Geschrieben am 1. April 2023 von für Crimemag, CrimeMag April 2023

nonfiction kurz – Sachbücher April 2023

Sachbücher, besprochen von Alf Mayer:

Eva Demski: Mein anarchistisches Album
Alex Harvey: Song Noir. Tom Waits and the Spirit of Los Angeles
Enno Kaufhold: St. Pauli Fotografien 1975 – 1985
Iain McIntyre (ed.): On the Fly! Hobo Literature and Songs, 1879–1941
Anders Petersen: Café Lehmnitz

Anarchie im Salon

(AM) Die Sache mit der Freiheit hört nicht auf, spannend zu sein, auch und gerade in düsteren Zeiten, konstatiert Eva Demski in ihrem Schlusswort. Vor 50 Jahren war ihre erste Arbeit für den Suhrkamp Verlag die Übersetzung von Daniel Guerins „Anarchismus – Begriff und Praxis“ gewesen. Für ihr neues Buch Mein anarchistisches Album, laut Verlag „eine persönliche Erkundung der Geschichte des Anarchismus“, wählte sie von vorn herein einen subjektiven, weder der Wissenschaftlich- noch der Vollständigkeit verpflichteten Ansatz. Sie wollte zu Corona-Zeiten einfach herausfinden, was sie „seit über einem halben Jahrhundert an dieser gesetzlosen Bande bezaubert“, bei wem von ihnen sie gelernt hat und immer noch lernt. Ihre Wiederentdeckung gilt zum Beispiel einer als Boxcar Bertha bekannt geworden Hobo-Frau. Aus ihrer von Ben Reitman verfassten Biografie wird wollüstig zitiert. 

Erich Mühsam, der Fürst Krotopkin, Bakunin, Emma Goldmann, der Karin-Kramer-Verlag Berlin, die anarchistischen Uhrmacher in der Schweiz (gerade in dem großartigen Film „Unruh“ lebendig gemacht), die Punks in Berlin, Bansky oder die Münchner Räterepublik werden wieder besucht. Wie ein Gen, wie eine uralte Mikrobe, stecke der Anarchismus in der Menschheitsgeschichte, findet Eva Demski. Sie träumt heute nicht mehr von der großen Weltrevolution; ganz viele kleine Revolutionen, eine freundschaftliche Konkurrenz der überschaubaren Lösungen und vor allem die Abschaffung der Hochnäsigkeit zugunsten der Neugier würde sie sich wünschen.

Recht weit hergeholt und, sorry, ordentlich bourgeois finde ich aber, dass dann ausgerechnet Karl Lagerfeld, Marcel Reich-Ranicki und Udo Lindenberg zu neuen anarchistischen Säulenheiligen erhoben werden. Da wäre mir jedes Interview mit einem Graffittisprayer erhellender gewesen. Die von Ute Dietz bei vielen gemeinsamen Spaziergängen – „A-Exkursionen“ genannt – fotografierten Anarchisten-Zeichen, „manchmal zornig auf Bauzäune gesprüht“, kommen Eva Demski vor wie Höhlenzeichnungen. „Man möchte unbedingt wissen, was die Menschen, die sie hinterlassen haben, dachten, als sie sie machten.“ Aber sie ist dann doch lieber mit Marcel, Karl und Udo im Salon geblieben.

Eva Demski: Mein anarchistisches Album. Insel Verlag, Berlin 2022. Hardcover, mit Fotos von Ute Dietz. 224 Seiten,  24 Euro. – Immer noch ein guter Film ist „Kein Gottkein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie“ von Tancrède Ramonet, bei absolut Medien verfügbar. 

… und Anarchie in vielen O-Tönen

(AM) Der in Melbourne lebende Autor, Musiker und Radiomann Iain MacIntyre, Spezialist für allerlei Anarchismus und Aktivismus, hat zusammen mit unserem Freund und Autor Andrew Nette bereits drei hochgradig interessante Bücher vorgelegt:

-Girl Gangs, Biker Boys, and Real Cool Cats: Pulp Fiction and Youth Culture from the 1950 to 1980
-Sticking It to the Man: Revolution and Counterculture in Pulp and Popular Fiction, 1950 to 1980 sowie
-Dangerous Visions and New Worlds: Radical Science Fiction, 1950 to 1985. Alle bei uns hier, hier und hier besprochen.

