
Griechische Tragöde, groß
Für den vor kurzem ins Deutsche übersetzten Roman „Katharsis” wurde Maciej Siembieda 2023 mit dem wichtigsten polnischen Kriminalliteraturpreis – „Wielki Kaliber“, deutsch: „Großes Kaliber“ – ausgezeichnet. Bezeichnend ist, dass er nicht von der Jury geehrt wurde, sondern vom Lesepublikum, das nicht selten ein besseres Gefühl und Sensorium für wirklich relevante Themen hat als Fachexperti:innen und Schriftstellerkolleg:innen, aus denen das Preisgericht bestand. Siembieda schreibt für die Leserschaft und taucht in die Untiefen der Nachkriegsgeschichte Polens ein, die lange Zeit in der sozialistischen Volksrepublik tot geschwiegen wurde.
Nach Magdalena Parys‘ starkem Roman „Der Prinz“ (hier bei uns besprochen) gelang dem österreichischen Polente Verlag mit Siembiedas Geschichtsthriller ein weiterer großer literarischer Coup made in Poland. Diesmal in der sehr flotten und vor allem lesbaren Übersetzung von Ewa Krauß, die sich als Slawistin an der Uni Jena hauptberuflich mit Fragen der Translatorik (in Theorie und Praxis) befasst. Krauß ist zugute zu halten, dass sie den Schreibstil Siembiedas nicht verfälschte; dieser zeichnet sich durch eine wunderschöne Unkompliziertheit aus, die eine noch schönere erzählerische Harmonie auslöst. An gar keiner Textstelle fühlt man sich von der Erzählsprache überrollt oder an die Wand gefahren. Siembieda weiß es, ein ganz gezieltes Vokabular zu benutzen, das die Leser:innen nicht überfordert, weil das von ihm zu behandelte Hauptproblem selbst (zu) viel Konfliktpotential birgt, indem er einige Facetten aus der polnischen Vergangenheit endlich offenlegt. „Katharsis“ ist für den polnischen sowie den nicht-polnischen Leser als Appell und Aufforderung zu deuten, sich bewusst mit der Geschichte auseinandersetzen und mit ihr ins Reine zu kommen. Im Griechischen bedeutet doch Katharsis – Aristoteles! – so viel wie Reinigung.



Die griechische Trilogie 
Der griechische Romantitel und der griechische Verweis sind bei Siembieda keine Zufälle, sondern sie spiegeln das eigentliche Grundkonzept des Erzählens und die Erzählintention wider. Die ‚importierte‘ griechische Minderheit rückt in den Vordergrund, die Lebensgeschichte einer ethnischen und nationalen Minorität (von kommunistischen griechischen Widerstandskämpfern), die nach Polen verschifft wurde, obwohl sie vor 1945 rein gar nichts mit Polen zu tun hatte. Von Danzig aus wurde sie später meistens in die ehemaligen deutschen Gebiete von Schlesien und Westpommern, in die sog. „wiedergewonnenen Gebiete“, wie es von der Staatspropaganda hieß, weiter verschoben. Man gab den polnischen Griechen Wohnung und Arbeit, auch Sonderschulen mit Griechisch-Unterricht hat man für die Einwandererkinder gebaut. Nach ersten Einstiegsproblemen kamen sie in der polnischen Gesellschaft an, obwohl sie von der Politik eigentlich vergessen worden sind.
Eben um die griechische Minderheit geht es bei Siembieda, um ihren Kampf, in der Fremde ihre Identität nicht zu verlieren und trotzdem ein wichtiger Bestandteil der sich nach dem Krieg wieder aufrappelnden polnischen Community zu werden, obwohl sie anfangs von der Partei ausschließlich als Spielball der Geschichte missbraucht wurden. Ebenso wie der griechische Bombenleger und Sprengstofffachmann Kostas, der in eine von den Sowjets betriebene strenggeheime Uranmine im Riesengebirge geschickt wird. Kostas, der an den Folgen der Uranstrahlung stirbt, ist einer der Helden von Siembieda, wenn man überhaupt von Einzelhelden sprechen kann, denn zum wahren Helden mausert sich in Wirklichkeit die ganze griechische Migrantengemeinde, die durch Kostas oder seinen Boxer-Sohn Jan Tasidowski (mit eingebürgertem polnischen Nachnahmen) vertreten werden. Aber zum eigentlichen Helden wird die Vergangenheit selbst, die Siembieda aufgrund vieler zeiträumlicher Sprünge von den 40ern bis in die 90er bebildert.
„Katharsis“ bietet zum einen ein literarisches Zeitpanorama, zum anderen ist es ein verbrecherischer Gesellschaftsroman, in dem das politische System Menschen ausnutzt und dasselbe System von denselben Menschen übers Ohr gehauen werden. Geschildert werden Bandenkriege an der Ostsee sowie die kleinkapitalistische Korruption in der Nachwendezeit. Mit „Katharsis“ liefert Siembieda einen brisanten und überragend gut recherchierten Thriller, mit dessen Hilfe man die polnische Vergangenheitskorridore erkunden kann. Es ist zwar keine Geschichtsstudie, aber eine Geschichtsstunde. Es ist ein geglückter Versuch von Geschichte in ihrer nicht-massentauglichen Form zu erzählen, indem man einen massentauglichen Roman fabriziert. Hoffentlich kommen beim Polente Verlag noch die beiden anderen Bände der „Griechischen Trilogie“ Siembiedas heraus, denn einen besseren Botschafter der polnischen historisierenden Gegenwartskriminalliteratur kann man sich schwer vorstellen.
** **
Wolfgang Brylla brüstet sich damit, mit acht Jahren „Winnetou“ gelesen zu haben. Was für ein Teufelskerl. Zwinkersmiley. Von Thomas Mann hält er wenig, von Krimis aber viel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer polnischen Universität verpfändet er derzeit Forschungsgelder für den Einkauf von Kriminalromanen. Sternzeichen: Skorpion. – Seine Texte bei uns hier.
2022 erschien von ihm, zusammen mit Maike Schmidt herausgegeben, „Der Regionalkrimi. Ausdifferenzierungen und Entwicklungstendenzen“ (Vandenhoek & Ruprecht). 2025 erschien von ihm und Oliver Ruf herausgegeben, im gleichen Verlag: „TV populär. Zur Wissensgeschichte einer Fernsehform“. Sowie „Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress) – Textauszug bei uns hier.
Im Februar 2026 erschienen: Ästhetiken des Grauens. Kriminalität in Literatur, Film und Wirklichkeit (Vandenhoek & Ruprecht).











