Posted On Februar 21, 2004 By In Bücher, Litmag

Don DeLillo: Körperzeit

Im Jenseits der Zeit Nach dem epochalen Welttheater „Unterwelt“ beweist Don DeLillo mit einem kleinen Kammerspiel seine Meisterschaft. Rey und Lauren sitzen in der Küche eines einsamen Landhauses, er „hinter der Zeitung, im Kaffee rührend.“ Toast fluppt aus dem Toaster, Orangensaft wird geschüttelt, draußen zirpen die Vögel und Sätze schwirren aneinander vorbei in die Leere: „Ich wollte Dir was sagen, aber was?“ Mit wenigen Strichen zeichnet Don DeLillo in seinem neuen Roman „Körperzeit“ die klassische Situation eines Ehepaares, das sich vor langer Gewöhnung kaum noch wahrnimmt und stets aneinander vorbeiredet.Read More

Posted On Februar 21, 2004 By In Bücher, Litmag

Ralf Bönt: Gold

Auf der Höhe der Zeit „Gold“ überzeugt durch seinen ganz eigenständigen Sound und lässt den 37jährigen Ralf Bönt zu einem Hoffnungsträger der jungen deutschen Literatur werden. „Wir befinden uns am Ende des Jahrhunderts, in der Hauptstadt“ und „irgendwie fühlte man, dass Geschichte in der Luft lag, schwanger schien alles“ – in seinem zweiten Roman entwirft Ralf Bönt ein schwankendes Kaleidoskop des von grandiosen Medienmythen und desorientierten Menschen bevölkerten Berlin. Seine nur vordergründig so abgeklärten Protagonisten Anna, Lotte, Hans und Dorado stecken in einem verzwickten Wechselspiel aus Fehl- und Seitensprüngen, ausRead More
Ein Thriller für literarische Feinschmecker Mit fein ausgeklügelter Hochspannung, psychologischem Tiefgang, (gesellschafts-) politischem Hintergrund, dichter Atmosphäre und viel Lokalkolorit. Thriller-Autoren gelten ein wenig als die Fast-Food-Produzenten im weiten Feld der Literatur und gelangen nur selten in den Rang (fast) unsterblicher Klassiker wie Raymond Chandler, Eric Ambler oder Patricia Highsmith. Dass der junge schottische Thriller-Autor Ian Rankin eines Tages mal in einem Atemzuge mit diesen Heroen des Genres genannt werden wird, erscheint nach seinem jüngsten Roman als gar nicht so abwegig: „Der kalte Hauch der Nacht“ ist ein schon fast perfektRead More
Brillante Hochgeschwindigkeitsliteratur Stephan Maus glänzt in „Alles Mafia“ mit einer collagenhaften und von unglaublichen Wortneuschöpfungen strotzenden Prosa, die ebenso aphoristisch-hintersinnig wie grotesk und obszön sein kann. Mit seinem zweiten Roman „Alles Mafia“ ist Stephan Maus zum kaum noch zu überholenden Hochgeschwindigkeitsliteraten in der jungen deutschen Autorengarde avanciert: im wummernden Techno-Takt und mit 120 beats per minute treibt er diese „Gangsta Rhapsodie“ gnadenlos schnell voran: „Die Metropole war ein unwirtliches Dickicht, ein pfeifender Risikoraum, ein blinkender Pups, ein chiffreartig verschweißter Makrochip, ein Gigafloperlebnispuff, ein hitzig abgewaveter Dudelsack voller Rambazamba-Performance.“ Durch dieseRead More
Mit „absoluter Ignoranz und Zuversicht“ zum Durchbruch Rückblende auf den letzten Ingeborg Bachmann-Wettbewerb vor der Jahrtausendwende: Im Klagenfurter Weihetempel der jungen deutschen Literatur wartet die hehre Kritikerrunde und das gespannte Publikum auf den nächsten Kandidaten. Mit einem spitzbübischen Lächeln fläzt sich Thor Kunkel breitarmig auf seinem explosiven Stuhl und verliest nach einer programmatischen Celine-Einleitung ein ganz und gar nicht erbauliches, ganz und gar nicht erlesenes Fragment aus dem Leben seines Antihelden Kuhl – „Kuhl, 19, Ex-Fernsehtechniker, gelernter Versager, jetzt Nachtwächter“. Kuhl, der „Conasseur der Narkose“ und begnadete Moskowskaja-Säufer, suhlt sichRead More

Posted On Februar 21, 2004 By In Bücher, Litmag

David Trueba: Vier Freunde

Generation X o­n the road David Trueba erzählt flott, humorvoll und schnörkellos – allerdings nicht ohne hin und wieder etwas zu dick aufzutragen und in die Nähe des Klischees zu geraten. Sie sind gegen Ende zwanzig und in einer Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen, sie haben nichts so richtig gelernt und trudeln ohne große Ziele durch ihr Leben – es ist die Generation X, die ebenso in Amerika wie in Europa beheimatet ist und sich auf einer ständigen Suche befindet: nach Freiheit und Abenteuer, nach Sinn und schnellem Sex. Und so machen sichRead More

Posted On Februar 21, 2004 By In Bücher, Litmag

Tom Wolfe: Ein ganzer Kerl

Pralles Sittengemälde des tiefen amerikanischen Südens Elf Jahre nach seinem Welterfolg „Fegefeuer der Eitelkeiten“ hat Tom Wolfe wieder einen Roman vorgelegt, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in seinen unwiderstehlichen Erzählsog zieht. Der notorische Dandy im weißen Anzug, der seit Jahren auf den reflexiv-experimentierfreudigen „magersüchtigen Roman“ schimpft, erweist sich hier als der Prototyp des realistischen amerikanischen Erzählers. Charlie Croker ist in einer nüchtern kalkulierenden, technokratischen Welt das letzte Exemplar einer aussterbenden Menschengattung: „Er war ein Spieler, ein Spekulant, ein Hasardeur, der den hohen Einsatz mehr liebte alsRead More

Posted On Februar 21, 2004 By In Bücher, Litmag

Geoff Dyer: Paris XTC

Das Glück im Hier und Jetzt Geoff Dyers „Paris XTC“ unterscheidet sich wohltuend von den flachen Life-Style-Erzeugnissen einer boomenden Pop-Literatur und hat das Zeug zu einem wahren Kultbuch. Auf den Spuren von Ernest Hemingway und Henry Miller treibt es den jungen Engländer Luke in das Paris der Neunziger, um „ein Buch zu schreiben“. Er bezieht im 1. Arrondissement eine häßliche, stickige Wohnung und streift einsam durch die Strassen und Kinos der mythenumwehten Seine-Metropole. Sehnsüchtig wartet Luke „auf das Glück, das die Stadt ihm verhieß“ – und erhascht es nur inRead More