlug. Dort stand als Widmung:

FOR EDWARD ABBEY
R.I.P.

But I doubt it.

Da wusste ich, den muss ich lesen. Es ist eine lange Freundschaft geworden. Wie Abbey und Aicher ist er ein Autor, zu dem man immer wieder zurückkehren kann. Zurückkehren muss. Charles „Chuck“ Bowden (1945 – 2014) war der große Essayist des Südwestens, das Grenzland zwischen den USA und Mexiko war ihm so etwas wie der Fokus unserer Zivilisation. Unter den Dreien ist er der Spirituellste. Auch der Politischste. Visionärste. Und der mit der engelsgleichen Poesie. Keines seiner 28 Bücher ist bei uns übersetzt, als Einführung empfehle ich den Sammelband „The Charles Bowden Reader“. Zu seinem Nachruf bei CrimeMag geht es hier, zu einem Nachtrag hier.

„Memories of the Future“ lautete der Untertitel von „Desierto“, das Buch ist lyrisch und visionär, ein großer Gesang mit unglaublichen Zeilen. Als wäre er ein Prophet, gerade der Wüste entstiegen und Wahrheiten gesehen und erlebt hat, die wir Irdischen uns anzuschauen scheuen. Bowden, das ist „nature writing“ wie von einem wüste bowden murdercity-thumb-225x343-36441anderen Planeten, und dabei ganz klar immer hier. Seine Bücher scheuen sich nicht vor „la problema“, was der Mensch dem Menschen tut – und der Natur. Wie hirnverbrannt der „War on Drugs“ ist, und was er an Opfern produziert. In gleich mehreren Büchern ist er Undercover-Cops ganz nahe gekommen, in einem anderen  einem Kartell-Auftragskiller („El Sicario“). Für sein grausam hellsichtiges, steinerweichendes „Murder City. Ciudad Juárez and the Global Economy’s New Killing Fields“ zog er in die blutigste Stadt der Welt mit der weltweit höchsten Mordrate, auf ein Schlachtfeld mit mehr Toten als die Kriege in Irak und Afghanistan an „westlichen“ Gefallenen fordern und gleichzeitig ein Vorzeigeort des Freihandels mit über 50 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr, an dem viele Global-Konzerne billig produzieren lassen. (CrimeMag-Besprechung hier.)

Immer wieder hat Charles Bowden in seinen Annäherungen an die Wirklichkeit experimentiert. Zu meinen Schätzen gehören drei schmerzhaft schöne, querformatige Fotobände, alle bei der University of Texas Press erschienen: „Inferno“, „Exodus“, „Trinity“. Sie brennen von Bowdens Leidenschaft für die Wüste: „I want to eat the dirt and lick the rock…“.

Alf Mayer
Alf Mayer macht zusammen mit Anne Kuhlmeyer und Thomas Wörtche die Redaktion von CrimeMag. Zu seinen CulturMag-Texten geht es hier.

Otl Aicher: „Gehen in der Wüste.“ S. Fischer Verlag, 1982. Gestaltung: Otl Aicher. 182 Seiten, viele Fotografien – nur noch antiquarisch erhältlich.

Edward Abbey: Die Einsamkeit der Wüste. Eine Zeit in der Wildnis (Desert Solitaire. A Season in the Wilderness, 1968). Aus dem Amerikanischen von Dirk Höfer. Verlag Matthes & Seitz, 2016. 344 Seiten. 32€.

Charles Bowden: The Charles Bowden Reader. University of Texas Press, 2010. 298 Seiten. $24,95.

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