Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

„Der Maquisard“ – Georg Stefan Troller zum 101.

Mit dem Gegenüber von Gleich zu Gleich

 Georg Stefan Troller © Anna Frandsen/ Verbrecherverlag

(AM) Er ist unser Studs Terkel – der übrigens bezeichnete sich selbst am liebsten als Guerilla-Journalist. Auch Georg Stefan Troller ist so einer, hat das Zuhören zu einer Kunstform gemacht. In Wirklichkeit geht es natürlich um das Zum-Reden-Bringen. Troller lernte es als Dolmetscher bei der Befragung deutscher Kriegsgefangener, dann als Vernehmungsoffizier. „Die Grundlage meiner Interview-Technik habe ich da gelernt. Mit dem Gegenüber von Gleich zu Gleich zu sprechen, nur so funktioniert Interview“, verriet er in der „Selbstbeschreibung“ (1988). Mit seiner Art, Menschen zu begegnen, wurde er einer unserer größten Beobachter des 20. Jahrhunderts. Jetzt am 10. Dezember ist er 101 Jahre alt. Cheerioh! Und pünktlich zum Geburtstag gibt es einen Band, in dem man diesen Ausnahmejournalisten bei seinen Anfängen erleben kann.

Mit freundlicher Genehmigung des Verbrecherverlages präsentieren wir Ihnen daraus die Erzählung „Der Maquisard“. Es ist in knappster Form der Lebensweg eines Mitglieds des Widerstands gegen die Nazis.

„Der Materialcharakter der Wirklichkeit ist sein Ausgangspunkt“, charakterisiert Wolfgang Jacobsen, Herausgeber von Der Unnötige. Frühe Texte Trollers Arbeitsweise. Zusammen mit dem Autor hat er aus einem im Archiv der Deutschen Kinemathek verwahrten Konvolut von 20 Geschichten, handschriftlich als „Meine ungedruckten Werke. 1945-1950“ ausgewiesen“, insgesamt 16 „Stories“ ausgewählt. Die Dramaturgie der Abfolge ordnete Troller selbst, er fügte noch vier Gedichte aus dieser Zeit hinzu. 

Der Exilant Troller kam als US-Soldat nach Deutschland zurück, als Angehöriger der 45th Infantry Division. Sein Dienstweg war jedoch ein anderer als der vieler wegen ihres Ausbildungscamps so genannten „Ritchie Boys“. Am 29. April 1945 war er bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau dabei, am 1. Mai 1945 an der Einnahme Münchens beteiligt, wo er dann Reporter des Armeesenders Radio München wurde. „Hitler kaputt“ überschrieb er seinen Bericht vom Kriegsende. Aber weder in München noch in Wien fühlt er sich wieder heimisch, kehrte 1949 – 1949 zum Studium in die USA zurück. Wurde dann Hörfunkreporter beim RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) in Berlin, ab Ende der 1950 folgten Fernseharbeiten für den Südwestfunk. Seit 1949 lebt er in Paris.

Im Filmarchiv der Deutschen Kinemathek wird nahezu sein gesamtes filmisches Werk betreut, in der dortigen „Mediathek Fernsehen“ sind 165 seiner Filme zu sehen. Das Filmarchiv Austria brachte zu Trollers Hundersten eine schöne Jubiläums-Box mit sechs DVDs heraus. 

Unser Textauszug stammt aus:
Georg Stefan Troller: Der Unnötige. Frühe Texte. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Wolfgang Jacobsen. Verbrecher Verlag, Berlin 2022. Hardcover, 136 Seiten, 20 Euro.