On the Fly! Hobo Literature and Songs, 1879–1941 ist die weltweit erste Anthologie von verlorenen Stimmen der Hobohemia. Dutzende von Geschichten, Gedichten, Songs und Artikeln, deren Autoren und Autorinnen Hobos oder ihnen sehr nahe waren, lassen uns im O-Ton eine Subkultur erleben, die vor allem in den USA von 1870 bis in die Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts verbreitet war. Arbeits- und Wohnungslosigkeit machten tausende Menschen zu Landstreichern – ein nicht nur etymologisch unglaublich aufgeladenes Wort. 

Das Wort „Hobo“ tauchte erstmals gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf und bezeichnete Wanderarbeiter in den USA, die im Wesentlichen obdachlos waren und in Güterzügen durchs Land fuhren, um nach Arbeit zu suchen. „Ho, beau!“, hätten sie sich immer begrüßt, sagt mein altes Webster’s Dictionary. „Riding the rails“, war das, was sie taten. 250.000 Meilen verlegte Gleise gab es dafür 1914 in den USA. „Hobo Blues. Ein amerikanisches Nachtbild“ war 2009 bei Suhrkamp die aufsuchende Reportage von William T. Vollmann betitelt. Im Original: „Riding Toward Everywhere.“

Iain MacIntyre geht an die Wurzeln. Er versammelt O-Töne. Jim Tully, Tom Kromer, Joe Hill, T-Bone Slim oder Jack London sind die vermutlich prominentesten Autoren. Ben Reitmans „Sister of the Road“ (siehe auch bei Eva Demski hier weiter oben) ist mit zehn Seiten Textauszug präsent, J.H. Walsh erzählt von der IWW „Red Special“ Overall Brigade. Fast 100 Textdokumente sind es, die MacIntyre zusammengetragen hat und kundig kommentiert. Auch die Bildqualität der vielen Abbildungen, darunter Fotos von Dorothea Lange, ist dünnem Papier erstaunlich. Ein Glossar und ein Index runden das Bild. Zu bemäkeln hätte ich nur, dass Charles Willeford nicht vorkommt, dessen Memoir „I Was Looking for a Street“ (Ein Leben auf der Strasse, dt. von Jürgen Bürger, Rowohlt 1995) auch seine Hobo-Jahre einschließt.

Hier ein Auszug aus dem „Hobo Blues“ von Peg Leg Howell:
Set down on my jumper,
iron my overall,
I’m gonna ride that train

you call the Cannonball …

Iain McIntyre (ed.): On the Fly! Hobo Literature and Songs, 1879–1941. PM Press, Oakland, CA, 2018. 516 Seiten, Internetpreis..

Urbane Mythologie, gelebt

(AM) Mit 30 hatte ich eine Affäre mit einer amerikanischen Schauspielerin, die für ein halbes Jahr beim „Theater am Turm“ in Frankfurt gelandet war. Zu meinem Geburtstag schenkte sie mir eine Vinylplatte mit einem unglaublich kaputt aussehenden Typen auf dem Cover: „Heartattack and Vine“ von Tom Waits. Eine Freundin lebe mit diesem Kerl in L.A. zusammen, er mache auf Dreck und Armut, zwinge sie sogar, mit ihm Hundefutter zu essen. Die Songs waren trotzdem großartig, allerdings habe ich dann nie so übelgelaunte Kotzbrocken-Live-Konzerte erlebt wie mit ihm. 

