Geschrieben am 1. November 2022 von für Crimemag, CrimeMag November 2022

August Heuser über die Totenbilder von Friedemann Hahn

Szene aus „Salvatore Giuliano“ 1961, 1972, Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm, Privatbesitz © Friedemann Hahn

Expedition ins Totenreich

Zu einem bisher unbeachteten Aspekt der Bilder von Friedemann Hahn

Friedemann Hahn bezeichnete einige seiner Werke und Werkreihen auch als Expeditionen. Der Autor nennt einen Werkzusammenhang Expeditionen ins Totenreich. Das Gesicht des Todes ist in Friedemann Hahns Werk ein Dauerbegleiter. Es sind wohl mehr als 100 Totengesichter, die Hahn im Laufe seines künstlerischen Lebens gemalt hat. Schon in einem frühen Gemälde von 1972 „Szene aus Salvatore Giuliano, 1961“ (das 60 x80 cm große Bild zeigt die Schlussszene aus Francesco Rosis Film von 1961 in Schwarz- und Grautönen) ging es um das Thema Tod. Es sollte Friedemann Hahns Thema werden, das ihn fortan von seinen frühen Film-Bildern, über die Seestücke, bis in sein literarisches Werk, seine Kriminalromane, nicht mehr loslässt.

Die frühen Bilder so heißt es, „kreisen um die Ikonen der glitzernden Glamourwelt des Films. Es sind die Schönen und Lebendigen, die der Künstler in seinen Bildern festhält: Marilyn Monroe, Jane Russel, Jane Mansfield, Marlene Dietrich, Greta Garbo, Ingrid Bergmann, Gary Cooper, Humphrey Bogart u.a. Sie signalisieren den Traum vom Leben, fernab vom Tod. Aber verborgen ist der Tod als Dorian-Gray-Moment doch anwesend oder wie Hermann Hesse es 1947 in seinem Gedicht „In Sand geschrieben“ formuliert: Dass das Schöne und Berückende, nur ein Hauch und Schauer sei, …… Dass sie kaum entdeckt vergehen …… ach wir wissen es mit Schauer …….. So schlägt der Maler dann die andere Seite des Lebens immer wieder auf: den Tod und die Bilder vom Tod, so schon am Anfang seiner Bildproduktion mit seinem oben erwähnten, 1972 gemalten, Bild vom Tot des Banditen Salvatore Giuliano.

Szene aus „Antonio das Mortes“, 1969, 1977, Ölfarbe auf Malpappe, dreiteilig
75 x 33 cm © Friedemann Hahn

Aus diesem Anfang beim Toten Salvatore Giuliano entwickelte sich in Friedemann Hahns Bildproduktion ein Personenverzeichnis das als Totenverzeichnis zu denken ist. Er zeigt in seinem Werk Personen, die allesamt nicht mehr am Leben waren. Da ist der Begriff Schauspieler doch nur makaber! Die Figur Joe Dallesandro ist da eine große Ausnahme (1948 geboren, lebt er noch heute). Der Tod ist allerdings nicht nur durch die Gestorbenen präsent, sondern auch durch die Filmzitate von Killern aus so genannten `Schwarzen Filmen´ z.B. aus „The Locked Door“ aus dem Jahr 1929 von George Fitzmaurice mit Barbara Stanwyck und Rod LaRoque oder aus Glauber Rochas „Antonia das Mortes“; ebenso nach einer zeitgenössischen Fotographie „Die Leiche des Briganten Domenico Tiburzi“ – ein 3-teiliges Bild, 1996 in Florenz gemalt, über einen 1896 in der Nähe von Cabalbio erschossenen  Straßenräuber, dessen Leiche zur Abschreckung an Ort und Stelle auf- und ausgestellt worden war.

Barbara Stanwick und Rod LaRoque in „The Locked Door“, 1929 – Öl auf Leinwand, 160 x 120, Privatsammlung © Friedemann Hahn

Also, Tote über Tote im Werk von Friedemann Hahn: Glamouröse Gestalten, bizarre Banditen, umtriebige Seefahrer und Entdecker und schließlich, anfangs der 1980er Jahre, Malerkollegen wie Vincent van Gogh (ihm widmete Hahn in späteren Jahren einige Szenen und Überlegungen in seinem Roman Noir „Foresta Nera“) und Ernst Ludwig Kirchner (s. auch die Gedichte zu diesen Malern in Hahns Gedichtband „Wortbilder – Auf dem Weg zum Motiv“), deren wahre Todesart wohl für immer im Dunkeln bleiben wird. Sie alle bleiben im Werkverzeichnis des Künstlers am Leben. Die Liste dieser Werke, mithin Hahns `Scheintoten´, müsste noch genauer ermittelt und erstellt werden!     

