Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

nonfiction, kurz – Dezember 2022

Sachbücher, kurz besprochen

Von Alf Mayer (AM).

Bachtyar Ali: Das Lächeln des Diktators
Dennis Duncan: Index, eine Geschichte des. Vom Suchen und Finden
DK (Hg.): Das Black-History-Buch
DK (Hg.): Design. Die visuelle Geschichte
Sergio del Molino: Leeres Spanien. Reise in ein Land, das es nie gab
Evan Osnos: Mein wütendes Land. Reise durch die gespaltenen Staaten von Amerika
Irene Vallejo: Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern
Georg Stefan Troller: Der Unnötige. Frühe Texte
Karl Ubl: Köln im Frühmittelalter (400–1100)
Philip Whiteman (Hg.): Das Flugzeug-Buch
Wolfgang Will: Der Zug der 10.000. Die unglaubliche Geschichte eines antiken Söldnerheeres

Offene Wunde

(AM) In Spanien gibt es ein Land, das nicht mehr existiert, manchmal aber stärker und beständiger wirkt als das tatsächlich existierende Land, das sich selbst verleugnet, sich seiner Runzeln und Falten schämt und von seiner Geschichte nichts mehr wissen will. Dieses Fazit zieht der Journalist und Schriftsteller Sergio del Molino in seinem großen, wichtigen Essay Leeres Spanien. Reise in ein Land, das es nie gab. Das 2016 erschienene Buch, nun endlich bei uns angekommen, dem Wagenbach Verlag und dem Buchmessen-Gastland Spanien sei Dank, wurde in seinem Heimatland nicht nur ein Bestseller, es bewegte die Nation, führte zu Parlamentsdebatten, Gegenbüchern, sogar zur Gründung einer Partei. (Wobei España Vaciada eher politische Plattform diverser sozialer Bewegungen und Bürgergruppen ist, unseren „Freien Wählern“ ähnlich, aber alleine schon, weil aus der Provinz, rechts-verdächtig). Jedenfalls sieht del Molino sich zu einem eigenen Vorwort an seine deutschen Leser genötigt, wo er sich noch einmal vom politischen Aufruhr, den sein Buch verursachte, distanziert.

Es ist klar eine Wunde, in die er da seine Schreibfinger legt, anfangs einfach mit Reporter-Interesse, dann mit Blick auf politische und kulturelle Zusammenhänge. Spanien schämt sich seiner ländlichen Herkunft, mehr als die Hälfte seiner Fläche ist leer, die Bevölkerungsdichte dort oft nur noch in Teilen von Lapp- und von Finnland geringer. Fast 80 Prozent der Spanier leben in Madrid oder an der Küste, der Rest sind sterbende Dörfer und Landschaft. (Eine Satellitenaufnahme hier.) Natürlich hinterlässt solche eine Leere Spuren, prägt den Nationalcharakter mit. Ein Exkurs führt auch nach Argentinien. Das Buch benennt die brutale Industrialisierung unter Franco sowie weitere Faktoren der Landflucht, schreibt eine andere Kulturgeschichte Spaniens. 

Eine, die von Cervantes’ La Mancha geprägt ist, von Reiseberichten und Schauerromanen des 19. Jahrhunderts (bis hin zur polnischen „Handschrift von Saragossa“), von Blutrache-Geschichten wie der realen im Extremadura Dorf Puerto Hurraco 1990, von Lorcas „Bodas de sangre“ (Bluthochzeit) oder Filmen wie „El crimen de Cuenca“ von 1980: vom romantisierten, aber eher dämonisierten Gegenpart der Stadt, von der finsteren, gewaltlüsternen, barbarischen Provinz. In Ramón J. Senders Roman „Requiem für einen spanischen Landmann“ (1953) entströmt die Gewalt geradezu dem Boden. Auch Buñuels pseudo-dokumentarischer Film „Las Hurdes: Tierra Sin Pan“ (Land ohne Brot) von 1932, ist ganz klassisch eine Reise von der Zivilisation in die Barbarei. Der Surrealist und Großstadtmensch inszenierte hier sein eigenes Erlebnis in der Wildnis: Riesen, Zwerge, Missgeburten, Outlaws, Kannibalen, Teufelsanbeter. (Auf Youtube hier.)
Zwei Sachen fehlen mir in diesem Buch: ein Register! Sowie jeglicher Hinweis darauf, wie das leere Spanien unser aller Bilder vom Wilden Westen geprägt hat und prägt: die Wüste von Tabernas in der Provinz Almería, die Bardenas Reales in der nordspanischen Provinz Navarra und andere Drehorte, von Sergio Leone bis jetzt zur Amazon-Serie „The English“.

