Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Thomas Wörtche zum Noir-Autor Pascal Garnier

Fieses Konzentrat

Zu den im deutschsprachigen Raum sträflich übersehenen Autoren des Noir gehört Pascal Garnier (1949 – 2010), der in Frankreich und dem UK eine etablierte Größe war. „Der Beifahrer“ aus dem Jahr 1997, mit dem Wiener Septime Verlag eine Garnier-Edition startet, ist ein schönes Beispiel für seine prägnante und virtuose Erzählkunst.

Fabien und Sylvie führen eine schal gewordene Ehe. Sylvie stirbt bei einem Autounfall. Ebenfalls tot im Wrack ihr Beifahrer, der auch ihr Lover war. Fabien ist mäßig erschüttert. Mehr interessiert ihn, dass dieser Beifahrer eine Witwe hinterlässt, Martine. Fabien stalkt sie und findet heraus, dass Martine engstens mit Madeleine befreundet ist, die wiederum die erste, geschiedene Gattin des besagten Beifahrers war. Martine wird Fabiens Sex Interest, Madeleine stört da nur.  Eine Konstellation wie aus einem roman dur von Georges Simenon oder einem boshaften Film von Claude Chabrol oder Luis Buñuel. So etwas endet einfach nie gut, man hat es kommen sehen. Nur wie und warum sich allmählich die Leichen stapeln und eine Kühltruhe sich füllt, ahnt man noch nicht. 

Damit befindet man sich auf einem Stand mit Fabien, dem anfänglich prätentiert ultracoolen, psychologisch angeknacksten und jederzeit so überheblichen wie weinerlichen Lappen, der mit seinem Kumpel Gilles in einer Art spätpubertären und vergammelten WG haust, wo die beiden Herren ihre Zeit mit Albernheiten totschlagen. Die Frauen des Romans jedoch sind eher undurchsichtig – die ach so lebenspraktische Madeleine und die eher verhuschte Martine sind beileibe nicht die, als die sie erscheinen. Alle zusammen jedoch sind sie Prachtexemplare der französischen (Petit-)Bourgeoisie, an der sich viele Intellektuelle damals emsig abarbeiteten.

„Der Beifahrer“ steht deutlich in dieser Tradition, die im deutschsprachigen Raum immer unter „Arthouse“ lief. Allerdings steht „Der Beifahrer“ ziemlich spät in dieser Linie. Das schafft für Garnier die Möglichkeit, nicht viel erklären zu müssen. Er beschreibt seine Figuren lakonisch knapp und braucht auch für seine im Grunde monströse Geschichte erstaunlich wenig Platz, gerade mal 135 Seiten. Ein Format und eine Handlung, die auch von Guy de Maupassant stammen könnte. Garnier kondensiert alles zur fiesen Substanz. Und er kann sich lustig machen: Über die Gesamtkonstellation, über die abwegige psychologische Disposition seiner Figuren und über den zornig-anti-bourgeoisen Gestus, der viele ähnliche Narrative angetrieben hatte.

„Der Beifahrer“ ist, wenn man so will, ein sarkastisch-fröhlicher Noir, der gar nicht mehr versucht, seine Figuren zu erklären, weil er sich genug an ihrer Beschreibung ergötzt. Damit rückt er nahe an das Konzept von Jean-Patrick Manchette, für den, wie bei Pascal Garnier, Komik ein wesentlicher Bestandteil dessen war, was man „Néo-Polar“ nannte. Man könnte auch sagen: Zynismus auf höchstem Niveau. Und da wird dann auch ein Roman wie „Der Beifahrer“ eminent politisch, nicht durch explizite „Kritik“ und „Anklage“, sondern durch den künstlerischen Umgang mit einer bösartigen Sorte von Menschen und damit mit dem System, das sie hervorgebracht hat. Großartig!

Pascal Garnier: Der Beifahrer (La Place du mort, 1997/2010). Deutsch von Felix Mayer. Septime suspense, Septime Verlag, Wien 2023. 137 Seiten, 20 Euro. – Angekündigt sind: Am Rande des Abgrunds und An der A26.

© 12/2023 Thomas Wörtche

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