Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024, CrimeMag Mai 2024

Printed Fabrics: Stoff, aus dem die Träume sind

Eine Geschichte des Stoffdrucks in zwei Bänden – besprochen von Alf Mayer

Aziza Gril-Mariotte: The Book of Printed Fabrics. From the 16th Century Until Today. Die Geschichte des Stoffdrucks vom 16. Jahrhundert bis heute. Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Französisch, Deutsch. Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, 2 Bände im Schuber. Format 24,3 x 30,4 cm, 6,20 kg. 888 Seiten, 150 Euro. – Verlagsinformationen zum Buch hier

Die Spionagegeschichte der Textilindustrie – wie auch die der ganzen industriellen Revolution – ist noch nicht geschrieben. Sie gehört maßgeblich zur Dynamik, mit der ganze Zeitalter in Bewegung kamen. Einer dieser »Transferagenten« war der schottische Färber, Designer, Graveur, Kolorist und Chemiker Robert Hendry (1777–1839), der 1803 beim Ausbruch des napoleonischen Kriegs gegen England in französische Gefangenschaft geriet, als er gerade die berühmte Jouy-Fabrik von Christophe Philippe Oberkampf besichtigen wollte. Dieser Tuchfabrikant und Textildrucker deutscher Herkunft aus dem Landkreis Schwäbisch-Hall hatte die erste Baumwollspinnerei Frankreichs eingerichtet und durch eine Weberei ergänzt, was ihn dann während der von Napoleon verhängten »Kontinentalsperre« von englischen Produkten wie etwa der Baumwolle unabhängig machte. Zuvor schon hatte er die Jahre der Französischen Revolution unbeschadet überstanden – weil er seine rund 2000 Arbeiter gut behandelte.

Die Wirtschaftsblockade bestand von 1806 bis 1813. Napoleon, der ein Faible für erfolgreiche Aufsteiger und Außenseiter hatte (wie auch er einer war), besuchte Oberkampf mehrfach in Jouy-en-Josas bei Versailles und heftete ihm persönlich das Kreuz der Ehrenlegion an. Zudem erhielt der Fabrikant 1806 auf der Nationalausstellung in Paris eine Goldmedaille, 1809 einen Preis für das »nützlichste Industrieunternehmen in Frankreich«. In der wirtschaftshistorischen Forschung gilt Oberkampf, der vor dem Krieg mit England dort selbst persönlich spioniert hatte, als einer der Wegbereiter des Übergangs vom Manufaktur- zum Fabrikwesen. Bis heute ist in Frankreich Toile-de-Jouy (Jouystoff) ein Synonym für hochwertig bedruckten Baumwollstoff und eng mit dem Namen Oberkampf verbunden.

Die napoleonische Politik zu Beginn des 19. Jahrhunderts förderte französische Fabrikanten, die auch mit Hilfe von Industriespionage englische Technologien einzuführen versuchten. Oberkampf gelang es, eine bedingte Freilassung des Schotten Robert Hendry zu erwirken, der als Kolorist in englischen Manufakturen tätig gewesen war. In seinen Erinnerungen beschreibt er Hendry als jemanden, »der uns alles erdenkliche mechanische Wissen über die Kupferplattendruckpresse mit bis zu drei Farben bei zwei Platten gab sowie Grundkenntnisse zu den verschiedensten Ätzverfahren; er zeigte uns also getreu all das, was er wusste und was man seit Neuestem in England praktizierte, da er viele Jahre leitender Künstler in der besten englischen Manufaktur gewesen war und dreieinhalb Jahre bei uns als Kriegsgefangener blieb. Sein Eintreffen bei mir erachte ich als eines der glücklichsten Ereignisse, die mir in meinem Leben widerfahren sind.«

Die Geschichte von Robert Hendry findet sich fast zwischen den Zeilen im sagenhaft opulenten, zweibändigen »Book of Printed Fabrics – Die Geschichte des Stoffdrucks vom 16. Jahrhundert bis heute«. An den zwei wundervollen Bänden zur Textilgeschichte vom 16. Jahrhundert bis heute – 6,20 kg schwer, 888 unfassbare Seiten stark, man möchte gar nicht mit dem Blättern aufhören – wurde im Verlag Taschen viele Jahre gearbeitet. Das Werk schöpft aus den Beständen des heute wichtigsten Textilmusterzentrums der Welt: aus dem Musée de l’Impression sur Étoffes im elsäßischen Mulhouse, einem Mekka des Modedesigns. Dieser Tempel für Textilschätze, der ganz der Geschichte des Stoffdrucks vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart gewidmet ist, beherbergt eine Exponate-Sammlung, die mehr als sechs Millionen Motive umfasst. Es gibt wohl kaum einen einzigen ernsthaften Modedesigner der Gegenwart, der den erstaunlichen Textil-Tempel von Mulhouse noch nicht aufgesucht hätte.

