
Swinging, criming, bracking
Auf dem Schwarz-Weiß-Cover von Robert Bracks „Die nackte Haut“ (Edition Nautilus) fliegt eine weibliche Hand über die Klaviertastatur, was die Leser:innen sofort in die Musikwelt verfrachtet. Gleichzeitig spielt der in hellgelbe Farbtöne gesetzte Romantitel auf zwei Klassiker der Kriminalliteratur an. Zum einen auf Raymond Chandler – durch seine Vorliebe für eine adjektivisch-substantive Zusammensetzung wie „Das hohe Fenster“, „Der tiefe Schlaf“ oder „Die kleine Schwester“. Zum anderen (gewollt oder ungewollt) auf Edgar Wallaces Schocker(filme) – durch die ausgewählte Typographie. Nicht zuletzt dank dieser Querverweise, die sich schon auf dem Bucheinband verstecken, verdanken wir Brack einen sehr schönen Roman noir made in Hamburg, der viele Stärken aufzuweisen hat, die größte ist jedoch die Detailversessenheit im Erzählen.
Brack weiß zu gut, wie man eine ‚Spätgeburt‘ des Hardboiled inszenieren muss. Und wie man das alte Hamburg, St. Pauli, zum Helden seiner Krimis macht. Erinnert sei hier nur z.B. an „Die Toten von St. Pauli“ oder „Die Morde von St. Pauli“ (alle vor fast zehn Jahren bei Ullstein). Aber Brack kann auch anders, nicht unbedingt historisch. Die in den späten 80ern veröffentlichte Polen-Trilogie gehört zu meinen Lieblings-‚Bracks‘. Schon in dieser Krimireihe konnte man Bracks charakteristisches Schreibmerkmal beobachten, nämlich seinen Hang zur Genauigkeit. Diese Genauigkeit kann zwar oft einem Schuss ins Knie gleichen, weil darunter nicht selten die Handlungsdynamik leidet, aber Brack lernte es, mit dem Detailelement umzugehen. Er spannte es – egal, ob wir hier von der historischen, topographischen oder figurativen Präzisionsästhetik sprechen – einfach so gekonnt in den Haupterzählstrang ein, dass sein Krimikonzept davon nur profitiert. Umschifft wird die Erzähldetailliertheit mithilfe von gezielt zur Anwendung kommenden Erzähl- und Satzstrukturen. Die Sätze sind meistens kurz und konkret, sie verleihen der Szenenbeschreibung ein Schilderungstempo, das man vom Film (Wallace?) kennt. Nicht anders ist es in „Die nackte Haut“.
„Das ist vorbei. Du bist hier. Es ist Freitag“, heißt es an einer Stelle, die so typisch für Bracks Erzählgestus steht. Die Prägnanz im Ausdruck mindert nichts weder an der Geschichtsvermittlung noch an dem Erzähldrive. Der Drive ist im Falle von „Die nackte Haut“ besonders von Relevanz, weil der neueste Brack-Roman sich dem Themenfeld Jazzmusik im Nachkriegshamburg widmet, das generell, auch unabhängig von der Krimigattung, sehr interessant ist, denn in Wirklichkeit weiß man sehr wenig über die deutsche Jazzschule. Sehr gerne greift man immer wieder auf die Schriften von Theodor Adorno zurück, der ja nicht unbedingt als fanatischer Jazz-Fan galt. Brack dahingegen gelingt es, die deutsche Jazzgeschichte sozusagen auferstehen zu lassen, obwohl viele Geschichtsaspekte von ihm fiktionalisiert werden. Im Nachwort gibt Brack zu, dass der Roman auf einigen Lebenskapiteln der Jazzpianisten Jutta Hipp fußt. In „Die nackte Haut“ heißt Hipp Martha Kiesler und ist statt nach München eben in die Elbmetropole geflüchtet, um sich in der Jazz-Underground-Szene durchzuboxen.

Kiesler muss nämlich nach dem Krieg New York wegen ausbleibenden Erfolgs verlassen, sie kehrt nach Hamburg zurück. In der zerstörten Hafenstadt erleidet sie aber dasselbe Schicksal wie Abertausende andere Hamburger:innen. Die Neueröffnung eines Jazzclubs soll ihr und ihren Musikerfreunden aus der finanziellen Patsche helfen, aber Geld und Jazz gehören nicht zusammen. Im Rotlichtmilieu – St Pauli! – geraten Kiesler & Co. sehr schnell ins Visier von Gelegenheitsgangstern, es geht drunter und drüber im von Verbrechen geprägten Kiez.
Einen Running gag gibt es auch, den Bass von GI Paul, der immer wieder seinen Besitzer wechselt und der als Symbol des (kulturellen) Wiederaufbaus fungiert: Musik bleibt trotz aller gesellschafts-politischer und wirtschaftlicher Widerstände der einzige Strohhalm, an dem man sich festklammern kann. Brack zollt mit „Die nackte Haut“ Tribut nicht nur seiner Stadt Hamburg, sondern auch dem Jazz als liberalem, freiheitsliebendem und (de)konstruierendem Musikgenre. Auch in erzähltechnischer Hinsicht kommen bei Brack jazzähnliche Kompositionsstrukturen zum Einsatz. Der Er-Erzähler ist am Swingen, er tänzelt zwischen verschiedenen Protagonisten, lässt sie zu Wort kommen häufig ohne die typischen Begleitsätze bei der Figurenrende, springt zwischen den Szenen, wodurch ein musikalisches Wechselspiel entsteht, in dem die Handlungskomplexität erst richtig zutage gefördert wird. Die Erzählgeschichte wird jazzig harmonisiert, beim Lesen wird man den Eindruck einer beabsichtigen narrativen Rhythmisierung nicht los.
Kurz: ein jazzender Krimi, der wahrscheinlich auch Adorno überzeugen würde. Obwohl man sich bei Adorno nie sicher sein kann…
Robert Brack: Die nackte Haut. Edition Nautilus, Hamburg 2026. Broschur, 216 Seiten, 18 Euro.
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Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. – Seine Texte bei uns hier.
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) _ Textauszug bei uns hier. Im Februar 2026 erscheint: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit.



















