Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023, News

Thomas Wörtche: Keine Zeit für Fidelwipp

Mein Jahresrückblick 2023

Problemwort des Jahres: „… aber“

Horror & Grusel: Putin, Hamas – dagegen reicht´s bei F. Merz und B. Höcke nur zum petit Gruselchen.

Fassungslosigkeit?  Leider nicht – der tägliche Antisemitismus, der mehr oder weniger subkutan immer da war in diesem unserem Lande, wagt sich zunehmend aus der Deckung, man hat es geahnt. Von wegen jetzt plötzlich -huch-„importierter Antisemitismus“ (ja, den gibt´s auch). Scheußlich.

Gewässer, in der Reihenfolge ihres Auftretens: Ostsee – Rotes Meer -Nil – Ilm – Rhein – Ägäis – Main – Elbe. Kein Wunder, dass ich mich manchmal als Dugong lesen möchte.

Schmierentheater: Die „Affäre Adania Shibli“, mon dieu.

Verlust: Hejo Emons, r.i.p.

Berlin: Immer mehr dysfunctional city, ich will nirgends anders leben (naja, Paris ginge vielleicht auch)

Applaus: Polen!

Koreanische Tütensuppen: Super …

Napoleon: Beeindruckend, wie in einem „Biopic“ (?) nichts, aber fast gar nichts „stimmen“ kann. Ist aber okay, Film darf das dürfen. Dafür guckt Joaquin Phoenix immer sehr cool, und Ridley Scott hat vermutlich ein Ding mit eisernen Vollkanonenkugel zu laufen, die so hübsch „plonk“ machen, wenn sie z.B. in ein Pferd einschlagen.

Kino: „Herzschlagkino. 77 Filme fürs Leben“ von Andreas Pflüger. Ja, da liebt einer Kino. Blockbuster und Arthouse gleichermaßen, glücklicherweise. Die Gefahr bei solchen Büchern ist die unausweichliche Fragerei: Warum der Film, warum der nicht? Also eine vergnügliche Übung in Ambiguitätstoleranz, wobei ich in diesem Fall 80% unterschreiben würde. Den Rest klären wir beim nächsten „Herrenabend“ (oder auch nicht). Was für ein schönes, kluges und durch und durch liebenswertes Büchlein.

Jazz: Peter Kemper: The Sound of Rebellion. Zur politischen Ästhetik des Jazz“. Standardwerk, absolut. Peter Kemper geht der Frage nach, wo „das Politische“ im Jazz stecken könnte, wie sich also Musik ins Diskursive übersetzen lässt (und ob überhaupt?). Spätesten seit der Romantik prügelt man sich mit dieser Frage herum („Unsagbarkeitstopos“), mit dem Jazz, verstanden als Black Music, wird dieses Thema so richtig brisant. Kemper diskutiert die Optionen, wie sich das Politische festmachen ließe – im Gestus, im musikalischen Material, in der Performance, im Text (so vorhanden) und dessen Modi der Artikulation, im politischen Kontext -, und er diskutiert sehr reflektiert (weil sich seiner Sprecherposition jederzeit bewusst), absolut souverän und kompetent, mit großer Hörerfahrung, ohne Lösungen anzubieten, d.h. ohne Dogmatik, ohne Anspruch auf „Herrschaft“, aber immer darauf achtend, dass „pluralistische Ziele und demokratischen Inhalte“ nicht eingeengt werden – das „bessere Argument schlägt auch hier immer das gute Argument“. Ja.

Richard Wagner: Seit Jahrzehnten mal wieder eine Wagner-Oper durchgesessen, „Lohengrin“. Erkenntnisse: a) nix Neues – ist mir musikalisch immer noch much too much too noisy; b) Textzeilen wie „Ha! … Abscheulich´ Weib“ sind unschlagbar, c) im Händeringen ist der Chor der Deutschen Oper einfach top, d) reicht mir für die nächsten dreißig Jahre (Optimist).

Fernseh: Während im Sommer „Rhodos in Flammen“ stand, war ich vor Ort auf RTL angewiesen. Wer in dieser TV-Welt lebt, lebt woanders. Deswegen – Finger weg von den Öffentlich-Rechtlichen, und wenn sie manchmal noch so dummes Zeug verzapfen. Und als ich das mit dem Unfug gerade schreibe, kommt die Meldung, dass nach fast 20 Jahren (!) die beiden Romane „Spiegelreflex“ und „Farbfilter“ von Lena Blaudez (erschienen in meiner metro-Reihe)  verfernseht worden sind – aus der in Benin tätigen Fotografin Ada Simon ist Heino Ferch geworden, der irgendwas mit dem „Tod in Mombasa“ zu tun bekommt, so die Pressemappe. Wir sind gespannt.