Auf zwei Bände verteilt, erwecken neun atemberaubend luxuriös illustrierte Buchkapitel die einzigartige Textilsammlung des Museums zum Leben, bieten einen chronologischen und thematischen Überblick und zeigen über 900 Stoffe, die in den Gewölben des Museums aufbewahrt werden. Die Abbildungen sind allesamt mit dem höchstmöglichen Standard reproduziert, machen die Lektüre zur Schwelgerei.

Die Reise beginnt in Indien. Der erste Band ist den fernöstlichen Ursprüngen der berühmt gewordenen Textilmuster gewidmet und der Geschichte, wie sie in die Fabriken Europas gelangten, wie technische und künstlerische Innovationen (wie etwa die bedruckten Toile-de-Jouy-Gewebe) oder die Entwicklung neuer Farbpaletten den Stoffdruck und die Textilindustrie zum Motor der industriellen Revolution machten. – Ja, die Textilindustrie ist die Mutter aller Industrien. Das ist viel zu wenig Allgemeingut. Hierzu gleich ein wenig mehr.

Der zweite Band bietet eine Werkschau des unglaublichen Erfindungsreichtums der Hersteller und ihrer Designer im ganzen 19. und 20. Jahrhundert. Erkunden lassen sich zum Beispiel eindrucksvolle Kaschmirmotive und die intensive Leidenschaft für Natur und Blumen, die im Second Empire entstand, ehe die Avantgarden und die Moderne die künstlerischen Entwürfe für Textildrucke tiefgreifend weiterentwickelten. 

Aus dem Inhalt:
Von Indien nach Europa – »Les Indiennes«. Verbreitung und Anpassung von Motiven im Textildruck vom 16. Jahrhundert bis heute
Der Reiz Indiens
Der Reichtum der bedruckten Stoffe
Erneuerung von Ornament und Motiven
Stoffe mit figürlichen Darstellungen
Die Farbindustrie
Kaschmir und seine Imitate
Das Jahrhundert der Textilindustrie
Klassizismus und Moderne
Die Innovationskraft des Textildesigns

Autorin des Buches ist die Kunsthistorikerin Aziza Gril-Mariotte, eine Expertin für Textilien und Kunstgewerbe. Sie lehrt und forscht an der Université de Haute-Alsace, leitete 2019 bis 2022 das Musée de l’Impression sur Étoffes in Mulhouse und ist zurzeit Direktorin des Musée des Tissus et des Arts Décoratifs in Lyon. Die Gestaltung lag bei Anna-Tina Kessler, Los Angeles, sie hat die Mammutaufgabe bravourös gelöst. Projektmanagment: Petra Lamers- Schütze, Köln; Produktion: Marion Boschka, Köln; Redaktion: Katrin Korch, Baden-Baden, deutsche Übersetzung: Sandra Wyss (Text) und Martina Jaffe (Bildlegenden). Gedruckt wurde in bester Qualität in Italien.

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Alle Abb, soweit nicht anderweitig benannt: © Verlag Taschen/ Musée de l’Impression sur Étoffes, Dist. RMN-Grand Palais 

Und noch einmal: Die Textilindustrie ist die Mutter aller Industrien. »Erstens sind Textilien nach Nahrung und Wohnen die wichtigsten Grundbedürfnisse des Menschen. Zweitens zählen Spinnen und Weben zu den ältesten Fertigkeiten, die der Mensch entwickelt hat, bereits in der Jungsteinzeit. Drittens sind Spinnen und Weben ein Wunder der industriellen Technik«, betont zum Beispiel Prof. Dr. Roman Sandgruber in seiner Werkgeschichte zum 200jährigen Bestehen der (inzwischen stillgelegten) Textilwerke Friedrich Graumann’s Eidam & Co. in Traun/ Österreich. Aus kurzen Fasern einen langen Faden zu drehen – 5000 Jahr lang habe man das mit der Spindel gemacht. Dann kam das Spinnrad in einem frühen Technologietransfer aus Indien nach Europa. Im späten 18. Jahrhundert, am Anfang der Industriellen Revolution, wurden die Spinnmaschinen erfunden. In der Weberei war es nicht anders, der Schritt von den Webstühlen mit vertikaler Kette zu jenen mit horizontaler im Spätmittelalter ein entscheidender Schritt. »Während der Industrialisierung gab es viele Webstuhl-Erfinder, aber drei große Namen stehen im Vordergrund. Es sind dies John Kay, der 1733 den ‚Schnellschützen‘ einführte, Edmund Cartwright, der 1785 den ersten mechanischen Webstuhl zum Patent anmeldete, und der Franzose Joseph Marie Jacquard, der 1805 jene grundlegende Steuerung der Webstuhlkette erfand, die es erlaubte, komplizierte Muster zu weben. Auf urzeitlichen Webstühlen mit senkrechter Kette schaffte man einige Zentimeter Gewebe pro Stunde, auf mittelalterlichen Trittwebstühlen etwa 40 cm pro Stunde und mit einem mechanischen Webstuhl um 1850 etwa 4 bis 5 Meter. Heute werden von einer Maschine pro Tag 55 Kilometer Stoffbahnen gewebt.«