Tom Waits war damals, wie wir nun en détail bei Alex Harvey aus seinem informativen Buch Song Noir. Tom Waits and the Spirit of Los Angeles erfahren können, ein Charakter in seiner eigenen Geschichte. „I get out at night, get drunk, fall asleep under a car. Come home with leaves in my hair, grease on the side of my face, stumble into the kitchen, bang my head on the piano and chronicle my own demise and the parade of horribles that lived next door“, vertraute er 1982 dem Musikjournalisten Dave Zimmer an. Und weiter: „Everybody looked like a broken-down movie extra; a withered starlet, disenchanted stuntmen, midget auto racers, poignant California characters with their end-of-the-continent sadness, handsome, decadent, Casanova-ish …“

Bis heute gibt es in Los Angeles eine Stadtführung, „Crawling down Cashuenga-Tour“ benannt, die der Gossen-Spur von Tom Waits folgt. William Burroughs, 1980 vom Rolling Stone zu ihm geschickt, beschrieb die damalige Wohnstatt im Tropicana Motel, 8585 Santa Monica Boulevard, so: „There is a kidney shaped swimming pool in the courtyard. On the patio are rusty metal tables, deck chairs, palms and banana trees: a run down Raymond Chandler set from the 1950s. One expects to find a dead man floating in the pool one morning.“ („Heart Beat“: Fifties Heros as Soap Opera, RS Nr. 309, 24.1. 1980).

Der in Los Angeles lebende BBC-Producer, Regisseur und Film- und Musikkritiker Alex Harvey untersucht die formative erste Dekade in Waits’ Karriere, der zwischen 1972 und 1984 in L.A. lebte, schrieb, soff und hurte. Neun Alben entstanden in dieser Zeit, vom soften folk-inspirierten Debüt „Closing Time“ (Sperrstunde) bis zum kratzig-surrealen „Swordfishtrombone“. Harvey entschlüsselt die von Beat-Poeten wie Jack Kerouac und vom Film Noir geprägte urbane Mythologie in den Songtexten, betreibt eine überaus kundige und mit Fotos angereicherte Exegese. Für den Song „Potter’s Field“ etwa zieht er eine Linie bis zu Samuel Fullers Noir „Pickup on South Street“ (1953), findet Billy Wilders „Double Indemnity“ oder Nicholas Rays „They Live by Night“ und viele andere Referenzen in den Alben wieder. Eine Spurensuche, an der auch ein Mike Davis seine Freuden haben könnte.

„L.A. ist die einsamste und brutalste aller amerikanischen Städte“, meinte einst Jack Kerouac. Dem Sänger Tom Waits hat sie mehr als die Kehle aufgeraut. Dieses Buch sammelt für uns Hunderte interessanter Spiegelscherben, zudem durch eine Chronologie, eine Discographie und einen Index erschlossen, und unternimmt es, zwischen Selbstinszenierung und Wahrheit zu unterscheiden. Das ist bei Waits nicht einfach. 1976 bekannte er: „All of a sudden it becomes your image and it’s hard to tell where the image stops, and you begin, or where you stop, and the image begins.“ 

Ich, nur ein Mini-Detail als Beispiel, habe aus dem Buch gelernt, dass die aufs Cover von „Heartattack and Vine“ gekritzelte Telefonnummer die echte seines damaligen Psychiaters war – und dass die Freundin meiner Freundin mit ihren Tom-Waits-Geschichten gewiss nicht übertrieben hatte.

Alex Harvey: Song Noir. Tom Waits and the Spirit of Los Angeles. Reaction Books, London 2022. 240 Seiten, 39 Abbildungen, etwa 13,39 Euro.

Rohdiamant von der Reeperbahn

(AM) Tom Waits machte eines der Fotos von Anders Petersen aus dem Hamburger Café Lehmnitz ikonographisch. 1985 setzte er es auf das Cover seines neunten Albums „Rain Dogs“, und wie sein extra für die verdienstvolle Neuauflage des Fotobuchs von 1978 geschriebenes Vorwort zeigt, hat er mit dem Blick dieses Fotografen viel gemein. Anders Petersen, so Waits, „puhlte Poesie vom Grund der Welt“. Als er die Fotos sah, die der Däne in der schäbigen Stehbierhalle Café Lehmnitz auf der Hamburger Reeperbahn im Verlauf von zwei Jahren gemacht hatte, wollte er sie „alle einschmelzen, um Songs daraus zu machen“. Und er weiß: „Eine Kneipe ist nicht nur ein heiliger Ort, sie ist auch ein Ort, an dem sich allabendlich die traurigen Underdogs treffen.“

Anders Petersen war als 18jähriger nach Hamburg geraten, an einem Kneipentisch nahm ihm jemand die Kamera aus der Hand und fotografierte. Das war der Einstieg. Über zwei Jahre gestreckt kam er immer wieder in die so euphemistisch benannte Bierhalle, zeigte seine Fotos dort herum, freundete sich mit einigen der vom Leben verbrauchten Stammgästen an, porträtierte sie wie nebenbei. Sein dokumentarisch unaufgeregter Blick lässt weder Voyeurismus noch Mitleid aufkommen. Seine Bilder sind Rohdiamanten. Viele so scharfkantig, dass man sich daran verletzen kann.

