Geschrieben am 31. Dezember 2023 von für Highlights, Highlights 2023

Ulrich Mannes, Tina Manske, Sally McCrane, Peter Münder

Ulrich Mannes: Marisa Mell und ein Kurzfilm von Max Zihlmann …

Das Filmjahr 2023 startete für mich wieder im Münchner Werkstattkino, wo ich wie 2022 ein einwöchiges Special mitverantworten sollte. Diesmal holten wir den Schweizer Universalkünstler Clemens Klopfenstein nach München, der für sieben Tage unter dem Label „Carte Blanche für Clemens Klopfenstein“ über das Werkstattkino-Programm verfügte. Klopfenstein zeigte Highlights aus seinem filmischen Gesamtwerk (darunter E NACHTLANG FÜÜRLAND und DER RUF DER SIBYLLA) und kombinierte diese mit einer Auswahl von Filmen anderer Regisseure, die sein Schaffen beeinflusst haben – oder die er einfach mal wieder auf der Leinwand sehen wollte. Neben modernen Klassikern von Godard, Rossellini, Melville und Agnès Varda waren es zwei Filme seines Lehrmeisters Kurt Früh (DER FALL und HINTER DEN 7 GLEISEN), die dem Programm eine besondere Note gaben. Kurt Früh, in der Schweiz als Klassiker des Dialektfilms wertgeschätzt, ist bei uns immer noch zu entdecken, was vor allem für seinen letzten Film DER FALL gilt, die bittere Geschichte eines Privatdetektivs, der in der Zürcher Vorstadt auf die schiefe Bahn gerät; mit diesem Film ging Früh finanziell baden und vermieste sich seinen letzten Lebensabschnitt. „Ein letzter Film und zugleich der erste Film des jungen Schweizer Kinos.“ (Hans Schifferle)

Wiederentdecken konnte man dieses Jahr die Schauspielerin Marissa Mell, die im März in ihrem Geburtsort Graz auf der „Diagonale“, der alljährlichen Leistungsschau des Österreichischen Films, mit einer Hommage (und einer Ausstellung im Graz-Museum) geehrt wurde – offensichtlich ohne runden Anlass. Zu sehen war eine Handvoll und bedingt repräsentative Filme, darunter immerhin einer ihrer besten, die Comic-Verfilmung DIABOLIK von Mario Bava, und FEUERBLUME, eine solide ORF-Doku von Markus Mörth. Gebührend gefeiert wurde Marissa Mell („Star, It-Girl, Pin-up, Femme fatale und Diva“ – Diagonale-Katalog) erst nach der Diagonale in Wien vom Filmarchiv Austria mit einer ziemlich wilden und nun unbestreitbar repräsentativen Retro, in der sich die Glanzzeiten des europäischen 60er-Jahre-Genrekinos und dessen Verfall Ende der 70er Jahre wunderbar schillernd spiegelte. Ein Höhepunkt war Lucio Fulcis VERTIGO-Verbeugung PERVERSION STORY von 1969 (auf deutsch: NACKT ÜBER LEICHEN). 

Persönlich beteiligt war ich noch an einer ganz speziellen Entdeckung. Auf dem Dachboden von Eva Pampuch, der Witwe des im Vorjahr verstorbenen Drehbuchautors Max Zihlmann, fand sich unter vielen nachgelassenen 16mm-Schnipseln ein Kurzfilm, den dieser 1959 als Student an der Londoner Filmschule gedreht hat und der jenseits der Schule vermutlich niemals vorgeführt wurde. THE THIEF ist eine fünfminütige Kameraübung, in der Zihlmann mit sich selbst in der Hauptrolle und überaus souverän eine ganze Reihe filmischer Tricks ausprobiert (und uns bedauern lässt, dass Zihlmann das Inszenieren bald wieder hat bleiben lassen). Als Welturaufführung lief THE THIEF im August in der Theatiner Filmkunst – als Beitrag der „Filmkunstwochen“, dem „Sommerfestival der Münchner Arthouse-Kinos“. Im gleichen Rahmen gab es noch eine andere Premiere mit Zihlmann-Beteiligung (Drehbuch) zu sehen: TRISTAN UND ISOLDE von Veith von Fürstenberg, den Director’s Cut seines 30 Jahre alten Films FEUER UND SCHWERT, teilweise gedreht in Irland mit den Requisiten des kurz davor entstandenen John-Boorman-Films EXCALIBUR und mit dem damals noch unbekannten Christoph Waltz als Tristan. Im Entstehungsjahr hat der Film keine große Beachtung gefunden. In der neuen Fassung bekommt Waltz, der damals törichterweise und gegen den Willen des Regisseurs synchronisiert wurde, seine Originalstimme mit österreichischem Einschlag wieder. Beide Premieren sind nicht unbeachtet geblieben, haben vielmehr ein Nachspiel: Sie werden im Januar 2024 auf dem Filmfestival Rotterdam laufen, in der Sektion „Cinema Regained“.