2021 erschien von del Molino der nostalgische Band „Atlas sentimental de la España vacía“, interessant auch „La piel“ („The Skin“, 2020), wo er seine eigene Hautkrankheit thematisiert und als Leidensgenossen Nabokov, Stalin und Cyndi Lauper zusammenbringt…

Sergio del Molino: Leeres Spanien. Reise in ein Land, das es nie gab (España Vacia. Viaje por un país que nunca fue, 2016). Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2022. Gebunden, 304 Seiten, 30 Euro.

Den Orient durchdringen

(AM) Parallel zu seinen zu Recht bewunderten Romanen hat Bachtyar Ali, der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller und Poet des autonomen irakischen Kurdistan, seit Jahrzehnten immer wieder Essays und Untersuchungen veröffentlicht. Der Sammelband Das Lächeln des Diktators zeigt ihn als scharf beobachtenden und zum Nachdenken herausfordernden Analytiker. Man darf auch sagen: Es gilt, einen Schriftsteller neu zu entdecken. – Siehe auch seinen Essay „Der Kriminalroman und die großen Verbrechen“, den wir als Textauszug in dieser Ausgabe hier nebenan veröffentlichen dürfen.

Bachtyar Ali lebt seit Mitte der Neunzigerjahre in Deutschland. Er schreibt aus eigener Erfahrung, nämlich der eines Exil-Schriftstellers, der seine Herkunft nie und nimmer verleugnen und verraten wird. Die allesamt sehr lesenswerten sieben Essays des Bandes zeichnen sich durch eine klare und bildmächtige Sprache aus, sind von einer profunden Kenntnis europäischer Theoriebildung ebenso geprägt wie vom Versuch, das was wir den „Orient“ nennen, mit gesellschaftspolitischer Erkenntnis zu durchdringen. Seine Texte suchen neue Wege zur Erklärung all der Gewalt im Mittleren Osten und der arabischen Welt, sie graben nach den Wurzeln und Pfeilern autoritärer Politik, von Stillstand und immer währendem Kriegszustand. 

Der erste Text, „Das Lächeln des Diktators“, nimmt das letzte uns von Saddam Hussein überlieferte Bild, sein Lächeln, um uns daraus eine Theorie und Praxis des orientalischen Despoten zu entwickeln. So groß ist Saddams Machtanspruch, dass auch noch sein letzter Gedanke den Bildern gilt, die in die ganze Welt ausgestrahlt werden. Dieses letzte Lächeln, zeigt Bachtyar Ali, ist kein humanes. Eigens für den Band geschrieben sind die sehr persönlichen, berührenden „Erinnerungen eines Lesers“. Im Orient Leser zu sein, ist eine sehr schwierige Angelegenheit. Oft ist es lebensgefährlich, macht uns Bachtyar Ali klar. Als er vor Saddam Hussein, dem lächelnden Diktator, nach Europa floh, fand sein erstes Verhör gleich am Flughafen Frankfurt statt. „Der Polizist bat den Dolmetscher, mich zu fragen, warum ich nach Deutschland gekommen war. Erschöpft lächelnd antwortete ich: „Dafür gibt es viele Gründe. Aber hauptsächlich bin ich gekommen, um in Ruhe lesen zu können.“ – Verwunderte sah mich der Polizist an und meinte: „So etwas habe ich noch nie gehört. Wir geben hier niemandem Asyl, um lesen zu können.“

Bachtyar Ali: Das Lächeln des Diktators. Essays. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Unionsverlag, Zürich 2022. Hardcover, 144 Seiten, 19 Euro.

Offene Wunde (II)

(AM) John Gunthers Reportage-Opus, das 1004-seitige „Inside U.S.A.“ von 1947, Ergebnis von 13 Monaten Reise durch alle US-Bundesstaaten, ist das Buch, das Evan  Osnos für seine Reise durch die gespaltenen Staaten von Amerika immer wieder zu Rate zieht. Gunther beschrieb „das amerikanische Talent für den rationalen Zugang, für Vernunft, für die Begegnung der Köpfe in ehrenhafter Übereinkunft nach einer offenen Diskussion“. Osnos Entdeckungsreise durch Mein wütendes Land „ist ein Versuch, zu verstehen, wie wir dieses Talent eingebüßt“ haben.