Zwei Entwicklungen haben die Textilindustrie geprägt: einerseits der ungeheure Fortschritt der Textilmaschinen und der Mechanisierung und Automatisierung, andererseits das rasch wachsende Angebot an Faserstoffen, von Wolle, Flachs, Jute, Hanf und Seide, aber vor allem Baumwolle, und im 20. Jahrhundert auch die synthetischen und halbsynthetischen Fasern. Und dann – das wird in dem zweibändigen Werk – in aller Pracht gefeiert, waren und sind es einfach die Zauberwelten der Motive, die unsere Lust auf Textilien wieder und wieder beflügeln.

Visuell sind diese beiden Bände eine schier unfassbare Hommage an Kreativität und Innovationskraft, der Text liefert eine sehr lesbare und fundierte, auch Fachleute nicht unterfordernde Fülle an Kultur-, Industrie-, Design- und Technikgeschichte. Eine in jeder Hinsicht gewichtige Publikation, mehr als sechs Kilo schwer.

Alf Mayer

Aziza Gril-Mariotte: The Book of Printed Fabrics. From the 16th Century Until Today. Die Geschichte des Stoffdrucks vom 16. Jahrhundert bis heute. Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Französisch, Deutsch. Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, 2 Bände im Schuber. Format 24,3 x 30,4 cm, 6,20 kg. 888 Seiten, 150 Euro. – Verlagsinformationen zum Buch hier

PS. Persönliche Anmerkung: Eigentlich wollte ich für diese Besprechung wieder ein Gespräch mit der Autorin Sybille Ruge führen (»9—Cut«), mit der ich neulich über ihr eigentliches Leben als Textilentwicklerin fachsimpeln durfte. (Siehe im CulturMag Mai 2024: Ein Gespräch über Stoffe, Textildesign und Textildruck, den Modeschöpfer Issey Miyake und Haute Couture aus Mitlödi im Glarner Tal.) Leider bekamen wir das terminlich nicht hin. Dafür schrie eine andere Freundin angesichts der beiden Bände im Schuber lauthals auf: »Das ist Cora! Das ist genau das, was meine Schwiegermutter gemacht hat! Das war ihr Leben!« Die Familiengeschichte, die sich dann entfaltete, rundet noch einmal die Schatzkammer, die in den beiden Bänden aus Mulhouse versammelt ist.

Der Name Cora Ginsburg – Lucis Schwiegermutter, sie war mit einem Amerikaner verheiratet – ist seit den 1940ern mit feinen und seltenen Stoffen und Kostümen in Museumsqualität verbunden. Es begann mit dem Kauf eines geschichtsträchtigen Kleides, das nie getragen wurde und für das sie sich Geld von ihrem Schwiegervater lieh, der aus einer bis heute aktiven Antiquitäten-Dynastie stammte, die für große Museen wichtige Objekte der Kunsthandwerks-Geschichte ausfindig machte. Cora Ginsburg aus New York (1910-2002) war weltweit eine der Ersten, die sich dann speziell für die Kulturgeschichte von Textilien interessierte und einsetzte – und mit lebenslanger Leidenschaft zu vermitteln suchte, was alles an Kultur, Technik und Geschichte hinter dem steckt, was wir tragen.

Sie war ein Gründungsmitglied der 1973 entstandenden Costume Society of America und maßgeblich daran beteiligt, Kostümgeschichte als legitimes intellektuelles und berufliches Feld zu etablieren. Unentwegt sammelte, suchte und untersuchte sie interessante und/ oder wertvolle Stoffe. Sie wurde zur Expertin für feine, rare historische Mode, Textilien und Stickereien.

Ihr erster Verkauf an ein Museum war 1949 ein Bettvorleger aus New England. Viele Museen der Welt wurden im Lauf der Jahre von ihr bestückt. Seit 1995 kommt jährlich ein »Cora Ginsburg Catalogue« heraus. Nach wie vor berät das inzwischen von Titi Halle geführte Unternehmen »by appointment« große Museen und buchstäblich betuchte Sammler, ist für sie in Nord- und Südamerika, Europa und Asien aktiv. Im Firmenarchiv finden sich 500 Jahre globales Textil- und Modedesign.

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