Die größte cineastische Fundgrube war für mich zum Ende Jahres das Cinefest bzw. der Cinegraph-Kongress in Hamburg (November), der einmal im Jahr „die Facetten der deutschen Filmgeschichte im europäischen Rahmen“ zu vermitteln versucht und dieses Jahr unter dem Motto „Achtung! Musik… – Zwischen Filmkomödie und Musical“ sein Spektrum ziemlich weit gefasst hat. Die Filme, Vorträge und Panels umfassten natürlich das Weimarer Kino und Exilkarrieren, aber auch Publikumsfilme der NS- und Nachkriegszeit  – und doch kreiste der Kongress im Grunde nur um die Zeit des frühen deutschen Tonfilms, um die letzten Jahre der Weimarer Republik, um eine Epoche, deren Filme mit ihrer frivolen Spiel- und Experimentierfreude, mit ihrem Witz, ihrem Tempo und ihrer Lässigkeit stets aufs Neue für Überraschungen sorgen und von der Filmgeschichtsschreibung immer noch nicht erschöpfend gewürdigt sind.

Vom aktuellen Filmgeschehen habe ich womöglich die entscheidenden Ereignisse verpasst… Wobei, einen Monumentalfilm habe ich mir doch angetan: BABYLON von Damien Chazelle, der gleich zu Jahresbeginn im Kino grandios verpufft ist, auch als Skandalfilm keine Chance bekommen hat, vielmehr vom „Kinofenster“, dem „Onlineportal für Filmbildung“, für den Einsatz im Schulunterricht ab Klasse 11 empfohlen wird und vielleicht eines Tages als „Film Maudit de luxe“ doch noch zu Ehren kommt. Hat irgendein Kritiker BABYLON in seine Jahresbestenliste aufgenommen? Wahrscheinlich keiner!  

Ulrich Mannes ist Autor und Redakteur der von uns sehr geschätzten Filmzeitschrift SigiGötz-Entertainment, die 2021 ihr 20-jähriges Bestehen feiern konnte. Ein Abonnement (4 Ausgaben) kostet schlanke 16 Euro, bringt echtes Herzblut ins Haus. – Die Nummer 39 erschien im September 2023.

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Tina Manske: The End of 2023

Seit 2020 und dem Film „Death to 2020“ hat so jedes Jahr seinen Nachfolger in Sachen Endzeiterzählung. In diesem Jahr ist es für mich die Miniserie „Carol & The End of The World“, zu sehen bei Netflix. Bitte schaut euch alle an, wie die mittelalte Carol Kohl damit umgeht, dass ein auf die Erde zustürzender Himmelskörper (think „Melancholia“ von Lars von Trier) alles Leben auf der Erde in einigen Monaten auslöschen wird. Was in 10 Episoden dazu erzählt wird, ist so anders als der große Rest, den man sonst auf Streamingportalen vorgesetzt bekommt, es ist so traurig und herzergreifend wie lustig zugleich, dass ich die Serie nur jedem wärmstens empfehlen kann.

