
Ein Auge muss rollen
So surreal wie der Titel „Mond gefangen in einem toten Auge“ ist auch der roman noir von Pascal Garnier – man denkt sofort an das berühmte Auge von Luis Buñuel in „Un chien andalou“. Allein das Setting ist schon gespenstisch – ein Senioren-Resort in Südfrankreich, abseits städtischer oder zumindest dörflicher Infrastruktur. Fünfzig identisch aussehende Häuschen, ein Swimmingpool und ein Begegnungszentrum. Nebst einem ungeschlachten Faktotum oder Hausmeister namens „Mr. Flesh“, ein unheimlicher Gesell, der gerne Katzen totschlägt. Aber das Resort mit dem netten Namen „Les Conviviales“ steht leer, als Odette und Martial dort einziehen, sich einen einigermaßen unbeschwerten, gar ein bisschen luxuriösen Lebensabend erhoffend. Das Wetter ist gerade scheußlich, grau und kalt, die Leere beängstigend. Die beiden versuchen sich, so gut es geht, mit täglicher Routine einzurichten. Nach einiger Zeit zieht immerhin ein zweites Paar in die Nachbarschaft, Maxime und Marlène, und, noch einmal später, Léa, eine ältere Dame, deren Lebensgefährtin gerade gestorben war.
Von den bunten Werbeversprechen der Resort-Eigner über das lustige, abwechslungsreiche Unterhaltungsleben im behaglichen Ruhestand ist gerade mal Nadine übriggeblieben, eine nicht allzu motivierte Animateurin, die die älteren Herrschaften bespaßen soll. Die Ödnis und die Langeweile sind mehr als erstickend und beklemmend. Der Horror Vacui, der die aus dem allgemeinen Gesellschaftsleben aussortierten Menschen befällt, äußert sich in zunehmend bizarren Neurosen. Odette sieht pausenlos eine Fliege, die es nicht gibt, Marlène nervt alle mit Lobliedern auf die aktuellen Erfolge und Qualitäten ihres Sohnes, der aber schon lange tot ist. Maxime spielt mit einer Schusswaffe herum (mit schönen Grüßen von William S. Burroughs) – kurz, es baut sich eine Spannung auf, die nichts Gutes verheißt. Und dann kampiert vor den Toren des Resorts auch noch eine Gruppe von Gitans, von der sich die Leute hinter dem Zaun bedroht fühlen, ohne Grund. Es passiert: Nichts. Und dann passiert plötzlich viel – einer der Insassen wird erschossen, eine Insassin wird mit einem Kissen erstickt und eine Feuersbrunst fällt über Les Conviviales her.
„Mond gefangen in einem toten Auge“ erzählt eisig und gnadenlos präzise, und nur selten punktiert von kleinen komischen Vignetten, von der existentiellen Sinnlosigkeit eines Lebens im gesellschaftlichen Abseits, das nur als scheinhaft sicher und bequem verkauft wird. Sozusagen als letzte Verwertungsstufe bevor, nach dem sozialen, der physische Tod einsetzt. Es ist der Roman einer Vorhölle in einer sowohl gleichförmigen und gleichgültigen Gesellschaft. An der Stelle ist Garnier erstaunlich nahe an James Grahams Ballards sozialen Dystopien, die gerne in ödländischen urbanízaciónes angesiedelt sind. Die große Kunst Garniers ist es – wie in seinen anderen Noirs – solche Umstände in brillante, konzentrierte, fast minimalistische Literatur zu verwandeln, ohne sich zu Thesen und Statements aufzuschwingen. Mit anderen Worten: Auch „Mond gefangen in einem toten Auge“ beweist, dass Garnier der Meister der leisen, aber radikalen Subversion ist – subversiv gegenüber allen möglichen Sinnsystemen.
Pascal Garnier: Mond gefangen in einem toten Auge (Lune captive dans un œil mort, 2009). Aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn. Septime Verlag, Wien 2026. 129 Seiten, 20 Euro.
© 06.2026 Thomas Wörtche

