Osnos war von 2003 bis 2013 Auslandskorrespondent, gewann Preise. An seinem ersten Arbeitstag nach der Heimkehr, am 1.10.2013, wurden erstmals seit 17 Jahren die Regierungsbehörden stillgelegt. Von den Republikanern. John Boehner, der Sprecher des Repräsentantenhauses, fand, man solle Parlamentarier nicht danach beurteilen, wie viele Gesetze sie verabschieden, sondern danach, wie viele Gesetzesvorlagen sie ablehnen.
Der Stillstand der Regierung offenbarte für Osnos einen tiefen Bruch in der amerikanischen Gesellschaft. Dem ging er nach. Kehrte in den nächsten sieben Jahren immer wieder an drei Schauplätze zurück: Greenwich, Connecticut, wo er aufgewachsen war, Clarksburg, West-Virginia, wo er seinen ersten Zeitungsjob hatte, und Chicago, wo sein Großvater ausgeraubt und für tot liegengelassen wurde. Er konzentrierte sich auf 19 Personen, führte Tausende Stunden von Gesprächen, vertiefte sich in ihre Geschichten. Ihre Weltsicht.

Wenn die Geschichte der Vereinigten Staaten eine Geschichte des unablässigen Ausbalancieren ist – zwischen Gier und Großzügigkeit, Industrie und Natur, Identität und Assimilierung – so schreibt er, dann sei das Land derart aus dem Gleichgewicht geraten, dass es seinen Schwerpunkt verloren hat. „Wildland“ heißt das wunderbar anschauliche Buch im Original, es meint eine Brandgefahr, die ein Funke jederzeit entzünden kann.

Evan Osnos: Mein wütendes Land. Eine Reise durch die gespaltenen Staaten von Amerika (Wildland: The Making of America’s Fury, 2021). Aus dem Amerikanischen von Stephan Gebauer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022. Hardcover, 635 Seiten, 32 Euro.

Die 11.000 Jungfrauen von Köln

(AM) Solide, in jeder Hinsicht. Lexikon-Oktavformat, edel geprägtes Leinen, ein geradezu festlicher Satzspiegel, die Schrift: Eremit, großzügige Illustrierung mit über 200 Abbildungen, schöne Karten dabei, ein werthaltiges Buch, und dazu eminent lesbar. Kein Gramm Staub auf dieser Darstellung Köln im Frühmittelalter. Der in der Domstadt lehrende österreichische Historiker Karl Ubl hat fast zehn Jahre daran geforscht und gearbeitet. Das Ergebnis ist mustergültig für ein historisches Buch. Bestnote auch für den Greven Verlag, bei dem seit 2004 die auf 13 Bände angelegte „Geschichte der Stadt Köln“ erscheint. Die meisten Bände liegen nun vor, sind ein veritables publizistisches Aushängeschild.

Das frühe Mittelalter, so zeigt Karl Ubl anschaulich, war prägend für die Markenbildung der Stadt Köln. Aus dem römisch geprägten Agrippina wurde das deutschsprachige Köln und schließlich die Sancta Colonia, „die heilige Stadt“, im damaligen Ranking direkt hinter Rom und Jerusalem eingeordnet. Und kein Widerspruch ist es, dass sich in den 878 Versen des um das Jahr 1080 entstandenen „Annolieds“ (dem Kölner Erzbischof Anno gewidmet und das erste Stück Literatur aus einer Großstadt), auch diese Zeilen befinden: „Ach, wie ist zur Hure geworden die treue Stadt! Sie war voll Recht, Gerechtigkeit wohnte darin; nun aber – Mörder.“

Wir erfahren vom störrischen Erzbischof Gunthar, dessen Aufgeschlossenheit für Kunst und Wissenschaft besonders der Domschule und der Bibliothek zugute kam, erleben die Stadt im merowingischen Frankenreich, in der Karolingerzeit und dann im Reich der Ottonen und Salier. Die Wikinger plündern Köln, die Reiterheere der Magyaren sind eine Plage. Das Versagen der als Reliquien anwesenden Schutzheiligen, die Stadt zu schützen, führt zur Erfindung einer eigenen Kölner Heiligenlegende: den 11.000 Jungfrauen. Ja, in Worten elftausend den Märtyrertod gestorbene und in Köln bestattete „Bräute Christi, die ihm kostbar sind“. Von dieser Zahl spricht eine Urkunde von 922. Karl Ubl klärt den Sachverhalt auf. Stadtgeschichte und die Probleme einer sich formierenden Großstadt ebenso fremd wie nah, das exemplifiziert uns dieses beeindruckende Buch. Bravo.