Viele sagen ja, im Krimi lerne man viel mehr über das Hier und Jetzt als in anderen Genres. Ich behaupte, wer etwas über das Hier und Jetzt erfahren möchte, sollte sich Geschichten über die Zukunft anschauen. Oder wie Dietmar Dath in seinem Buch „Niegeschichte“ schreibt: „Man kann Science Fiction erstens als Kunst genießen, und man kann mit ihr zweitens Dinge und Verhältnisse denken, die ohne sie ungedacht bleiben müssten.“

Ich wage die nicht sehr gewagte Vorhersage, dass 2024 das Jahr des chinesischen Autors Cixin Liu wird. Die Buchtrilogie zum „3 Body Problem“, im Deutschen bekannt als „Drei-Sonnen-Trilogie“, wird mit der Netflix-Serie, die im März startet, in aller Munde sein. Und zurecht, denn kaum etwas hat mich 2023 mehr fasziniert als das Zusammentreffen von Menschen und Trisolanern. Wer sich einlassen will auf einen Kampf um Leben und Tod, der beim Lesen selbst die Wunderbarkeit des Planeten Erde neu erfahren lässt, der sollte möglichst noch vor Filmstart die drei Bände lesen. Oder auf der chinesischen Streamingplattform Tencent schon mal die sehr gelungene chinesische TV-Adaption schauen.

Tina Manske auf unserem MusikMag, das sie durchgehend betreut.

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© Gordon Welters

Sally McCrane: Last stop in my spy trilogy

A couple of years ago, an artist friend of mine who always has her finger on the pulse – I first heard about epigenetics, for example, from her — told me about a new theory circulating. It was late summer, Berlin Mitte, Trump had been in office for a few months. We’re both Americans, and whenever we met up, we talked about how worried we were about our country. As dusk fell outside, the bar’s plate glass windows multiplied the flicker of candles on the tables. My friend leaned in and summarized: The theory was, that when they turned the CERN accelerator on, the world hadn’t ended — but we had all been kicked into an alternative narrative. Another friend came in, sat down, and spilled his entire glass of white wine on the artist. She had to go outside to empty her shoes. 

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The other night I was rereading “The Nine Tailors,” Dorothy Sayers’ great 1934 detective novel that hinges on the art of church bell ringing. I was about a third of the way through; a mysterious body had been found buried on top of a casket in the churchyard; Lord Peter Wimsey was frustrated. He’d been studying the corpse’s much-mended French undergarments in the rectory’s schoolroom, but was getting no further with an identification. I turned the page and, as I read, I could feel my own spirits rise:

They sped away up the Fenchurch Road, turned left along the Drain, switchbacked over Frog’s Bridge without mishap and ran the twelve or thirteen miles to the little town of Leamholt. It was market day, and the Daimler had to push her way decorously through droves of sheep and pigs and through groups of farmers, who stood carelessly in the middle of the street, disdaining to move till the mudguards brushed their thighs. In the center of one side of the market-place stood the post office.

This freedom of movement, I started thinking, must be part of what makes reading a detective novel so satisfying. Need to solve a problem? Just get in your two-seater with your butler, and go. Of course, you are bound to take in the scenery, along the way. And who knows? On the way to finding what you are looking for (for example, the post office), you might just stumble across a useful clue. 

Maybe this scene resonated for me so much because, taking stock of the past year, I felt a bit stuck, when it comes to brain work. There were energy bills to pay, Covid to catch, a class to teach, the Tagesschau to watch and then lots of time to worry about the world’s news. Somehow, I just didn’t get focused. In fact, casting an eye backwards, from the depths of December, the biggest exception and most intellectual fun I had also involved the most movement: boarding the night train to Vienna to search for an artist who had disappeared, along with a trove of early Bauhaus student works he had found in a wooden crate at fleamarket. We stayed with a friend who’s an opera singer, rented a car, and drove out to the Waldviertel; we searched in ateliers and attics and on street corners; sidled into apartment buildings; talked to experts and Hausmeistern. And we found him. 