Auffällig ist, dass es Friedemann Hahn nicht um „den schönen Tod“ geht. Immer wieder geht es ihm um die Grausamkeit des Todes, um sein Fratzengesicht, um die Entstellung des Körpers, um die Zerschlagung der Gestalt in der Zerschlagung des Antlitzes. Es sind Opferungen von denen Friedemann Hahns Bilder erzählen. Von Distanz, die der Maler noch in seinen kühl beleuchteten „Filmstils“ herstellt, ist in diesen Todesbildern nichts zu spüren. Sie gehen vielmehr aufs Ganze. Entsetzen und Ekel stellt sich bei der Betrachterin und beim Betrachter ein. Das Sterben wirkt intensiv und berührt unmittelbar. Beispielhaft dafür stehen die Bildfolge „Tod im Eis“, eine Bildfolge, die nach der Beschäftigung mit dem Schicksal des Polarforschers Sir John Franklin, gestorben am 11. Juni 1847 auf der Suche nach der Nord-West-Passage, einer Durchfahrt durch das Eismeer, und seiner Mannschaft entstanden ist. Es sind grausame Porträts von im Eis erfrorenen Seeleuten, die Friedemann Hahn nach Fotografien nach deren Ausgrabung 2015 vorlegt. Nichts Heldenhaftes ist an diesen Bildern zu spüren.  Das ist auch in der Wachs-Skulptur mit drei Franklin-Köpfen zu sehen, die jenseits von Heldenverehrung schwarz und grob und plump abseits von Schönheit und Heldenhaftigkeit als Heldenstück formuliert sind. Für ein Heldendenkmal, wie sie Hahn benennt, sind sie kaum zu gebrauchen. Es wären heute bei Aufstellung, etwa an der Fundstelle der Leichen, ein Skandal.

Krähenschlag, 1985, Öl auf Leinwand 3-teilig, 233 x 360 cm

John Franklin (1786 -1847) war ein englischer Navy-Lieutenant, Konteradmiral, Polarforscher und Teilnehmer an der Schlacht bei Trafalgar im Jahre 1805. Er starb in der kanadischen Arktis im Eis bei der von ihm geführten Expedition auf der Suche nach einem Weg durch die Nordwest Passage mit seiner Mannschaft nahe Devon Island vor der Kanadischen Küste. Seine Schiffe „Errebus“ und „Terror“ wurden 2009 bei einer wissenschaftlichen Expedition gefunden. Mit der Entdeckung der Schiffswracks wurden auch die Leichen der Seeleute im Eis erstarrt entdeckt. Sie wurden fotografiert und die Bilder in vielerlei Publikationen veröffentlicht (siehe: Der eisige Schlaf, Owen Beattie/ John Geiger, Das Schicksal der Franklin Expedition, VGS u.a., 2015). Diese spektakulären Fotos der in der arktischen Kälte erstarrten Gesichter und Körper dienten Friedemann Hahn als Vorlage für seine Zeichnungen zu den Foto-Porträts der Seeleute. Sie sind fast so etwas, wie die Filmstills, die er in seinen großen Filmbildern nutzt, bzw. nicht weit davon entfernt. Sie verweisen auf seine berühmten Filmbilder und diese verweisen auf die Fotografien von Toten. Eine im Werk des Künstlers spannende Wechselwirkung zwischen dem Leben, dem Tod und Leben. In Hahns Interesse kommen zwei Aspekte seines Nachdenkens zusammen, die Filmstils Leben-Tod-Leben und sein Interesse an der Seefahrt. Die Zeichnungen der vom Eis entstellten Gesichter, ganz im Gegensatz zu den Filmstills als Erscheinungen des Lebens, sind Expeditionen ins Totenreich.

In einem Zwischenbereich dieser Erprobungen von Leben und Tod oder von künstlerischen Expeditionen sind die Christusbilder Friedemann Hahns zu sehen. Zunächst die Porträt-Bilder des leidenden und sterbenden Christus und dann auch die große Szene des gekreuzigten Christus. Auch hier wird ein Prinzip des Künstlers deutlich: Von der großen Szene zum kleinen Format. Wieder wird wie mit einem Zoom die große Szene verkleinert und individualisiert, damit der Tod ganz nahe an den Betrachter heranrückt. Es ist der direkte und nackte Blick auf die Gewalt, das private Leiden und Sterben, das Friedemann Hahn radikal interessiert. Dafür steht seine große Kreuzigung nach Matthias Grünewalds Isenheimer Altar von 1992 (heute in der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen, Frankfurt am Main, Offenbacher Landstraße 224, auf dem Gang zur Seminarkapelle), ebenso die große Szene der Kreuzigung von 1994 für die Kirche von Wehr, die wie auf einer großen Bühne als Triptychon aufgebaut ist. Bei aller Theatralik der großformatigen Kreuzigung steht der radikale aber kleine intensive Blick bei den Zeichnungen des Christusgesichts für die Qual des Leidens und des Todes.