Karl Ubl: Köln im Frühmittelalter (400–1100). Die Entstehung einer heiligen Stadt. Geschichte der Stadt Köln, Band 2, herausgegeben von Werner Eck im Auftrag der Historischen Gesellschaft Köln. Greven Verlag, Köln 2022. Format 17,5 x 26 cm, über 200 Abbildungen und zwei Rekonstruktionen der Stadt als Kartenbeilage. 528 Seiten, Leinen, 60 Euro. (Auch als Vorzugsausgabe, Halbleder im Schuber, erhältlich. Verlagsinformationen hier.)

Mit dem Gegenüber von Gleich zu Gleich

(AM) Er ist unser Studs Terkel – der übrigens bezeichnete sich selbst am liebsten als Guerilla-Journalist. Auch Georg Stefan Troller ist so einer, hat das Zuhören zu einer Kunstform gemacht. In Wirklichkeit geht es natürlich um das Zum-Reden-Bringen. Troller lernte es als Dolmetscher bei der Befragung deutscher Kriegsgefangener, dann als Vernehmungsoffizier. „Die Grundlage meiner Interview-Technik habe ich da gelernt. Mit dem Gegenüber von Gleich zu Gleich zu sprechen, nur so funktioniert Interview“, verriet er in der „Selbstbeschreibung“ (1988). Mit seiner Art, Menschen zu begegnen, wurde er einer unserer größten Beobachter des 20. Jahrhunderts. Jetzt am 10. Dezember ist er 101 Jahre alt. Cheerioh! Und pünktlich zum Geburtstag gibt es einen Band, in dem man diesen Ausnahmejournalisten bei seinen Anfängen erleben kann. (Siehe daraus auch unseren Textauszug in dieser Ausgabe.)

„Der Materialcharakter der Wirklichkeit ist sein Ausgangspunkt“, charakterisiert Wolfgang Jacobsen, Herausgeber von Der Unnötige. Frühe TexteTrollers Arbeitsweise. Zusammen mit dem Autor hat er aus einem im Archiv der Deutschen Kinemathek verwahrten Konvolut von 20 Geschichten, handschriftlich als „Meine ungedruckten Werke. 1945-1950“ ausgewiesen“, insgesamt 16 „Stories“ ausgewählt. Die Dramaturgie der Abfolge ordnete Troller selbst, er fügte noch vier Gedichte aus dieser Zeit hinzu. 

Der Exilant Troller kam als US-Soldat nach Deutschland zurück, als Angehöriger der 45th Infantry Division. Sein Dienstweg war jedoch ein anderer als der vieler wegen ihres Ausbildungscamps so genannten „Ritchie Boys“. Am 29. April 1945 war er bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau dabei, am 1. Mai 1945 an der Einnahme Münchens beteiligt, wo er dann Reporter des Armeesenders Radio München wurde. „Hitler kaputt“ überschrieb er seinen Bericht vom Kriegsende. Aber weder in München noch in Wien fühlt er sich wieder heimisch, kehrte 1949 – 1949 zum Studium in die USA zurück. Wurde dann Hörfunkreporter beim RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) in Berlin, ab Ende der 1950 folgten Fernseharbeiten für den Südwestfunk. Seit 1949 lebt er in Paris.

Georg Stefan Troller: Der Unnötige. Frühe Texte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Wolfgang Jacobsen. Verbrecher Verlag, Berlin 2022. Hardcover, 136 Seiten, 20 Euro.

Reise an die Anfänge der Bücher

(AM) „Ein Trostbuch“ vermutete FAZ-Korrespondent Paul Ingendaay, während Corona in Spanien zum unvermuteten Erfolg geworden, 18 Monate dort auf den Bestsellerlisten, inzwischen in über 30 Sprachen übersetzt, das ist Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern von Irene Vallejo. Die diesjährige Festrednerin bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse entdeckte ihre Leidenschaft für die Antike während des Studiums der klassischen Philologie. Ihre Ode an das Buch schrieb sie ohne größeres Verwertungsinteresse, erst einmal hauptsächlich für sich selbst. Es changiert zwischen Sachbuch und Essay, Anekdoten, historischen Exkursen und aktuellen Bezügen.