Now, my plan is to try again this year what I didn’t manage in the last one: Namely, to write “Tomorrow in Berlin.” It’s the last stop in my spy trilogy, which started in Moscow, then moved on to Odesa, Ukraine. I do wonder if my procrastination could serve a purpose, in the end. As the last months accumulated, I had the feeling you could write a new German spy novel every day, just by looking at the newspaper headlines. Take: “Top German Journalist Received €600,000 From Putin Ally, Leak Reveals,”. Or: “Wie Putins Oligarchen Deutschlands Spitzen-Start-ups finanzierten”, which noted that Berlin’s plague of e-scooters, one of my personal pet peeves, was funded by Russian “Oligarchengeld.”

My artist friend left Berlin this year and moved to France. But sometimes I think about the CERN theory she told me about, the idea that we’ve all been kicked into an alternative narrative. Ever since Russia launched its all-out war on Ukraine, it’s felt darker, here, to me – more early John le Carre than late Sven Regener. In more recent weeks, some of the stories I hear from friends bring to mind Christopher Isherwood’s Berlin. Or maybe Hans Fallada’s. Sometimes, it feels like the open, easy-going, a-capitalistic anti-capital I moved to, and loved so much, is gone. I don’t know if that’s true. I hope it isn’t. 

Whether or not this narrative shift has anything at all to do with particle physics experiments in the Alps, I won’t venture to judge. But I do hope writing will help me to understand better what is happening, here. 

Even if not everybody agrees with me about the headlines. A few days ago I spotted an article about how WireCard fugitive Jan Marsalek is now suspected of being a Russian spy. This – the article explained — was unfortunate news for the BND and BKA, because they used WireCard to pay their agents and informants. Not only that, but Marsalek’s grandfather co-founded what would later become Austria’s intelligence agency, and it now appears likely he was a double agent, working for the Soviets. Whoah! I contacted a journalist who’d worked on the topic, and asked if he wanted to have coffee. I’m researching a spy novel, I explained. He said sure to coffee but didn’t think much of drawing on the story for fiction. It’s too over the top for a spy novel, he said. No one would believe it, if you made it up. Perfect, I said. See you in the New Year. 

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Peter Münder: London … oh London…!

Zwei  literarische Entdeckungen – nämlich die Autorin Anita Brookner (1928–2016) und Steffen Kopetzkys neuesten Band »Damenopfer« möchte ich als besondere Highlights des Jahres 2023 vorstellen, aber zuerst unseren herrlichen London-Trip von Regine und mir nachglühen lassen. Der war wohl auch deswegen so begeisternd, weil wir mit dem Londoner Paar Andy und Sara ein Home Exchange-Programm verabredeten: Sie quartierten sich in unserem Haus im Hamburger Osten ein und wir in ihrem  beschaulichen Refugium in Highbury – und alles verlief absolut pannenfrei. Beim kurzen Treffen in Hamburg konnten wir vorab die wichtigsten Eckdaten und Info-Details abklären, von denen alle begeistert waren. 

Zehn Tage im meist 30 Grad heißen Londoner September  konnten wir wie im hedonistischen Rausch auskosten. Auch wenn U-Bahn, Busse und Fernzüge mitunter überfüllt waren und sich Touristen an den meisten Sehenswürdigkeiten drängten: »Go with the flow« schien dennoch  das Leitmotiv zu sein: Der Strom der vielen Besucher verteilte sich wie von selbst, weil fast alle Museen – ausgenommen das von Dickens! – kostenlos besichtigt werden können und lästige  Einlasskontrollen entfielen. Ein Dutzend besichtigte Museen sorgten jedenfalls  für unsere total immersion im kulturellen Umfeld: Die beiden Tate-Museen sowie National,- British-,Dickens-Museum, V&A und die  Portrait-Gallery etc. hatten wir nach dem vorletzten Promenade-Konzert in der Albert Hall genossen, wo das 3. Rachmaninow Klavierkonzert uns ein sagenhaftes, magisches Highlight bescherte. 