Kreuzigung 1992 (Öl auf Leinwand), 2-teilig: gesamt 258 x 392 cm
 © Friedemann Hahn

Das Christusgesicht von der Kreuzigung Jesu ist in der Kunstgeschichte das sakrale Todesbild. Seinen Ausdruck findet das intensiv in Paul Gerhards Hymnus aus dem Jahre 1656 „Oh Haupt voll Blut und Wunden“, verstärkt durch die Vertonung von Johann Sebastian Bach in seiner Matthäus-Passion. Im profanen Kontext entwickelte sich über die Jahrhunderte das Bild des Hl. Sebastian zum Inbegriff des leidenden Menschen. Dieser heilige Märtyrer, der im Jahre 288 in Rom unter Kaiser Diokletian mit Pfeilen hingerichtet wurde und dessen Todestag in der katholischen Kirche am 20. Januar gefeiert wird, wird seit dem 4. Jahrhundert als Inbegriff des Märtyrers gefeiert. Tausende Bildwerke, Gemälde und Skulpturen des von Pfeilen durchbohrt Heiligen, finden sich in den Kirchen Europas und der ganzen Welt. Die grausamen Darstellungen des Martyriums des Heiligen im Bild gelten auch als im Ursprung als mögliche und erlaubte Darstellungen eines Männeraktes von der Renaissance bis in die Neuzeit und hier bis in den Film. Derek Jarmans Saint Sebastian (1976) steht hierfür stellvertretend. Das Motiv und Jarmans Film ist mehrfach abgewandelt und weiterentwickelt worden. Das Thema des leidenden Mannes wird allerdings in der Kunstgeschichte auch zum erotischen Motiv, zum Motiv homoerotischer Männerschönheit und Männerliebe. Diese, der Sebastiansdarstellung immanent zugrunde liegende Gestaltung zwischen Eros und Tanatos, durchzieht Malerei, Literatur und Film bis heute als Kunst und Kitsch. Eros und Tod ist spätestens seit der Romantik ein Geschwisterpaar menschlichen Seins, in welcher geschlechtlichen Konstellation auch immer.

Bugsy’s Tod, 2019, Öl auf Leinwand 180 x 140 cm
© Friedemann Hahn

Friedemann Hahn nahm das kunstgeschichtliche Motiv des leidenden Sebastians unter den Bedingungen seiner Malerei auf und fügte es in seine Expeditionen ins Totenreich ein, als Bild des leidenden Menschen und des Leidens schlechthin. Der Titel des Bildes „Martyre“ (2020) meint nicht nur den Märtyrer, sondern auch `sich opfern´, ja sogar `Opferung´, aber auch `Qual´ und auch im Verb `misshandelt´, `geplagt´ und `geschunden´. Bei Friedemann Hahn steht dabei Opferung im Vordergrund. Hahn verzichtet auf den Namen des Märtyrers Sebastian und macht damit im Bildtitel des nackten Mannes deutlich, dass es sich um den qualvollen Tod als solchen handelt, der aber eingebunden ist im Bild, aber auch im Auge des Betrachters, in Leiden und Erotik. Qual und Opferung in der Aura von Erotik und Lust und als Folge davon des Todes.

Vielleicht gelingt es in solcher Betrachtung, die Bilder von Friedemann Hahn noch einmal in einer anderen Wendung zu lesen. Sie sind Bilder auf den Tod hingerichtet. Die Wandlung seiner Pinselführung und seines Farbauftrags in seiner Malerei, seine zunehmend oft ekstatische Pinselführung, die mit Schlagen und Peitschen verbunden werden kann, ist dafür Ausdruck. Auf diese Weise veranschaulicht Friedemann Hahn die Gegenwartsweise des Todesgedankens in seiner Malerei. Es sind die Todesarten von denen Ingeborg Bachmann in einem ihrer Projekte spricht. Der Titel seiner letzte Ausstellung in Freiburg 2021, „Foresta Nera“ und im Untertitel des Katalogs „Vom Dunkeln und Einsamen oder wie man sich Leid, Schweiß und Wahnsinn erspart“, ist nicht nur der Name einer Landschaft in der Friedemann Hahn fast sein Leben lang gelebt und gearbeitet hat, sondern auch ein symbolischer Name als Raum einer persönlichen Verfasstheit, wie hier das gleichnamige Bild und das Bild „Martyre“ aber auch literarische Zeugnisse – so z.B. sein Gedicht auf seinen toten Hund Käp´tn“ , das er „Oh  Käpt´n, mein Käpt´n“ betitelt,  mit Bezug auf  Walt Whitmans  „My Captain“ von 1865, das der amerikanische Dichter dem ermordeten Abraham Lincoln gewidmet hat, ebenso auf Leonard Cohens Ballade „The Captain“, die Cohen stets als fröhlichen Country Song vorträgt – verdeutlichen. Es sind alles Zusammenfassungen und Sinnkonstrukte seines Weges durch die Kunst. So steckt vielleicht das Sterben und der Tod zunächst unbemerkt schon in den frühen Bildern des Künstlers als Herausforderung seiner Arbeit. Es könnte aufschlussreich sein, dieses unter diesem Aspekt noch einmal durchzuschauen, neu zu sehen und zu würdigen. Die Bild-Räume, die sich dadurch vielleicht eröffnen sind weniger bekannt und glamourös, dafür aber tiefer im Leben, oder einfach zwischen Leben und Tod angelegt. 

August Heuser

Siehe auch bei uns:
Friedemann Hahn: Meine Noir-Malerei
Friedemann Hahn: Die wahren Bilder
Alf Mayer: Charakterporträt des Zuschauers im Film Noir – Friedemann Hahns „Bugsys Tod“ und „Black Dahlia“

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