Ein Porträt dieses Kiezfotografen vom Münchner Reporter Roger Anderson (1930-2018), ein wuchtiger und zugleich lakonischer Text, rundet das Buch. Anders Petersen, auf der einen Seite hellauf empört über die prekären Zustände auf der Reeperbahn, wollte keine Sozialpornographie machen, wollte einfach nur Zeuge sein. Er wurde einer mit dem „Auge eines Poeten“, so Tom Waits. Dieses Buch ist und bleibt ein Klassiker der Fotokunst.

Anders Petersen: Café Lehmnitz. Mit einem Vorwort von Tom Waits und einem Text von Roger Anderson. Schirmer/ Mosel Verlag, München 2022. Hardcover,112 Seiten, 88 Duotone-Tafeln, 29,80 Euro.

Rund 40 Jahre mit der Veröffentlichung gewartet

(AM) Enno Kaufhold ging 1967 aus Bremen kommend an das Hansa-Kolleg in Hamburg, um dort das Abitur nachzuholen. Zum mentalen Ausgleich, wie er das nennt, fing er an, auf St. Pauli zu fotografieren. Den sozialkritischen Positionen der Fotografie nahe stehend, fand er hier sein Praxis-Terrain. Um möglichst authentische Bilder zu bekommen, fotografierte er meist mit versteckter Kamera, streifte tags wie nachts durch das Rotlichtmilieu. Von Beginn an, so schreibt er in seinem Vorwort, sei ihm dabei bewusst gewesen, dass er die Bilder erst viel später würde öffentlich machen können. Seine jetzt in Buchform vorliegende Motivauswahl von St. Pauli Fotografien 1975 – 1985 lässt, so findet er selbst, „die Atmosphäre der späten 1970er und frühen 1980er Jahre ziemlich unverfälscht aufleben“. Seine Fotos versteht Kaufhold als „eine Hommage an die Menschen, denen ich auf St. Pauli begegnet bin“. Sie verkörpern so unmittelbar, wie Fotos es irgend können, das Leben, das er festhalten wollte. Das Buch ist den Frauen auf St. Pauli gewidmet.

Ausdrücklich entschuldigt Kaufhold sich dafür, sollte sich jemand von seinen Fotografien, aus welchem Grund auch immer, verletzt fühlen. „Überzeugt vom Gewicht der Freiheit der Kunst und der Bedeutung fotografischer Zeugenschaft, denke ich, das Buch heute veröffentlichen zu können, weil das Persönliche, das es Bild für Bild zeigt, nun durch den zeitlichen Abstand in einen größeren historischen Zusammenhang menschlicher Daseinsverhältnisse gerückt ist.“

Ein zehnseitiges Bildregister, das die Bilder noch einmal seitengerecht abbildet, hilft mit Orten und Datierungen, unterstreicht noch einmal den dokumentarischen Charakter. Ein Zeitdokument, schonungslos und wuchtig, ohne den kleinsten Anflug von Voyeurismus. Die David-, die Herbert- und die Friedrichstraße, der Hans-Albers-Platz, die Große Elster, die Große Freiheit, U-Bahn-Stationen, Straßen- und Eckenprostitution, die „Gaststätte Fick“ am Fischmarkt, der „Elbschlosskeller“, „Zum goldenen Handschuh“, das „Palais d’Amour“, das „Café Keese“, Peepshows und Toiletten, in diesem schonungslosen Buch fällt der Blick überall hin.

Enno Kaufhold: St. Pauli Fotografien 1975 – 1985. Junius Verlag, Hamburg 2021. Gebunden, 320 Seiten, 49,90 Euro.

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