Spaziergänge durch Kensington und den Hyde Park, Covent Garden, Bloomsbury oder das Westend erinnerten mich an  frühere Zeiten, als ich als Student (im letzten Jahrhundert!) zwei Jahre in Kensington lebte und auf den Spuren von Harold Pinter und seinen Dramen unterwegs war. Damals betrieb ich meine  Recherchen im legendären Reading Room des British Museum und begutachtete Pinters neueste Stücke auf den etablierten Westend-Bühnen. Dazu gehörten damals der überwältigende »Caretaker« mit dem gigantischen Mimen Donald Pleasance, »The Homecoming« mit Vivien Merchant, inszeniert von Peter Hall und  »Old Times« mit Dorothy Tutin, auch von Peter Hall inszeniert. Aber zurück zum Highlight und damit  zum Ende dieses »Memory Lane«-Rückblicks! 

Vor allem das 3. Rachmaninow-Klavierkonzert in der Albert Hall war ein besonderes, bewegendes Highlight. Denn der blinde 35-jährige japanische Pianist Noboyuku Tsujii, der mit vier Jahren seinen Klavierunterricht begann, wurde vom venezolanischen Dirigenten des Liverpool Orchestra Domingo Hindayan an die Hand genommen und an den Flügel geführt. Lächelnd strahlte er eine hochkonzentrierte Aura aus, tastete sich subtil an die ersten dominierenden Akkorde und hämmerte dann selbstbewusst und kraftvoll-dynamisch auf die Tasten, wobei er seine Einsätze nach  dem akustischen Geschehen im Orchester richtet – irgendwelche Zeichen des Dirigenten für den Pianisten wären ja sinnlos. 

Der Schwierigkeitsgrad dieses dritten Klavierkonzerts von Rachmaninow wird von den Experten ja meistens mit dem  Erklimmen des Himalayas verglichen, was der kleingewachsene Japaner wohl bestätigen dürfte, obwohl er dieses komplexe Stück mit souveräner Dynamik leicht und locker präsentierte. Belohnt wurde er von Begeisterungsstürmen des Publikums, das dafür mit drei Zugaben des Pianisten erfreut wurde. Keine Frage: Hier war einfach alles einmalig – auch der im Parkett eingerichtete Stehkreis für Zuschauer, den wir aus dem ersten Rang direkt betrachteten, wirkte fast wie eine Trainingseinheit des FC Kensington: Diese munter gestikulierenden bestens gelaunten Zuschauer waren offenbar in Fußballtrikots gestiegen, sie trugen bunte Mützen und schwenkten Fahnen. Alle staunten begeistert über dieses rare, sympathische japanische Genie an den Tasten und über das harmonisch-grandiose Gesamtkunstwerk, das hier mit Hilfe des Dirigenten zustande kam. Keine Frage: Hier trafen sich Enthusiasten, die auch Kenner waren. Simply marvellous!!

Kurz und gut: Ob wir mit der Fähre über die Themse schipperten, einen Ausflug nach Hampstead Heath, nach Winchester ins Jane Austen Village Chawton unternahmen, nachts in der China Town oder in Covent Garden im turbulenten Touri-Trubel zum Reisgericht ein Tsing Tao-Bier genießen konnten: Irgendwie passte hier alles optimal zusammen – ein Stress-Faktor wollte sich jedenfalls nirgendwo einstellen. Selbst während der Bahnfahrt im völlig überfüllten, auf nur zwei Abteile reduzierten Zug nach Winchester lief alles easy ab: Aufgrund einer technischen Panne gab es zwar kaum Sitzplätze oder freie Ecken fürs Gepäck, trotzdem fand sich ein junger IT-Experte dazu bereit, auf seinem Handy mit mir eine Partie Schach zu spielen. Wir waren dann trotz des dichten, lauten Gedränges begeistert, weil wir uns auf das »Wesentliche« konzentrieren und beim Tippen auf die kleinen Tasten die lauten Rufe des Schaffners ausblenden konnten. Den rasant abgewickelten Abgang am Zielbahnhof beendeten wir dann mit einem Remis. Fazit: Perfekter hätten die zehn Tage London mit rekordverdächtigem, herrlichem Hitzerekord nicht verlaufen können!!

