Geschrieben am 31. Dezember 2021 von für Highlights, Highlights 2021

Susanne Saygin, Christian Y. Schmidt, Joachim B. Schmidt, Frank Schorneck

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Susanne Saygin

Wieder ein Jahr weitgehend ohne Lektüre. Dafür mit Hörbüchern. Allen voran Colin Dexters Inspector Morse-Romane in der kongenialen (englischsprachigen) Adaptation von Samuel West. Hanebüchene Plots, seltsame Obsessionen, vollkommen schmerzbefreiter Old School Sexismus, aber – ähnlich wie die Verfilmungen mit John Thaw und Kevin Whately aus den 90igern – eben auch große Tragik mit britischem Understatement und sehr feiner, sehr lakonischer Ironie. Eigentlich sind alle von West eingelesenen Morse-Romane großartig, aber seine Version von The Remorseful Day (also dem letzten Band der Serie) ist noch einmal eine Klasse für sich.

Eine Klasse für sich ist auch die zehnstündige Verfilmung von Evelyn Waughs Wiedersehen mit Brideshead mit Jeremy Irons in der Hauptrolle, die ich mir Anfang Oktober während einer nicht enden wollenden Grippe am Stück reingezogen habe. Zuletzt hatte ich diese Verfilmung Anfang der 1980er als Teenager zusammen mit meinen Eltern im Fernsehen gesehen, knapp vierzig Jahre später war ich überrascht, wie viel mir von damals in Erinnerung geblieben ist – und wie großartig langsames Erzählen sein kann, wenn es richtig gemacht wird.

Das krasse Gegenteil zu den episch ausgewalzten Stoffen von Colin Dexter und Evelyn Waugh bieten die jeweils knapp 60-minütigen Fiction-Podcasts des New Yorker. Bislang von mir unbemerkt, lesen New Yorker-Autor*innen schon seit 2007 einmal monatlich eine Short Story einer anderen New Yorker-Autor*in ihrer Wahl ein und diskutieren diesen Text im Anschluss mit Deborah Treismann, der Belletristik-Redakteurin des Magazins. Manchmal lässt mich die vorgelesene Short Story kalt und manchmal treibt mich die unüberhörbare Eitelkeit auf die Palme, mit der die jeweiligen Autor*innen die von ihnen ausgewählten Texte präsentieren, aber dann ergreift Deborah Treismann das Wort und holt mich mit ihrer wunderbar sanften Stimme und ihren sachkundig-trockenen Redebeiträgen wieder vom Baum. Ideales background listening für niedere häusliche Tätigkeiten!

All das verblasst allerdings hinter ein paar Tagen am Meer in Marseille (kein Farbfilter). 

Dass das noch geht! 

Damals keine Welle in Sicht. Dafür jetzt schon eine Ahnung der fünften… 

Susanne Saygin wohnt in Berlin. Ihre Texte bei uns, Texte zu ihr, darunter eine Laudatio von Tobias Gohlis und Hintergrund zu ihrem Roman Feinde. Ihr Roman Crash erschien viel beachtet im August 2021 und ist auch auf unserer CRIMEMAG TOP 15 vertreten. Eine Mini Sneak Preview gibt es hier.

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Shantel VanSanten und Joel Kinnaman in „For All Mankind“

Christian Y. Schmidt: Jahrescharts 2021

In den letzten Jahren habe ich meine Jahresbestenliste immer ausführlich begründet. Dazu komme ich in diesem Jahr leider nicht. In den zurückliegenden Monaten war ich zu sehr damit beschäftigt, meine  komplizierte und aufwändige Rückkehr nach China vorzubereiten. Jetzt muss ich alles aufschreiben, damit die Erlebnisse nicht verloren gehen. Ende Februar 2022 wird man darüber in „Quarantäne Updates Shanghai“ (Hybriden) mehr erfahren.

Deshalb gibt es meine Jahreschart 2021 hier unkommentiert. Bitte „Beste“ oder „Bester“ ergänzen. 谢谢你。

Film: The White Tiger (Ramin Bahrani)
Dokumentarfilm: 76 Hours (Chen Weixi, Wu Hao, Anonym)
Serie: Squid Game (Hwang Dong-hyuk)
Schauspielerin: Shantel VanSanten (For All Mankind)
Schauspieler: Joel Kinnaman (For All Mankind / Altered Carbon)
Regisseur: Todd Haynes (The Velvet Underground)

Soundtrack: Annette (Sparks)
Popsängerin:  Mitski Miyawaki
Album: Happier than ever – Billie Eilish
Song: Unsmart Lady – Dry Cleaning

