Geschrieben am 1. November 2024 von für Crimemag, CrimeMag November 2024

Thomas Wörtche: Mit Pascal Garnier am Abgrund

Kein Wort überflüssig, kein Satz falsch

Éliette ist Witwe, vierundsechzig Jahre alt und gegen den Rat ihrer Kinder vom Pariser Umland in die Ardèche gezogen. Sie liest viel, kümmert sich um ihren Garten, ist nolens volens nett zu den Nachbarn und tuckert mit ihrem putzigen Aixam (ein Leichtkraftfahrzeug, Spitzengeschwindigkeit 64 km/h) durch die Landschaft und hat zumindest keine materiellen Sorgen. Sie hat sich in der Unzufriedenheit, der Langeweile, dem Mangel an Sex und der Isolation eher fatalistisch eingerichtet. Und so ist es nur folgerichtig, dass sie eines Tages, während eines Gewitters, einen völlig durchnässten etwa 40jährigen Prachtkerl namens Étienne auf der Straße aufliest und mit nach Hause nimmt. Der erzählt ihr einen Haufen fetter Lügen, allerdings nicht, dass er gerade den Sohn von Éliettes Nachbarn totgefahren hat. Und auch nicht, dass die anscheinend minderjährigen Schönheit, die kurz danach auftaucht, seine Tochter ist, mit der er nicht nur ein inzestuöses Verhältnis hat, sondern dass die beiden auch in einem Drogendeal stecken.

Éliette vollzieht wahrlich akrobatische Akte kognitiver Dissonanz – sie will das Offensichtliche nicht sehen, zumal Étienne schwer auf verliebt macht und die Polizei von harmloser Trotteligkeit ist. Als dann auch noch der Vater des überfahrenen jungen Mannes, also ihr ach so netter Nachbar im Suff brachial übergriffig wird, explodiert die Situation. Éliette kann endlich aus ihrer Passivität ausbrechen – weil sie es muss, und weil es ihr so gefällt. Wer stört landet auf der Müllkippe.

Es schadet dem Roman überhaupt nicht, dass fast alles, was so passiert, vorhersehbar ist oder dass die Geschichte auch von Claude Chabrol oder Georges Simenon stammen könnte. Sie steht fest in der Reihe der Erzählungen über die tendenziell mörderische Disposition der französischen Provinz, und den Abgründen der Bourgeoisie, sei sie noch so petit. Schon Georges Simenon erzählte in seinen romans durs, also den Romanen „ohne Maigret“, nicht sonderlich ausschweifend, aber Pascal Garnier ist noch weitaus minimalistischer. Gerade mal 128 Seiten braucht er für seine böse Geschichte, in der es keine Moral gibt, schon gar keine Moral von der Geschicht‘, keine Botschaft, keine Identifikationsangebote. Nur messerscharfe und salzsäurescharfe Beobachtungen an verlorenen Seelen, Operationslampenlicht auf die Mechanik von Einsamkeit, Frust und das Altern und damit letztlich ein Roman über Entfremdung. Das alles höchst wirkungsvoll komprimiert mittels einer Prosa (fein übersetzt von Felix Mayer), in der kein Wort überflüssig ist, kein Satz falsch steht. Und die dennoch die Leserschaft packt. „Zu nah am Abgrund“ ist kein Buch, dass man kapitelweise liest, das geht nur in einem Zug, nonstop in die Hölle und wieder zurück.

Pascal Garnier ist beklagenswerterweise schon 2010 gestorben. Aber er hat genügend Texte hinterlassen, die der Septime Verlag aus Wien noch übersetzen lassen kann und dringend soll. „Zu nah am Abgrund“ ist der dritte Roman bei Septime, ein anderer, „La Théorie du panda“ von 2008 ist 2012 bei btb unter dem schrulligen Titel „Das Schicksal ist ein Pandabär“ erschienen. Bleiben also nach meiner Zählung noch elf Romane, auf die wir uns freuen können.

Pascal Garnier: Zu nah am Abgrund (Trop près du bord, 2010). Deutsch von Felix Mayer. Septime suspense, Wien 2024. 140 Seiten, 20 Euro.

© 10/2028 Thomas Wörtche – siehe auch unser Special.

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