Damals mit Anthony Blunt, den Cambridge Five und Anita Brookner…

Erst als ich jetzt Anita Brookner (1928 in London als Tochter polnischer Juden geboren, 2016 gestorben) als Autorin von 24 Romanen entdeckte und ihren im Eisele Verlag veröffentlichten Roman »Seht mich an« (sowie »Hotel du Lac«) las, fiel bei mir der Groschen: Denn die  Kunsthistorikerin, spezialisiert auf  französische Malerei des 19. Jahrhunderts, war erst nach ihrer Karriere als Slade-Professorin an der Uni Cambridge und als Assistentin des umstrittenen Kunstprofessors, KGB-Spions und  Courtauld Institute-Direktors Anthony Blunt zur Schriftstellerin mutiert. Blunt hatte ja die für den KGB  arbeitenden »Cambridge-Five Spies« rekrutiert und war erst 1979, zur Zeit von Margaret Thatcher entlarvt worden. Er besaß das Talent, sich als genialer Kunstexperte im Hintergrund zu halten und von allen Mitarbeitern als ultimativer Ästhet angehimmelt zu werden, wie Miranda Carter in ihrer monumentalen Blunt-Biographie (»Anthony Blunt – His Lives«, Macmillan 2001) bemerkt: Es gab immer nur wenige dubiose Segmente, die für seine Mitarbeiter und Freunde einsehbar waren, kaum jemand konnte hinter der Ästheten-Fassade den KGB-Spion erkennen. 

Und damit zur Ästhetin Anita  Brookner, deren erster Roman »Ein Start ins Leben« erst 1981 erschien. Als sie 1984 für »Hotel du Lac« den Booker Prize gewann, war sie plötzlich berühmt, denn die gesamte Literatur-Kaste hatte darauf gewettet, dass JG Ballard für sein Meisterwerk  »Empire of the Sun“ ausgezeichnet werden würde. 

Brookners Dialoge, ihr Stil und ihre Protagonisten sind so filigran und hochsensibel gestaltet, dass man beim Lesen oder dem Umblättern der Seiten befürchtet, unbeabsichtigt eine von Tennessee Williams selbst gebastelte Glasmenagerie zu beschädigen, die vielleicht schnell zersplittern und für mentale  Beeinträchtigungen der hochsensiblen Figuren sorgen könnte. Schon der Buchtitel »Look at me« ist bezeichnend: »Seht mich an«  verweist direkt auf einen Minderwertigkeitskomplex, den diese  stets auf Anerkennung fixierte Außenseiterin irgendwie kompensieren wollte. Doch mit Kollegen oder Vorgesetzten konnte sie nie richtig umgehen und wenn sie sich einbildete, positive Signale eines Mannes zu registrierten, reagierte sie  hilflos und mit grotesken Überreaktionen. Mit einer kafkaesken Hyper-Sensibilität horchte sie permanent in sich hinein und antizipierte dabei schon negative Impulse der Außenwelt – ähnlich wie etwa Kafkas »Josefine die Sängerin oder das Volk der Mäuse«. Sie hatte sich mit einer  Opferrolle abgefunden, die keine Option für aggressive, selbstbestätigende Reaktionen lieferte. Eine neue, tiefe und befreiende Dimension versuchte sie vorübergehend bei intensiven Analysen der Bilder von alten Meistern wie etwa van Gogh zu finden: Doch beim Betrachten »der kleinen verschlagenen Augen des Malers auf dem scharlachroten Hintergrund« empfand sie keine Sympathie, »sondern eine plötzliche Abneigung gegen ihn in seinem Arbeiteranzug mit der Pelzkappe …« Daher wurde der »unwissende van Gogh Bruder, der nur ein anständiger Kunsthändler in Paris sein wollte«, ihr Favorit. Die Vision vom einfachen Leben und dem gesunden Menschenverstand wirkte auf sie beflügelnd: »Wir Rationalisten müssen die Fahne hochhalten«, konstatierte sie damals. »Erst wenn sie die freien Menschen und ihr Leben beobachtet  hätte,  könnte sie auch ihr eigenes Leben beginnen«, notierte sie.  