Ein Beispiel: Während sie an Kapitel 35 sitzt, in dem es unter anderem um japanische Filmerzähler geht, die benshi, von denen Akira Kurosawas älterer Bruder einer war, beginnt die Twitterwelt über den Literatur-Nobelpreis an Bob Dylan zu diskutieren. Einen Liedermacher. Sie muss dabei sogleich an Homer denken und „die ersten wandernden Barden, die sich hinter seinem Namen versteckten und seine Dichtung wiedergaben. Wanderkünstler, die zerlumpten Abgeordneten der Musen, kluge Bohemiens, die mit ihren Liedern die Welt erklärten, halb Aufklärer, halb Possenreißer: Sie sind die Vorfahren unserer Autoren. Ihre Lyrik kam von der Prosa, ihre Musik von der stillen Lektüre. Ein Nobelpreis für die Mündlichkeit. Wie antik die Zukunft doch sein kann.“

Vallejos Buch kreist um die Entstehung der Lesekultur in der Antike, um die Demokratisierung des Wissens und der Erzählung(en), geht zurück zu den erste Laut- und Schriftäußerungen, zur Erfindung von Tontafeln und Papyrusrolle, zur Bibliothek von Alexandria, kreist um die hellenistische Hochkultur und um die Römer, besucht den ersten bekannten Literaturfan der Geschichte oder Enheduanna, die erste Person, die einen Text als Frau signierte. Als Leser von heute, so meint Vallejo, möge man sich manchmal einsam fühlen, aber es gebe eine lange Ahnentafel, „eine Kette von Übertragungen und Übersetzungen, die nie unterbrochen wurde und der wir die Möglichkeit des Erinnerns und des Dialogs über Zeiten, Entfernungen und Grenzen hinweg verdanken“ – als Leserinnen und Leser.

Irene Vallejo: Papyrus. Die Geschichte der Welt in Büchern (El infinito en un junco: La invención de los libros en el mundo antiguo, 2019). Aus dem Spanischen von Maria Meinel und Luis Ruby. Diogenes, Zürich 2022. Hardcover, 746 Seiten, 28 Euro.

Buchreisen mit Landkarte

(AM) Ein mittelalterlicher Holzschnitt mit Buchstabenbaum auf dem Cover, tomatenrotes Vorsatzblatt, Lesebändchen: klar ein Buch für Buchliebhaber, und dies anders als sein Subjekt vermuten lassen mag nicht für die Trockensten. Welch ein Feuerwerk. Autor Dennis Duncan hat sich unter anderem schon mit dem Autorenkollektiv Oulipo beschäftigt, in dem Spracherweiterung durch selbstgesetzte neue Schreibregeln, also Formzwang praktiziert wird. Mit Index, eine Geschichte des. Vom Suchen und Finden zeigt er uns, was an Poesie und Wunder im guten alten Sachregister steckt, einer Erfindung, die ob ihrer Selbstverständlichkeit schon beinahe unsichtbar geworden ist.

Wir alle haben Indexe im Kopf, organisieren mit ihnen unseren Alltag und unsere Tätigkeiten. Die erste Internetseite war ein Sachregister. Und auch mit einer Suchmaschine durchsucht man nicht wirklich das Internet, sondern eben nur deren Register des Internets. Eine Geschichte des Registers und der Seitenzahlen ist eine Geschichte über Zeit und Wissen und die Beziehung zwischen beiden, meint Duncan. Es geht um den schnellen Zugang zu Informationen, um das Extraktlesen, um „die Nerven und Arterien eines Buches“ (Isaac D’Israeli), um so etwas wie die Landkarte eines Buches. Das Alphabet als Ordnung, erzählt Duncan, kommt in Latein erstmals nicht in einem gelehrten Werk, sondern in einer derben Komödie vor, um 300 v. Chr. in den „Eseleien“ (Asinaria) von Plautus. Vom großen J.G. Ballard gibt es die Kurzgeschichte „Der Index“ über Aufstieg und Fall eines gewissen Henry Rhodes Hamilton, als alphabetisches Register erzählt (1977 im Literaturmagazin „Bananas“). Auch Agatha Christies „Die Morde des Herrn ABC“ gehört zur Gattung der alphabetischen Literatur. Zunächst werden dort Alice Asher aus Andover, dann Betty Bernard in Bexhill-on-Sea und Carmichael Clarke in Churston umgebracht. Die Polizei eilt daraufhin nach Doncaster, um das nächste Verbrechen zu verhindern…

Lebhaft und lebendig, anschauungsreich geschrieben, wächst uns das Registertum Seite um Seite mehr ans Herz. Dennis Duncan präsentiert gar die entsprechende Seite aus jenem Belegexemplar von „The Unmaking of a Mayor“, das William F. Buckley 1966 seinem Intimfeind Norman Mailer zukommen ließ. Im Namensregister hinterließ er für ihn bei „Mailer, Norman, 259, 320“ in roter Tinte ein „Hi!“, weil er sich sicher sein konnte, dass Mailer dort als erstes schauen würde.

