
Noir as noir can be be – und schwärzer
Thomas Wörtche über Garnier Nr. 4 bei Septime
Die titelgebende „Eskimo-Lösung“ in Pascal Garniers Roman, bezieht sich auf den angeblichen Brauch der „Eskimos“, ihre moribunden Alten auf eine Eisscholle zu setzen und sie ins Nirvana treiben zu lassen. Ohne hier über die ethnologische Triftigkeit der Realität von „Altenmorden“ zu sinnieren: Bei Pascal Garnier ermordet Louis erst seine Mutter, dann die Altvorderen seiner Freunde und Exfrauen, um sich und denen ein auskömmliches Leben via Erbschaft zu verschaffen. Er tut es gern – und das ist auch das Einzige, was er wirklich gerne tut, wenngleich ein wenig angeekelt. Ansonsten ist er ein rechter Sauertopf, pausenlos pleite, ein Schnorrer vor dem Herrn. Vom Leben enttäuscht und frustriert beziehungsunfähig, bis er eine ältere wohlhabende Dame trifft, die ihn auskömmlich aushält. Was aber auch nicht ewig gutgeht. Louis jedoch ist fiktiv.
Er ist die Hauptfigur eines mäßig erfolgreichen und nur mäßig guten Kinderbuchautors, der seine Verlegerin quält, um endlich seinen großen Roman schreiben zu können – eben über Louis. Zu diesem Zweck zieht er sich in ein gemietetes Strandhaus in der Normandie zurück, wo er schreibend ein rechtes Lotterleben führt. Denn das Schreiben macht ihm auch keine große Freude. Auch der namenlose Schriftsteller ist vom Leben enttäuscht, übellaunig, frustriert, ein unappetitliches Kerlchen, das noch nicht einmal davor zurückschreckt, mit der minderjährigen Tochter seiner Freundin Sex zu haben. Er hat nur einen einzigen Freund, Christophe. Und der hat gerade seine Schwiegermutter aus dem Fenster geworfen, was den Romancier keineswegs verstört. Auch nicht, dass sein Freund sich später von einer Klippe zu Tode stürzt. Hauptsache, er hat seinen Roman über den Mordbuben Louis fertig, „Louis ist wieder zurück in seinem Tintenfass“, wie er seufzt. Wobei schon klar ist, dass Louis sein Alter Ego ist, dass Fiktion und Realität sich in der Fiktion von Garniers Roman überlagern, die Grenzen verschwimmen.
Überhaupt ist „Die Eskimo-Lösung“ eine riesige Schatzkiste des Ekelhaften und Scheußlichen. Der Blick der Protagonisten, des fiktiven wie des realen, auf die Welt ist deprimierend. Alles ist abscheulich, die Leute schlecht angezogen, dumm und dumpf, das Essen grauenhaft, das Wetter mies, die Provinz piefig und spießig, Paris stressig, die Frauen zickig, die jugendliche Loverin eine Lolita, die Verwandtschaft die reinste Pest, nur saufen geht hin und wieder. Mit anderen Worten – die Welt ist eine überaus niederschmetternde Katastrophe, noir as noir can und noch´n bisschen dunkler.
Und was macht Garnier daraus: Er türmt all diese Kalamitäten dergestalt auf, dass sie umkippen: Ins Lachhafte, ins Bizarre, ins Komische, ins Groteske, bis sie zur extrem unterhaltsamen und amüsanten Lektüre werden. Aus einem Manifest der schlechten Laune entsteht ein im Grunde heiterer Roman. Das ist ziemlich genial.
Pascal Garnier: Die Eskimo-Lösung (La solution esquimau, 2007). Deutsch von Felix Mayer. Septime Verlag, Wien 2025. 139 Seiten, 20 Euro.
© 11.2025 Thomas Wörtche




