Thomas Tuchel: Ich mag ihn

Meckern: Mein alter REWE ist ein paar Häuser weitergezogen. Jetzt hat er zwei Etagen, will ein „Einkaufserlebnis“ sein. Natürlich wissen wir, dass der Kunde im Neoliberalismus längst nicht mehr „König“ ist (falls er das je war), sondern hilfloses Opfer allzu durchschaubarer Geschäftspraktiken. Wenn man diese gerne verdrängte Tatsache mal so richtig mit Schmackes in die Fresse gehämmert bekommen will: Ab zum neuen REWE auf dem Ku`damm. Viel zu enge Gänge, diabolisch angeordnete Produkte (Eier unten, Milch und Butter oben, Rollrampe rauf, Rollrampe runter), Scanner-Kassen, die kein Mensch richtig bedienen kann (auch das Personal nicht), eine indolente Geschäftsführung, die das Wort „Kundenzufriedenheit“ vermutlich für irgendwas aus dem Universum von Mario Barth hält, und und und und, schnaub … Hach, was reg ich mich auf, geh ich halt ins KaDeWe ….

Zeitschriften: Apropos KaDeWe – es gibt ein wunderbares Vierteljahresmagazin namens MATERIALIST, herausgegeben von Thomas Garms. Da geht´s um Luxus pur – Yachten, Luxus-Resorts, Spitzengastronomie, Design, Architektur, Autos, Weine, Uhren und so weiter, was halt auch sonst zur Geldanlage nebenbei dienen kann. Das Ganze erfreulich unverdruckst und unverblümt, Luxus ist geil, und das kommt nicht mal snobbish rüber – und wem´s nicht passt, muss das Heft ja nicht zur Kenntnis nehmen. Ich blättere es gerne durch, lieber auf jeden Fall als die vor intellektuellem Snobismus bratzende LETTRE, die es in der Ausgabe N° 143 zum Beispiel wagt, einen Text des ansonsten sehr geschätzten Nicholas Shakespeare über Ian Fleming anzubieten, dessen Belanglosigkeit vermutlich schwer zu unterbieten ist. Naja, vielleicht von Flemings Bond-Romanen selbst. Aber wenn’s halt in LETTRE steht …

Krieg: Ist abscheulich, deswegen müssen wir uns damit seriös beschäftigen. Antony Beevors „Russland. Revolution und Bürgerkrieg 1917 – 1921“ ist meines Wissens die erste große Monographie, die sowohl lesbar als auch umfassend ist. Ich bin, wie immer, bei solchen Themen, unsicher, was Allgemeingut ist – und was nicht. Auf jeden Fall zieht Beevor ein großes Panorama auf, das mit den üblichen Vorstellungen von „Roten“ (eher gut) gegen „Weiße“ (eher nicht so gut) wenig zu tun hat. Vor allem unterstreicht er auch die Internationalität dieses extrem blutigen Gemetzels auf: Schließlich waren auch deutsche, finnische, us-amerikanische, britische, kanadische, polnische, chinesische, japanische und tschechische Truppen daran beteiligt. Psychopathische Warlords und fanatische kommunistische Schlächter standen sich bei Gräueltaten in Nichts nach. In einem Krieg, der sich schwerpunktmäßig auch auf dem Gebiet der Ukraine abspielte. Man muss auch nicht krampfhaft aktualisieren (obwohl das naheläge), kann aber ein paar Kontinuitäten in der Art der Kriegsführung der Roten Armee zu Putins Militärdoktrin sehen. Rücksichtnahme auf „Menschenmaterial“ gehört sicher nicht dazu. Ich habe viel gelernt.

Ein anderer großer Wurf ist Richard Overys „Welten-Brand. Der große imperiale Krieg 1931 – 1945“, beeindruckende 1520 Seiten stark. Diskussionsstoff ohne Ende. Overys Projekt ist, den 2. Weltkrieg tatsächlich als „Weltkrieg“ zu verstehen, und nicht nur auf die beiden Schauplätze Europa und Pazifik zu begrenzen. Zudem sieht er das Kriegsgeschehen, das wir als 2. Weltkrieg verstehen, als allzu eng periodisiert. Deswegen beginnt er mit der japanischen Besetzung der Mandschurei ab 1931, als das „imperiale“ Denken der bis dato eher „kleineren“ Mächte („aggressive Neoimperialisten“) – also zunächst Japan und Italien, später dann Deutschland – dazu führte, ihr Gewicht in der Welt durch territoriale Ambitionen dem Gewicht der imperialen Großmächte England und Frankreich entgegenzusetzen. Eine Dynamik, die am Ende, also 1945, zum Zusammenbruch aller imperialistischen Konstrukte führte, oder zumindest das Ende dieser Konstrukte anzeigte.

