Spione auf hoher See
Patrick O’Brians Aubrey/Maturin-Romane sind alles andere als schlichte Krawumm-Schmöker von Thomas Wörtche.
Der Kampa-Verlag startet gerade eine Neuauflage der 20 Romane (plus ein Fragment, siehe Anm. unten) von Patrick O’Brian, die weiland in der „Ullstein Maritim“-Reihe erschienen waren. Peter Weirs Verfilmung von „Master and Commander“ war damals Ende 2003 Anlass für TW, auf einen großen Erzähler hinzuweisen. Das ist heute umso dringlicher.
Patrick O’Brian: Master und Commander. Das erste Abenteuer für Aubrey und Maturin (Master and Commander, 1970). Übersetzt von Jutta Wannenmacher, 1995 zuerst als Kurs auf Spaniens Küste. Kampa Verlag, Zürich 2023. 528 Seiten, Hardcover, 26 Euro.

– “ –: Der verliebte Kapitän. Das zweite Abenteuer für Aubrey und Maturin (Post Captain, 1972). Übersetzt von Jutta Wannenmacher, zuerst 1997 als Feindliche Segel. Kampa Verlag, Zürich 2023. 624 Seiten, Hardcover, 28 Euro.
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Ist Patrick O’Brian »der beste Schriftsteller, von dem man nie gehört hat«, wie vor ein paar Jahren die Washington Post fragte? Vermutlich ja, aber so einfach ist die ganze Angelegenheit nicht. Es fängt damit an, dass Patrick O’Brian kein Ire war, wie der Name nahelegt. In Dublin ist er lediglich 2000 gestorben, ironischerweise während seines ersten Aufenthalts auf der grünen Insel. Geboren wurde er am 14. Dezember 1914 in der Nähe von London und hieß bis zum Juli 1945 Richard Patrick Russ. Erst dann nannte er sich hochoffiziell um. Bis es soweit war, hatte er eine immer von Geldsorgen seiner Eltern überschattete, aber relativ normale Mittelklassen-Jugend sowie eine erste Karriere als Verfasser von eher erfolglosen, wenn auch hochgelobten Kurzgeschichten und Romanen hinter sich. Während des 2. Weltkrieges arbeitete er im britischen Geheimdienst. Was er dort neben einem Job in der Propagandaabteilung genau trieb, weiß man nicht. Er war verheiratet und hatte einen Sohn. All dies ließ er mit seiner Namensänderung hinter sich und zog mit seiner zweiten Frau Mary erst nach Wales, dann in das kleine Städtchen Collioure im französischen Teil Kataloniens. Als Patrick O’Brian startete er eine zweite literarische Karriere, ohne sich je auf seine erste zu beziehen.
Aber auch O’Brians Romane und Short Stories hatten gute Kritiken und karge Verkaufszahlen. In Collioure gab es allerdings einen regelmäßigen Besucher, mit dem er sich anfreundete: Pablo Picasso. O’Brian nutzte diese persönliche Verbindung, um eine Picasso-Biografie zu schreiben, die für einige Zeit die Standardbiografie des Jahrhundertgenies war. Aber erst ein genialer Zufall ermöglichte es ihm, sein eigenes Jahrhundertprojekt in Angriff zu nehmen. Er übersetzte (neben den Werken von Simone de Beauvoir) Henri Charrières »Papillon« ins Englische und verzichtete zugunsten einer erhöhten Gewinnbeteiligung auf ein Honorarfixum.

Der Rest ist Geschichte: »Papillon« wurde ein Weltbestseller, und Patrick O’Brian konnte 1969 den ersten Band seines Gigaprojekts in Angriff nehmen: »Master and Commander«, der erste von 20 Romane über einen Offizier der Royal Navy, Jack Aubrey, und seinen Schiffsarzt Dr. Stephen Maturin, die sich im April 1800 auf der britischen Flottenbasis Menorca treffen, beinahe duellieren und bis zum Ende der napoleonischen Kriege unzertrennliche Freunde bleiben. Heute (Stand 2003) haben die Aubrey/Maturin-Romane in den USA sechs Millionen Bücher verkauft, im UK immerhin deren drei und der Peter-Weir-Film wird der weiteren Verbreitung dieses wunderlichen Duos nicht hinderlich sein. (Anmerkung 2023: Ich fürchte, da war ich zu optimistisch, zumindest was die deutschsprachigen Länder angeht.)
Nur große Literatur vermutete lange niemand hinter Abenteuerschoten auf See. Sie muteten wohl zu sehr an wie Nachzieher der »Hornblower«-Romane von C.S. Forester (die mich als sehr jungen Menschen zum Genre der „Historical Naval Fiction“ gebracht haben) oder Alexander Kents Zyklus um Richard Bolitho, die ungefähr im selben Zeitraum angesiedelt und ähnlich „biographisch“ strukturiert sind, wie auch Dudley Popes Lord-Ramage-Serie. Nichts jedoch wäre falscher, der Unterschied liegt in der ästhetischen Organisation. Forester, Kent und Pope sind zwar auch unterhaltsame, zeitgeschichtlich kompetente Erzähler, aber ihre Romane sind von der Komplexität O’Brians doch zumindest ein bis zwei Level entfernt.
Denn Patrick O’Brian, der noch als Mr. Russ keine Chance hatte, von der Royal Navy angenommen zu werden (auch bei Air Force flog er bald wieder raus), und der jahrzehntlang das Leben eines verarmten Landedelmanns führte und auch nie zur See gefahren ist, errichtete einen Kosmos aus purer Imaginationskraft, vergleichbar in seiner Dimension und Vielschichtigkeit höchstens mit Tolkiens »Herr der Ringe«-Saga. Mit dem Unterschied allerdings, dass O’Brian das frühe 19. Jahrhundert derart korrekt und penibel präzise rekonstruierte, dass es selbst gestandenen Fachleuten den Atem verschlug.
O’Brians Romane sind ein Kompendium des Wissens dieser Zeit: Biologie, Mathematik, Medizin, Nautik, Astronomie, Musik und Literatur, Politik und Gesellschaft, alles ist bis ins Detail belegbar und dennoch keine Sekunde museal, staubig oder langweilig. Denn seine Erzählprosa ist so wuchtig, dass es ihm selbst noch gelingt, den obskursten nautischen Jargon, den er pausenlos auf die Leser niederprasseln lässt, als sinnliche Wortkaskaden mit durchaus wollüstigem Effekt zu inszenieren.

