
Einfach geil zu lesen
„The Guardian“ verleiht D.B. Johns „Red Star Down“ das Prädikat „meisterlich”. Die Engländer irren sich jedoch gewaltig. Johns neuster Thriller, der in deutscher Sprache bei Suhrkamp erschien und Gott sei Dank, die Befürchtung gab es bei vielen, nicht ins literarisch-rezeptive Sommerloch fiel, ist in erzählerischer Hinsicht ein (fast) geniales und monumentales – nicht nur wegen des über 600-seitigen Umfangs – Werk, das das aktuelle Politikgeschehen zum Gegenstand hat.
John selbst etikettiert „Red Star Down“ als „historischen Roman“, der 2017 und 2018 spielt, als Donald Trump mit dem Gedanken liebäugelte, den „Oberindianer“, würde Udo Lindenberg sagen, von Nordkorea und den russischen Präsidenten Wladimir Putin (Stichwort: Bromance) zu treffen. Dieser Diktatorenroman orientiert sich an der faktual wirklichen Gegenwart, die er mit fiktionalen Elementen, Motiven, Handlungssträngen umspannt. Aus dieser Verwebungsmechanik entsteht ein Erzählkontext, der dermaßen von Authentizität getragen ist, dass er sowohl in der artifiziellen Fiktion der Romanform als auch in der brutalen weltpolitischen Realität als wahr durchgehen könnte. Gezeigt wird, wie die globale Sicherheitsarchitektur nicht existiert bzw. wie sie schnell und problemlos im Prozess der Neukartierung der Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt und von den Staaten und Systemen eigensinnig ausgenutzt wird. Und dass der Mensch als Individuum an diesem Pokertisch immer die schlechtesten Karten in der Hand hält.
Der herunterfallende Rote Stern erzählt von einer internationalen Vernetzung, von einem Spinnennetz, in dem jeder mit jedem, Freund und Feind, zusammenverbunden sind; John erzählt von einer Art Dominoeffekt, der eine Dominostein bringt den anderen ins Schwingen. Bündnisse bröckeln und setzen sich wieder neu zusammen, Politik wird zum Geschäft, Politiker zu Businessleuten, die stets auf Profitmaximierung aus sind. Nur die Geheimdienste bleiben schusterhaft bei ihrem Leisten und tun ihre Arbeit weiterhin im Verdeckten, aber mit der Angst, von den Amtsträger-Flitzpiepen der Sorte Trump enttarnt zu werden.
Es wäre schwierig in Johns Spannungsroman nur eine einzige Hauptfigur zu nennen, obwohl die CIA-Agentin Jenna, die die Nordkoreaner gerne tot oder im Knast sehen würden, zweifellos herausragt. Es gibt auch den jungen mutigen Russen Ljoscha, der im Staatsfernsehen den Obermacker Putin mit unbequemen Fragen konfrontiert und als Systemkritiker auftritt. Außerdem gibt es Jennas Schwester, die etwas mit dem topgeheimen nordkoreanischen Ausbildungsprogramm von Spionen (Saat) zu tun hat. Und es gibt auch den Maulwurf im Weißen Haus… John weiß es, alle seine Figuren detailliert und präzise zu beschreiben – mehr noch, sie definieren und charakterisieren sich nicht durch die Erzählsprache, sondern über ihr Handeln. Die Stärke des walisischen Schriftstellers, der als Nordkorea-Insider gilt, liegt eben darin, dass er seinen Protagonisten und ihren Geschichten wie Biographien den nötigen Raum gibt und die Einzelszenen nicht abkürzt. Der Schauplatz wird zwar ständig zwischen Washington, Langley, Hamburg oder Moskau gewechselt, aber die Kapitelsprünge wirken nicht hastig oder zufällig. Mit seiner Erzählordnung konterkariert John die Weltunordnung. An keiner Stelle fühlt man sich als Leser verloren, an keiner Stelle fühlt man sich nicht gut unterhalten. Johns Schreibe hat was von der narrativen Abgeklärtheit und Coolness eines Frederick Forsyth und der Geschicklichkeit eines Robert Ludlum. Hätte es nur die Oberflächlichkeiten in der klischeehaften Darstellung der Tyrannen und Despoten dieser Welt nicht gegeben, wäre „Red Star Down“ ein genialer und nicht nur ein fast genialer Polit-Thriller geworden.
D.B. John: Red Star Down (Red Star Down, 2026). Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 718 Seiten, Klappenbroschur, 20 Euro. – Verlagsinformationen hier.
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Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. Er ist Jurymitglied der Krimibestenliste.
– Seine Texte bei uns hier.
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) – Textauszug bei uns hier.
Im Februar 2026 erschienen: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit (Vandenhoek & Ruprecht).