Eine Rezension dieses spannenden, aber manchmal auch schwierigen Ansatzes kann ich hier nicht anbieten. Anregend ist Overys Buch aber auf jeden Fall, weil er global denkt. Und wer an der Stelle Unrat wittert, sei beruhigt. Es geht ihm nicht um eine Relativierung des deutschen Menschheitsverbrechens der Shoa. Auch wenn andere Kriegsparteien schlimme Dinge getan haben, macht das die deutschen Taten nicht weniger moralisch vernichtend. Und was für einen Militärhistoriker, der Overy nun einmal ist, erwähnenswert erscheint: Ihn interessieren weniger die strategischen und taktischen Verläufe, sondern in besonderem Maße das, was Krieg mit den Menschen macht, körperlich und psychisch. Spannend. Und auch hier: Aktualisierende Aspekte kann man sich herausfiltern, sie sind vermutlich auch der eigentliche Grund, warum man sich mit solchen Themen beschäftigen sollte.

Comics: Im avant-verlag ist gerade einer der ganz großen Klassiker der Graphic Novel wiederaufgelegt worden: „Mort Cinder“ von Héctor Germán Oesterheld (Szenario) und Alberto Breccia (Bilder). Die Ausgabe basiert auf neu gescannten Druckvorlagen (die alte, zweibändige Carlsen-Ausgabe hatte eine ziemlich miese Druckqualität), bietet den gesamten Mort-Cinder-Zyklus plus ein nicht realisiertes Szenario. Wie lange ich mich schon mit Oesterheld und Breccia beschäftige, habe ich erst so richtig bemerkt, als mir ein Text von 1996 zum Thema in die Hände fiel, den ich damals für eine Anthologie geschrieben hatte, die dann nie (warum auch immer?) erschienen ist. Egal – bitte lesen Sie hier weiter; etwas anderes kann ich auch heute nicht über eines meiner Lieblingskunstwerke sagen.

Und noch ein Klassiker als Gesamtausgabe: „Rampokan“ von Peter van Dongen. Die Geschichte eines holländischen Söldners, der 1946 nach Indonesien kommt, als die Niederländer versuchen, ihr altes Kolonialreich (siehe Overy, oben), das sie an die Japaner verloren hatten, wieder zu restaurieren, erfolglos, wie wir wissen. Und auf Kosten von noch mehr Opfern.  Van Dongen, der eine indonesische Mutter hatte, zeichnet eine vielschichtige, komplizierte und im Graubereich von Gut und Böse angesiedelte Story als der Virtuose der Ligne Claire, der er nun einmal ist. Alleine die ersten beiden Seiten …. Wow!

Verdruss: Das FEED BACK am Paul-Lincke-Ufer gibt es nicht mehr. War m.E. einer der besten Chinesen in town. 

Glückwünsche: Frank Göhre ist 80 Jahre alt geworden. Meine allerherzlichsten und allerbesten Wünsche für die nächsten paar Dekaden! Gleichzeitig ist sein neuer Roman „Harter Fall“ erschienen, eine wunderbar lakonische, leicht melancholische Hamburger Geschichte aus den Seventies – Hamburg goes Jamaica und zurück. Wie immer bei Göhre: Ein Meisterwerk der Erzählökonomie. Kein Komma zu viel, jedes Wort dort, wo es hingehört. Was ich nicht hören möchte: Ein toller Text für einen 80jährigen. „Harter Fall“ wäre auch ein super Text, wenn er von einem 30jährigen stammen würde – aber eben dem 30jährigen Frank Göhre. Vermischen wir also die Ebenen nicht.

Celebrity: Was ich so gar nicht mag, sind „Celebrity“-Krimis, also Kriminalromane oder Thriller, in denen prominente Menschen als Opfer oder Ermittler auftreten. George Baxt hatte dazu anno dunnemals ein paar nette Ideen, aber dann brachen mal wieder die Dämme und überfluteten uns mit Goethe-, E.T.A. Hoffmann- und weiß der Geier wer, you name it, -Krimis. Iiiiirgs. Laurent Binets Post-Strukturalisten-Scherz „Die siebte Sprachfunktion“ war eine rühmliche Ausnahme, denn wer wollte nicht wissen, wie Roland Barthes wirklich zu Tode gekommen war und was la Kristeva für den bulgarischen Geheimdienst getan hat (vermutlich nichts, by the way). Und jetzt „Camus muss sterben“ von Giovanni Catelli. Wir wissen: Albert Camus und Michel Gallimard, sein Verleger, fuhren 1960 an einen Baum, beide tot. Camus hatte sich so ziemlich mit allen ideologischen Strömungen seiner Zeit angelegt – mit Faschisten, Stalinisten, mit Linken und Rechten. Und irgendjemand war das wohl too much. Catelli schlägt vor: Dem KGB. Und bastelt daraus eine extrem spannende Mischung aus Journalismus und Polit-Thriller. Ganz feines Teil.

Harry Kane: Yeah …

Zu wenig: Austern und Kino

Soundtrack: Ben Webster

Was bleibt: Ein Stapel Bücher und Manuskripte to read. Tage und Wochen bewegte Bilder to watch. Spannende neue Autorinnen und Autoren, spannende Bücher to publish. Liebe Freundinnen und Freunde in und aus aller Welt. Hoffnung in düsteren Zeiten. Keine Zeit für Fidelwipp.

What´s next: Bistecca alla fiorentina vor Ort

© TW