Flop: CoronaTote sichtbar machen
Top: #ZeroCovid in China

Kunst: Direkte Auktion 2
Künstler: Guthrie McDonald
Buch: Es ist immer so schön mit Dir (Heinz Strunk)
Comeback: März-Verlag

Weltraumereignis: Landung des chinesischen Rovers Zhurong auf dem Mars
Hund: Lina

Tote: Hans Kantereit / Françoise Cactus /Hans-Werner Saalfeld / Sven Lager / Bettina Gaus

Christian Y. Schmidt, 1956 geboren, war von 1989 bis 1996 Redakteur der «Titanic». Seitdem arbeitet er als freier Autor, u. a. für FAZ, SZ, taz, Stern, konkret, NZZ, Zeit sowie für verschiedene Fernsehredaktionen. Er ist Senior Consultant der Zentralen Intelligenz Agentur und war Gesellschafter und Redakteur des Weblogs «Riesenmaschine». 2003 zog er nach Singapur, 2005 nach China. Er lebt heute in Berlin und Peking, hat etliche Bücher veröffentlicht, so etwa Bliefe nach dlüben. Der China-Crashkurs oder Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu. 2018 erschien sein erster, vielbeachteter Roman: Der letzte Hülsenbeck. CulturMag mit zwei Stimmen dazu hier. Im März 2020 erschien Der kleine Herr Tod. Dazu bei uns Georg Seeßlen, weitere Texte hier.

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Joachim B. Schmidt

Man kratzt sich ja am Kopf, wenn man sich das kulturelle Schaffen der Isländer vor Augen führt. Zur Info: Ich lebe seit 2007 da oben – und staune konstant: 370 000 Inselbewohner – in Frankfurt am Main gibt es doppelt so viele Leute –, und doch gelingt es ihnen immer wieder, von sich zu reden machen. Weltweit. Sie sind am Radio zu hören, im Kino zu sehen und in den Buchhandlungen zu entdecken. Einer von diesen Tausendsassas ist Sjón. Ein total netter Kerl übrigens. In den 90er Jahren hat er zusammen mit Björk Liedertexte geschrieben, zum Beispiel „Isobel“: 

„In einem Wald pechschwarz
glüht der winzigste Funke
er bricht aus in Flamme
wie ich, wie ich
… 
In einem Herzen voller Staub
lebt eine Kreatur namens Lust
sie überrascht und erschreckt
wie ich, wie ich

Sjóns Romane sind auch ein bisschen so; „Der Junge, den es nicht gab“ ist ein glühender Funke, der während dem Lesen Flammen schlägt. Die Romantrilogie „CoDex 1962“ überrascht und erschreckt zuweilen.

Letzten Herbst war ein Film in den Kinos zu sehen, den Sjón zusammen mit Regisseur Valdimar Jóhannsson geschrieben hatte: „Lamb“ („Dýrið“ im Originaltitel). Darin geht es um ein kinderloses Ehepaar, das auf einem isländischen Bauernhof in Harmonie lebt, tüchtig ist, auch mal Kaffee trinkt und sich liebt. Im Stall wiederkäuen die Schafe, warten stoisch auf den Sommer, draussen klafft eine schroffe Berglandschaft. Es wird Frühling, die Wiesen grünen, und ein Schaf gebärt eine Kreatur, ein Fabelwesen vielmehr, halb Schaf, halb Mensch. 

Was die Isländer gut können: die Natur für sie sprechen lassen. Kino ist schliesslich Bildsprache, und meistens wird in den Filmen sowieso zu viel Unnötiges gesagt. Und so erzählt Sjón eine beherzte Geschichte die mit wenig Dialog auskommt; mal schräg, mal lustig, mal bedrückend schön und auch gruselig. In den Bergen versteckt sich nämlich noch so ein Fabelwesen, sagt kein Wort, wir sehen es nicht, aber wir hören es schnaufen. 

Joachim B. Schmidt, geboren 1981, aufgewachsen im Schweizer Kanton Graubünden, ist 2007 nach Island ausgewandert. Er ist Autor mehrerer Romane und diverser Kurzgeschichten, Journalist und Kolumnist, machte großen Eindruck mit Kalman. Der Doppelbürger lebt mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Kindern in Reykjavik. Ende Februar 2022 erscheint von ihm Tell (Diogenes Verlag).

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Frank Schorneck: Wenn der Kreis sich schließt

Was? Schon wieder rum? Wie kann es sein, dass ein Jahr, das sich so behäbig zwischen schlechten und weniger schlechten Nachrichten hinzog, sich doch irgendwann fast überraschend dem Ende zuneigt? Was hat man gemacht aus dem Vorsatz, mehr zu lesen in der vielen Zeit, in der man nun nicht auf Konzerte oder ins Theater ging? Die Frage will ich an dieser Stelle lieber unbeantwortet lassen.