Dennis Duncan: Index, eine Geschichte des. Vom Suchen und Finden (Index, A History of the. A Bookish Adventure from Medieval Manuscripts to the Digital Age, 2021). Aus dem Englischen von Ursel Schäfer. Verlag Antje Kunstmann, München 2022. 376 Seiten, 30 Euro.

Kompakter geht es nicht

(AM) Als früherer Kulturredakteur der Lufthansa, dort sieben Bücher zum Thema Flug gemacht, hatte ich schon einiges an Luftfahrttiteln in der Hand, so komprimiert und vollständig aber hat noch kein Buch, das ich kenne, als Visuelle Chronik der Luftfahrt funktioniert. Von Philip Whiteman herausgeben, ist Das Flugzeug-Buch wohl nur in einem Verlag und Team wie dem von Dorling Kindersley (DK) möglich. 1974 in London gegründet, ist dieser Verlag Teil von Penguin Random House und der Bertelsmann-Gruppe. Es gibt weltweit vermutlich keinen Publisher, bei dem sich mehr Kompetenz und Know How in Sachen illustrierter Lexika und Nachschlagewerke bündeln. Das Preis-Leistungsverhältnis der in über 60 Sprachen erscheinenden Bücher ist unschlagbar, international (und da auf dem Kunstbuchsektor) hat nur der Verlag Taschen ein ähnliches Standing. 

Mit mehr als 800 Flugzeug-Modellen, nach Jahrzehnten und Themen gegliedert, werden die wichtigsten Luftfahrzeuge präsentiert, dies auf zahlreichen Galerieseiten und besonders wichtige Modelle auf detaillierten Sonderseiten. Über 1300 Fotos illustrieren die Geschichte der Luftfahrt, dazu gibt es viel Hintergrundinfo zu Herstellern, Motoren und neuesten Entwicklungen. Das geht vom Blériot-Cockpit bis zum Dreizylinder-Halbstern von Anzani, dem Vierzylinder-Reihenmotor von de Havilland bis zu den Typen R oder Pegasus von Rolls-Royce, der Douglas DC-2 und der „Fliegenden Festung“ von Boeing zur Lockheed L-1049 Super Constellation, der Concorde oder der Mikojan MiG-29 zum Segelflieger Duo Discus, von epochalen Motoren quer durch die Dekaden bis zum österreichischen Rotax 912 für Leichtflugzeuge. 

Es geht vom Heißluftballon bis zum Überschallflugzeug, Militärtechnologie wird ebenso dargestellt wie alternative Antriebe oder etwa der Anteil der Frauen am Pioniertum („We won’t take a backseat“). Es gibt Ausflüge in die Privatfliegerei und zu den Geschäftsflugzeugen. Erzählt werden auch die Geschichten großer Hersteller wie Fokker, Piper, Cessna, Douglas, Northrop, Lockheed, Airbus, Sokirsky oder Boeing. Kompakter geht es nicht. Die exzellenten Abbildungen machen Lust aufs Fliegen…

Philip Whiteman (Hg.): Das Flugzeug-Buch: Die visuelle Chronik der Luftfahrt (The Aircraft Book, 2000, 2013, 2021). Dorling Kindersley Verlag, München 2022 (2014).  Format 235 x 281 mm, Hardcover, über 1300 farbige Fotos. 320 Seiten, 34,95 Euro.

Geradezu atemlos modern

(AM) „Die ganze Erzählung ist wie eine Landschaft im voll Sonnenlicht: alles liegt hell und offen vor unsern Augen; nichts steht im Schatten, damit Etwas anderes desto stärker herausgehoben werde; alles erscheint in seiner eigenen Gestalt und Farbe; nichts vergrößert, nichts verschönert, sondern im Gegentheil jede so häufig sich anbietende Gelegenheit, das Außerordentliche und Wunderbare der Thatsachen durch Kolorit und Beleuchtung geltend zu machen, geflissentlich vernachlässigt, und die Begebenheiten mit ihren Ursachen und Folgen, die Handlungen mit ihren Motiven und dem Drange der äußern Umstände so natürlich verbunden, daß das Wunderbarste so begreiflich als das Alltäglichste wird. Ein Mahler oder Dichter, von welchem alles dieß gesagt werden könnte, würde schlecht dadurch gelobt seyn: aber was bey diesen Mangel an Genie und Kunst verriethe, ist, nach meinem Begriff, das höchste Lob des Geschichtschreibers. Xenofon hat es allen, die nach ihm kommen werden, schwer, wo nicht unmöglich gemacht, ihn hierin zu übertreffen. Nichts kann ungeschminkter, ja selbst ungeschmückter seyn als die naive Grazie seines Stils; nichts einfacher und anspruchloser als seine Art zu erzählen; nichts kaltblütiger und unparteyischer als seine Karakterschilderungen.“ So urteilte Christoph Martin Wieland 1801 im Briefroman „Aristipp“ über die „Anabasis“ von Xenophon, einen der großen Texte der Antike.