So entsteht ein fast grell leuchtender Hyperrealismus, der nahe am Surrealismus siedelt, ohne je wirklich umzuschlagen. Wenn unsere Helden auf ihrer Fregatte »HMS Surprise« (auch sie natürlich ein historisches Schiff von der Mastspitze bis zum Kielschwein) tausende von ereignislosen Meilen durch den Pazifik fahren und sich O’Brian herausnimmt, genau diese Ereignislosigkeit, in der man Homer liest und Boccherini fiedelt, zu erzählen, dann segeln selbst abgebrühte Leser mit, angetrieben durch die schiere Kraft der Prosa. Bei der Stange gehalten durch die extrem fein ziselierten Figuren: Jack Aubrey, der bullige, später fette professionelle Soldat mit seiner Neigung zu Peinlichkeit, unsoliden Finanzgeschäften und außerehelichen Abenteuern, notfalls brutal und menschenschinderisch bis zum Anschlag, dann wieder ein benevolenter, leicht naiver Tyrann, aber ein Meister seines Berufs.
Stephen Maturin ist zwar irisch-katalanischer Herkunft, riskiert aber dennoch loyal für den britischen Geheimdienst seine Haut. Maturin ist ein klassischer Aufklärer, den Enzyklopädisten und Naturforschern über nationale Grenzen hinweg verbunden – er steht mit Alexander von Humboldt in Kontakt und natürlich auch mit seinen französischen Kollegen. Und trotzdem ist er glühender Anti-Bonapartist, ein gerissener Spion, der notfalls auch eiskalt Gegner eliminieren kann. Aubrey frisst und säuft zuviel, Maturin ist erst Opiumesser, dann Koka-Kauer, beide sind alles andere als strahlende Helden. Und auch die Epoche der »wooden ships and iron men« ist alles andere als heroisch in O’Brians Darstellung. Eine barbarische Klassengesellschaft, in der Menschen unter unglaublichen Bedingungen existieren müssen.
Auf den Kriegsschiffen wüten Krankheiten und Seuchen, jedes Gefecht ist ein widerwärtiges Gemetzel und die politische Großwetterlage von eisigster Zweckmäßigkeit geprägt. Und weil O’Brian die Politik während der sogenannten »Koalitionskriege« gegen das napoleonische Frankreich nie aus den Augen verliert, egal, ob Aubrey und Maturin im Mittelmeer operieren, im Pazifik, im Indischen Ozean (ein Roman spielt in den Gewässern meiner Lieblingsinsel Mauritius), in der Antarktis, vor Australien oder in der Ostsee, ist der ganze Zyklus gleichzeitig der perfekteste Zyklus von Spionageromanen neben Le Carrés »Smiley«-Romanen.
Mit einer verblüffenden Cliffhanger-Technik sorgt O’Brian immer dafür, dass man das nächste Buch lesen muss (wider jedes vernünftige Zeitmanagment in einem Zug – ich habe schon Ehekrisen wegen andauernder O’Brian-Lektüre beobachtet) und dass sich die Intrigen fortspinnen. Und er erlaubt sich, mit der Zeitgeschichte zu spielen. So sind etwa die beiden englischen Verräter Wray und Leward schlicht und intentional die historischen Ausgaben von Burgess und MacLean (also Mitglieder der Cambridge Five, die für den KGB arbeiteten) und werden, anders als die Vorbilder aus dem 20. Jahrhundert, genüsslich von Dr. Maturin mittels Sektion entsorgt.
Ohne Zweifel, hintereinander gelesen haben Faser, Textur und Prosa des Zyklus, seine große Themen Freundschaft, Loyalität und Verrat, eine ähnliche Komplexität und Tiefenschärfe wie Prousts »Recherche«. Dass man sowas auf Kriegsschiffen des frühen 19. Jahrhunderts ansiedeln und auch noch rasend spannend in Literatur umsetzen kann, mag Feingeistern bis jetzt verborgen geblieben sein. Aber Patrick O’Brian zu ignorieren, heißt einen der größten Erzähler des 20.Jahrhundert zu ignorieren. Und das kann man sich nicht leisten.
PS: Besorgen Sie sich den opulenten Prachtband: »Nelson’s Navy« von Brian Lavery (Conway Maritime Press). Da haben Sie viele wichtige Informationen zur Zeit und alles über die Segelschiffe damals. Lesen Sie erst dann die etwas lieblos aufgemachte Patrick O’Brian Biographie von Dean King: »Patrick O’Brian. Der Mann, der zweimal lebte.« (Ullstein Taschenbuch).
Dies ist ein leicht überarbeitet Fassung eines Artikels aus der Zürcher „Sonntagszeitung“ vom 23.11.2003.
© Thomas Wörtche, 2003
Anm.: Das Fragment des 21. „Aubrey & Maturin“-Romans ist auf Deutsch erschienen, im November 2012 im Kuebler Verlag. Ist sogar eine ganz hübsche Ausgabe geworden, mit der Faksimile-Reproduktion des handschriftlichen Manuskripts von O’Brian, schreibt uns Lutz Göllner.


