Immerhin kann ich ohne Zögern das Buch benennen, das mir in diesem Jahr die größte Lesefreude bereitet hat. Schon früh im Jahr flatterte „Hard Land“, der neue Roman von Benedict Wells, auf meinen Schreibtisch – und ich war so begeistert, dass ich ihn direkt im Anschluss auch noch meiner Tochter vorgelesen habe. Ein Coming-of-Age-Roman, der mitten die die 1980er Jahre und zudem in die USA führt – kann das nur jemanden packen, der mit „Zurück in die Zukunft“ oder „Stand by me“ aufgewachsen ist, oder auch für heutige Jugendliche von Bedeutung sein? Die 14-Jährige jedenfalls war tatsächlich ebenso begeistert wie ich. Wells (der übrigens selbst so jung ist, dass er die beschriebene Zeit nicht aus eigener Anschauung kennt), trifft die richtige Atmosphäre, ohne dass „Hard Land“ zu einem angestaubten Nostalgietrip wird. Sehr bewusst verzichtet er auf stilistisch- literarische Originalität und vertraut ganz seiner Story. Man durchschaut als Leser die Mechanismen hinter der Geschichte und wird dennoch emotional mitgerissen wie bei einer Oscar-reifen Hollywood-Produktion.

Wo ich gerade über gemeinsame Lektüre-Erlebnisse mit meiner Tochter schreibe, kann ich auch direkt zu Kirsten Fuchs überleiten. Ihren Roman „Mädchenmeute“ hatte ich erst im letzten Jahr entdeckt und im Jahresrückblick gelobt. Noch beinahe druckfrisch liegt nun die Fortsetzung „Mädchenmeuterei“ vor. Wir sind noch nicht durch (jeden Abend nur ein paar Seiten vorzulesen, das dauert ein wenig), aber es ist eine große Freude, wieder auf Charlotte Nowak und die anderen Mädchen zu treffen. Vor allem aber ist der wundervoll lakonische Kirsten Fuchs-Sound, der durch die Geschichte weht, wieder ein Fest. Fuchs dosiert ihren an Lesebühnen geschulten Humor so, dass er sich nicht der Ich-Erzählstimme Charlottes überstülpt. Die Geschichte schließt relativ nahtlos an die Erlebnisse aus dem mittlerweile sechs Jahre alten Vorgängerroman an. Es kann nicht schaden, die Mädchen schon kennengelernt zu haben, aber vermutlich kommt man auch in die Geschichte, wenn man das Vergnügen noch nicht hatte.

Im Sommer, in jener kurzen Phase, in der wir zwar wussten, dass längst nicht alles vorbei sein konnte, in der wir aber kurz Luft schnappten und so etwas wie Normalität suchten, verschlug es uns nach Irland. Irland begann gerade erst, sich nach monatelangem Lockdown nicht nur wieder für Touristen, sondern überhaupt zu öffnen. Die Innengastronomie war in den ersten Tagen immer noch verboten. Die nicht gerade sonnenverwöhnten Iren haben ihre Pubs auf die Gehwege und Parkplätze wuchern lassen, mit Kreativität und handwerklichem Geschick die Außengastronomie für sich entdeckt – auch abseits von Touristenzentren. Das erste gezapfte Guinness im Dorfpub, zu dessen Wiedereröffnung vermutlich die halbe Einwohnerschaft gekommen war und jegliches Social Distancing für einen Abend über Bord geworfen wurde, schmecke ich heute noch auf der Zunge. Dieses Gefühl, den Pub für’s Leben gefunden zu haben, die Theke, an der man nicht nur Gast, sondern zuhause ist, beschreibt Roddy Doyle in seinem neuen Roman „Love“. Ein Dialogroman in der Tradition seiner Barrytown-Trilogie, eine trunken machende Hymne auf die Liebe und eine Liebeserklärung an den irischen Pub. Im Urlaub habe ich das Original gelesen, seit kurzem gibt es auch eine sehr gelungene Übersetzung von Sabine Längsfeld unter dem Titel „Love. Alles was du liebst“ auf dem deutschsprachigen Markt. Doch dazu mehr dann in der Februar-Ausgabe des Cultmag.