Der Althistoriker Wolfgang Will macht sich in Der Zug der 10.000 daran, Die unglaubliche Geschichte eines antiken Söldnerheeres entlang des Originals neu zu erzählen und zu kommentieren. Xenophon begleitete den Zug der von Kyros  angeworbenen, nach dem Peloponnesischen Krieg arbeitslos gewordenen griechischen Söldner zunächst nur als Kriegsberichterstatter. Die Hellenen sollten, wir schreiben das Jahr 401 v. Chr., für Kyros die Macht des älteren Bruders Artaxerxes im Zweistromland beenden beenden. Zwei persische Königssöhne, die sich bekriegen. 

Im babylonischen Hochland kommt es zur Schlacht. Das griechische Söldnerheer ist überlegen und siegt. Doch Kyros fällt, all seine Heerführer werden durch Verrat ermordet. Seiner Wortgewalt wegen wird Xenophon – neben Cheirisophos – gewählt, die Truppe ans rettende Ufer des Schwarzen Meeres zu führen. Der Rückzug aus einem besetzten Land, das müssen sie lernen, ist gar nicht so einfach. Aus der „Anabasis“, dem Hinaufmarsch nach Persien, wird ein „Langer Marsch“, die „Katabasis“, der Hinabweg zum Meer und in die Heimat. So weit die Füße tragen. Spätestens jetzt wird der Verfasser selbst der Held des Stücks. Das ist erzählerisch ein Meilenstein, das Individuelle verflicht sich mit dem Geschichtlichen, legt den Grundstein zur Memoirenliteratur, beschreibt authentisch Sitten und Gebräuche Land und Leute. Begründet literarisch den pikaresken Rückzug, die Heldenreise nach Hause durch feindliches Gebiet, die Heimkehrerliteratur. Das reicht von Defoes „Kapitän Singleton“ (1720) bis Rudolf Borchardt oder Viktor Sklovskijs „Sentimentale Reise“. Der gerade verstorbene Hans Magnus Enzensberger charakterisierte das als „Gratwanderung… Essay und Autobiographie, Roman und Reportage, Tagebuch und Legende, Reisebericht und Erinnerung – das alles zugleich und in einem Atemzug, mit einem Wort: eine ‚Faktographie’… ein abenteuerliches Fragment der Wirklichkeit“.

PS. Das Thalatta! Thalatta! von Xenophons Hellenen, ihr Freudenschrei „Das Meer, das Meer!“,als Symbol für die Errettung aus unmöglicher Situation geworden hat unter anderem Heinrich Heine im „Buch der Lieder“ variiert.

Wolfgang Will: Der Zug der 10.000. Die unglaubliche Geschichte eines antiken Söldnerheeres. C. H. Beck, München 2022. 314 Seiten, 5 Abbildungen und 10 Karten, 28 Euro.

Kompakte Geschichtsstunde(n)

(AM) Auch in Deutschland steht der Black History Month symbolisch für die Auseinandersetzung und Sichtbarmachung des oft Marginalisierten. „Black History, also die Geschichte der Schwarzen, ist eine globale Geschichte“, betont das Vorwort. „Sie spielt sich in Afrika, Europa, Amerika, Asien und im Nahen Osten ab.“ Und sie ist eine sehr lange Geschichte, vor Hundertausenden von Jahren waren die ersten Menschen auf dem afrikanischen Kontinent zu Hause. Verleugnet, vergessen, verdrängt, ignoriert wurde die Black History immer wieder, dies zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten – und bis heute. Einige europäische Philosophen gingen sogar so weit, zu behaupten, Afrika habe gar keine wirkliche Geschichte. Auch Jahrhunderte von Kampf gegen Versklavung, Kolonialismus und Rassismus wurden und werden gerne unter den Teppich gekehrt.

