Geschrieben am 1. September 2026 von für Crimemag, CrimeMag September 2026

Zu »Röslein, Röslein, Röslein – tot« von Martin Buchholz

Brutal komisch

Wenn Sie Martin Buchholz – aus welchem Grund auch immer – nicht kennen sollten, lohnt sich auf jeden Fall eine kleine Exkursion in die Untiefen des YouTube-Digitalarchivs. Dort findet man die Aufzeichnung der Verleihung des Deutschen Kleinkunstpreises in der Sparte Kabarett, der 1989 an den kultigen Weddinger ging. Buchholz, um den es seit Ende der 2010er Jahre eher ruhig geworden ist, lässt es im Programm „Deutsches Wortissimo“ verbal krachen und gibt sich als wahrer Meister der deutschen Sprache erkennen. Wortwitz und Ironie waren bzw. sind eben Buchholz‘ Stilmitteln, mit denen er um die Gunst der Zuschauer:innen erfolgreich kämpft(e). Nicht anders verhält es sich mit seinem neuesten Roman „Röslein, Röslein, Röslein – tot“ (Satyr Verlag), mit dem er gleichzeitig in der literarischen Krimilandschaft debütiert.

Buchholz Ermittlerkriminalroman ist bespickt mit ungeheuer vielen Filmbezügen – dank des Berliner Kommissars Bruns, der immer wieder Filmklassiker heranzitiert – und, Sie ahnen es, mit einigen weltliterarischen Referenzen. Ja, ja, Goethes „Heidenröslein“ ist auch von der Partie und wird mithilfe eines Möchtegern-Rappers und aufkommenden Fernsehstars quasi dekonstruiert. Überhaupt handelt es sich mit Blick auf den wunderbar leicht erzählten und amüsanten Kriminalroman Buchholz‘ um einen großflächigen Dekonstruktionsversuch. „Röslein, Röslein, Röslein – tot“, dessen Haupthandlung sich fast aristotelisch innerhalb von 24 Stunden im Filmproduktionsmilieu abspielt, ist als Gattungspersiflage zu lesen, die sich nicht über das Genre selbst lustig macht, denn in der Tat haben wir es eher mit nach allen Regeln der schematischen Schreibkunst verfassten crime-Text zu tun, in dem das Ermittlerteam um den alten Knacker Bruns und die junge Assistentin Schultz, einen Mordfall mehr oder weniger am Film/TV-Serienset lösen muss. Indem Buchholz auf altbewahrte Kompositionsmuster zurückgreift, zollt er einerseits der Kriminalliteratur Tribut, und andererseits ist er dadurch in der Lage, sich seinen eigenen Reim auf die Erzählkonvention zu machen und sie gekonnt an die Buchholz’sche Sprachlichkeit anzupassen. „Röslein, Röslein, Röslein – tot“ lebt nämlich von der brillanten Sprachkomik der beiden Haupthelden, die sich gegenseitig immer wieder Nadelstiche verpassen und sie auch gegenüber den Verdächtigen, Augenzeugen und dem restlichen Romanpersonal kein Blatt vor den Mund nehmen.

Kostprobe gefällig? Als Bruns und Schultz im Dienst sich trotzdem einen Whisky gönnen, fragt Bruns ironisch-selbstreflektiert: „Wofür haben wir uns jetzt eigentlich bestechen lassen?“ Und als ein Incel, der die Polizist:innen in seine Wohnung nicht reinlassen will, von Schultz angegriffen wird, erwidert der erfahrene Bruns: „Sie haben recht, Herr Nurmann. Sie sollten diese brutale Angreiferin anzeigen. Kommen Sie. Wir nehmen die Anzeige drinnen auf“. Solche sprachlichen Kleinodien gibt es bei Buchholz zuhauf. Man versinkt in diese spaßige Bubble und fühlt sich dabei puddelwohl. Wer, wen und weshalb letztendlich getötet hat, ist deswegen von nicht allzu großer Bedeutung, was zum Grundkonzept Buchholz‘ gehört. Sein Krimi nimmt sich selbst auf die Schippe, O-Ton von Schultz: „Schon eine seltsame Geschichte. Würde ich die in einem Krimi lesen, würde ich kein Wort davon glauben“.

„Röslein, Röslein, Röslein – tot“ ist Bruns‘ und Schultz‘ erster Fall, so zumindest die Ankündigung. Auf die folgenden Lachanfälle kann man sich nur freuen.

Martin Buchholz: Röslein, Röslein, Röslein – tot. Satyr-Verlag, Berlin 2026. Hardcover, 190 Seiten, 20 Euro.

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Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. Er ist Jurymitglied der Krimibestenliste. 

– Seine Texte bei uns hier. 

2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) – Textauszug bei uns hier.

Im Februar 2026 erschienen: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit (Vandenhoek & Ruprecht).

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