Nana Oforiatta Ayim im Gespräch mit Claudia Dichter © Frank Schorneck 

Durch ihren Roman „Wir Gotteskinder“ bin ich auf die Ghanaische Autorin und Kunstwissenschaftlerin Nana Oforiatta Ayim aufmerksam geworden, die in Duisburg aufgewachsen und mittlerweile eine international gefragte Fachfrau für den Dialog zwischen afrikanischer und „westlicher“ Kultur ist. Auf ihrer Lesereise durch das Literaturgebiet Ruhr machte sie auch Station im Kunstmuseum Bochum und zog ihr Publikum sowohl mit ihrem autobiographisch inspirierten Roman als auch mit ihren sehr lebendigen Schilderungen von ihrem Forschen in europäischen Museumsdepots nach afrikanischen Artefakten in ihren Bann. Die von ihr kuratierte und kurz vor Redaktionsschluss eröffnete Ausstellung „EFIE. The Museum as Home. Kunst aus Ghana“ in der Nachbarstadt Dortmund habe ich noch nicht gesehen, werde es aber auf jeden Fall noch nachholen. 

2020 zählten die Streams von Matze Rossi zu meinen musikalischen Highlights. In diesem Jahr war eines der wenigen Live-Konzerte, das wir besucht haben, Matzes Gig in Trio-Besetzung im Oberhausener Druckluft. Klar, man war ohnehin ausgehungert nach einem Club-Konzert, vermutlich hätte man auch die Jeki-Absolventen der örtlichen Musikschule frenetisch bejubelt. Matze Rossi war aber ein würdiger Act, um den Geist von Punk & Poesie durch den Saal zu blasen, der schonmal biergeschwängerter war als an diesem Abend auf Abstand und im Sitzen.

Eine bezaubernde Outdoor-Location wiederum haben die Recklinghäuser Ruhrfestspiele mit dem Stadion Hohenhorst aufgetan. Der Blick schweifte über sattgrün überwucherte Ränge, während auf der Tartanbahn Lesungen stattfanden oder auf dem Spielfeld Konzerte. Kat Frankie war dort zu erleben, eine aus Australien stammende Wahlberlinerin, die ich schon 2011 auf dem Weg an die Spitze gesehen habe. Damals war sie musikalischer Gast eines kookbooks-Abends unserer Macondo-Lesungsreihe in der Bochumer Rotunde. Kooperationen mit Olli Schulz oder Cluseo haben ihr nicht zum eigentlich längst verdienten Durchbruch verholfen – und wenn wir ehrlich sind, braucht ihr Songwriting und ihre Stimme auch keine Promi-Unterstützung. Kürzlich erschien mit „Shiny Things“ die erste, opulent orchestrierte und dramatisch aufgebaute Single ihres kommenden, fünften Albums. Wenn der Rest der Platte so ist wie diese Single, dann wird 2022 das Jahr von Kat Frankie.

Okay, weil man natürlich auch ein klein wenig Zeit auf der Couch beim Streamen verbracht hat, möchte ich noch einen Serientipp loswerden: Die nordirische Coming-of-Age-Serie „Derry Girls“ führt tief in die „Troubles“ Anfang der 1990er Jahre und begleitet eine Gruppe katholischer Mädchen (und eines bemitleidenswerten Jungen) durch den Schul- und Pubertätsalltag. Die Serie spielt gekonnt mit Klischees und bietet großartigen Wortwitz. Die Serie ist nicht synchronisiert und es dauert eine gute Weile, um sich in den nordirischen Slang einzuhören – ich bin jedenfalls dankbar für die Untertitel – aber keine noch so gute Synchronisation könnte diesen sehr speziellen Tonfall einfangen. Bei allem gerne auch derben Humor bleiben die politischen Verhältnisse jener Zeit stets präsent. Die Nachrichten in TV und Radio gehören ebenso untrennbar zum Soundtrack wie die Musik der Cranberries und anderer 90er-Größen. Straßensperrungen und Bombenanschläge sind ebenso Alltag wie die nächste Mathearbeit. Und wenn im Gegenschnitt zu Szenen überschwänglicher Freude der Jugendlichen die fassungslosen Gesichter der Eltern beim Sehen der Fernsehnachrichten über weitere Tote zu sehen sind, führt uns das äußerst anschaulich vor Augen, wie nah Freud und Leid jederzeit zueinander stehen – womit sich leider irgendwie auch wieder der Kreis zur heutigen Situation schließt.

Frank Schorneck ist Rezensent und Literaturveranstalter (u.a. „Macondo – Die Lust am Lesen“) sowie Vorleser. Mit seinen Kollegen von der www.whiskylesung.de widmet er sich dem Wechselspiel von Alkohol und Literatur. Seine Texte bei CulturMag.

Matze Rossi live in Oberhausen © Frank Schorneck

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