Das mit allen Registern der Informationsgrafik pfiffig und abwechslungsreich gestaltete Kompendium Big Ideas – einfach erklärt. Das Black-History-Buch will hier Gegengift sein. Wie bei den Büchern von Dorling Kindersley (DK) Standard, ist das übersichtlich, informativ, zum Nachdenken anregend. Ein elfköpfiges Expertenteam von Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Wissensgebieten, aus Geschichte, Anthropologie, Arabistik, Afrikanistik, Religionswissenschaften, Kunst, Kultur trägt zu Niveau und Güte dieses Buches bei. Zusammenhänge, Theorien & Biografien werden abwechslungsreich und einfach aufbereitet und die wichtigsten Meilensteinen der Geschichte der Schwarzen innerhalb und außerhalb Afrikas dargestellt. Dazu gibt es mit zahlreiche Porträts herausragender Persönlichkeiten wie Rosa Parks, James Baldwin, Martin Luther King oder Nelson Mandela und Alice Walker. Durchaus ein politisches Weihnachtsgeschenk – mit Lehrbuch- und Nachschlagewerk-Qualität.

DK (Hg.): Big Ideas – einfach erklärt. Das Black-History-Buch (Big Ideas. The Black History Book, 2021). Übersetzung Anya Lothrop, Susen Truffel-Reiff. Dorling Kindersley Verlag, München 2022. 344 Seiten, Format 205 x 240 mm, über 300 farbige Fotos und Illustrationen, 26,95 Euro.

aus: Das Black-History-Buch © DK

Eine Frage der Haltung

(AM) Design war für ihn „Zivilisationsarbeit“, er sah sich gern als „Denker am Objekt“. „Wir entwerfen, weil wir suchen, nicht weil wir wissen“, lautete ein Credo von Otl Aicher (eine Besprechung seiner Monographie von mir hier). Für ihn war klar: „der designer ist eine art moralist. Er wertet. seine tätigkeit besteht aus wertungen.“ (Die radikale Kleinschreibung eine von Otls Querköpfereien.) Entwerfen war für ihn eine Frage der Moral. Gleichzeitig betonte er immer: „Design ist Kunst der zweiten Potenz. Man muss die Ästhetik mit Zweckerfüllung multiplizieren.“ 
Statt Buchinhalte zu referieren hier einige weitere Zitate:

„Design ist unsichtbar.“ – Lucius Burckhardt

„Wir brauchen weniger, aber besseres.“ – Dieter Rams

„Gestaltung ist Haltung.“ – Helmut Schmid, Typograf

„Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.“ – Antoine de Saint-Exupéry, 1939

„Design ist auch das, was man nicht sieht.“ – Walter de’Silva, Automobildesigner

„Das Schöne ist auf das Richtige angewiesen, und das Richtige muss sich in der besten Ästhetik entfalten.“ – Otl Aicher

„Gutes Design ist für die Ewigkeit.“ – Alberto Alessi,

„Einfachheit ist die höchste Form der Raffinesse.“ – Leonardo da Vinci

„Weniger ist mehr.“ – Ludwig Mies van der Rohe, Architekt

„Design setzt Inhalt voraus. Design ohne Inhalt ist kein Design, sondern Dekoration.“ – Jeffrey Zeldman

„Wenn eine Idee nicht zuerst absurd erscheint, taugt sie nichts. – Albert Einstein
„Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit.“ – Max Weber

„Ich bin gegen Mode, die vergänglich ist. Ich kann nicht akzeptieren, dass man Kleider wegwirft, nur weil Frühling ist.“ – Coco Chanel

Das Buch zu diesen Zitaten, ebenso klar und schön und (scheinbar) einfach, heißt Design. Die visuelle Geschichte und ist im Verlag Dorling Kindersley (DK) erschienen, dessen Loblied ich in dieser Rubrik schon öfter gesungen habe. Kompakter, informativer und visuell spannender kann man diesen Gegenstand nicht inszenieren. Mit über 1200 farbige Fotos und Illustrationen auf 400 Seiten – und mit beachtlichem Preis-Leistungsverhältnis.

Design. Die visuelle Geschichte (Design. The Definitive Visual History, 2015, 2021). Übersetzung Wiebke Krabbe, Christiane Wagler. Dorling Kindersley Verlag (DK), München 2022 (2015). Format 252 x 301 mm, über 1200 farbige Fotos und Illustrationen. 400 Seiten, 49,95 Euro.

Tags : , , , , , , , , , ,