Die im Archiv einer medizinischen Fachbibliothek auf Befunde und dazu passende Fotos spezialisierte »Seht mich an«-Protagonistin Francis beobachtet also nicht nur hyperkritisch ihre Umwelt, sondern mindestens ebenso skeptisch sich selbst: Ihr Problem ist ihr übereifriges Bedürfnis, von ihren Bekannten und Kollegen akzeptiert zu werden. Auch im »Hotel du Lac« besteht diese Konstellation: Dort ist die 39-jährige Schriftstellerin Edith Hope von ihrem Freundeskreis ins Hotel du Lac am Genfer See weggeschickt worden, weil sie wegen eines inakzeptablen Fehlverhaltens isoliert werden soll. Die Menagerie skurriler, unsympathischer Gäste schätzt die Schriftstellerin Hope aber ähnlich falsch ein wie Francis in »Seht mich an«. Dieses in mehreren Variationen durchgespielte Leitmotiv zieht sich offenbar durch alle 24 Romane. Bisher habe ich jedoch keine Ermüdungsbeschwerden zu verzeichnen. Anita Brookner wollte ihre Leser jedenfalls nicht als fanatische Missionarin irgendeiner Sekte bekehren, sondern sie begnügte sich  mit dem Traum vom gesunden Menschenverstand, der mit Hilfe eines vernünftigen Rationalismus dafür sorgen soll, dass die fundamentalen gesellschaftlichen Wertvorstellungen nicht pervertiert oder pulverisiert werden.    

Moskau-Kabul-Berlin: Larissa Reissners Intrigen gegen das britische Empire – Über Steffen Kopetzkys »Damenopfer«

Wer sich an Steffen Kopetzkys Roman »Risiko« von 2015 erinnert (meine CulturMag-Besprechung von 2015 hier), wird nicht vergessen haben, mit welcher abenteuerlichen Ignoranz und Borniertheit die nur 60 Mann starke geheime deutsche Hindukusch-Expedition (Niedermayer-Hentig) von 1915 davon überzeugt sein konnte, mit einigen unerfahrenen  Afghanen einen Dschihad anzetteln zu können und mit Hilfe deutscher Truppen gegen das britische Empire anzutreten. Sehr geschickt und mitreißend hatte Kopetzky die unterschiedlichen Handlungsstränge, Kulturbereiche und Konflikte in »Risiko« zu einem politisch-militärisch eingefärbten Abenteuer-Roman verdichtet, der auch die Zeitenwende und religiöse Konflikte in den Fokus rückt.

Mit dem »Damenopfer« steigert Kopetzky nun die politisch-militärischen Konflikte. Die russische Revolutionärin  und Journalistin Larissa Reissner (1895-1926), ist als sowjetische Gesandte  in Kabul eingesetzt, wo sie geheime Unterlagen entdeckt, die sie für strategische Pläne im Kampf gegen das  britische Empire einsetzen will. Dafür will sie den renommierten Nahost-Experten Niedermayer gewinnen. Kopetzky lässt seine mutige, extrem umtriebige und kluge bolschewistische Agitatorin 1923 von Moskau aus nach Berlin  aufbrechen, um ihren großen  Umsturzplan gegen die Briten mit deutschen Militärs durchzusetzen. Vom russischen »roten Napoleon«, dem General Tuchatschewski, wird sie zwar unterstützt, aber der vor allem an der attraktiven Larissa interessierte General sieht im deutschen Nahost-Experten hauptsächlich einen Rivalen, mit dem er nicht kooperieren will. Wie Steffen Kopetzky hier die Protagonisten in ganz unterschiedlichen sozialen und politischen Sphären agieren und die militante Larissa konsequent ihre revolutionäre Vision verfolgen lässt, ist ebenso faszinierend wie die nebenher eingeblendeten unterhaltsamen Stimmungsbilder, die für drastische Kontraste zu den blutigen Aufstands-Aktionen  sorgen. Ein großer, faszinierender  Wurf! (Steffen Kopetzky: Damenopfer, Rowohlt Berlin 2023, 443 Seiten.)

Die Texte von Peter Münder bei uns finden Sie hier.

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