Posted On 22. November 2014 By In Bücher, Crimemag With 997 Views

Alf Mayers Nachtrag zum Charles-Bowden-Nachruf

Bowden mit MexHut_FotoMollyMolloy

Das hätte Chuck gefallen

Ein Nachtrag zu unserem Nachruf auf Charles Bowden – von Alf Mayer

„Das hätte Chuck gefallen, als Autor serialisiert zu werden wie Dickens“, mailte mir vor einigen Tagen Molly Molloy, die Lebensgefährtin des kürzlich verstorbenen amerikanischen Autors Charles „Chuck“ Bowden. (Zu seinem CM-Nachruf geht’s hier.) Er starb am 31. August dieses Jahres, wenige Tage, nachdem er seine letzte Geschichte Korrektur gelesen hatte. Jetzt ist sie erschienen, zwischen dem 17. und 20. November 2014, als Dreiteiler, prächtig illustriert vom New Yorker Künstler Matt Rota, als ein Musterbeispiel der journalistischen „Longform“, im darauf spezialisierten Onlinemagazin matter, was so viel wie Sache heißt.

Diese letzte Arbeit – an der Bowden übrigens 16 Jahre arbeitete und recherchierte und die ihn auch mit seiner Lebensgefährtin Molly Molloy zusammenbrachte, die während der Contra-Kriege in Nicaragua aktiv gewesen war – versammelt noch einmal alles, was ihn als politisch wie literarisch eminenten Autor der mexikanisch-amerikanischen Grenze ausmacht.

Bowden Blood on the Corn II
„Blood on the Corn“ in drei Teilen

Bowden und Molloy erzählen in ihrer heftigen Geschichte „Blood on the Corn“ vom Schicksal des 1985 gefolterten und ermordeten DEA-Agenten Enrique Camarena. Sie entfächern anhand dieses einzelnen Falles das transnationale Geflecht von Drogen und Politik und sie unternehmen – Bowden war das ein großes Anliegen – eine Ehrenrettung des Journalisten Gary Webb.

Bowden Blood on the Corn IIIGary Who? Der Film „Kill the Messenger“ von Michael Cuesta wird diese Frage bald einer größeren Öffentlichkeit gegenüber beantworten. Gary Webb war der Erste, der Mitte der 1990er Jahre enthüllte, dass und wie die CIA in der Reagan-Zeit mit Drogenschmuggel und Drogenallianzen den illegalen Contra-Krieg in Nicaragua finanzierte. Kokain aus diesen CIA-Quellen überschwemmte damals die schwarzen Ghettos der USA, war für viele soziale Katastrophen verantwortlich. Gary Webb und sein selbst verlegtes Buch „Dark Alliance“, das zuerst als Artikelserie in den San Jose Mercury News erschien, wurden diskreditiert. Viele etablierte Medien halfen mit, den angeblich obskuren Reporter totzuschreiben – selbst noch die Amazon-Seite für das Buch gibt zu diesen Vorgängen erhellende Hinweise. Garry Webb beging unter all diesem Druck Selbstmord. Charles Bowden hatte vergeblich versucht, ihm mit einem Artikel, betitelt „The Pariah“, beizustehen.

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Bowden vergaß die Sache nie. Er recherchierte in all den Jahren Webbs Quellen nach – belegte, dass sie handfest waren – und stieß auf neue Hinweise. Etwa auf den pensionierten DEA-Agenten Hector Berrellez, der 1985 den Mord an seinem Kollegen Enrique Camarena untersucht hatte und dabei ebenfalls auf die geschäftlichen Verbindungen zwischen CIA und Drogenkartellen gestoßen war. „Blood on the Corn“ ist ein beeindruckendes Stück investigativer Journalismus auf hohem literarischem Niveau und eine Verneigung vor einem mutigen Journalisten.

MollyMolloy_BowdensWitweFür uns als Leser ist es darüber hinaus ein letzter Gruß eines großen und wichtigen Autors. Bowden selbst sagte zu seiner Arbeit: „Look you have a gift. Life is precious, and eventually you die. All you are going to have to show for it is your work, and whether you did a good job or not.“

Blood on the Corn von Charles Bowden und Molly Molloy findet sich hier:
Einleitung; Teil eins; Teil zwei; Teil drei.

Zum Blog des Illustrators Matt Rota geht es hier. Zu seiner Website hier.

Zu „Kill the Messenger“ heißt es in der International Movie Data Base:

„Based on the True story of Journalist Gary Webb. The film takes place in the mid 1990s, when Webb uncovered the CIA’s past role in importing huge amounts of cocaine into the U.S. that was aggressively sold in ghettos across the country to raise money for the Nicaraguan Contras rebel army. Despite enormous pressure not to, Webb chose to pursue the story and went public with his evidence, publishing the series ‚Dark Alliance‘. As a result he experienced a vicious smear campaign fueled by the CIA. At that point Webb found himself defending his integrity, his family, and his life.“

Die Hauptrolle spielt Jeremy Renner, zu ihm siehe ein CM-Porträt hier.

Alf Mayer

Fotos: © Molly Molloy/Alf Mayer

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