Textauszug: Der Maquisard

Rodolphe Ruard war im Elsass geboren. Als er drei Jahre alt war, packte sein Vater die Familie auf einen Lastwagen und sie fuhren hinunter nach Marseille. Sie wohnten im Viertel des Alten Hafens. Ruard trug ein Messer im Gürtel unter dem Rock und besuchte die unterirdischen Lokale, wo er Pinard trank und mit den Mädchen auf ihre Zimmer ging. Er war sechzehn Jahre alt, als die Deutschen jedes Haus im Alten Hafen in die Luft sprengten. Ruard schloss sich der Widerstandsbewegung an, dem Maquis. Er sprach gut Deutsch, und nachdem er mit seinem Fallschirm gelandet und in die Stadt hineinmarschiert war, sah er nicht anders aus als die übrigen Jungen. Die Stadt war Linz. Man hatte ihm gute Informationen mitgegeben, und eine Woche später flog ein kleines Rüs- tungswerk in die Luft und dann ein anderes, und dann eine Konservenfabrik in der Nähe von Steyr, die Gasmasken herstellte. Darauf wurde er erwischt, aber französische Zwangsarbeiter versteckten ihn in einem Stall und er entkam über die Grenze. Er wurde noch zweimal abgeworfen, und im Juni 1945 trug er eine Reihe von farbigen Bändern an seiner Uniformjacke. Die Uniformjacke hängte er daheim in den Schrank seiner Mutter. Dann setzte er sich auf die Treppe, fast den ganzen Tag lang. Nach einigen Wochen sagte seine Mutter (der Vater war tot): »Chéri, es ist kein Geld im Haus. Du musst für deine Geschwister sorgen. Es ist Frieden, du solltest dir einen Posten suchen.«

Er sagte, »Ich kann gar nichts.«

Die Mutter sagte, »Es ist eine Stelle in der Wäscherei frei.«

Ruard arbeitete zwei Wochen lang in der Wäscherei, aber er sprach mit niemandem. Es waren nur Frauen dort und er hatte kein Verlangen mit Frauen zu reden. Nach zwei Wochen Wäscherei lief er aus dem kleinen Ort, wo seine Mutter jetzt wohnte, davon nach Marseille. In Marseille waren viele ehemalige Soldaten. Sie erzählten einander, wo sie im Krieg gewesen waren, und Ruard fühlte sich glücklich. Er gehörte zu ihnen, zu den Soldaten. Er nannte sich Pepito le Gitan, weil er dunkel war wie ein Rumäne. Einen, der ihm besonders gefiiel, nannten sie Pierrot le Fou. Pierrot le Fou behauptete immer, dass ein Mann sich nur in der Gefahr als Mann erweisen könne. Ruard sagte, das sei wahr. Einen Abend nahm ihn Pierrot le Fou ins Hinterzimmer und raunte, es sei eine gefährliche Sache zu deichseln, ob er dabei sein wolle. Ruard sagte ja. Pierrot holte noch zwei Männer ab, gab allen Pistolen, die sie in den Gürtel unter die Jacke schoben, und die vier schlichen zusammen in ein Haus. Es war das Haus einer anderen Bande und fünf Minuten später flog es in die Luft. Ruard musste seine Pistole wieder abliefern, aber Pierrot le Fou versprach ihm, dass er bald wieder etwas aufreißen werde. Die Woche darauf brachen sie bei einem Schuster ein und so machten sie weiter, und eines Tages sprangen sie auf ein Postauto, das nach Nizza fuhr und der Fahrer schoss Ruard durch den Hals.

Das war im September 1949. Während des Winters wurde dann die ganze Bande gefangen, größtenteils durch Verrat und Bestechung. Im Frühjahr kam es zur Verhandlung vor dem Marseiller Schwurgericht. Ruard verteidigte sich selber. Er sagte:

»Die Kameradschaft in der Gefahr ist das Einzige, was mir in meinem Leben etwas bedeutet hat. Die Kameradschaft von Verbrechern war mir lieber als euer Existenzkampf, in dem jeder gegen jeden steht. Ich bin ein Kind des Krieges.«

Ruard ist jetzt 26 Jahre alt und wird den Hafen von Marseille nicht wiedersehen, bevor er 46 ist.

© Georg Stefan Troller

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